Wie der Wasserfall bei Goldingen entstand.

[18] In grauer Vorzeit, als die Liven noch an den Küsten Kurlands saßen, befanden sich die Letten in schwieriger Lage. Sie mußten, wollten sie auf den wenigen Flüssen das offene Meer erreichen, sich durch die livischen Wächter hindurchschlagen, so daß der Kämpfe zwischen beiden Völkern kein Ende war. Die Liven beteten böse Geister an, die Letten aber verehrten den Donnerer Pehrkon. Einst rüsteten sich die Letzteren wieder zu einem Kriegszuge gegen ihren Erbfeind. Die Liven beteten zu dem Obersten ihrer bösen Geister (Teufel)[18] und dieser beschloß den Windaufluß zurückzudämmen, auf daß er die Stadt Goldingen samt den umliegenden Niederlassungen der Letten überflute und von der Erde vertilge.

Um Mitternacht ging der Teufel ungefähr zwei Meilen längs dem Flusse hinauf, bis zur sogenannten Elenfurth, wo's viele Steine gab, und belud sich mit einem ungeheuren Steinhaufen. Schon hatte er diesen unmittelbar bei der Stadt in den Fluß abgeladen und eilte nach einem zweiten – als ein furchtbarer Donnerschlag den Häuptling der Letten aus dem Schlaf weckte. Er trat aus seinem Hause und sah, daß der Fluß zur Hälfte schon eingedämmt war. Das konnte nur mit Teufelskünsten zugehen! Schnell entschlossen lief der Häuptling zum Hühnerstalle und fing an, wie ein Hahn zu krähen. Davon erwachte der Haushahn und antwortete mit heller, kräftiger Stimme. Als das der Teufel hörte, ließ er den zweiten Steinhaufen vor Schreck dicht am Ufer fallen und entfloh. Aus dem ersten Haufen entstand der Wasserfall1 bei Goldingen, der noch heute zu sehen ist, der zweite aber lag solange am Ufer, bis die Steine zu Gips wurden.

1

»Die Rummel«, lettisch rumba.

Quelle:
Andrejanoff, Victor von: Lettische Märchen. Nacherzählt von -, Leipzig: Reclam, [1896], S. 19.
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