Fünfunddreißigste Geschichte

[31] geschah: Rabbi Chanine, der hat eine Frau. Un die selbige Frau hat ein Seder (Gewohnheit) an sich, daß sie alle Erew Schabbes (Freitag) den Backofen heizt mit eitel Waldreben un Kräuter, daß es einen Rauch gab, derwartend, die Leut sollten meinen, sie backten alle Freitag Brot un Kuchen. Denn sie schämten sich, daß sie arm waren. Un sie hatt eine böse Nachp(b)arin, die gedacht sich in ihrem Sinn: »Ich weiß wol, daß die Leut niks in ihr Eigen haben, was können sie denn dervon backen?« Un ging einmal an einem Freitag, wie sie den Ofen heizt un klopft an die Tür un sprach: »Laß mich herein.« Wie das die Zadekes (fromme Frau) hört, daß man klopft an die Tür, so läuft sie vor ihr hinter in die Scheuer un die Nachparin kam ins Haus herein. Da geschah ein Neß (Wunder), daß der Ofen voll Brot war un die Multer voll Teig. Da ruft die Nachbarin an die frumme Frau un sagt: »Komm bald un tu dein Brot aus dem Ofen oder es wird dir sunst verbrennen.« Da sagt die Zadekes: »Jetzunder komm ich. Ich bin hinter gegangen un hab wollen die Schaufel holen.« Aber ein Teil sagen, sie war wol gewohnt, daß ihr Nissim (Wunder) geschehn. Einmal sagte sie wider ihren Mann, Rabbi Chanine: »Wie lang sollen wir solche große Armut leiden? Tu Tefille (bete), daß man dir vom Himmel ein Teil abgibt, von wegen deinen guten Maassim (Werken), die du an dir hast. Damit daß wir nit so gar arm auf dem Aulom (Welt) sind.« Da tät Rabbi Chanine Tefille (betete). Da kam eine Hand aus dem Himmel un gab ihm einen goldenen Fuß von einem goldenen Tisch, daß er reich war. In derselbigen Nacht kam die gute Frau zu Cholem (Traum), wie die Zaddikim (die Frommen) auf Jener Welt werden essen auf einem goldenen Tisch mit vier Füß, un sie beide werden essen auf einem Tisch mit drei Füß. Denn ein Fuß ward ihnen gebrochen an ihrem Tisch. Da sagte sie das zu ihrem Mann.[31] Da sagte der gute Rabbi Chanine: »Wie soll ich denn tun?« Da sprach sie: »Tu wieder Tefille (bete), daß man den Fuß wieder von dir nehmen soll.« So tät er Tefille. Da kam eine Hand un nahm den Fuß wieder. Wir haben gelernt, da man den Fuß wieder von ihm nahm, da war das ein größeres Neß als da man ihm den Fuß gab. Denn der Seder (Regel) is, man gibt von dem Himmel aber man nimmt niks wieder auf den Himmel.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 31-32.
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