Vorrede

[6] Maikäfer –? – Kein Verständ'ger kann sie lieben,

Und hassen muß sie, wen das Grün entzückt,

Das nach des Winters letztem Flockenstieben

Mit zartem Anhauch Wald und Garten schmückt.

Dennoch mit Recht wird einmal aufgeschrieben

Die närrische Komödie, der es glückt,

Weit mehr als jedes andre Stück auf Erden –

– Trotz aller Welt Protest – gespielt zu werden.


Hierin zeigt sich ein richt'ges Hoftheater,

Daß nach dem Publikum man wenig fragt.

Aufführen läßt für sich der Landesvater

Im Schauspielhaus der Welt, was ihm behagt.

Mag pfeifen, toben rings der Menschenkrater, –

Das hilft zu nichts. »Flugjahr« ist angesagt,

Und die Akteure, die Aktricen schnurren

Aufs Podium trotz allgemeinem Murren.


Es fügt sich alle drei vier Jahre zwar

Nur immer dieses Spiels Olympiade.

Doch lang, eh' einen Aeschylos gebar

Und einen Sophokles des Himmels Gnade,[7]

Ward aufgeführt das Stück unwandelbar,

Und bleiben wird's, so lange die Estrade,

Auf der es spielt, noch fest zusammenhält.

Unsterblich ist dies Drama wie die Welt.


Was ihr nun ungezählte Male schon

Auf grüner Maienbühne sahet spielen,

Doch leicht vergaßt, sobald dem Blick entflohn

Die kleinen, dicken Mimen, die skurrilen, –

Hier nehmt es hin um mäß'gen Schreiberlohn.

Es ward gekritzt mit manchen Federkielen

Und, – weil der Lenz in Wechsellaunen strahlt, –

In Tinten jeder Farbe hingemalt.[8]


Quelle:
Josef Victor Widmann: Maikäfer-Komödie. Frauenfeld [o.J.], S. 6-9.
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