Dritter Auftritt

[66] Die Vorigen. Ruthwen zwischen Emmy und Perth.


RUTHWEN spricht. Guten Abend, ihr schönen Kinder!

DIE MÄDCHEN fahren mit einem Ausruf des Schreckens auseinander. Ha!

EMMY im höchsten Entsetzen, gleichzeitig. Allmächtiger!

RUTHWEN. Ist John Perth nicht hier?

PERTH. Hier bin ich. Was ist zu Euren Diensten?

RUTHWEN. Du kennst mich wohl nicht mehr?

PERTH. Ach, seid Ihr es, Mylord? Freilich kenne ich Euch. Ihr seid der Bruder unsers verstorbenen Herrn, und jetzt[66] Graf von Marsden. Seid herzlich willkommen auf Euerem Grund und Boden; wir glaubten Euch noch auf der Reise.

RUTHWEN. Auch kann ich nur wenige Stunden hier verweilen, ein Geschäft führte mich nach Davenaut. Ich hörte dort von deiner Tochter Hochzeit, und komme, die Feier durch meine Gegenwart zu verschönern. Die treuen Dienste, welche du meinem Hause geleistet, erfordern meine Dankbarkeit. Ich will, daß die Hochzeit auf meine Kosten gefeiert werde, und so glänzend als möglich. Betrachte den herrschaftlichen Keller heute als den deinigen.

BLUNT ausrufend. Das ist ein edler Herr! Bringt ihm ein Vivat! Hoch lebe unser gnädiger Herr! Hoch!

ALLE. Hoch lebe unser gnädiger Herr! Hoch!

RUTHWEN zu Perth. Laß sogleich den großen Saal erleuchten, dort will ich selbst Zeuge der heiligen Handlung sein, und der Braut den Myrtenkranz ins Haar flechten.

Alle außer Emmy, Ruthwen und Perth ziehen sich beobachtend und leise miteinander sprechend, nach hinten zurück.


EMMY ohne Pause fortfahrend. Also meinetwegen seid Ihr gekommen, gnädiger Herr?

RUTHWEN. Ist das deine Tochter, John?

PERTH. Ja, gnäd'ger Herr, meine Tochter Emmy.

RUTHWEN. Freilich bin ich deinetwegen gekommen, schöne Emmy.

EMMY. Ach, so verzeiht, gnäd'ger Herr, daß ich vorhin bei Eurem Anblick so erschrocken bin, aber wir hatten gerade ein schauerliches Märchen erzählt, als Ihr so unvermutet zu uns kamt.

RUTHWEN zieht einen Ring vom Finger. Hier, schöne Braut, nimm diesen Ring zur Vergütung des Schrecks, den ich dir verursacht habe. Er steckt ihr den Ring an.

EMMY. Wie, gnäd'ger Herr, den kostbaren Ring, den schenkt Ihr mir?

RUTHWEN. Als Hochzeitsgast muß ich dir doch wohl ein Geschenk machen! Ich werde überdies für eine Ausstattung für dich Sorge tragen, und wenn du willst, deinen künftigen Mann auf meinen Gütern anstellen.

EMMY. Gnäd'ger Herr, soviel Güte –

RUTHWEN. Geht, liebe Leute, bringt den Saal in Ordnung.

[67] Das Landvolk wendet sich zum Abgang nach rechts.


RUTHWEN. Hier, John, nimm meinen Mantel mit.

Perth nimmt den Mantel.


RUTHWEN. Ich werde mich indes mit der Braut über die künftige Versorgung beraten. Wenn alles in Ordnung ist, laß mich rufen, daß ich den Tanz mit der schönen Emmy eröffne.

Alle gehen bis auf Emmy und Lord Ruthwen ab nach rechts.


Quelle:
Heinrich Marschner: Der Vampyr. Dichtung von Wilhelm August Wohlbrück, Leipzig [o. J.], S. 66-68.
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