Voll

[1227] Voll, adj. et adv. voller, volleste, in einigen gemeinen Mundarten, völler, völleste. Es bedeutet, so viel von einem andern Dinge enthaltend, als es nur fassen kann, als der Raum nur verstattet, angefüllet; im Gegensatze des leer.

1. Eigentlich. Ein volles Glas, welches mit einem andern Dinge angefüllet ist. Ein voller Becher. Ein voller Beutel, der mit Gelde angefüllet ist. Mit vollem Munde sprechen, indem der Mund mit Speisen angefüllet ist. Mit vollem Munde loben, auf eine übertriebene, unmäßige Art. Jemanden ein volles Maß geben. Ein volles (mit Milch angefülltes) Euter. Volle Ähren. Das volleste Gefäß. Ingleichen in der Adverbial-Form. Das Glas ist voll. Der Beutel ist noch lange nicht voll. Den Mund sehr voll nehmen. Wenn sich die Töne nach der Tiefe wenden, so muß der Sänger den Mund immer voller nehmen. Die Summe ist noch nicht voll. Das Hundert war schon mehr als voll. Die Schatzkammer ist jetzt voller, als sie jemahls gewesen.

Voll beziehet sich, es mag als ein Beywort, oder als ein Nebenwort stehen, vermöge seiner Bedeutung, allemahl auf denjenigen Körper, welcher mit etwas angefüllet ist. In den vorigen Fällen war dieses Etwas verschwiegen, weil es leicht aus dem Zusammenhange ersehen werden konnte. Allein, in vielen Fällen muß es ausdrücklich gemeldet werden, und alsdann hat das Wort voll manches Besondere.

Es geschiehet solches entweder vermittelst der Partikel von. Das Glas ist voll von Bier. Das Haus war voll von Menschen. Voll von hochmüthigen Gedanken, Mosh. Doch diese Form wird jetzt selten mehr gebraucht, außer, wenn die ganze Redensart elliptisch oder in Gestalt eines Mittelworts stehet. Voll von einer unaussprechlichen Freude – kamen wir auf unser Zimmer. Oder, wenn das voll hinter das Nennwort gesetzt wird, welches besonders in der höhern und dichterischen Schreibart üblich ist. Er hat den Kopf von meinen Blattern voll, Weiße. Von Wein und Liebe voll, Raml.

O seht, ein großer Topf von lauter Golde voll, Gell.

Ingleichen in solchen Fällen, wo schon die Wortfügung das voll hinter das Nennwort wirft. Die Erzählung dieser Begebenheiten, von welchen ich ganz voll war, mußte ich aufschieben.

Zuweilen mit Auslassung des Vorwortes von, so daß das Nennwort in der dritten Endung stehen bleibet. Blicke voll göttlichem Tiefsinn, Klopfst.


Ich weiß es, deine Tugend

Hebt sich voll edlem Flug weit über deine Jugend,

Weiße.


Doch diese Art ist die seltenste, und gehöret mit zu den dichterischen Freyheiten.

Üblicher ist die zweyte Endung. Fol alles mannes, Ottfried. Voll Frevels, voll Ungeziefers, voll Lasters, voll Silbers und Goldes, voll Segens des Herrn, voll Traurens, voll Lachens u.s.f. in der deutschen Bibel. Die Erde ist voll deiner Güte, Ps. 33, 5. Weß das Herz voll ist, Matth. 12, 34. Andromache, voll ihres Verlustes und voll einer schrecklichen Zukunft, Jacobi. Daß wir einst voll heiligen Entzückens in dunkeln Hainen einher gehen, Geßn. Voll sanften Entzückens seufzte der Greis, eben ders. Voll der Begeisterung, die alle Bande der Natur zerreißt, Zimmerm. Voll neugieriger Erwartung an der Thüre stehen.


Sieh, die Blume richtet sich auf; voll blitzender Perlen,

Lacht sie schöner umher,

Zachar.


Und hängt voll lüsterner Begier

Bloß seinen Freuden nach,

Weiße.


Wo, besonders in der höhern Schreibart, das voll auch hinter den Genitiv tritt.

[1227] Denn er, mein treuer Knecht, gerechten Wandels voll,

Durch sein Erkenntniß viel rechtfertig machen soll,

Opitz.


Er öffnet eine Flasche Wein

Und läßt, des Giftes voll zu seyn,

Sich noch die zweyte reichen,

Haged.


Und alsdann mit dem Genitiv oft zusammen gezogen wird, Bey- und Nebenwörter zu bilden. Anmuthsvoll, segensvoll, sehnsuchtsvoll, mitleidsvoll u. s f.

In dem gewöhnlichen Sprachgebrauche der Hochdeutschen stehet das Hauptwort gemeiniglich ganz unverändert ohne alles Merkmahl des Genitivs, als wenn es die erste Endung wäre. Ein Beutel voll Geld. Eine Scheuer voll Getreide. Ein Glas voll Wasser. Der Hafen war ganz voll Schiffe. Das Meer ist voll Seeräuber, das Buch voll Irrthümer. Der Mund läuft ihm voll Wasser. Der Baum ist voll Früchte. Ein Arm voll Holz. Voll Erwartung saß ich da. Da sie so voll Schmerz sich aus meinen Armen losreißen. Daß in manchen Fällen hier ein wahrer Genitiv Statt findet, erhellet, wenn man dem Substantiv ein Beywort vorsetzt. Der Hafen war voll feindlicher Schiffe. Das Meer ist voll wilder Seeräuber, das Buch voll grober Irrthümer. Voll froher Erwartung. Aber in andern Fällen ist doch die erste, oder, wenn man will, die vierte Endung unleugbar; voll Geld, voll Holz. Die ganze Form ist indessen elliptisch, und verräth, daß von ausgelassen worden; ein Beutel voll von Geld, ein Arm voll von Holz. Sie findet auch nur alsdann Statt, wenn das Hauptwort kein Beywort bey sich hat. Hat es eines bey sich, so muß es entweder das von vor sich haben, oder im Genitiv stehen. Voll von froher Erwartung, oder voll froher Erwartung, nicht voll frohe Erwartung. Voll von süßem Weine, oder voll süßen Weines, nicht voll süßen Wein. Indessen lassen sich auch in dieser Form Zusammensetzungen machen: kummervoll, für kummersvoll, eine schauervolle Nacht.

Sehr häufig pflegt man in diesem Falle, wenn das Merkmahl des Genitivs an dem Nennworte fehlet, die Sylbe er an das voll zu hängen, voller. Voller Gnade und Wahrheit, Joh. 1, 4. Das Buch ist voller Irrthümer, das Meer voller Seeräuber, das Haus voller Ungeziefer. Der Mund lief ihm voller Wasser. Voller Schlaf seyn. Ein Mann voller Treue und Redlichkeit. Ein Leben voller Büberey. Voller Wunden seyn. Früchte voller Saft. Womit ich voller Blödigkeit so lange gezaudert habe, Gottsched. Der Himmel ist voller Gewitter.


Und voller Neubegierde schielt

Er bloß nach dem Gewinn,

Weiße.


Die Götter müßten ja

Die Erde voller Wälder machen,

Rost.


Da diese Sylbe die Stelle des Genitivs vertritt, oder vielmehr den Genitiv des folgenden Nennwortes anzeiget, so darf dieses kein neues Merkmahl des Genitivs haben; voller Betrug, nicht voller Betrugs. Eben so wenig kann dieses voller gebraucht werden, wenn das Hauptwort ein Beywort vor sich hat, weil dieses den Genitiv hinlänglich bezeichnet, daher er in voll entbehrlich ist, weil in mehrern Fällen nur Ein Merkmahl des Genitivs seyn darf. Volhynien und Podolien sind noch voller Russischer Truppen.


O Brutus, voller tiefen Sorgen

Seh ich dein Herz für Rom zertheilt,

Less.


Sind beyde gleich fehlerhaft, indem es voll Russischer Truppen und voll tiefer Sorgen heißen sollte. Die Erde ist voll deiner Güte, nicht voller deiner Güte.

[1228] Hieraus erhellet zugleich, daß dieses er an dem voll ein wahres Überbleibsel des Articulus postpositivus ist, welcher ehedem in der Deutschen Sprache häufiger gebraucht wurde, als jetzt, ob er gleich noch nicht ganz veraltet ist. Da dieser Artikel unsern Sprachlehrern unbekannt ist, so ist es kein Wunder, daß sie nicht wissen, was sie aus diesem voller machen sollen, und wenn ja einige auf die Spur kamen, so stießen sie sich daran, daß voller sowohl vor männlichen als weiblichen Hauptwörtern gebraucht wird. Indessen ist dieser ganze Gebrauch des voller mehr der gemeinen und vertraulichen Sprechart eigen, als der edlern, in welcher man denselben am sichersten vermeidet.

Aus allem, was bisher von diesem Worte gesagt worden, siehet man, daß voll nur alsdann als ein eigentliches Beywort gebraucht wird, wenn dasjenige, womit ein Raum angefüllet ist, verschwiegen wird. Ein voller Becher. Soll dasjenige, womit der Raum angefüllet ist, ausgedruckt werden, so muß das Wort in der Adverbial-Form stehen. Ein Becher voll Wein oder voll Weins, nicht ein von Wein voller Becher. Eben so fehlerhaft ist, wenn einige Neuere in der höhern Schreibart ein von Kummer volles Herz sagen, wo sie sich allenfalls mit der Zusammensetzung hätten helfen können, ein kummervolles Herz.

Da dasjenige, womit etwas angefüllet ist, seiner Menge nach unbestimmt ist, so leidet voll auch keinen bestimmten Artikel nach sich. Voll Güte des Herren, nicht voll der Güte des Herren. Wohl aber das Fürwort; voll der Güte des Herren, welche ich erfahren habe.

2. In einigen figürlichen Bedeutungen, von welchen auch die meisten der vorigen Anmerkungen gelten. (1) Für betrunken, doch nur in den harten und niedrigen Sprecharten. Ein voller Mensch, ein trunkener. Sich voll trinken. Jemanden voll machen. Voll werden. Voll seyn. Blindvoll, blitzvoll, hagelvoll, in den niedrigen Sprecharten, im hohen Grade betrunken. (2) Einen hohen und doch nicht übertriebenen Grad der Ausdehnung, den zur Vollständigkeit gehörigen Grad der Ausdehnung habend, nur in einigen Fällen, wie vollkommen. Volle Hände, runde, fleischige Hände. Eine volle Brust, eine vollkommne, gewölbte.


Sein Angesicht ist voll und rund,

Weiße.


S. auch völlig. (3) In noch weiterm Verstande, alle zur Vollständigkeit gehörige Theile, sein gehöriges Maß und die gehörige Zahl habend; ganz. S. auch Völlig. Die Summe ist noch nicht voll. Einen unwichtigen Ducaten für voll ausgeben. Es hat sein volles Gewicht. Der volle Mond oder Vollmond. Der Mond ist noch nicht voll. Ich habe dir ein volles Jahr Zeit gelassen. Er haßt sie aus vollem Herzen, von ganzem Herzen. Im vollesten Wuchse standen die Bäume da, Geßn. Im vollen Laufe. Ich bin schon volle acht Tage hier. Einem volle (völlige) Genüge thun.


Doch wird die Zwietracht nicht in vollen Flammen lodern?

Weiße.


Die volle Mast, in der Landwirthschaft, zum Unterschiede von der halben, S. Mast. Ein voller Bogen, in der Baukunst, der einen halben Zirkel ausmacht, zum Unterschiede von einem gedruckten und flachen. Die volle Marter, in den Gerichten, die ganze Tortur, wo der Inquisit auf der Leiter ausgespannet wird. (4) Voll von etwas seyn, alle Empfindungen, alle Kräfte des Geistes damit beschäftigen und solches äußern. Er war ganz voll von dieser Begebenheit, sie beschäftigte seine ganze Seele. So auch ein volles Herz, das ganz von Empfindungen Einer Art beschäftigt wird. Es überwältigte mich die Bewegung eines zu vollen Herzens. Mein Herz ist voll, es kann seine Fülle nicht mehr fassen, Dusch.

[1229] Anm. 1. Dieses Wort wird mit allerley Redetheilen zusammen gesetzt, und nimmt seine Stelle alsdann sowohl vorn als hinten; letzteres nur allein mit solchen Hauptwörtern, sehnsuchtsvoll, kummervoll, wehmuthsvoll u.s.f. welche den Gegenstand oder die Materie der Fülle bezeichnen, ersteres aber auch mit andern Arten von Wörtern, S. sie im folgenden. Wenn es mit Zeitwörtern zusammen gesetzt wird, so wirft es seinen Ton auf das Zeitwort, und wird zur so genannten untrennbaren Partikel, welche ihre Stelle vor dem Zeitworte unverändert behält, und daher auch kein Augment leidet. Vollênden, vollbríngen, vollfǘhren, ich habe volléndet, vollbracht u.s.f. Nur hüte man sich, nicht solche Redensarten für Zusammensetzungen zu halten, welche keine sind, sondern wo voll das gewöhnliche Nebenwort ist. Ein Glas voll gießen, etwas voll machen, voll füllen, voll seyn, voll werden u.s.f. sind keine Zusammensetzungen, theils, weil hier sowohl das Neben- als auch das Zeitwort seinen eigenen vollständigen Ton hat, theils auch, weil die Bedeutung ganz einfach und nichts weniger als elliptisch oder figürlich ist. Daher folgt das Nebenwort in der Conjugation auch der gewöhnlichen Regel: ich mache voll, bin voll gewesen. Gottsched und andere Sprachlehrer geben es hier sehr irrig für eine trennbare Partikel aus; da doch hier keine Zusammensetzung Statt findet, sondern voll ein Nebenwort von der gewöhnlichen Art ist.

Anm. 2. Dieses alte Wort lautet schon bey dem Ulphilas fulls, bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen full, im Nieders. vull, im Angels. ful, im Ißländ. follin, im Griech. βυλλος. Aus dem doppelten l erhellet, daß es ein Intensivum von viel ist, und eigentlich den Laut einer sehr wühlenden Menge ausdrückt. Das Nieders. vull bedeutet sowohl voll als viel. In den Slavonischen Mundart heißt voll plne, plny, poln, welches die Verbindung unsers voll mit dem Latein. plenus zu bezeichnen scheinet. Die älteste Schreibart dieses Wortes ist freylich foll; indessen ist das f schon sehr frühe mit dem v vertauschet worden, welches nunmehr allgemein ist; ob man gleich das f in dem Hauptworte Fülle und dem Zeitworte füllen beybehalten hat, S. dieselben.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1227-1230.
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