[29] Maria sambt anderen Frauen zum Judas.
MARIA.
Du bist, so vill ich sech, in freyden,
Da doch mein Sohn so nach beym leyden?
Du lachst, da alles schmerzen voll,
Weis nicht, was ich gedenken soll.[29]
JUDAS ad Spectatores.
Verstell dich Judas!
Zu Maria.
liebste Frauen!
Der kan auf seine unschuld bauen
Der ist ja jener starke mann,
So auch im wetter lachen kan.
MARIA.
Wie kanst du dich unschuldig nennen,
Und deinen fehler nicht erkennen,
Da ich dich doch ohn meinen kind
Allhier auf diser strassen find?
Sag an, wohin er sich begeben,
Ich kan ohn ihn, wie du, nicht leben,
Sag, ob er etwan in gefahr
Die dir zu gros, und mächtig war?
JUDAS.
Ich laßte ihn nur voraus gehen,
Und blib allhier in etwas stehen,
Zu sehen, ob nicht ein gewalt,
Etwan in einem hinterhalt.
Nun kunt ich aber nichts verspürn, (!)
Das mich zur unzeith soll verwürren,
Es soll ihm auch kein leyd geschehn,
So lang wür werden mit ihm gehn.
Ja sollt sich auch ein feind erfrechen,
Auf uns, und ihne los zu brechen,
Steht doch das volckh schon auf der wacht,
Das ihne frey, und sicher macht.
Und wan ihm alles sollt verlassen,
So wird doch Judas her gnug fassen,
Der mir den meister nemmen will,
Dem sez ich mich zum gegenzill.
MARIA.
Ach! werther freind! so kan ich hoffen,
Das noch mein Kind kein leyd getroffen,
Wan dises, faß ich frischen muth
Solang er lebt, steht alles gut.
Lasß dich indessen nicht verdrüssen,
Das du mein angst erfahren müssen,
Du weißt ja was ein mutter thut,
Wan in gefahr ihr eignes blut.[30]
Thu mir dein trey noch ferners borgen,
Und stätts vor seine wohlfahrt sorgen,
Wie du es dises mahl gethan,
Und ich hiemit bezeugen kan.
Du kennst der Juden arges schleichen,
Bis sie ihr zihl und endt erreichen,
Ich bitt dich, geh nur wachsam drein,
Lasß dir mein kind befohlen sein.
JUDAS.
Verschone mir mit deinen bitten,
Du kennst ja mein getreue sitten,
Du weisßt, weil du sein mutter bist
Wie angnemb mir mein meister ist.
Der himmel soll mit seinen waffen,
Mich in der stell am leben straffen,
Wan ich nicht durch der Juden rott
Fir ihne dring in meinen todt.
MAGDALENA.
Du sichst, wie wür auf dich vertrauen,
Auf deine treu die hoffnung bauen,
Zeig nur, das du ein solcher mann,
Auf den man sich verlassen kan.
JUDAS.
Gewis könnt ihr gut hoffnung fassen,
Und euch auf meine trey verlassen,
Wißt ihr nur, was ich schon gewagt,
Ihr wärt gewis nicht so verzagt.
MARIA.
Geh nur mein freind, dan diser orthen
Verweilten wür mit lähren worthen,
Geh nur, und folge meinem Sohn,
Wür tretten dise strassen an.
Ab.
JUDAS.
Ich eyl, o frau! auf dein befehlen – –
So mus man können sich verstellen,
Die lüst geluug mir trefflich wohl,
Dadurch wird auch mein beuttl voll.
Was also glückhlich angefangen,
Wird glückhlich auch zum endt gelangen.
Ab.
Erster Chor
[31]
Buchempfehlung
»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
72 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.
390 Seiten, 19.80 Euro