Sechster Auftritt

[220] Krodenow erscheint in der Mitteltür.


KRODENOW. Sie kommen – die Märker – sie kommen!

KASIMIR. Die Märker?

KRODENOW. Von Müncheberg und Buckow, in zwei mächtigen Haufen! Und über Alt-Landsberg zieht ein dritter heran!

OTTO. Was für einer das?

KRODENOW. Die Fahnen von Berlin flattern darüber!

OTTO. Ah Teufel!

KASIMIR. Führt mich hinweg!

OTTO. Helft mir, meinen Bruder fortbringen!


Die führen Kasimir nach den Mittelausgang.


DIETRICH. Eine Sänfte für ihn und Hasenfüße für Euch alle!

KRODENOW. Und in der Stadt ist ein Tumult; die Quitzowschen haben unsere Leute angefallen und schweißen sie hinaus![220]

DIETRICH. Fegt aus mit klirrendem Besen! Fegt aus!


Trompeten in größerer Nähe.


KASIMIR. Hinweg!

OTTO gegen Quitzow drohend. Wir sehen uns wieder, Herr von Quitzow!

SCHWERIN UND BRIESEN. Wir sehen uns wieder!


Alle ab durch die Mitte.


DIETRICH. Und Ihr sollt mich fühlen obendrein. Er tritt aus dem Erker, wirft das Schwert auf den Tisch. Hahaha – wie ich sie verachte! Wie mir das Herz im Leibe lacht, daß ich es ihnen habe ins Gesicht schleudern können, all den Ingrimm und Ekel, der mich vor ihnen erfüllt!


Das also ist das fürstliche Geblüt?

Der ganz besondre Saft? Laßt sie zur Ader

Und seht ihn an, den trägen, dünnen Saft!

Ich will nicht Freundschaft halten mit den Fürsten,

Ich hasse alles das, was Kronen trägt!

Hier steh' ich, meine Freiheit ist mein Reich,

Mein Haupt mein Untertan, und meine Hände!

Und meine Mannheit setzte die Natur

Als Krone mir aufs Haupt – wo ist ein Mensch,

Der sagen darf, er sei mehr Fürst als ich?


BARBARA die auf einen Stuhl gesunken, ihn mit glühenden Augen betrachtet hat.

Der wandelt nicht auf Erden, der es dürfte,

Du König ohne Krone, mächt'ger Mann!

DIETRICH.

Gräfin – ich hab' Euch kaum gedankt – verzeiht.

Nun – Euer Herzog?

BARBARA.

Sprecht nicht von dem Knaben,

Wo Mann und Weib sich unterreden.


Sie erhebt sich langsam.
[221]

Quitzow, –

Ich seh' Euch an, gewährt mir eine Frage:

Seid Ihr ein Deutscher? Wirklich?

DIETRICH.

Nun, ich denke,

Was ich da sprach, war deutsch.

BARBARA.

Verhöhnt mich nicht,

Ich kann's nicht denken; deutsches Blut ist kalt,

Langsam zur Leidenschaft, zur Tat unlustig,

Feindlich verschieden von dem Blut des Polen,

Wie Wasser ist vom Feuer –

DIETRICH lachend.

Meiner Treu',

Ihr denkt nicht hoch von uns.

BARBARA.

Seid Ihr von ihnen?

Die kalt vernünft'ge grüblerische Art,

Der unterwürf'ge Sinn – wo blieb das alles,

Als Euch Natur gebar? Die Deutschen hass' ich –

Wenn Ihr ein Deutscher seid – wie kommt es dann,

Daß ich Euch – ah du Stolzer – sprich,

Bist du ein Deutscher? Bist du's?

DIETRICH.

Ja und ja!

Ein Sohn der Mark, so echt als jemals einer

Geboren wurde zwischen Luch und Bruch.

BARBARA.

So ändre ich von heute meinen Glauben,

Zu Deutschen mich bekehrend.

DIETRICH bleibt plötzlich vor ihr stehn.

Barbara –

BARBARA.

Ah – dieser Laut – schenk' ihn mir einmal noch –[222]

Wie Echo im Gebirge tönt mein Name

Von deinen stolzen Lippen.

DIETRICH.

Barbara,

Was frage ich nach Deutschland oder Polen?

Was kümmert's dich? Mein Vaterland bin ich.

Und was ich so in meine Grenzen fasse,


Er umschlingt sie mit den Armen.


Gefangen ist es mir.

BARBARA.

Mein Leib bestätigt's,

Der schauernd sich in deine Arme schmiegt.

DIETRICH.

Und soll ich wieder frei dich geben?

BARBARA.

Nein!

Ein jedes Herrenrecht sei dir gewährt

An deiner Magd, nur dieses eine nicht:

Mich frei zu geben.

DIETRICH.

Schönes stolzes Weib –

Daß nur dein Vater nicht Jagello hieße,

Nicht König wär'.

BARBARA.

Vergib mir die Geburt.

In freier Liebe ward ich ihm geboren. –

DIETRICH.

Das alles weiß ich; aber wenn ich dich

Zum Weib erwählte, müßt' ich dich von ihm

Als Gnade mir erbetteln; und ich kann's nicht;

Ich will nicht mit gebeugtem Höflingsrücken

Vom Boden schlecken eines Fürsten Gunst!

BARBARA.

Nichts denn von Gattin! Nimm, was dir gehört:

Das Weib, das Gott erschuf![223]

DIETRICH reißt sie an sich, küßt sie.

Ha, nun hierher!

An dieses Herz und her an meine Lippen!

Ich liebe dich!

BARBARA ihn leidenschaftlich küssend.

Mein Held! Mein Herr! Mein Gott!

DIETRICH.

In deiner Seele hab' ich nun gelesen

Und ich erkenne sie am kühnen Zuge

Als mir verwandt. Ja, du gehörst zu mir

Und ich zu dir. Wir sind von dem Geschlecht,

An dem die Ketten menschlichen Gesetzes

Nicht haften; unser Wille unser Recht!

Und jene Luft, die Knechtesseelen tötet,

Freiheit, der Lebensodem, der uns füllt!


Trompeten und Lärm in nächster Nähe.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 220-224.
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Die Quitzows
Die Quitzows; Schauspiel in Vier Akten

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