An einen garnisondienstfähigen Dichter

[270] Du schlägst die kriegerisch-verstimmte Leier,

du singst von Haß und Blut und Pulverrauch –

und heißt vielleicht nur Gottlob Emil Meier,

sanft wölbt sich dir der Zwei-Terrassen-Bauch . . .

Du singst vom Sturmangriff, von roten Hosen,

von England-Haß, von Not und Schlachtengraus,

vom Panjefeind und von den Erzfranzosen –

Komm raus!


Komm einmal raus! Besieh dir das persönlich –

gewiß: es ist nicht immer ideal,

mitunter gehts im Kriege ganz gewöhnlich

und schmutzig zu – besiehs dir nur einmal.

Nein! das genügt noch nicht: du mußt es auch erleben,

zieh an die schlichte Farbe unsres Graus.

Mach mit! Wir wolln dir fünf Mark dreißig geben –

Komm raus![270]


Vielleicht wirst du dann endlich, endlich lernen:

Wer seine Pflicht tut, kämpft und steht und schweigt.

Steigt auch der Ruhm der Kameraden zu den Sternen –

sieh nur, wie lautlos und wie still das steigt!

Doch ziehn wir später einmal (Gott mag wissen,

wann das geschieht), zurück, sind Leid und Wirrsal aus:

dann, Meier, wollen wir dich gerne missen!

Dann bleib zu Haus!


  • · Theobald Tiger
    Die Schaubühne, 21.06.1917, Nr. 25, S. 584, wieder in: Fromme Gesänge.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 1, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 270-271.
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