[91] Malwina, Aubry zu ihrer Linken.
MALWINA in heftiger Bewegung in seine Arme sinkend. Edgar! Pause.
AUBRY. Malwina! – Du hast geweint! Pause.
MALWINA. Ach, umsonst habe ich meinen Vater mit Thränen gebeten, den Gedanken an jene verhaßte Verbindung aufzugeben; vergebens ihn beschworen, mir nur Aufschub zu gewähren; fest beharrt er auf seinem Sinn, fühllos gegen meine Leiden. Die Gäste sind versammelt, die Kapelle geschmückt, nur die Rückkunft des Grafen wird erwartet, um mein Unglück durch Priestersegen zu heiligen. Sie wendet sich ab und weint bitterlich. Vor der Kapelle steht der Wagen des Grafen, um sogleich nach der Trauung –
Nr. 19. Duett.
AUBRY.
Halt ein, ich kann es nicht ertragen,
Du bist verloren! Wehe dir!
Und wehe mir, ich muß verzagen,
Nur Wahnsinn bleibt, Verzweiflung mir!
O dürft' ich rasch mit eignen Händen
Dies martervolle Dasein enden!
MALWINA.
O laß, Geliebter, dich beschwören,
Ersticke nicht den frohen Muth!
Noch lebt ein Gott, er kann uns hören,
Will er, so endet alles gut!
Laß uns mit kindlichem Vertrauen
Auf seine Vaterhilfe bauen.
[91] Für sich.
Ach, ich darf ihm ja nicht sagen,
Daß auch ich nicht Trost noch Rettung finde,
Muß allein den schweren Kummer tragen,
Daß ihm nicht die letzte Hoffnung schwinde!
AUBRY für sich.
Ach, ich muß ihr ja verschweigen,
Welch Verderben ihr genüber steht;
Darf ihr nicht den finstern Abgrund zeigen,
Dem sie rettungslos entgegengeht!
Laut zu Malwina.
Es drängt die Zeit, Malwina, laß dich warnen,
O zögre nur, bis der Tag erwacht;
Arglistig ist und groß der Hölle Macht,
Mit bösem Zauber weiß sie zu umgarnen.
MALWINA.
Was redest du? Was hätt' ich zu befahren?
Ich fürchte nur des Vaters streng' Gebot!
Vor allem, was mir sonst Verderben droht,
Wird mich mein Herz, mein reiner Sinn bewahren!
In frommer Begeisterung.
Wer Gottesfurcht im frommen Herzen trägt,
Im treuen Busen reine Liebe hegt,
Dem muß der Hölle dunkle Macht entweichen,
Kein böser Zauber kann ihn je erreichen!
AUBRY entzückt.
Sei mir gegrüßt, du schönes Himmelslicht,
Das prangend durch die Nacht des Zweifels bricht!
Mit lautem Jubel, wie aus lichten Sphären,
Jauchzt es mir zu mit tausend Engelchören!
BEIDE gesteigert.
Wer Gottesfurcht im frommen Herzen trägt,
Im treuen Busen reine Liebe hegt,
Dem muß der Hölle dunkle Macht entweichen,
Kein böser Zauber kann ihn je erreichen!
Aubry geht mit dem Einsatz der Trompeten, welcher die Hochzeitsgäste ankündigt, nach rechts.
Malwina wendet sich gleichzeitig mit einigen Schritten nach links.
Der Hochzeitszug kommt von rechts über die Estrade.
[92] Acht Jäger mit Fahnen eröffnen den Zug; es folgen
vier Diener, acht Blumenmädchen, sechs Paar Edelherren und Damen, zwei Brautjungfern mit Kranz und Schleier, Sir Humphrey Lord von Davenaut, zwölf Guirlandenmädchen, Bauern und Bäuerinnen von Davenaut.
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Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
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