I. Fördernisse und Hemmung

[276] Indem wir zur Besprechung der Wissenschaft und Philosophie der Griechen übergehen, schicken wir voraus, daß unser Ziel nicht darin besteht, die Geschichte dieses Wissens, sondern sein Verhältnis zum hellenischen Geiste darzustellen, und beginnen mit einem Blick auf den alten vordern Orient. Dieser hat an ansammelndem Wissen einen großen zeitlichen Vorsprung vor den Hellenen gehabt. Ägypten und Babylonien besaßen eine vielseitige Kultur, die unermeßlich viel älter als die griechische war, und wenn wir uns eine Vorstellung davon machen, wie diese Nationen, lange umwogt, bedroht und gestört von lüsternen Barbaren wie den Hyksos u.a., durch Verteidigungskämpfe und Ausfälle diese Kultur zu schützen hatten, so müssen wir gestehen, daß wir eine ganz kolossale Erscheinung vor uns haben. Wir haben es hier mit den ersten, großen Zusammenfassungen menschlicher Macht zu tun, und zum ersten Male mögen auch solche Staaten die Zwecke des Wissens zu den ihrigen gemacht haben. Mächtige Priesterkasten werden damit betraut, welche durch konsequente Bemühungen unendlich vielen Stoff sammeln können; die phönizische Kultur ist nach der Seite Griechenlands hin der erste Schößling dieser altorientalischen.

Spät erst entwickelten sich die Griechen, und als sie nach langer Barbarei zu einer Staatenbildung kamen, da hatten sie nicht einen, sondern viele Staaten, und eine Kaste der Wissenden war bei ihnen völlig ausgeschlossen. Dafür hatten sie eine starke hellenische Eigentümlichkeit, die es nur sehr bedingt zu fremden Anleihen kommen ließ und sich das Fremde, z.B. das Phönizische, wo sie dessen Einwirkung erfuhr, durch sofortige Hellenisierung so aneignete, daß es als solches kaum mehr kenntlich ist.

Ein gewaltiges Fördernis war ihnen für ihre wissenschaftliche Entwicklung so gut als für ihre Poesie von der Natur an ihrer Sprache mitgegeben. Es scheint, als ob das Griechische die künftige Philosophie schon virtuell in sich enthielte: so unendlich ist seine Schmiegsamkeit an den Gedanken, dessen durchsichtigste Hülle es ist, vollends aber an den[277] philosophischen Gedanken. Wir haben es mit einer vollständig von den Einzeldingen abgelösten Sprachwelt zu tun; mit einer Sprache, die, wie man richtig sagt, an sich schon eine praktische Dialektik und schon darum in philosophischen Bezeichnungen überaus schöpferisch ist. Der Annahme gegenüber, daß die größten und entscheidenden Ideen aus Ägypten möchten gekommen sein, dürfte schon die Erwägung berechtigt sein, ob das Altägyptische überhaupt eines unbildlichen Ausdruckes fähig gewesen sei, ob es einen freien Fluß abstrakter Gedanken gehabt habe. Auch die semitischen Sprachen stehen hinter dem Griechischen weit zurück. Den Aristoteles ins Hebräische zu übersetzen, würde gewiß unmöglich sein, und sogar die Araber hätten ohne die griechischen Vorbilder keine Philosophie bekommen; nur die Inder und Germanen1 hatten wohl außer den Griechen eine Sprache, die von Hause aus zur Philosophie taugte.

Noch die frühesten griechischen Philosophen, ein Empedokles, ein Heraklit u.a. gaben den philosophischen Prozessen mythologische Namen oder personifizierten das Abstrakte2. Bald aber schuf sich die Philosophie ihre eigene Sprache, teils indem sie sich an den Vorrat von Bezeichnungen alles Allgemeinen und Geistigen hielt, der schon aus früher Zeit vorhanden war, und die in ihrer Bedeutung sehr schwankenden psychologischen Ausdrücke (νοῦς, ψυχή, ϑυμός, φρένες, πραπίδες) fixierte, teils auch indem sie von der Leichtigkeit, substantivische Abstrakta neu zu bilden, den ausgiebigsten Gebrauch machte3. Wie leicht konnte der Grieche für den Ausdruck eines Begriffes ein Kompositum4 schaffen oder sich durch Verbindung aller Verba und Nomina mit Präpositionen helfen, wie leicht die Neutra der Adjektive und Partizipien zur Bezeichnung von Prinzipien, Elementen und dergleichen verwenden5. Wir erinnern[278] ferner an die Existenz des Gerundivums (τὸ λεκτέον), an den unendlichen Reichtum aller Bezeichnungen und Schattierungen des Bedingten und Unbedingten im Verbum, an die Nuancierung des Verbalbegriffs durch das Medium, an den substantivisch gebrauchten Infinitiv und überhaupt an die Möglichkeit, durch den Artikel das Verschiedenste zum Substantiv zu machen6. Freilich hat diese Leichtigkeit auch ihre Schattenseite, insofern die Philosophie sich gerne mit einem solchen Abstraktum oder Neutrum beruhigte und damit schon eine Sache, eine Kraft, ein Prinzip in Händen zu haben glaubte; auch daß die Sprache für Übles und Böses dasselbe Wort (κακόν) und vielleicht kein Wort für »Selbstbewußtsein« hat7, gehört zu den Mängeln; im ganzen aber wird man sagen müssen: diese Sprache ist nicht bloß ein Handwerkszeug, das man sich allmählich anschaffte, sondern sie ist schon Philosophie, wie sie auch eine aller geistigen Nuancen fähige Konversation ist. Und nun sind die Griechen μέροπες (unterscheidend Redende), d.h. sie vermögen Teile und Ganzes, Besonderes und Allgemeines zu erkennen und zu benennen, ohne daß unterwegs das Wort gleich geheiligt und in einer Art von Versteinerung angebetet wird. Hier ist keine Knechtschaft unter eine bestimmte Terminologie; wo ein Philosoph, eine Schule auf der Schulsprache beharrt, da tritt ein anderer mit Neuem daneben; auch hier waltet lauter Agon. Und wie auch das Einzelne der geistigen Welt möge distinguiert werden, die Griechen werden immer lebendige Ausdrücke dafür vorrätig haben. Das Aufsteigen vom Empirisch-Vielen zum Begriff, und wiederum vom Begriff das Abwärtssteigen zum Einzelnen wird sich leicht vollziehen8. So wird es ihnen möglich, den ganzen Mechanismus des Denkens von dem Gedachten abgelöst anzuschauen; es wird eine Logik und eine Dialektik entstehen können, und vollends werden Rhetorik und Sophistik der Nation die Zunge lösen.

[279] Höchst abnorm war nun auch, abgesehen von der Sprache, die philosophische Begabung der Nation, und zwar ist das Entscheidende nicht dieser oder jener erreichte Grad der Erkenntnis, sondern die Fähigkeit zu jeder Erkenntnis. Auch die große Schwäche der Religion war für die Philosophie sehr förderlich. Zwar kann diese auch neben einer starken Religion aufkommen, wie dies in Indien und im Islam der Fall gewesen ist, aber doch nur als Ketzerei und Sekte. Bei den Griechen erhob sie sich vielgestaltig und nach Belieben, weil keine Kraft und keine Einrichtung da war, welche ihr hätte das Kommen unmöglich machen können.

Vor allem hatte hier kein Priestertum aus Religion und Philosophie eins gemacht, und besonders bedingte die Religion auch, wie schon gesagt, keine Kaste, welche als gegebene Hüterin des Wissens und Glaubens zugleich auch die Eigentümerin des Denkens hätte sein können. Es gab auch keine bestimmte »Sozietät«, an welche der Philosoph bei seinem Auftreten gebunden gewesen wäre, keine bestimmte Schicht von Beamtenfamilien und dergleichen, keine »Bildung«, welche einen Riß konstituiert hätte. Aus von Anfang an höchst verschiedener Umgebung erheben sich diejenigen Männer, welche durch eine Art von selbstverständlichem Konsensus als Weise gelten. Die Nation ist es, welche sie zusammenrechnet, und da die Beschäftigung mit dem Geistigen durch nichts beschränkt war, da jeder Freie und bald jeder Sklave, ja selbst der hellenisch gebildete Barbar zur Philosophie Zutritt hatte, so war die Auswahl viel größer; die für Philosophie zugängliche Quote der Menschheit konnte sich wirklich beteiligen, die Berufenen fanden sich von überall zum Lehrer ein, und statt der Kaste hatte man konkurrierende Schulen.


Bei allen Fördernissen aber war die Philosophie auch von Anfang an stark gehemmt, und zwar durch den Mythus. Nachdem die Griechen zunächst naiv das Zeitalter durchlebt hatten, das ihnen später als das heroische erschien, herrschte er bei ihnen erst recht weiter als die Verherrlichung dieses Zeitalters, völlig ungestört und unreduziert. Dies glänzende Bild schwebt wie eine nahe Erscheinung über der Nation, die sich als die nächste Rechtserbin der von ihm gespiegelten Zustände fühlt; es ersetzt einstweilen die Philosophie durch eine stark ausgesprochene Lebensanschauung; es ersetzt das Wissen, indem es selbst dessen Urgestalt ist und Natur, Weltkunde und Geschichte, auch Religion und Kosmogonie in einem wunderbaren symbolischen Gewande mit in sich enthält; durch seine Gestalt, welche die prachtvollste Poesie ist, gefeit, ist der Mythus die Romantik, die Jugend der Griechen; er lebt fort, soweit es Hellenen gibt, und selbst bei Barbaren, solange die antike Welt dauert, wenn auch zuletzt nur als Wissenschaft, Sammlung, Vergleichung; sein beständiger Ausdruck sind Kunst und Poesie, in denen er immer neue[280] Sprößlinge treibt. Diesen Konkurrenten und Todfeind des Wissens mochte man lange deuten, umdeuten und umstülpen, er blieb immer noch da; man mußte ihn stürzen, wenn freies Denken und Wissen aufkommen sollte; aber der Bruch mit ihm sollte sich doch nur langsam und nie ganz vollständig vollziehen.[281]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CCLXXVI276-CCLXXXII282.
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