Pferd, das

[724] Das Pfrd, des -es, plur. die -e, Diminut. das Pferdchen, Oberd. das Pferdlein, ein vierfüßiges einhufiges Thier mit aufgerichteten Ohren und langen Schwanzhaaren, welches eines der vornehmsten zahmen Thiere ist, und vornehmlich zum Ziehen und Lasttragen gebraucht wird. 1) Eigentlich. Ein zugerittenes, noch nicht zugerittenes Pferd. Pferde halten. Mit vier Pferden fahren. Die Pferde anspannen, ausspannen. Die Pferde wechseln, frische Pferde nehmen. Mit untergelegten (d.i. frischen) Pferden reisen. Ein schönes Pferd reiten. Gut zu Pferde sitzen. Zu Pferde kommen, geritten. Sich zu Pferde setzen, auf das Pferd steigen. Zu Pferde dienen, unter der Reiterey. Zu Pferde fechten. Von dem Pferde steigen, absitzen. Das Pferd satteln. Dahin auch die im gemeinen Leben üblichen sprichwörtlichen R.A. Sich von dem Pferde auf den Esel setzen, sich oder seinen Zustand verschlimmern. Die Pferde hinter den Wagen spannen, eine Sache verkehrt anfangen. Einem geschenkten Pferde muß man nicht in das Maul sehen, dessen Alter zu erforschen, d.i. ein Geschenk muß man nicht zu genau untersuchen. Pferde, die den Hafer verdienen, bekommen ihn nicht. Trauwohl ritt das Pferd weg, sagt man, wenn man von jemanden, in welchen man ein zu großes Vertrauen gesetzt hatte, hintergangen wird. Auf dem fahlen Pferde betroffen werden, über einer Lügen, in einem Irrthume betroffen werden, seine Schwäche verrathen; eine R.A. welche einige, obgleich mit geringer Wahrscheinlichkeit, aus Offenb. 6, andere eben so gezwungen von Belisario herleiten, welcher in den Schlachten ein fahles Pferd geritten, und daher leicht von den Feinden erkannt worden. Ingleichen die Zusammensetzungen, ein Ackerpferd, Dienstpferd, Lehenpferd, Kutschpferd, Reitpferd, Zugpferd, Postpferd, Handpferd, Sattelpferd, Jagdpferd, Trauerpferd, Freudenpferd[724] u.s.f. 2) Figürlich verstehet man unter Pferd zuweilen ein berittenes Pferd, d.i. das Pferd und seinen Reiter. Ein Commando von hundert Pferden ausschicken, von hundert Reitern. Mit zehen Pferden kommen, mit zehen zu Pferde sitzenden Personen.

Anm. 1. Bey dem Königshofen Pferit, im Nieders. Peerd. Der Nahme ist alt, ob er sich gleich in unsern ältesten Denkmählern nicht findet. Das Lat. Veredus, ein Postpferd, ist genau damit verwandt, obgleich Festus glaubte, daß es diesen Nahmen daher habe, quia rhedam vehit. Auch im Arabischen bedeutet Faras ein Pferd, und selbst Persien, welches in der gelehrten Sprache von Indostan Pharis oder Pharistan heißt, soll seinen Nahmen daher haben, und so viel als das Land der Pferde bedeuten. Wachter und andere leiten diesen Nahmen von bären, tragen, oder fahren her, weil man doch die Pferde von den ältesten Zeiten an zu diesen beyden Verrichtungen gebraucht hat. Allein es scheinet vielmehr die diesem Thiere, besonders in seinem wilden Zustande eigenthümliche Schnelligkeit der Grund seiner Benennung zu seyn, da denn das Wort gleichfalls von fahren abstammen würde, doch nur, so fern es sich schnell bewegen bedeutet. Die gleichbedeutenden Wörter in der Deutschen und andern Sprachen leiden eine ähnliche Ableitung; wie Roß von reisen, reißen, das Schwed. Haest von hast, hastig, das Engl. Horse von hurtig, das Schwed. Skjut von dem Isländ. skiott, schnell, und unserm schießen, das Lat. Equus, Isländ. Eikur, Schwed. Ök, Dän. Og, alle in der Bedeutung eines Pferdes, von dem Griech. ωκυς, schnell, hurtig, das Griech. ἱππος, Schwed. Hoppa, von hüpfen u.s.f. Das e ist in diesem Worte gedehnt, obgleich ein doppelter Mitlauter folgt, welchen Umstand es mit zart, Quarz, Werth, Vogt, Trost, stets, Schwert, und hundert andern gemein hat; woraus zugleich erhellet, daß die Wurzel fahren, oder ein ähnliches Wort mit einem gedehnten Vocale, das d aber ein bloßer alter Ableitungslaut ist. In vielen der folgenden Zusammensetzungen bedeutet das mit Pferd- zusammen gesetzte Wort, ein schlechtes geringeres Ding seiner Art, welches nur für Pferde brauchbar ist, zum Unterschiede des bessern, dessen sich auch die Menschen bedienen. In andern hingegen bedeutet es auch das größte seiner Art, (S. Pferdeameise, Pferdenuß u.s.f.) welches die Ableitung derer wahrscheinlich macht, welche Pferd, Bär, Farr u.s.f. für allgemeine Benennungen eines jeden großen Thieres halten.

Anm. 2. Pferd ist in ganz Deutschland der allgemeine Nahme dieses Thieres, welcher dessen Alter, Geschlecht und übrige Beschaffenheit unentschieden läßt, für welche die Deutsche Sprache eine Menge eigener Nahmen hat. Ich will die vornehmsten, veralteten so wohl als noch gangbaren, so wie sie mir einfallen, hier hersetzen, ohne mich doch bey den eigentlichen Zusammensetzungen, wie Zugpferd, Reitpferd u.s.f. aufzuhalten. Diejenigen, welche von dem Reichthume der Arabischen und anderer fremden Sprachen aus einem so hohen Tone reden, mögen sehen, ob sie den Reichthum der Deutschen aufwiegen können. Statt des allgemeinen Nahmens Pferd sind in einigen Gegenden auch Mähre, Gaul und Roß üblich, ob sie gleich im Hochdeutschen zuweilen andere Bestimmungen bekommen. Im Scherze gebraucht man auch zuweilen das aus dem Französischen oder mittlern Lateine entlehnte Caball. Für Roß sagte man ehedem auch Ors, und in einigen Niedersächsischen Gegenden, z.B. im Saterlande und in Mecklenburg, heißt ein jedes Pferd Hest und Hangst, welches mit dem Schwed. Haest, Isländ. Hestr, ein Pferd, überein kommt. In andern Niedersächsischen Gegenden, z.B. im Bremischen, ist Page die allgemeine Benennung eines Pferdes. Eben so zahlreich sind die Nahmen für besondere Umstände.[725]

1) In Ansehung des Alters. Ein junges noch nicht ausgewachsenes Pferd heißt im Hoch- und Oberdeutschen ein Füllen, in Niederdeutschland ein Fohlen, in Franken Hankerlein, in andern Gegenden Bickartlein, Heinsel, Heißerle, Hüßchen, Hutschela, Kudel, Motschele, Statte, Watte, Wuschel.

2) In Ansehung des Geschlechtes. Ein ungeschnittenes Pferd männlichen Geschlechtes heißt Hengst, und wenn er zur Fortpflanzung seines Geschlechtes bestimmt ist, ein Bescheler, Zuchthengst, Reithengst u.s.f. in Niedersachsen Stötter, Stößer, ehedem in Baiern auch Maiden. Ein Pferd weiblichen Geschlechtes, Stute, Mutterpferd, Wilde, Gurre, Kobbel, Mähre, Motsche, Strenz, Struke, Töte. Ein geschnittener Hengst, Wallach, Meiden, Heiler, Rune, Reuß.

3) In Ansehung der Größe. Bey dem Dasypodius heißt ein kleines Pferd Bickartlein; in manchen Gegenden ist dafür Nickel, Grämlein, Schnak, Knuter üblich.

4) In Ansehung der Farbe. Rappe, ein schwarzes Pferd; Schimmel, ein weißes, mit seinen Abänderungen, Schwarzschimmel, Rothschimmel, Fliegenschimmel, Apfelschimmel, Spiegelschimmel u.s.f. Fuchs, ein röthliches Pferd, mit seinen Unterarten Rechtfuchs, Lichtfuchs, Schweißfuchs, Rothfuchs; Falbe, ein fahles, und Schecke, ein geschecktes Pferd. Ein röthliches Pferd, welches aber noch nicht den Nahmen eines Fuchses verdienet, heißt in Niedersachsen Räutke, von raut, roth.

5) Der Güte nach. Ein schlechtes, elendes Pferd heißt im gemeinen Leben eine Gurre, (bey den Schwäbischen Dichtern Gurru,) eine Kracke, eine Mähre, im Nieders. Zöre, anderwärts Page, Roller, Zagge. Graman kommt im 16ten Jahrhunderte in Oberdeutschland von einem alten magern Pferde vor, und im mittlern Lat. ist Mannus ein jedes Pferd. Mähre, welches jetzt nur noch von einem schlechten Pferde gebraucht wird, war ehedem, wo es March lautete, der Nahme eines Kriegs- und Paradepferdes, S. Marschall. Roller und Strenz sind im Oberdeutschen noch hin und wieder gangbare Nahmen eines alten elenden Pferdes, so wie Tscheker oder Scheker in Liefland. Ein Pferd von der schlechtesten Art heißt in den alten Baierischen Gesetzen Angargnaco, und ein mittelmäßiges Vulz. Hornegk gebraucht Runczin, Franz. Roncin, in einigen Oberdeutschen Gegenden noch jetzt Rung, von einem gewöhnlichen mittelmäßigen Pferde.

6) Dem Gebrauche nach. Ein nicht zugerittenes Pferd, welches zum gewöhnlichen schnellen Reiten gebraucht wird, heißt im Hochdeutschen ein Klepper, im Oberd. Rung, im Nieders. Ridder. Ein gewöhnliches Reitpferd im Nieders. Rittling, im Salischen Gesetze Chanco. Ein Paradepferd oder Paradeur bey dem Hornegk Pranczel, von prangen. Ein Thurnier- und Kriegspferd im dreyzehnten und vierzehnten Jahrhunderte Raveit, Runczin, Orz, Ors, Roß, Schwed. Hors. Ein Pferd, welches zum Lasttragen gebraucht wird, im Oberd. ein Saumer, Saumpferd, Saumroß. Ein Pferd, welches den Zelt oder Paß gehet, Zelter, Paßgänger.

7) Noch von einigen andern Umständen. Rammesnäse, Rammeskopp sind Niedersächsische Benennungen eines Pferdes mit einer krumm gebogenen Bocksnase, Engl. Ramshead, von Ramm, ein Bock. Einer der Schwäbischen Dichter nennet ein dummes Pferd Muser, Muzer, vielleicht Matz, Mutz. Wildfang ist ein in der Wildniß auferzogenes noch nicht gezähmtes Pferd, und ein noch nicht zum Reiten oder Fahren abgerichtetes zahmes Pferd heißt in einigen Oberdeutschen Gegenden Strietze. Mengeling ist im Nieders. ein Pferd, welches von verschiedenen Rassen gefallen ist. Krippenbeißer, Kopper, Barngrolzer, Kollerer u.s.f. sind mit gewissen Untugenden behaftete Pferde, wie Speckhals,[726] Schwanenhals u.s.f. Eigenschaften in dem Baue des Körpers bezeichnen. Wer Lust hat, kann mit ein wenig Mühe dieses Verzeichniß leicht verdoppeln.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 724-727.
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