Herder, Johann Gottfried

[261] Herder, Johann Gottfried, 1744-1803, der bekannte Dichter, ist auch als Philosoph von Bedeutung. In Königsberg hörte er bei Kant Vorlesungen und er äußerte sich später sehr günstig über Kants Wirken; noch später aber trat er dem Kritizismus und Apriorismus schroff entgegen und kritisierte diesen nicht ohne Mißverständnisse in seiner »Metakritik«. Er nennt Kants kritische Untersuchungen »öde Wüsten voll leerer Hirngeburten im anmaßendsten Wortnebel«. Von starkem Einflüsse auf H. war (neben Jacobi) Hamann, insbesondere bezüglich der Weigerung, Form und Inhalt der Erkenntnis scharf zu sondern, und auch in der Betonung der Bedeutung der Sprache. In seiner Weltanschauung ist H. wesentlich von Spinoza und Leibniz, die er zu vereinigen sucht, beeinflußt, auch von Rousseau u. a.

Gegenüber der Zurückführung der Sprache auf die göttliche Schöpfung seitens Süßmilchs u. a. betont H. den menschlichen Ursprung der Sprache. Diese tritt zuerst als Ausdruck von Gefühlen in Tönen auf, welche aber erst Besinnung, Reflexion, Apperzeption interessierender Merkmale der Dinge zu Worten macht, so daß die Sprache »Ausdruck und Organ des Verstandes«, Werkzeug der Vernunft wird. Die erste Sprache war eine Art Poesie, »Nachahmung der tönenden, handelnden, sich regenden Natur«. Erst mit dem Sprechen entsteht die Vernunft.

Im Erkennen wirken alle Seelenvermögen zusammen; Sinnlichkeit und Vernunft, Denken und Wille und Gefühl. Es ist die eine, einheitliche Seele, welche empfindet, wahrnimmt, denkt, will usw. Ohne Aufnahme der Reize, durch welche sich uns die Welt kundgibt, gibt es keine Erkenntnis; aus sich allein heraus kann die Seele sie nicht spinnen. »Wir empfinden nur, was unsere Nerven uns geben; danach und daraus können wir auch nur denken.« Die Seele weiß nur. »was ihr von innen und außen ihr Weltall zuströmt und der Finger Gottes zuwinket«. Der abstrakte »Formalismus« ist zu bekämpfen, der ein Erkennen vor einem Erkannten annimmt. Es gibt keine apriorischen Begriffe. Der Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen ist nur relativ. Anstatt einer unmöglichen Kritik der reinen Vernunft ist eine »Physiologie der menschlichen Erkenntniskräfte« zu versuchen. Es gibt ohne Sprache keine Vernunft, die allerdings wie jene nur gewisse »Merkmale« der Dinge, nicht deren Inneres erfaßt. Die Sinne geben nicht tote Materie und die Seele kann den Empfindungen nicht die Form geben, die ihr gefällt. Raum und Zeit sind nicht a priori, sondern Erfahrungsbegriffe. Der Raum ist unsere erste Erfahrung und sie ist mit unserer organisierten Gestalt, mit unserem begrenzten Dasein dem Verstande »mitangeboren«. Die Geometrie leitet ihre Axiome nicht aus dem Raum her, sondern zieht nur auf ihm ihre Linien und Figuren. Analoges gilt von der Zeit und der Arithmetik.

Ebenso sind die Kategorien empirische Begriffe, durch Abstraktion entstanden. Der Grundbegriff der Vernunft ist das Sein, welches sich durch Kraft offenbart, also »kräftiges Dasein zur Fortdauer« ist. Die erste Klasse der Kategorien ist: Sein, Dasein, Kraft, Dauer, aus welchen die Nebenbegriffe des Raumes und der Zeit hervorgehen. Die Kraft ist das »Maß der Realität eines Daseins von innen«. Die Kraft, die durch sich erst Raum und Zeit[261] setzt, ist das »einzig denkbare energische A priori«. Eine absolute »Spontaneität« des Denkens besteht nicht, ebensowenig eine rein subjektive Synthesis von objektivem Wert. »Kein Prius ist ohne ein Posterius, kein Verstand ohne ein Verständliches denkbar: kein Nehmen findet statt ohne ein Geben. Du kannst nicht erkennen, wo nichts zu erkennen ist; du kannst in dir nichts verbinden, wo nicht ein von der Natur Verbundenes dasteht.« Die Funktion des Verstandes ist, »anerkennen, was da ist, sofern es dir verständlich ist«. Der Verstand liest aus und versteht, d.h. er ergreift der gelesenen Dinge Bedeutung, durch Auflösen und Verknüpfen. Das Urgesetz des Erkennens ist die Erkenntnis der Einheit in der Vielheit. Die Kategorien der Eigenschaften: der Identität, Gattung, Geschlecht, Art entspringen daraus. Die Kategorien der Kräfte sind: bestehend, entgegenwirkend, mitwirkend, erwirkend; die des Maßes: Punkt, Moment; unermessener Raum, unermessene Zeit, unermessene Kraft. Diesen vier Arten der Kategorien entsprechen vier Wissenschaften: Ontologie, Naturkunde, Naturwissenschaft, Mathematik: die Ontologie ist »Philosophie der Verstandes- und Vernunftsprache«. Das »Kategorisieren« erfolgt »durch Erfassung, Distribution und Komprehension des Gegebenen: das Eine wird ein Mehreres, das Mehrere wieder zu Einem«. Die Vernunft ist nur ein »anwendend-höherer Verstand«. Sie hat die Funktion, »im Unbedingten das Bedingte anerkennend zu finden und festzustellen«, das Unbedingte auf das Bedingte anzuwenden.

Die Weltanschauung H.s ist dynamisch, organisch, panpsychistisch, panentheistisch. Gott ist die höchste, ja die einzige Substanz. Die Dinge sind »modifizierte Erscheinungen göttlicher Kräfte«. Während Gott ewig ist, ist die Welt ein System vergänglicher Dinge. Die Gottheit ist die Urkraft, die sich in unendlichen Kräften auf unendliche Weisen offenbart. Die Dinge sind »Ausdrucke der göttlichen Kraft, Hervorbringungen einer der Welt einwohnenden ewigen Wirkung Gottes«. Jedes Geschöpf hat seine eigene Welt, ist eine Individualität. An sich ist die Welt ein »Reich immaterieller Kräfte, deren keine ohne Verbindung mit anderen ist«. Alle Dinge sind und leben in Gott, der Wirkungs- und Denkkraft zugleich ist. Gott offenbart sich in allem, aber in besonderer Modifikation. Er selbst ist die »ewige, unendliche Wurzel aller Dinge«, in ihm ist weder Raum noch Zeit; die ganze Welt ist sein Ausdruck, eine Erscheinung seiner ewig wirkenden Kräfte. Die Gesetzlichkeit und Ordnung der Welt ist Ausdruck der göttlichen Macht und Vernunft. Nichts kann völlig untergehen; wenn es auch als Erscheinung verschwindet, so wirkt es doch weiter fort. Die Grundgesetze des Geschehens sind Beharrung (Selbsterhaltung), Vereinigung mit Gleichartigem, Scheidung von Entgegengesetztem; überall gibt es Gegensatz. Die Natur dauert in »ewiger Palingenesis« und ist ewig jung, indem sie sich immer mehr harmonisiert. Im Reiche Gottes besteht ein »Fortgang«; immer höhere Daseinsformen treten auf. Alle Materie ist belebt, sie besteht selbst aus lebendigen Kräften. Vom Stein bis zum Menschen herauf steigert sich die Form der Organisation. In der Natur steht nichts still, »alles strebt und rückt weiter«. Die Seele ist eine individuelle Kraft, deren Werkzeug und Spiegel der Leib ist. Nach dem Tode wird die Seele ein neues[262] Organ finden. Was wirkt, wirkt ewig; wenn die Hülle wegfällt, so bleibt die Kraft, die auch schon vor dieser Hülle existierte.

Der Zweck unseres jetzigen Daseins ist auf Bildung der Humanität gerichtet, der alle niedrigen Bedürfnisse der Erde nur dienen sollen. Die Humanität ist der Grundbegriff der H.schen Geschichtsphilosophie, welche die menschliche Geschichte, als Weiterentwicklung der Natur und als bedingt durch das Naturmilieu auffaßt. »Die ganze Menschengeschichte ist eine reine Naturgeschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit.« In der Geschichte herrscht Gesetzlichkeit des Fortschrittes und dieser zielt auf die Herrschaft von Vernunft und Liebe, auf Humanität. »Unsere Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsere feineren Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Schöne, unsere Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet werden.« Die Erde ist ein »Übungsplatz«, eine »Vorbereitungsstätte«, die Humanität ist »Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume«. Die menschliche Kultur erwächst nur in der Gemeinschaft; der Mensch wird erst in ihr und durch die Menschheit als geschichtliches Ganzes, durch Tradition, Erziehung, Sprache zum wahren Menschen. Die Menschheit schreitet, trotz aller Rückschritte im Einzelnen, ihrem Ziele, der höchsten Humanität, immer mehr zu.

In seiner Ästhetik (»Kalligone«) tritt H. ebenfalls als Gegner Kants auf. Das Schöne ist nicht interesselos. Schönheit ist das »Gefühl der Vollkommenheit eines Dinges«. Die höchste Humanität ist die Religion, die Mutter aller Kultur, aller Wissenschaft; die reine Religion ist Menschheitsreligion.

Ohne daß H. eine philosophische Schule begründet hat, waren seine Lehren doch nicht ohne Einfluß (auf Goethe, Jacobi, W. v. Humboldt, Schelling u. a.). Sein Humanismus und Kultur-Evolutionismus findet sich, in neuer Form, bei Hegel u. a. und in der modernen Geschichtsphilosophie und Soziologie (Humboldt, Comte, Taine, Wundt u. a.) wieder.

Philos. Schriften: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, 1772; 2. A. 1789. – Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1774. – Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, 1778. – Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784 ff. (Hauptwerk). – Gott, 1787; 2. A. 1800. – Von der menschlichen Unsterblichkeit, 1792. – Briefe zur Beförderung der Humanität, 1793-97. – Verstand und Erfahrung, Vernunft und Sprache, eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799. – Kalligone, 1800. – Adrastea, 1809. – Werke, 1805 ff., 1820 ff., hrsg. von Suphan, 1877 ff. – Vgl. HAYM, H., 1877-85. – KÜHNEMANN, H.s Persönlichkeit in seiner Weltanschauung, 1893. – H. STEPHAN, H.s Philosophie (Anthologie), 1906 (Philos. Bibl.). – SIEGEL, Herder als Philosoph, 1908. – TUMARKIN, H. u. Kant, 1896. – GOETZ, H. als Psycholog, 1904.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 261-263.
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