Spielen

[199] Spielen, verb. regul. act. & neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt. Es ist, so wie alle Zeitwörter, eigentlich eine Onomatopöie, welche sowohl den Laut der Stimme, als auch den mit gewissen leichten Bewegungen verbundenen Laut nachahmet, und hernach, nach einer sehr gewöhnlichen Figur, diese und andere ähnliche Bewegungen selbst ausdrückt.

1. Als ein unmittelbarer Ausdruck eines gewissen Lautes, wo es mit bellen verwandt ist.

(1) * Von der menschlichen Stimme, für reden, sprechen; eine jetzt veraltete Bedeutung, wohin das Angels. spellan und Ißländ. spialla, erzählen, das Engl. to spell, buchstabieren, und ohne Zischlaut auch das Lat. pellare, in appellare; compellare und interpellare gehören.

(2) Von dem harmonischen Laute sowohl der menschlichen Stimme, als auch musikalischer Werkzeuge. Von der menschlichen Stimme ist es gleichfalls veraltet, doch scheinet das Griech. ψάλλειν, singen, mit dieser Bedeutung verwandt zu seyn. Jetzt bedeutet es nur noch harmonische Klänge auf einem musikalischen Instrumente hervor bringen. Auf der Violine, auf der Orgel, auf dem Flügel, auf dem Claviere u.s.f. spielen, wo es doch nur von gewissen sanft klingenden Instrumenten gebraucht wird, denn von Trompeten, Posaunen, Pauken, Trommeln und andern stark klingenden Werkzeugen gebraucht man dieses Zeitwort nicht gern; woraus bey nahe zu erhellen scheinet, daß spielen in dieser Bedeutung zunächst nicht sowohl den Klang, als vielmehr die leichte schnelle Bewegung der Finger oder Hände ausdruckt, da es denn zur folgenden Bedeutung gehören würde. Wenn das musikalische Instrument in der vierten Endung mit diesem Zeitworte verbunden wird, die Laute, die Violine, die Flöte, das Clavier u.s.f. spielen, so bedeutet solches nicht allein, gegenwärtig harmonische Laute auf diesen Instrumenten hervor bringen, sondern auch überhaupt, Fertigkeit besitzen, auf diesen Instrumenten harmonische Klänge hervor zu bringen. Gut, schlecht, vortrefflich spielen. Ein Lied, eine Menuet u.s.f. spielen. Eine Spieluhr spielen lassen.

(3) * Lärmen, ein Getöse machen, eine veraltete Bedeutung, von welcher in einigen gemeinen Mundarten noch das Zeitwort spalken übrig ist, welches lärmen, rasen, in Preußen aber scherzen bedeutet.

2. Als eine Nachahmung des mit gewissen Bewegungen verbundenen Lautes, da es denn diese Bewegungen selbst bezeichnet.

(1)Von gewissen heftigen Bewegungen, da es mit fallen, wälzen, βάλλειν, pellere, u.s.f. verwandt ist. Io spilota in theru muater, und hüpfte in der Mutter Leibe, Ottfr. Es ist in dieser Bedeutung nur noch in einigen Fällen üblich. So sagt man, eine Mine spielen lassen, für springen. Mit Mörsern auf eine Festung spielen, für schießen. Ein Gang, unter welchem die Sturmböcke gegen die Mauer spielten.

(2) Von gewissen leichten und freyen Bewegungen, deren eigentlicher Ausdruck dieses Zeitwort zu seyn scheinet. Die Lat. Veles, velox, volare u.s.f. sind damit verwandt.

(a) Eigentlich. Das Pferd spielt mit der Zunge, mit dem Gebisse, wenn es dieselben häufig und frey beweget. Die Fahne spielen lassen, fliegen. Sanft spielt ein leichter Wind auf dem vergoldten Teich, Willam. Der Henker spielet ein gutes Rad, wenn er es leicht und geschickt zu führen weiß. In der Mechanik wird dieses Zeitwort sehr häufig von der freyen ungehinderten Bewegung eines Körpers in einem bestimmten Raume gebraucht. Die Zapfen des Rades oder der Welle spielen in ihrer Pfanne, wenn sie sich frey in derselben herum drehen. Das Riedblatt muß in der Lade des Webers spielen (beweglich seyn),[199] weil es sonst zerbricht. Dahin gehören allem Ansehen nach auch die figürlichen Ausdrücke, Jemanden etwas in die Hand, aus der Hand spielen, es ihm auf eine behende, unmerkliche Art in die Hand, aus der Hand bringen. Eine Sache ins Weite spielen, sie zu verlängern suchen. Er sucht es dahin zu spielen, daß u.s.f. es dahin zu bringen. Einen frommen Betrug, jemanden eine List, einen Possen, einen bösen Streich spielen. Bankerott spielen, machen. Wenn er bankrott gespielt, so wird mein Gut noch währen, Opitz. Wo es doch in einigen Fällen auch eine Figur der folgenden Bedeutung seyn kann.

(b) In engerer Bedeutung ist spielen, eine Bewegung und in weiterm Verstande eine Beschäftigung zum Zeitvertreib oder zur Ergetzung vornehmen.

ά) Überhaupt, wo es doch, so wie Spiel, nur von solchen Beschäftigungen dieser Art üblich ist, welche keinen eigenen und besondern Nahmen haben. Mit den Fingern, mit einem Papiere, mit einem Stäbchen spielen, mit einem jungen Hunde spielen. Kannst du mit dem Leviathan spielen, wie mit einem Vogel: Hiob 40, 24. Die wilden Thiere spielen, V. 15. Das Kind spielt mit der Puppe. Aus der Tasche spielen, wunderbar scheinende Veränderungen durch die Geschwindigkeit der Bewegung und vermittelst einer Tasche hervor bringen. S. Taschenspieler. Mit jemanden unter dem Hütlein, unter dem Mäntellein spielen, figürlich, in einer bösen Sache mit ihm einverstanden seyn, eine von einer ehemaligen Art betrüglicher Taschenspiele hergenommene Figur. Im gemeinen Leben wird es auch noch häufig für scherzen gebraucht, daher sagt man auch figürlich, mit der Religion, mit einem Eide, mit der Tugend spielen, sie als bloß zur Belustigung erfundene Dinge behandeln. Nach einer andern Figur, wo der Begriff der Belustigung verschwindet, und dagegen der Begriff der Mannigfaltigkeit merklich hervor sticht, sagt man, die Natur spiele, wenn sie zufällige Veränderungen unter den Geschöpfen hervor bringet, S. Spielart und Naturspiel. Das Glück spielet oft wunderlich, wenn es mannigfaltige Veränderungen hervor bringet. Die Weisheit Gottes spielet auf dem Erdboden, durch die Mannigfaltigkeit ihrer Werke und Veranstaltungen.

β) Besonders von einigen einzelnen Arten solcher bloß auf die Zeitverkürzung oder die Ergötzung abzielender Handlungen.

1. Gewisse durch Regeln bestimmte Handlungen dieser Art vornehmen, um von einem andern einen gewissen Vorzug oder Gewinnst zu erlangen. Der Nahme des Spieles stehet allemahl in der vierten Endung. Ein leichtes Spiel spielen. Zwey Spiele spielen. L'Hombre, Picket, Schach, Billiard u.s.f. spielen. Im Oberdeutschen auch wohl in der zweyten. Versteckens spielen, der blinden Kuh spielen. Das Werkzeug oder Hülfsmittel des Spielens erhält oft das Vorwort in. In der Karte, im Brete spielen. Seltener das Vorwort mit, mit Würfeln spielen, wofür man doch lieber würfeln sagt. Zuweilen stehet es auch in der vierten Endung. Kegel spielen, Ball spielen. Um Geld, um Pfänder spielen. Sehr hoch spielen, um vieles Geld. Falsch spielen, ehrlich spielen. Sich arm, sich reich spielen. In engerer Bedeutung ist in manchen, besonders einigen Kartenspielen, spielen dem passen entgegen gesetzet. Ich spiele nicht, sondern passe.

2. Menschliche Handlungen nach gewissen Regeln zur Belustigung anderer nachahmen. (1) Eine Komödie, eine Tragödie spielen. Heute wird nicht gespielet. Der Acteur ist krank, und kann nicht spielen oder mitspielen. Seine Rolle gut, schlecht spielen, auch figürlich von der Art und Weise des Betragens in einem übernommenen Geschäfte. In engerer Bedeutung[200] tung ist jemanden spielen, ihn in einem Schauspiele lächerlich machen. Schon Notker nennt das Schauspielhaus Spilehus. (2) Figürlich, wo es für vorstellen, seyn wollen, und zuweilen für wirklich seyn gebraucht wird. Den Herren spielen, einen Herren vorstellen, sich in seinem äußern Betragen, wie ein Herr geberden.


Kaum aus dem Flügelkleide spielt sie schon stolz die Dame,

Zachar.


Ich glaube, du spielst den Freygeist, Less. Es ist eine verwirrte Sache, bey der ich eine sehr ungewisse Person spiele, Gellert.

(3) Figürlich wird spielen auch häufig von glänzenden Körpern gebraucht, wenn sie die Lichtstrahlen auf eine dem Anblicke nach bewegliche Art zurück werfen. Geschiehet dieses Zurückwerfen in einem hohen Grade, so daß zugleich das Bild der umstehenden Gegenstände mit vorgestellet wird, so wird solches durch das intensive spiegeln ausgedruckt. Dein spilnder augen glast, der von Gliers. Der Demant spielet schön. Ein spielender Glanz. Besonders wenn die zurück geworfenen Lichtstrahlen mehrere Farben zeigen.


Des Körpers seidner Anzug spielt

Bunt, wie ein Taubenhälschen,

Weiße.


Wie spielt die schöne Blase nicht

So bunt am goldnen Sonnenlicht!

Weiße.


In welchem Verstande es denn auch wohl von Körpern gebraucht wird, welche eben keine glänzende Oberfläche haben. Die Farbe spielt ein wenig in das Gelbliche. Das Niedersächsische spelder nij, völlig neu, gehöret vermuthlich auch hierher, so daß es mit dem Hochdeutschen funkel neu gleich bedeutend ist.

So auch das Spielen, denn das Hauptwort die Spielung ist nicht üblich.

Anm. Im Nieders. spelen, im Schwed. spela. Daß die Onomatopöie des Lautes hier die erste und eigentlichste Bedeutung ist, erhellet unter andern auch aus andern Sprachen. So ist z.B. das Lat. ludere mit unserm Laut und lauten verwandt, und wird in allen Bedeutungen unsers Spielens gebraucht, außer in der letzten des Glanzes nicht. In dieser ist indessen die Figur sehr begreiflich, indem eine spielende Oberfläche die Lichtstrahlen wirklich auf eine bewegliche Art zurück wirft. In dem Oberd. kostspielig, kostbar, viele Kosten verursachend, gehöret die letzte Hälfte nicht hierher, sondern zu spielen, jetzt spillen, verspillen, verschwenden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 199-201.
Lizenz:
Faksimiles:
199 | 200 | 201
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Weiße, Christian Felix

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Brüder Atreus und Thyest töten ihren Halbbruder Chrysippos und lassen im Streit um den Thron von Mykene keine Intrige aus. Weißes Trauerspiel aus der griechischen Mythologie ist 1765 neben der Tragödie »Die Befreiung von Theben« das erste deutschsprachige Drama in fünfhebigen Jamben.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon