Week-End

[215] Erst sagt es einer.


Denn ists ne Weile still,

weil keiner will.


Dann kommen aber zu Haufen

die Organisationsorganisatoren gelaufen:

Beamte und Journalisten

und andre Juden und sogar Christen –[215]

und ein ganzes Komitee

und Offiziere a. D.

Propaganda? Famos!

Jetzt gehts los.


Sie kleben Plakate

und Bildinserate

und sind nie alleine

und gründen Vereine;

Deutschlands ältester Soldat

hat das Ehrenprotektorat . . .

und es läßt sie nicht ruhn,

und sie haben ze tun.


Wahrheit breitet sich nicht aus,

hast die Zeitung du im Haus.


Und bald sind die Gehirne bei allen

von einem linden Wahnsinn befallen:

»Week-end!« nuckelt der Embryo;

»Week-end!« flüstert der Großpopo.

Vergessen die Wirren um Tschiang Kai-schek;

vergessen der ganze Stahlhelmdreck;

vergessen der Volksbühne tiefer Fall . . .

es braust ein Ruf wie Donnerhall:

Week-end –!


Wiek-ent-Gamaschen und Wik-end-Zigarren,

Wiehk-end-Windeln und Wigent-Knarren;

Wieghennd-Nachttöpfe (mit drei Henkeln),

Wieckänt-Stiefel mit Wiegänd-Senkeln . . .

Weegent-Häuschen und Wiekent-Bauch,

und was London kann, das können wir auch.


Bloß:

Die Gehälter der kleinen Angestellten

erhöhen sich in Deutschland selten . . .

Mit 145 Mark

fühlt sich nicht jeder week-end-stark.

Die Villa auf der einen Seite

mit dem Maybach in imposanter Breite . . .

auf der andern das Bild von dem Week-end-Haus –:

So sieht bei uns der Klassenkampf aus.


  • [216] · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 03.05.1927, Nr. 18, S. 705, wieder in: Deutschland, Deutschland.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 5, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 215-217.
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