Das dritte Reich

[127] Es braucht ein hohes Ideal

der nationale Mann,

daran er morgens allemal

ein wenig turnen kann.

Da hat denn deutsche Manneskraft

in segensreichen Stunden

als neueste Errungenschaft

ein Ideal erfunden:

Es soll nicht sein das erste Reich,

es soll nicht sein das zweite Reich . . .


Das dritte Reich?

Bitte sehr! Bitte gleich![127]

Wir dürfen nicht mehr massisch sein –

wir müssen durchaus rassisch sein –

und freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig

und bündisch, völkisch, volkisch, volkig . . .

und überhaupt.

Wers glaubt,

wird selig. Wer es nicht glaubt, ist

ein ganz verkommener Paz- und Bolschewist.


Das dritte Reich?

Bitte sehr! Bitte gleich!


Im dritten Reich ist alles eitel Glück.

Wir holen unsre Brüder uns zurück:

die Sudetendeutschen und die Saardeutschen

und die Eupendeutschen und die Dänendeutschen . . .

Trutz dieser Welt! Wir pfeifen auf den Frieden.

Wir brauchen Krieg. Sonst sind wir nichts hienieden.

Im dritten Reich haben wir gewonnenes Spiel.

Da sind wir unter uns.

Und unter uns, da ist nicht viel.

Da herrscht der Bakel und der Säbel und der Stock –

da glänzt der Orden an dem bunten Rock,

da wird das Rad der Zeit zurückgedreht –

wir rufen »Vaterland!«, wenns gar nicht weiter geht . . .

Da sind wir alle reich und gleich

im dritten Reich.

Und wendisch und kaschubisch reine Arier.


Ja, richtig . . . Und die Proletarier!

Für die sind wir die Original-Befreier!

Die danken Gott in jeder Morgenfeier –

Und merken gleich:

Sie sind genau so arme Luder wie vorher,

genau solch schuftendes und graues Heer,

genau so arme Schelme ohne Halm und Haber –

Aber:

im dritten Reich.


Und das sind wir.

Ein Blick in die Statistik:

Wir fabrizieren viel. Am meisten nationale Mistik.


  • [128] · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 06.05.1930, Nr. 19, S. 686.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 8, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 127-129.
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Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

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