Die Löwin und der Strauß.
Ein Betschuanamärchen.

[85] Eines Tages brüllte eine Löwin; darauf ließ ein Strauß seine Stimme hören und brüllte auch. Als die Löwin dem Platze nahe gekommen war, wo der Strauß stand, sprach sie zu diesem:

»Bitte, brülle noch einmal!«

Dies tat der Strauß, und die Löwin fand, daß ihre beiden Stimmen einander glichen; deshalb sagte sie zu dem Strauß:

»Du bist meinesgleichen; laß uns zusammen auf Jagd gehen.«

Als sie jagten und viel Wild sahen, erlegte aber die Löwin nur ein einziges Stück, während der Strauß, indem er nach seiner Beute schlug, eine große Menge mit seiner großen Klaue tötete.

Da sie nun müde und hungrig waren, rief die Löwin ihre Jungen und legte sich mit ihnen in den Schatten eines Baumes.

»Mache das Fleisch zurecht,« sprach sie zum Strauß, »und laß uns essen.«[85]

»Tue du es,« entgegnete der Strauß; »ich will nur das Blut haben.«

Da aß die Löwin mit ihren Jungen das Fleisch, und der Strauß trank das Blut.

Dann legten sie sich schlafen; aber die jungen Löwen spielten umher. Als der Strauß schlief, öffnete er den Schnabel, und die kleinen Löwen traten an ihn heran und sahen, daß er keine Zähne hatte; sofort gingen sie zu ihrer Mutter, weckten sie und sprachen:

»Dieser Bursche dort will deinesgleichen sein und hat keine Zähne. Das ist eine Beleidigung!«

Als die Löwin dies gehört hatte, stand sie auf, weckte den Strauß und sprach: »Laß uns kämpfen!«

Und sie kämpften.

Da sagte der Strauß zur Löwin:

»Stelle du dich auf diese Seite des Ameisenhaufens; ich werde mich auf jene Seite stellen.«

Nun schlug er gegen den Ameisenhügel und warf der Löwin die Erde ins Gesicht. Danach tötete er sie mit seiner Klaue durch einen Schlag in ihre Leber.

Quelle:
Held, T. von: Märchen und Sagen der afrikanischen Neger. Jena: K.W. Schmidts Verlagsbuchhandlung, 1904, S. 85-86.
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