Däuchten

[1416] Däuchten, verb. reg. imperf. welches zuweilen mit der dritten, am häufigsten aber mit der vierten Endung der Person verbunden wird, ein Urtheil auf Veranlassung der Sinnen fällen. 1) Eigentlich. Doch geh, mich däucht sie kömmt, Gell. mir scheint. Mich däucht die Farbe sey schön. Das Haus däuchtete ihn nicht groß genug. Es däuchtete mich, ich sähe eine Stadt. Mich däuchte, wir bünden Garben auf dem Felde, 1Mos. 37. Mir hat geträumet, mich däuchte, ein geröstet Gersten-Brot wälzte sich u.s.f. Richt. 7, 12.


Die Kutte, wie mich deucht, steht beyden übel an,

Hofmannsw.


Mich deucht, ein Blick von mir der steckte Dörfer an,

Hofmannsw.


Was den Sinnen

Hier im Finstern schöne däucht,

Can.


2) Figürlich, aus wahrscheinlichen Gründen schließen, muthmaßlich urtheilen. Was däucht dich dazu? Was hältst du davon? was glaubest, urtheilest du davon? Er hat, wie mich däucht, recht gethan. Ein jeglicher that, was ihm recht dauchte, Richt. 17, 6, was ihm recht zu seyn schien. Und das hat dich noch zu wenig gedaucht, Gott, sondern hast u.s.f. 1 Chron. 18, 17.[1416] Ich habe auch diese Weisheit gesehen, unter der Sonnen, die mich groß dauchte, Pred. 9, 13. Und es dauchten sie ihre Worte eben als wärens Mährlein, Luc. 24, 11. Und es dauchte gut die Apostel und Ältesten u.s.f. Apostelg. 15, 22.


So seh ich bald bey dir, was den Silenus däucht,

Logau.


Anm. 1. Eigentlich sollte dieses Verbum so conjugiret werden: es däuchtet, es däuchtete, gedäuchtet. Allein man ziehet es gemeiniglich zusammen, es däucht, im Oberdeutschen es daucht; es däuchte, im Oberdeutschen es dauchte; gedäucht, im Oberdeutschen gedaucht.

Anm. 2. Wenn die Sache vermittelst eines Infinitivs ausgedruckt wird, so bekommt derselbe gemeiniglich das Wörtchen zu. Das däucht mich gut zu seyn. Im Oberdeutschen läßt man dieses Wörtchen weg und setzt den Infinitiv allein. Da die Sonne aufging – dauchte die Moabiter das Gewässer gegen ihnen roth seyn, wie Blut, 2 Kön. 3, 22. Und es dauchte gut die Apostel – aus ihnen Männer erwählen und senden gen Antiochiam, Apostelg. 15, 22. Hat es uns gedaucht – Männer erwählen und zu euch senden, V. 25. Den Eilften deucht Susanna nicht keuscher seyn, als sie, Scult. Und so auch bey dem Opitz. Indessen ist diese ganze Wortfügung mit dem Infinitiv im Hochdeutschen, wenigstens in der edlern Schreibart, veraltet.

Anm. 3. Ehedem wurde dieses Zeitwort, so wie scheinen, auch persönlich gebraucht. Thiu nan thuhtan, die ihm schienen, Ottfried.


Mich gruoste ir minneklicher munt

Der duhte mich in solher roete

Sam ein fuirig flamme entzunt,

Markgraf Otto von Brandenburg.


Si duhte mih an allen strit

Diu beste und dabi wol getan,

Heinr. von Sax.


Also diente Jacob um Rahel sieben Jahr, und dauchten ihm, als wärens einzele Tage, 1 Mos. 29, 20. Im Hochdeutschen ist dieser Gebrauch noch nicht ganz veraltet; aber er ist doch mehr in der gemeinen als edlern Sprechart üblich. Sich groß däuchten, sich viel däuchten. Er däuchtet sich was Rechtes, d.i. er bildet sich nichts Geringes ein.

Ja man gebrauchte dieses Wort ehedem auch für glauben, dafür halten.


Do du mich erst sehe,

Do duhte ich dich ze ware

So rehte minneklich getan

Des man ich dich lieber man,

Ditmar von Ast.


Ob ich si duhte hulden wert,

Heinr. von Morunge.


Das ich si lones duhte wert,

Reinmar der Alte.


Anm. 4. Ich habe von diesem Verbo mit Fleiß viele Beyspiele angeführet, damit man zugleich in den Stand gesetzt werde, Gottscheds Regel zu beurtheilen, nach welcher däuchten nur allein von dem Urtheile der äußern Sinne, und nur allein mit der dritten Endung der Person, dünken aber von der innern Meinung, und mit der vierten Endung der Person gebraucht werden soll. So lange der willkührliche Machtspruch eines einzigen Mannes kein Gesetz abgeben kann, so lange ist auch diese Regel völlig ungegründet, man mag sie ansehen, von welcher Seite man will. Aus den obigen Beyspielen erhellet schon, daß man däuchten eher zehen Mahl mit der vierten Endung, als Ein Mahl mit der dritten finden wird. Hier sind noch einige Beyspiele. Ni thuhta mih, Ottfr. B. 2, Kap. 9, V. 53. Thaz Petrum thuhta herti, B. 3, Kap. 13, V. 38. Ez duhte die leute, Schwabensp.


Das duhte mich ein michel heil,

Reinm. der Alte.


[1417] Daz dewcht sew so gut, Hornegk. Nu dawcht in, ebenders. Daucht mich zu Nacht, Hans Sachs.


Darnach als den knecht daucht sein füg,

Theuerd. K. 26.


Freylich findet man einige Beyspiele, wo es mit der dritten Endung gebraucht wird; allein alsdann kann man sicher behaupten, daß der Verfasser durch das Latein. videtur mihi verleitet worden, welches besonders von dem Kero gilt, der keduht zwey Mahl mit dem Dative gebraucht, aber auch seine Muttersprache beständig nach dem Lateinischen Texte formet, wie aus tausend Beyspielen erweislich ist.

Anm. 5. Über dieß ist es seltsam, einen eigenmächtigen Unterschied unter zwey Wörtern festsetzen zu wollen, die eigentlich nur zwey verschiedene Mundarten eines und eben desselben Wortes sind; gerade so seltsam, als wenn man unter dem Hochdeutschen glauben und Nieders. löven einen Unterschied in der Bedeutung und Wortfügung einführen wollte. Daß däuchten und dünken einerley Wort sind, ist leicht zu erweisen; S. Denken und Dünken. Indessen scheinet däuchten die älteste Form zu seyn, weil sie nicht nur mit dem Griech. δοκειν, scheinen, sondern auch mit dem Latein. ducere, so fern es dafür halten bedeutet, überein kommt. Dünken ist bloß durch eine nieselnde Aussprache, die den Hauchlautern so gern ein n zugesellet, daraus entstanden. In dem Goth. thugkjan findet man schon unser dünken, wenn man es nach Art der Griechen durch die Nase ausspricht. Däuchten lautet im Nieders. duchten, dugten, und im Schwed. tycka.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1416-1418.
Lizenz:
Faksimiles:
1416 | 1417 | 1418
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Frau Beate und ihr Sohn

Frau Beate und ihr Sohn

Beate Heinold lebt seit dem Tode ihres Mannes allein mit ihrem Sohn Hugo in einer Villa am See und versucht, ihn vor möglichen erotischen Abenteuern abzuschirmen. Indes gibt sie selbst dem Werben des jungen Fritz, einem Schulfreund von Hugo, nach und verliert sich zwischen erotischen Wunschvorstellungen, Schuld- und Schamgefühlen.

64 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon