Anfangen

[289] Anfangen, verb. irreg. (S. Fangen,) welches in gedoppelter Gattung üblich ist.

I. Als ein Activum, den Anfang machen, und zwar,

1) Eigentlich, da es so wohl mit der vierten Endung der Sache, als mit dem Infinitiv und dem Wörtchen zu gebraucht wird. Eine Rede, eine Arbeit, ein Spiel anfangen. Den Krieg anfangen. Du hast den Streit angefangen. Ein anderes Leben, eine neue Regierung anfangen. Wieder von vornen anfangen. Er fing seine Regierung mit Abschaffung der Mißbräuche an. Er hat schlecht angefangen, er wird auch schlecht aufhören. Er fängt es wieder da an, wo er es gelassen hat, er verfällt wieder auf seine vorigen Handlungen. Anfangen etwas zu thun. Anfangen zu arbeiten, zu essen, zu spielen u.s.f.

In dieser letzten Wortfügung wird der Infinitiv, welcher den Gegenstand des Anfanges bestimmet, oft ausgelassen. Ein Lied[289] anfangen, zu singen. Er ist sehr böse, wenn er anfängt, zu zürnen.


Er weiß es zum voraus, daß Thyrsis stets gewinnt,

Doch fängt er mit ihm an,

Rost,


zu streiten, zu wetteifern. Am häufigsten wird der Infinitiv zu reden, zu sagen, ausgelassen, wenn man eines andern Worte anführet. Deine Aufführung gefällt mir gar nicht, fing sie an. Was soll denn das werden? fing er an. Wo denken sie denn hin? fing er zu mir an.

Oft stehet zwar ein Infinitiv; aber es wird doch noch ein anderer ausgelassen, und dieses geschiehet vornehmlich alsdann, wenn von der ersten Erlernung einer Sache die Rede ist. Das Kind fängt an zu gehen, es fängt an, gehen zu lernen, oder es lernet gehen. Er fängt an zu lesen. Er hat schon lange angefangen zu schreiben, schreiben zu lernen. Da diese Art des Ausdruckes zweydeutig ist, indem sie auch die Wiederhohlung einer schon bekannten und mehrmahls geübten Handlung bezeichnen kann, so vermeidet man solche lieber in solchen Fällen, wo die Zweydeutigkeit von Folgen seyn kann.

2) In weiterer Bedeutung, so viel als thun, verrichten, und zwar, (a) überhaupt. Er hat Glück in allem was er anfängt. Was soll ich anfangen? Was soll ich mit ihm anfangen? Sagen sie mir nur, was bey der Sache anzufangen ist. Fragen sie ihr Herz, was sie mit mir anfangen wollen. Auch in den Redensarten, Händel, Streit, Krieg mit einem anfangen, Unruhen anfangen u.s.f. wenn die Hauptwörter ohne Artikel stehen, verschwindet der Begriff des Anfanges fast ganz, und läßt nur den Begriff der Verursachung zurück. Besonders, (b) gebrauchen, nützen. Es ist nichts mit ihm anzufangen, man kann ihn zu nichts gebrauchen. Ich muß einen Schwiegersohn haben, mit dem was anzufangen ist, Schleg. (c) Die rechten Mittel zur Erreichung einer Absicht wählen. Wie werden wir es aber anfangen, daß er zu mir kommt? Nichts ist leichter zu erlangen, als die Glückseligkeit, wenn wir es nur recht anfangen, derselben theilhaftig zu werden. (d) Zur Absicht haben; mit auf. Es war auf mein Verderben angefangen. Es war darauf angefangen, ihn zu Grunde zu richten.


Nur weich darauf zu sitzen,

Zu sorgen, nicht zu prangen,

Darauf ists angefangen,

Logau.


II. Als ein Neutrum, welches das Hülfswort haben erfordert, seinen Anfang nehmen; mit dem Infinitiv und dem Wörtchen zu. Die Bäume fangen an zu blühen. Die Thränen fingen schon an, ihm in die Augen zu treten. Die Kälte fängt an nachzulassen. Es fängt an warm zu werden. Dieser Gebrauch des Verbi anfangen, hat seine Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Z.B. Er fängt schon an, einen Bart zu bekommen, würde ein harter Gallicismus seyn.

Auch ist es wider den guten Sprachgebrauch, den Infinitiv in die bestimmte Art zu verwandeln, und durch das Bindewort und mit dem Zeitworte anfangen zu verbinden. Es fängt an und wird kalt. Der Mensch fängt an und wird stolz. Dergleichen Wortfügungen werden billig dem großen Haufen überlassen, bey dem sie entstanden sind.

Wohl aber ist es erlaubt, das Neutrum anfangen reciproce auszudrucken, wenn der Zusammenhang den Infinitiv nicht verstattet. Das Spiel hat sich erst angefangen. Hier fängt sich das erste Kapitel an. Meine Rede soll sich davon, oder damit anfangen. Wie fing sich der Streit an? Hier fangen sich die Grenzen an. Das Gebirge fängt sich bey dem Meere an.

Wenn dieses Neutrum unpersönlichen Verbis zugesellet wird, so pflegen auch gute Schriftsteller die letztern in den Infinitiv zu setzen,[290] anfangen aber nur unpersönlich auszudrucken. Mich fängt schon an zu hungern, zu dursten, zu frieren, zu schwitzen u.s.f. Fast fängt mich meine Neugier an zu reuen, Weiße.

Anm. 1. Nichts ist, selbst bey guten Schriftstellern, gewöhnlicher, als daß der Präposition an, wenn sie von ihrem Verbo getrennet werden muß, eine falsche Stelle angewiesen wird. Ich fing zu singen an, Gleim, ich fing an zu singen. Zevs fing vor langer Weile zu donnern an, Wiel. besser, fing vor langer Weile an zu donnern. Ich fing mich an zu schämen, ich fing an, mich zu schämen, Gell. Dergleichen Fehler werden durch kein Ansehen zu Schönheiten. Wenn aber Dichter die Präposition auch in dem Infinitive von dem Zeitworte trennen, so lässet sich solches allenfalls mit dem unbiegsamen Sylbenmaße dieses Verbi entschuldigen; z.B.


Soll ich vielleicht schon an zu lachen fangen?

Gell.


Bestürmt von Lieb und Zärtlichkeit,

Wollt ich schon an zu reden fangen,

Gell.


Anm. 2. Die heutige Bedeutung dieses Verbi ist sehr figürlich. Eigentlich müßte es bedeuten, den Anfang machen mit fangen. Kero und andere alte Alemannische Schriftsteller gebrauchen das einfache fiangan in der heutigen Bedeutung des Anfangens. Dieß könnte vermuthen lassen, daß fangen in dieser Zusammensetzung ein ganz anderes Verbum sey, als fangen, capere. Allein man wird eines andern überführet, wenn man bedenket, daß anfangen eine bloß buchstäbliche Übersetzung des Lateinischen incipere ist, welches gleichfalls aus capere zusammen gesetzet ist. Durch dergleichen buchstäbliche und oft ungeschickte Übersetzungen haben wir mehrere Wörter bekommen. Daß anfangen so wohl in dem Alemannischen als Sächsischen Rechte ehedem auch so viel als vindiciren, sich ein entwendetes Gut wieder anmaßen, bedeutet habe, kann man aus dem Haltaus h. v. und aus C. V. Grupens Deutschen Alterthümern, S. 102 f. lernen.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 289-291.
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289 | 290 | 291
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