1.

[214] Bilder Reime nennet man welche eine Gestalt oder abbildung eines dinges / als eines Eies / Seulen /Creutzes / Bechers / Hertzens / Flügels und derogleichen Formen und vorstellen / und also geordnet und eingeschlossen sein / daß die Reimarten nach erforderter Form des abzubildenden dinges gebrauchet /und unter sich nach gebührender Stelle vermenget werden. Folgen zur anzeige
[214]


Bilder Reime


Ein Ey abbildend / von Jambischen Versen.


Behend

Das Ende

Bey jedem Ding

Klein / groß / gering

Gar unverhoft sich find

Das eitle weg verschwindt /

Wer auf Gott uñ auf Tugend traut

Der hat auf festen Grund gebaut

Was Tugend gibt / Was Gott beschert

Bleibt unverdorben / unverwehrt /

Darum ich nur GOtt liebe

In Tugend mich stets ůbe

All Eitelkeiten

Werf ich zu seiten

Behende

Ihr ende.
[215]


Thurn Seule von Dactilischen

Versen:


Gotte vertraun

Himmel anschaun

Laster verlassen

Sůndenlust hassen

Fliehen der Eitelkeit Gier /

Lieben der Tugenden Zier

Lůste des Fleisches betrůben /

Heiliger Sinne stets ůben

Solches mir rechte vergnügūg bringt

Solches mir ewig-ergetzlich gelingt

Frölich ich liebe bey allen beginnen

Himmel / Gott Tugend mit heiligen Siñen

Sůsseste Tugend / uñ liebester treuester Gott

Haltet bei diesen begiñen mich bis in dẽ Tod.*
[216]

Eine Piramide oder Thurn Seule


Von Lauter Trogaischen oder Langkurtzen Versen /darin vierzehn Arten der Trogaischen Reimen begriffen sein.


*

|

1. Mein Gott 1.

Viel Noht

2. Vngelük 2.

Böse Tůk

3. Falscher Leute 3.

Trüken heute

4. Fromme Leute sehr 4.

Reissen nimmermehr

5. Recht und Tugend nieder / 5.

Hundertfeltig wieder

6. Wechset Sůnd' uñ Laster auf 6.

Bosheit ko t in schwāg uñ lauf

7. Vnd dis alles muß so toben 7.

Weil der böse Krieg schwebt obẽ.

8. Alles was der böse Krieg erdenkt 8.

Stets dẽ Friedē uñ die Tugend krenkt

9. Ach drum wollest Gott uns Menschẽ gebẽ 9.

Daß wir lernen nach dem Frieden streben /

10. Daß wir lernē recht dein Gebot volbringē 10.

Als denn wird es uns recht und wol gelingen.

11. Wenn die tugēd uñ der Fried kluglich uns regiert 11.

Alsdenn alles in der Welt herrlich steht geziert.

12. Wann der lose böse Krieg oberherrschung führet 12.

Alles Gute alles Heil sich gar bald verliehret.

13. Nichtes kā in diser Welt thaurhaft werdẽ aufgebaut 13.

Wo 8 Baumañ sonstē nit Gott uñ Recht alzeit anschaut

14. Ei die Spiesse sollē noch zu Pflugschaarẽ alle werdẽ 14

Liebe / Recht / Gerechtigkeit sollen wohnẽ nur auf Erden.
[217]

Creutz von Trogaischen.


Gar viel Schmertzẽ

Ich im Hertzen

Stets entpfinde /

Meine Sůnde

Truken täglich mich / weil ich nicht kan leben

Wie die Seel wil: Weil ich nicht kan streben

Recht mit Emsigkeit nach des Hi els willen /

Muß ohn Willen oft Leibeswillen stillen /

Auf Gott trauen /

Auf jhn schauen /

Sei stets mir

Höchste Gier:

Seine Gůte

Mein Gemůte

Stets erfůlle

Stets ůmhůlle:

Er mich Armen

Mit erbarmen

Stets erquikke /

Denn ich schikke

Mein Begehren

Nach dem Herrẽ. *
[218]

Pocal von Dactilischen und Anapestischen.


Jugend

Und Tugend

Steht artig zusa en /

Jugend

Und Tugend

In eifrigen Flammen /

Leider gar selten man findt

Itzo zu unseren Zeiten entzündt.

Můssiggang / Laster und eitele Sachen

Itzo an Tugend- und Kůnstestat wachen.

Lesset sich einer zur Tugend schon an /

Folget dem guten und findet die Bahn;

Wird er geneidet in allen

Kan keinem gefallen /

Kůnste vergehen /

Laster entstehen /

Bis alles vergeht

Was stichet und schmeht /

Das unsrige vollend zerrint

Und steubet wie Wellen und Wind.

Achtestu dieses / so bistu ja Blind.[219]

Quelle:
Justus Georg Schottel: Teutsche Vers- oder Reimkunst. Lüneburg 1656, S. 214-220.
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