|
[636] 90
Der seinen Weg gegangen ist,
Der Sorgenüberwältiger,
Der überall Entdaseinte,
Der hinter sich zurücke ließ
Das ganze Kettenlabyrinth:
Genesen ist er jeder Qual.
91
Verstehende erheben sich,
Voll Ekel an der Häuslichkeit:
Wie Schwäne fort vom Sumpfe ziehn,
Verlassen frei sie Haus und Hof.
Der Gang der Fülle-Fliehenden,
Ernährung klar Erkennenden,
Im Leeren, Unbeschreiblichen,
Erlösenden Verweilenden:
Gleichwie der Vögel Himmelsflug
Ist schwer erfindbar derer Gang.
Der Pfad des Wahnerloschenen,
Des Atzung-Unabhängigen,
Im Leeren, Unbeschreiblichen,
Erlösenden Verweilenden:
Gleichwie der Vögel Himmelsflug
Ist schwer erfindbar dessen Pfad.
[637] 94
Den Heitern, dessen Sinne sanft geworden
Wie Wagenlenkers wohlbezähmte Rosse,
Den Dünkelledigen, den Wahnerlösten:
Die Götter selbst beneiden einen solchen.
Der Erde gleich, die niemals zornig wird,
Wie Steingetäfel unerregbar stark,
Hell durchsichtig wie schlammgeklärter See:
Kein solcher kehrt zurück ins Wandelsein.
96
Gestillt ist seines Herzens Sinn,
Gestillt das Wort, gestillt die Tat
Des weisheitklar Vollendeten,
Des friedestillen Heiligen.
97
Wer keinem Hörensagen traut,
Wer weiß, was unvergänglich ist,
Und das Vergängliche vertilgt:
Der Raum und Zeit Zermalmende,
Der Willenswahn-Entsündigte
Ist wahrlich allerhöchster Held.
98
Sei's nah' dem Dorfe nah' dem Wald,
Sei's in der Ebne, im Gebirg:
Die Stätte wo ein Heil'ger weilt,
Ist ein entzückend schöner Ort.
99
Entzückend ist der Waldesgrund,
Wo sich die Menge nicht ergetzt,
Ergetzen gierlos Heil'ge sich:
Sie jagen nicht den Lüsten nach.
Buchempfehlung
Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica
746 Seiten, 24.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.
442 Seiten, 16.80 Euro