Sechstes Capitel

[67] Daß aber, wenn es nichts Unbegrenztes schlechthin giebt, viele Unmöglichkeiten entstehen, ist klar. Die Zeit bekommt dann einen Anfang und Ende, und die Größen[67] hören auf, theilbar in Größen zu sein, und keine Zahl mehr ist unbegrenzt. Wenn aber nach diesen Bestimmungen keines von beiden als statthaft erscheint, so bedarf es eines Vergleiches, und es erhellt, daß auf gewisse Weise ein Unbegrenztes ist, auf gewisse Weise aber nicht. Es heißt nämlich Sein, theils der Möglichkeit, theils der Wirklichkeit nach. Und das Unbegrenzte hat sein Sein in der Zusetztung, hat es aber auch in der Wegnahme. Von der Größe nun ist, daß sie der That nach nicht unbegrenzt, gesagt worden. In der Theilung aber ist sie es. Denn nicht schwer ist es zu nichte zu machen die untheilbaren Linien. Bleibt also übrig, daß es der Möglichkeit nachgebe ein Unbegrenztes. Man muß aber das der Möglichkeit nach Seiende nicht so nehmen, als sei, gleichwie, was möglicherweise eine Bildsäule wäre, dieß auch werden müßte eine Bildsäule, so auch unbegrenzt nur, was es der That nach wird. Sondern da vielfache Bedeutungen das Sein hat, wie z.B. der Tag ist, und das Kampfspiel, indem immer und immer ein anderes wird, so auch das Unbegrenzte. Denn auch bei jenem findet ein Sein sowohl der Möglichkeit als der Wirklichkeit nach statt. Die olympischen Spiele nämlich sind, theils insofern der Wettkampf geschehen kann, theils insofern er geschieht. Auf verscheidene Weise aber zeigt sich das Unbegrenzte theils in der Zeit, theils in Bezug auf die Menschen, theils bei der Theilung der Größen. Ueberhaupt nämlich besteht zwar darin das Unbegrenzte, daß immer und immer von ihm etwas anderes genommen wird, und daß das Genommene zwar stets ein begrenztes ist, aber stets ein anderes und wieder ein anderes. [Uebrigens wird Sein auf mehrfache Weise gesagt, so daß man das Unbegrenzte nicht nehmen darf als ein bestimmtes Etwas, wie Mensch oder Haus, sondern wie Tag gesagt wird, und der Wettkampf, denen das Sein nicht als Wesen zukommt, sondern in stetem Entstehen[68] und Vergehen, wenn auch als begrenztes, doch als stets anderes und anderes.] Aber bei den Größen bleibt das Genommene bestehen, indem dieß geschieht, bei den Menschen aber und der Zeit geht dieß unter, dergestalt jedoch, daß es nicht ausgeht. – Das nach Zusetzung aber ist gewissermaßen das nämliche wie das nach Theilung. Denn es entsteht an dem Begrenzten durch Zusetzung auf umgekehrt entsprechende Weise. Was nämlich als Theilung in das Unbegrenzte erscheint, dasselbe kann man auch als wiederholte Zusetzung ansehen zu einem Begrenzten. Wenn man nämlich in der begrenzten Größe einen bestimmten Theil nimmt, und dann nach demselben Verhältnisse, aber nicht denselben Theil des Ganzen hinzunimmt, so durchgeht man nicht die endliche Größe. Wenn man aber das Verhältnis dergestalt ändert, daß man stets dieselbe Größe bekommt, so durchgeht man sie, weil alles Begrenzte durch jedwedes bestimmte gedeckt werden kann.

Auf andere Art nun nicht, auf diese aber giebt es ein Unbegrenztes: der Möglichkeit und der Zerfällung nach. Auch der Wirklichkeit nach wohl ist es: so wie wir von dem Tage sagen, er sei, und von dem Wettkampfe. Und der Möglichkeit nach so, wie der Stoff; und nicht an sich, wie das Begrenzte. Auch nach Zusetzung also giebt es solchergestalt ein Unbegrenztes der Möglichkeit nach, von welchem wir sagen, es sei das nämliche gewissermaßen mit dem nach Theilung. Stets nämlich hat es einen Theil seiner selbst außer sich. Nie jedoch übersteigt es alle bestimmte Größe, wie es bei der Theilung alles bestimmte übersteigt, und kleiner wird. – So vermag es denn Alles zu übersteigen durch Zusetzung auch der Möglichkeit nach nicht; wenn es nicht vielleicht auf beiläufige Art ein der Wirklichkeit nach Unbegrenztes giebt, wie die Naturforscher von dem Körper außerhalb der Welt, dessen Wesen Luft oder etwas anderes Aehnliches ist, als von[69] einem Unbegrenzten sprechen. Allein wenn solchergestalt nicht zu sein vermag ein der Wirklichkeit nach unbegrenzter, sinnlich wahrnehmbarer Körper, so ist ersichtlich, daß er auch nicht der Möglichkeit nach durch Zusetzung sein wird, außer, wie gesagt, entsprechend der Theilung. Nahm ja auch Platon aus diesem Grunde zwei Unbegrenzte an, weil sowohl bei der Vermehrung ein Uebertreffen und ins Unbegrenzte gehen statt zu finden scheint, als bei der Zerlegung. Er macht jedoch von diesen zweien, die er annahm, keinen Gebrauch. Denn weder findet sich in seinen Zahlen das Unbegrenzte nach der Zerlegung, noch nach der Vermehrung. Bis zur Zehn nämlich läßt er die Zahl gehen.

Es findet sich nun, daß das Gegentheil das Unbegrenzte ist von dem, was man sonst sagt. Nicht nämlich was nichts außer sich, sondern was stets etwas außer sich hat, dieses ist das Unbegrenzte. Es zeigt sich dieß darin, daß man auch die Ringe unbegrenzt nennt, die keinen Kasten haben, weil man stets an ihnen etwas neues hinzunehmen kann: ein von einer gewissen Aehnlichkeit hergenommener Ausdruck, jedoch kein eigentlicher. Denn es wird erfordert, daß sowohl dieß statt finde, als auch, daß nie das Nämliche hinzugenommen werde. Bei der Kreislinie aber geschieht es nicht so, sondern stets das zunächst Folgende nur ist ein anderes. – Unbegrenztes also ist dieß, was, wenn man es der Größe nach nimmt, stets etwas außer sich hinzuzunehmen giebt. Was aber nichts außer sich hat, das ist ein Vollendetes und Ganzes. So nämlich bestimmen wir das Ganze: dem in Bezug auf seine Theile nichts fehlt, z.B. der ganze Mensch oder das Geräth. Wie wir aber den Begriff im Besondern bestimmen, so auch rein und eigentlich; z.B. das Ganze: was nichts außer sich hat. Was aber etwas außer sich hat, das ihm fehlt, dieß alles nicht; was auch fehlen mag. Das Ganze aber und Vollendete[70] ist entweder das Nämliche durchaus, oder von verwandter Natur. Vollendet aber ist nichts, was nicht ein Endziel hat; das Endziel aber ist Grenze. Darum ist für besser zu achten, was Parmenides sagt, als was Melissus. Dieser nämlich sagt: das Unbegrenzte sei das All, jener aber, das All sei begrenzt:

Von der Mitte durchaus sich gleich gewachsen.

Denn nicht wie einen Faden mit einem Faden, darf man zusammenknüpfen mit dem All und Ganzen das Unbegrenzte.

Freilich leitet man hieraus die hohe Würde für das Unbegrenzte: das was Alles umgiebt und das was Alles in sich faßt, daß es eine gewisse Aehnlichkeit mit dem All hat. Es ist nämlich das Unbegrenzte der Stoff für die Vollendung der Größe, und das All der Möglichkeit, nicht aber der Wirklichkeit nach. Theilbar ist es sowohl der Zerlegung als dieser entsprechend der Zusetzung nach. Ganzes aber und Begrenztes ist es nicht an sich, sondern in Bezug auf Anderes. Und es umgiebt nicht, sondern wird umgeben, wiefern es Unbegrenztes. Darum ist es auch unerkennbar als Unbegrenztes. Denn keine Formbestimmung hat der Stoff. So sieht man denn, daß vielmehr Begriff eines Theiles das Unbegrenzte ist, als Begriff eines Ganzen. Denn Theil ist der Stoff des Ganzen, wie das Erz der ehernen Bildsäule. Sollte aber etwa in dem sinnlich Wahrnehmbaren das Große und das Kleine das Denkbare umgeben, so müßte es dieß auch in dem Gebiete des Gedankens. Seltsam aber wäre es und unzulässig, daß das Unerkennbare und Unbestimmte umgeben und bestimmen sollte.

Quelle:
Aristoteles: Physik. Leipzig 1829, S. 67-71.
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