CLXXXIV.

[308] Wenn euch Jemand die Enthaltsamkeit als die größte der Tugenden anrühmet, so seyd versichert, es sey ein Verschnittener, oder er habe ein häßliches Weib.

Ein Anderer sagt: Nichts, was erlaubt ist, ist[308] schändlich. Er hat gute Ursache, so zu reden, denn seine siebzigjährige Mutter hat sich so eben mit einem jungen Menschen von siebzehn Jahren vermählt.

Jener Mensch, wohlgekleidet und im Ueberfluß lebend, der, indem er geht, beständig rechts und links schaut, was sieht er? Gewiß nichts anders als Leute, denen er sein Geld auf Zinsen leihe. Wenn ihr aber einen Armen laufen seht, so seyd gewiß, er laufe in den Geschäften eines Reichen.

Warum citirt Jener den Vers des Korans: Gott ist hoch über ihren Händen; – weil er eben tüchtig ausgeprügelt worden; und warum führt Dieser beständig den Spruch im Munde: Wir bezeugen nichts, als was wir gesehn haben, – weil er ein falscher Zeuge ist.

Ein junger Mensch, mit Ringen an den Fingern, ist ganz gewiß verliebt, und wenn er seinen Turban unordentlich aufsetzt, so ist's gewiß ein unbesonnener, leichtsinniger Springinsfeld.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Joseph Freiherr von: Rosenöl. Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1813, S. 308-309.
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