Berliner Sonntag

[85] Und Gott schickt über uns das Wochenende.

Da legt Berlin in manchen Schoß die Hände

und ruht sich aus.

Herr Stegerwald dehnt sich in seinen Kissen –

heut braucht er weniger noch als einst zu wissen

vom Landtagshaus.

Nur Geßler will die Wochenarbeit machen:

und schlummert sanft. Und alle Leutnants lachen.

In eine Judenfahne siehst du schneuzen

Herrn Wulle – und er ruht auf Hakenkreuzen.

Kein Pressechef hat heut zu tun.

Die Enten quaken fern:

Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –

Dies ist der Tag des Herrn!


Und alle Rotters sind zum Lunch versammelt.

Denn ihre Läden sind mit Recht gerammelt

und proppenvoll.

Wer möchte sonntags Mime in Berlin sein?

Selbst Bassermann muß zwei Mal auf dem Kean sein –

verdammt, Apoll!

Hollaender spricht, bis sich Amt Norden heiß läuft.

Der dicke Nelson spielt bis ihm der Schweiß läuft.

Die Kinos schnurrn, daß sich die Kassen biegen.

Die blonde Emmy bleibt im Bett gleich liegen.

Denn zuviel Liebe macht immun,

und deshalb schläft sie gern.

Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –

Dies ist der Tag des Herrn!


In allen Häusern pruzzelt Mittagessen.

Das Stück Emilie hat das Obst vergessen –

die Hausfrau tobt.[85]

Und unter ihren Tisch mit Sauersüße

streckt die Familie ihre großen Füße –

Gott sei gelobt!

Max schreit, weil Susi Onkel Hans verteidigt,

die Tante Lo ist überhaupt beleidigt . . .

Die Stimmung wächst mit jedem Widerstande;

hier siehst du, was das heißt: Familienbande.

So feiert diese Menschheit nun

auf unserm Erdenstern . . .

Am heiligen Sonntag sollst du ruhn –

Dies ist der Tag des Herrn!


  • · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 17.11.1921, Nr. 46, S. 510.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 3, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 85-86.
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