Detinez

[162] Detinez (Slav. M.), »Kindesstadt, Grab des Kindes«, eine (wahrscheinlich fabelhafte) Stadt, welche dort, wo jetzt Nowgorod steht, auf den Trümmern des alten Slawensk erbaut worden sein soll. Sie war, wie die Umgegend, Sitz der ersten und mächtigsten Götter des alten Russland; Alles war dort heilig, selbst die Wälder waren Gottheiten; es durfte bei Todesstrafe kein Thier erlegt, kein Baum gefällt werden, und eine mächtige, zahlreiche Priesterschaft wachte über ihre grossen Vorrechte, durch welche sie nicht selten den Fürsten gefährlich wurde. - Der Zauberer Wolkow, ein Fürst über vieles Land, gründete die Stadt Slawensk (oder dessen Vater Slawen, von dem sie in jedem Falle den Namen hat); dort wohnte er in einem prächtigen Schlosse als Mensch, oder in dem Flusse als Crocodil, und frass auf, was ihm begegnete. Er starb, ward als Gott verehrt, doch seine Stadt ging unter, durch böse Dämonen zerstört. Auf den Ruinen wollten die Bewohner eine neue Stadt gründen, und die Aeltesten hielten Rath, wie man die Grundlage fester machen und welchen Namen man der Stadt geben sollte. Nach einem alten Aberglauben musste etwas Lebendiges in den Grundstein eingemauert werden; so wurden Abgeordnete ausgesandt, welche das erste Lebende, was ihnen begegnete, heimbringen und einmauern sollten; darnach musste auch die Stadt benannt werden. Ein Kind war das Opfer; es ward lebendig in den Grundstein verschlossen und darüber die Stadt erbaut, welche D., Kindesstadt, hiess. Auch sie blieb nicht lange stehen, denn ein böser Geist, welcher späterhin gleichfalls D. genannt wurde, plagte, zur Strafe für ihren Frevel, die Einwohner durch pestartige Seuchen so, dass sie auswanderten und der Ort verfiel, bis nach Jahrhunderten Kji die Stadt Kiew erbaute, und nun sich auf den Ruinen der beiden untergegangenen Städte eine dritte erhob, welche ihrer Neuheit und um der Fruchtbarkeit der Gegend willen den Namen Nowgorod, neuer Garten (polnisch: nowi ogrod oder now'-ogrod), erhielt.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 162.
Lizenz:
Faksimiles: