Dritter Auftritt


[455] Die Herzogin. Vorige.


HERZOGIN zur Gräfin.

Schwester! Wer war hier?

Ich hörte lebhaft reden.

GRÄFIN.

Es war niemand.

HERZOGIN.

Ich bin so schreckhaft. Jedes Rauschen kündigt mir

Den Fußtritt eines Unglücksboten an.

Könnt Ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?

Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,

Dem Kardinal die Reiter senden? Sprecht,

Hat er den Questenberg mit einer guten

Antwort entlassen?

GRÄFIN.

– Nein, das hat er nicht.

HERZOGIN.

O dann ists aus! Ich seh das Ärgste kommen.

Sie werden ihn absetzen, es wird alles wieder

So werden, wie zu Regenspurg.

GRÄFIN.

So wirds

Nicht werden. Diesmal nicht. Dafür seid ruhig.


Thekla, heftig bewegt, stürzt auf die Mutter zu und schließt sie weinend in die Arme.


HERZOGIN.

O der unbeugsam unbezähmte Mann!

Was hab ich nicht getragen und gelitten

In dieser Ehe unglücksvollem Bund;

Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,

Das rastlos eilend, ewig, heftig, treibt,

Bracht ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,[455]

Und stets an eines Abgrunds jähem Rande

Sturzdrohend, schwindelnd riß er mich dahin.

– Nein, weine nicht, mein Kind. Laß dir mein Leiden

Zu keiner bösen Vorbedeutung werden,

Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.

Es lebt kein zweiter Friedland, du, mein Kind,

Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu fürchten.

THEKLA.

O lassen Sie uns fliehen, liebe Mutter!

Schnell! Schnell! Hier ist kein Aufenthalt für uns.

Jedwede nächste Stunde brütet irgend

Ein neues, ungeheures Schreckbild aus!

HERZOGIN.

Dir wird ein ruhigeres Los! – Auch wir,

Ich und dein Vater, sahen schöne Tage,

Der ersten Jahre denk ich noch mit Lust.

Da war er noch der fröhlich Strebende,

Sein Ehrgeiz war ein mild erwärmend Feuer,

Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.

Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm,

Und was er anfing, das mußt ihm geraten.

Doch seit dem Unglückstag zu Regenspurg,

Der ihn von seiner Höh herunter stürzte,

Ist ein unsteter, ungesellger Geist

Argwöhnisch, finster, über ihn gekommen.

Ihn floh die Ruhe, und dem alten Glück,

Der eignen Kraft nicht fröhlich mehr vertrauend

Wandt er sein Herz den dunkeln Künsten zu,

Die keinen, der sie pflegte, noch beglückt.

GRÄFIN.

Ihr sehts mit Euren Augen – Aber ist

Das ein Gespräch, womit wir ihn erwarten?

Er wird bald hier sein, wißt Ihr. Soll er sie

In diesem Zustand finden?

HERZOGIN.

Komm, mein Kind.

Wisch deine Tränen ab. Zeig deinem Vater

Ein heitres Antlitz – Sieh, die Schleife hier

Ist los – Dies Haar muß aufgebunden werden.

Komm, trockne deine Tränen. Sie entstellen[456]

Dein holdes Auge – Was ich sagen wollte?

Ja, dieser Piccolomini ist doch

Ein würdger Edelmann und voll Verdienst.

GRÄFIN.

Das ist er, Schwester.

THEKLA zur Gräfin beängstigt.

Tante, wollt Ihr mich

Entschuldigen?


Will gehen.


GRÄFIN.

Wohin? der Vater kommt.

THEKLA.

Ich kann ihn jetzt nicht sehn.

GRÄFIN.

Er wird Euch aber

Vermissen, nach Euch fragen.

HERZOGIN.

Warum geht sie?

THEKLA.

Es ist mir unerträglich, ihn zu sehn.

GRÄFIN zur Herzogin.

Ihr ist nicht wohl.

HERZOGIN besorgt.

Was fehlt dem lieben Kinde?


Beide folgen dem Fräulein und sind beschäftigt, sie zurückzuhalten. Wallenstein erscheint, im Gespräch mit Illo.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 455-457.
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