|
[224] Ich bin Eunuch und will es ewig bleiben!
Auch meine Enkel sollens grad so treiben.
Ich bin ein Ha- Ha- Haremskind,
Wie so Eunuchen sind,
Wie so Eunuchen sind.
Die Jung-Türkei wird hier nicht reüssieren:
Ich bin bestimmt nicht mehr zu reformieren.
Ich sage vornehm, daß als Oberbey
Ich bei der Harems-Wach- und Schließgesellschaft sei.
Bum bum!
Ich bin ein Eunuch
Und hier zu Besuch.
Zu Hause, da sang ich Sopran.
Hier klingts wie Tenor –
Wie kommt mir das vor!
Was ist das? Wer hat das getan?
Ich fühl mich verwandelt!
Ich fühl mich verschandelt!
Was ist das? Wer hat das getan?
Vor kurzer Zeit kam ich auf den Gedanken:
Sieh dich mal um im Vaterland der Franken.
Ich las im Zei- Zei- Zeitungsblatt,
Was man in Preußen hat,
Was man in Preußen hat.
Zum Abschied sang ich meinen höchsten Triller
Und ließ im Stich die große Sultansvilla,
Wo es die schönen, dicken Frauen gibt:
Ich war zwar ungefährlich, aber doch beliebt.
Bum bum!
Ich bin ein Eunuch
Und hier zu Besuch.
Zu Hause, da sang ich Sopran.
Hier klingts wie Tenor –
Wie kommt mir das vor!
Was ist das? Wer hat das getan?
Ich fühl mich verwandelt!
Ich fühl mich verschandelt!
Was ist das? Wer hat das getan?[224]
Ich habs entdeckt: im Land der Klassenwähler
Fall ich nicht auf durch meinen kleinen Fehler.
Der Mann der Po- Po- Politik
Macht hier Sopranmusik,
Macht hier Sopranmusik.
Jedweden Bürger könnt der Harem hegen:
Er ist genau so sanft wie die Kollegen.
Wer merkt denn hier zu Lande mein Falsett?
Ich mach mich wirkungsvoll und wieder ganz komplett.
Bum bum!
Ich bin ein Eunuch
Und hier zu Besuch.
Zu Hause, da sang ich Sopran
Hier klingts wie Tenor –
Wie kommt mir das vor!
Ich fühl mich noch einmal als Mann!
Eunuchen, Eunuchen,
Hier sollt ihr mich suchen!
Ich fühl mich noch einmal als Mann!
Buchempfehlung
Schon der Titel, der auch damals kein geläufiges Synonym für »Autobiografie« war, zeigt den skurril humorvollen Stil des Autors Jean Paul, der in den letzten Jahren vor seiner Erblindung seine Jugenderinnerungen aufgeschrieben und in drei »Vorlesungen« angeordnet hat. »Ich bin ein Ich« stellt er dabei selbstbewußt fest.
56 Seiten, 3.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.
444 Seiten, 19.80 Euro