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[109] Dezember


Langweilig – diese Wintertage...

Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht. Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen – wo ich wohne, wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere. Der alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden, daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe – ich solle mich vorsehen, nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten. Das war sicher sehr wohlgemeint, aber es fällt mir auf die Nerven, wenn die Leute glauben, ich sei nur hier,[109] um mir ›die Hörner abzulaufen‹ und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten.

Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen. Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen, er räusperte sich ein paarmal und sah mich prüfend an. Dann meinte er, das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone, aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute, die sich ›gärenshalber‹ hier aufhielten, und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein.

Eine sonderbare Definition – ›gärenshalber‹ –, aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewunden aus... das scheint überhaupt hier üblich zu sein.

Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nicht ganz unrecht. Vielleicht ist etwas Wahres daran – es kommt mir ganz plausibel vor, daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat. Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach – überhaupt nicht viel eigne Initiative – ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung; so pflege ich im großen und ganzen auch immer das zu tun, was er über mich verhängt.

Verhängt – ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich, daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird. Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter. Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt – er soll sehr unsympathisch gewesen sein – und nur den Namen von ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen,[110] unauffälligen Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte ihn ebenso gut gleich heiraten können, und alles wäre vermieden worden. Es wurde aber nicht vermieden, denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen.

Dame – Herr Dame – wie kann man Herr Dame heißen? so fragen die anderen, und so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen – zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung – einem matten, neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur. Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt.

Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen, er schien es auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der ›Verurteilte‹ sei wohl ein Typus, meinte er, mit derselben Berechtigung, wie ›der Verschwender‹, ›der Don Juan‹, ›der Abenteurer‹ und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden. Dann hat er gesagt, jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse. Es käme nur darauf an, das richtig zu verstehen – man müsse selbst fühlen, was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt – alles andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden.


7. Dezember


Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht. Heute hätte ich gerne wieder Dr. Gerhard getroffen und das[111] neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt. Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch. Unangenehm, daß man beim Vorstellen nie die Namen versteht – das heißt, meinen haben sie natürlich alle verstanden – mein Verhängnis – er ist so deutlich und bleibt haften, weil man sich über ihn wundert. Ich habe diese junge Frau beneidet, die neben Gerhard saß, weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete.

Du lieber Gott, ich werde ja nicht einmal heiraten können, wenn ich gern wollte. Wie könnte man einem Mädchen zumuten, Frau Dame zu heißen? Und dann daneben zu sitzen, das mitanzuhören und selbst... nein, diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich dieser Susanna oder gnädigen Frau – wie ich sie natürlich anreden mußte, meine quälenden Vorstellungen anvertraute. Sie hat nicht einmal gelacht – doch, sie hat schon etwas gelacht, aber sie begriff auch die elende Tragik.

Es kam später noch ein Herr an den Tisch, den man mir als Doktor Sendt vorstellte. Er ist Philosoph und macht einen äußerst intelligenten Eindruck. Mir schien auch, daß er eine gewisse Sympathie für mich fühlte.

Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten. Ich konnte manchmal nicht recht folgen – Doktor Sendt merkte es jedesmal, zog dann die Augenbrauen in die Höhe, sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer, pointierter Ausdrucksweise, um was es sich handle.

Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren; mir ist, als könnte ich viel von ihm lernen. Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit.[112]

Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas ganz Besonderes sein muß. Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten. Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu, ich mochte nicht immer wieder Fragen stellen, um so mehr, weil allerhand Persönliches berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte.

Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter, der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.

Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren, auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte, die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war. (Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu, es sei wohl eine ›kultliche‹ Krawatte – und der antwortete: Violett – natürlich ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter ausschließlich als dem Meister. Ich hatte bisher nur gehört, daß man in Bayreuth so redet, und es befremdete mich ein wenig. Überhaupt redete er mit einem Pathos, das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen ›Meister‹ unangenehm berühren würde, wenn er es zufällig einmal hörte – und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des Philosophen, der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte.

Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache – eine ältere Dame erzählte: man (anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wäre bei einer Art Wahrsager – einem sogenannten Psychometer – gewesen, und es sei unbegreiflich,[113] wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse – ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.

»Es ist ganz ausgeschlossen«, so sagte sie, »daß er über irgend etwas Persönliches im voraus orientiert sein konnte und...« –

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß er manchmal versagt«, fiel der junge Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort, »in bezug auf den Meister hat er sich schwer geirrt. Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll, denn es zeigt deutlich, daß er die Substanz des Meisters wohl fühlte, nicht aber beurteilen konnte...«

»Wieso?« fragte einer von den Herren, der nicht dabeigewesen war. Der junge Mensch maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame, die zuerst gesprochen hatte:

»Sie haben es ja selbst gehört – er bezeichnete sie als unecht und theatralisch. Und weshalb – weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier handelt – weil er sich die hier verwirklichte Größe aus seinem engen Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte. So half er sich mit der These des Theatralischen darüber hinweg. Für uns nur wieder eine neue Bestätigung, wie wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Großen würdig sind.«

Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu:

»Ja, ja, so ist's, wir fühlten es ja auch alle – aber wie klar und schön Sie es jetzt ausgelegt haben.«

»Es ist so klar, daß es kaum noch einer Auslegung bedurfte – zudem hatte der Meister den bewußten Ring[114] erst seit einem Jahr getragen, und seine Substanz war zweifellos noch mit fremden, früheren Substanzen gemischt – das mußte die Beurteilung bedeutend erschweren.«

Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:

»Hören Sie, vielleicht liegt es noch einfacher – ich habe diesen Mann schon lange im Verdacht, daß er schwarze Magie treibt, und dann läge es wohl nahe, daß er alles wirklich Große und Schöne hassen – innerlich ablehnen muß. Und wiederum – daß der Meister nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ, beweist doch stärker als alles andere, daß er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte und sich dem entziehen mußte.«

»Oh, ich glaube«, warf Sendt spöttisch ein, »auch wenn man ihm von völlig lauterer Seite derartige Dinge sagte, würde er sich zurückziehen.«

»Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein«, erwiderte die Dame gereizt, »aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hatte er sich mit vollem Recht zurückgezogen – aber diese Dinge sind überhaupt nicht wesenhaft und gehören nicht zur Mitte.«

»Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor kurzem noch gehört zu haben, daß die Beschränkung auf die weiße Magie nicht gebilligt wurde?«

»Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben«, antwortete die Dame etwas strafend. »Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters so verkannte«, bemerkte Sendt, während er ihr in den Mantel half, denn sie hatte sich inzwischen erhoben, um zu gehen.[115]

»Allerdings«, murmelte sie vor sich hin, und es klang sehr überzeugt. Dann brach sie auf und mit ihr der größere Teil der Gesellschaft. Nur Doktor Sendt und Susanna blieben noch.

Der Philosoph sah sie an, lächelte und sagte: »Mirobuk!« Ich hatte das Wort noch nie gehört, und was es bedeuten sollte, war mir nicht klar, aber Susanna lachte und sagte: »Achten Sie nur darauf – Herr... Herr Dame, wenn Sendt Mirobuk sagt, so hat es meistens eine gewisse Berechtigung.«

Ich faßte Mut und fragte, was denn um Gottes willen das mit der Magie bedeute, die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister. Schwarze und weiße Magie – was versteht man überhaupt darunter? Ich dachte, so etwas käme nur in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor. – »O nein«, sagte mir Sendt, »die Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus, und Sie müssen wissen, daß dieser von seinen Anhängern als weiße Magie proklamiert wird, weil man sich nur an die guten und sympathischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen anknüpft. Die schwarze Magie aber beschäftigt sich gerne mit den Geistern von Verbrechern und Bösewichtern, die sich noch nicht ganz von der Erde befreit haben. Sie besitzen deshalb auch noch irdische Kräfte und rächen sich gelegentlich an dem, der sie beherrscht. Und der Magier, von dem hier die Rede war, hat sich eben so schlecht benommen, daß man ihm alles mögliche zutraut und sich in Zukunft vor ihm hüten wird.«

Ich war ihm recht dankbar für diese Aufklärung, nur kam es mir befremdlich vor – nein, befremdlich ist nicht das rechte Wort, aber jener junge Mann und die Dame[116] hatten eine so verwirrende Art, sich dunkel und geheimnisvoll auszudrücken und dabei, als ob von ganz realen Dingen die Rede sei, daß ich selbst etwas unsicher geworden war. Wie sie von dem Meister als von einem ganz übernatürlichen Wesen sprachen – von seinem Ring und seiner ›Substanz‹ – am Ende ist er auch ein Magier – ein Zauberer – ein Nekromant oder dergleichen.


Ich war Susanna im Grunde recht dankbar, daß sie mich auslachte und sagte, es sei leicht zu merken, daß ich mich noch nicht lange hier aufhalte.

Quelle:
Franziska Gräfin zu Reventlow: Romane. München 1976, S. 109-117.
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