Klein

[1618] Klein, -er, -ste, adj. et adv. welches allemahl beziehungsweise gebraucht wird, ein geringeres Maß der Ausdehnung habend als ein anderer Körper; im Gegensatze des groß. Ein Ding ist kleiner als ein anderes, oder klein in Vergleichung mit einem andern, wenn es, ganz genommen, einem Theile des andern gleich ist. Dieses andere Ding wird entweder ausdrücklich genannt, in welchem Falle klein im Comparativo oder Superlativo stehet, kleiner als ein Sandkorn, der kleinste von uns, unter uns; oder es wird nicht ausdrücklich gesetzt, sondern als bekannt angenommen, und da stehet klein in der ersten Staffel und hat ein absolutes Ansehen, ob es gleich wirklich relativ ist; indem das Gewöhnliche seiner Art allemahl der Maßstab ist, der das klein und groß bestimmet, und auf welches sie sich beziehen. Ein kleiner Garten, der Garten ist nur klein, d.i. kleiner, wie die Gärten dieser Art gemeiniglich zu seyn pflegen.

1. Eigentlich.

1) Überhaupt, ein geringeres Maß der Ausdehnung habend, als ein anderes Ding, oder als gewöhnlich ist. Die Schweiz ist kleiner als Deutschland, Europa ist kleiner als Asien. Europa ist der kleinste Welttheil. Eine kleine Stadt, ein kleines Dorf. Ein kleines Feld, ein kleiner Wald, ein kleiner Berg. Der kleine Finger, der kleine Zeh, der kleinste. Etwas klein schneiden, in kleine Stücke schneiden. Klein stoßen, klein mahlen, klein reiben, klein machen. Klein machen wird im gemeinen Leben auch figürlich für umbringen, niedermachen, niederhauen gebraucht.


Zählt an den Fingern her, wie viel er klein gemacht,

Rost.


Die kleinen Propheten, dem Umfange des Raumes nach, welchen ihre Schriften in der Bibel einnehmen; im Gegensatze der großen. Der Mensch, die kleine Welt. Klein Asien, klein Pohlen. Ein kleiner Raum. Kleine Vögel, bey den Jägern, alle Vögel, welche kleiner sind als die Zipp- und Weindrossel. Das kleine Weidwerk, welches zur niedern Jagd gehöret. Klein Geld, im gemeinen Leben, einzelnes Geld, Münze; im[1618] Gegensatze des harten, ganzen, oder groben Geldes. Auch in Gestalt eines Hauptwortes. Im Kleinen handeln, dem Maße und Gewichte nach, seine Waaren in kleinern Quantitäten verkaufen. Im Kleinen arbeiten, kleine, subtile Arbeit machen. Die Wohnung seines Geistes, sein Körper ist eine ganze Welt im Kleinen, Gell.


Ein herrlicher Garten,

Den die erfindsame Kunst für ihn ins Kleine gezogen,

Zachar.


Das Klein oder das Kleine, bey den Fleischern und in den Küchen, die Nebentheile geschlachteter Thiere, das Hasenklein u.s.f. In der Landwirthschaft werden die Ähren und Stürzel, welche sich von den Garben abgerüttelt haben, oder im Dreschen abgeschlagen worden, das Kleine genannt. Ein kleines kleines Körnchen, in der vertraulichen Sprechart, für sehr klein; im Oberd. winzig klein, puter klein.

2) In engerer Bedeutung. (a) Der Ausdehnung in der Länge nach in einigen Fällen, für kurz. Kleine Schritte machen. Eine kleine Meile. (b) Der Ausdehnung in der senkrechten Höhe nach. Ein kleiner Baum. Ein kleiner Mensch. Kleine Leute. Klein von Person, von Statur. Ein kleines kleines Männchen, sehr kleines. (c) Der Dicke nach, für dünn, fein, zart, subtil, im Gegensatze des grob; doch nur in einigen Fällen, und zwar am häufigsten im Niederdeutschen. Kleines Brot, im Nieders. für feines Brot. Kleines Barn, kleine Leinwand, klein spinnen, für fein. Kleiner Draht, dünner, feiner Draht, S. Kleindrahtzieher, Kleinod, Kleinschmid. Haarklein, so zart wie ein Haar. Im Schwedischen in dieser Bedeutung gleichfalls klen. Im figürlichen, aber nunmehr veralteten Verstande, für subtil, scharfsinnig, kommt es oft bey dem Ottfried vor.

2. Figürlich.

1) Unerwachsen. Kleine Kinder haben. Die Kleinen, d.i. die kleinen unerzogenen Kinder. Etwas Kleines haben, oder bekommen, von einem Kinde entbunden werden. Von klein auf, von Kleinen auf, von Kindheit an. Die sah von kleinen auf immer einem Affen ähnlicher als wie ihnen, Weiße.

2) Der Zeit, der Dauer nach; nur in einigen Fällen, für kurz. Eine kleine Stunde, im Gegensatze einer starken. Eine kleine Zeit, eine kleine Weile, ein kleiner Augenblick. Vor einer kleinen Weile. Das biblische über ein Kleines Joh. 16, 16 für in kurzer Zeit, ist im Deutschen ungewöhnlich. 3) Der Zahl, der Menge nach, aus wenig Theilen oder einzelnen Dingen bestehend. Eine kleine Anzahl. Ein kleines Gefolge haben. Eine kleine Summe Geldes. Ein kleiner Vorrath von Obst. Das kleine Hundert, das kleine Tausend, im Gegensatze des großen Hundert, des großen Tausend, S. Groß. Der kleine, kleinere oder engere Rath, im Gegensatze des größern. Ingleichen als ein Nebenwort mit dem unabänderlichen Beyworte wenig. Ein klein wenig Geduld. Er befindet sich ein klein wenig besser. Gib mir ein klein wenig davon.

4) Der Beschaffenheit nach, wenig Grade der innern Stärke habend. Eine kleine Freude. Ich wollte ihnen gern ein kleines Vergnügen machen. Ein kleiner Verlust. Ein kleines Lob. Ein kleines Glück. Ein kleiner Gelehrter, ein kleiner Mahler, der wenig Fähigkeiten besitzet. Ein kleines Licht. Ein kleiner Gewinn. Ein kleines Geschenk.

Ein kleiner Stolz kämpft noch mit deiner Zärtlichkeit, Gell. S. Kleingläubig, Kleinmuth. So wie groß im entgegen gesetzten Verstande in dieser Bedeutung nicht ohne Einschränkung[1619] gebraucht werden kann, so gilt dieses auch von dem Worte klein, indem in manchen Fällen nur allein schwach, geringe u.s.f. üblich sind.

5) Der Wichtigkeit, der Menge und Beschaffenheit der Folgen, dem Werthe nach, und darin gegründet. Kleine Leidenschaften, kleine Tugenden, kleine Laster, welche von wenigen und geringen Folgen sind. Ein kleiner Verstand. Kleine Gefälligkeiten. Der Kinder kleine Zwiste schlichten. Kleine Begebenheiten. Einen kleinen Anfang machen. Ein kleiner Stolz, der sich auf geringe, unerhebliche Vorzüge gründet. Ich habe eine kleine Bitte an sie. Kleine Seelen, welche sich mit kleinen, unerheblichen Dingen beschäftigen. Der kleine Krieg, der bloß durch streifende Parteyen und unter denselben geführet wird. Das gehet sehr in das Kleine. Wer das Kleine nicht begehrt, ist des Großen nicht werth. Im Kleinen treu seyn.

6) Dem Vorzuge vor der Menge nach. (a) Dem äußern Stande, der Würde nach, im Gegensatze des groß; wo es doch nur selten für geringe gebraucht wird. Die Großen und Kleinen, die Vornehmen und Geringen. (b) Den innern Vorzügen, den innern Eigenschaften nach. Klein denken, sich in seiner Art zu denken noch nicht der gewöhnlichen nähern. Ein kleiner Geist, eine kleine Seele.

Ha diese kleine Furcht steht Männern gar nicht an, Weiße. (c) Nach einer noch weitern Figur, verächtlich; doch nur in einigen Fällen. Sehr klein von jemanden denken, urtheilen, sprechen. Das Laster denkt darum klein von Gott, weil es keinen Anspruch auf seine Güte wagen darf, Gell. Siehe Verkleinern.

Anm. Bey dem Notker und Willeram chlein, im Schwabenspiegel clain, im Nieders. kleen, im Schwed. klen. Das k ist ein Vorsatz oder vielmehr ein bloßer müßiger Vorschlag. Das Stammwort ist noch in dem Nieders. leen, Angels. laene, hlaene, Engl. lean, mager, und in der Hochdeutschen verkleinernden Endung lein vorhanden. S. -Lein. In den Mundarten gibt es noch verschiedene andere Wörter den Begriff des klein in dessen eigentlichen Bedeutung auszudrucken. Dahin gehören das Oberdeutsche winzig, (S. Wenig,) das Baierische putzlich, klein und dick, Lat. pusillus, das Nieders. vöge, im Tatian fohe, im Angels. fea, im Engl. few, und das gleichfalls Nieders. lütt, lüttje, lüttik, bey dem Ulphilas leitil, bey den ältern Oberdeutschen lutzel, lüzzel, im Angels. lyt, im Griech. λιτος.

Es kann dieses Beywort in der eigentlichen Bedeutung, so wie groß, mit allen Beschaffenheitswörtern zusammen gesetzet werden, in welchen die Sache es verstattet, selbst mit solchen, welche außer der Zusammensetzung nicht üblich sind; kleinährig, kleine Ähren habend, kleinblümig, kleine Blumen habend, kleinblätterig, kleinsamig, kleinäugig, kleinfüßig, kleinköpfig, und tausend andere mehr, deren Anführung hier wohl niemand erwarten wird.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 1618-1620.
Lizenz:
Faksimiles:
1618 | 1619 | 1620
Kategorien:

Buchempfehlung

Spitteler, Carl

Conrad der Leutnant

Conrad der Leutnant

Seine naturalistische Darstellung eines Vater-Sohn Konfliktes leitet Spitteler 1898 mit einem Programm zum »Inneren Monolog« ein. Zwei Jahre später erscheint Schnitzlers »Leutnant Gustl" der als Schlüsseltext und Einführung des inneren Monologes in die deutsche Literatur gilt.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon