II. Der Bruch mit dem Mythus

[282] Sehen wir uns nun nach den Persönlichkeiten um, in denen zuerst zwar noch nicht ein Bruch mit dem Mythus, wohl aber eine Gedankenwelt auftritt, die vom Mythus unabhängig ist, so begegnet uns zunächst die allgemeine Voraussetzung, daß vor der eigentlichen Philosophie, welche mit der ionischen Schule beginne, die Gnome das Gewand der Weisheit war, und daß in dieser Gattung sieben berühmte Männer besonders groß gewesen seien. Sie werden verschieden aufgezählt9. Konstant werden nur Thales, Pittakos, Bias und Solon genannt, weniger konstant Kleobulos von Lindos, der Spartaner Cheilon, Pherekydes, Anacharsis, ja Epimenides10 u.a.; bestritten wurde durch die spätere Anschauung, welche einen gnomischen Tyrannen nicht dulden mochte, Periander von Korinth, der griechische Salomo, den man durch den obskuren Malier Myson ersetzte11. Im Grunde sind sie vorherrschend Staatsweise. Plutarch hat die Anschauung, daß nur Thales über das praktische Bedürfnis hinausgegangen sei, der ja zugleich Begründer der ionischen Philosophie gewesen ist und in der herodoteischen Tradition mit der Berechnung einer Sonnenfinsternis und der Teilung des Flusses Halys als eine Art Tausendkünstler erscheint; die übrigen hätten den Namen »Weise« von der politischen Trefflichkeit her gehabt12. Auch ihre[282] Gestalten aber werden von den Griechen noch halb mythisch und typisch aufgefaßt; es macht dieser Auffassung nicht das mindeste aus, sie, obwohl sie chronologisch um mehr als ein Jahrhundert differieren, in Delphi oder Korinth beim Symposion des Periander zusammenkommen zu lassen, und einen besondern mythischen Ausdruck findet ihre Größe in der Geschichte von dem im Meere aufgefischten goldenen Dreifuße, der nach dem Spruche der Pythia dem Weisesten (nicht dem Frömmsten) zuteil werden sollte, und der darauf von Thales (oder Bias) aus bei allen andern die Runde machte, ohne daß ihn einer behalten hätte, bis er schließlich dem delphischen oder dem ismenischen Apollo geweiht wurde13. In Delphi waren die einzelnen Worte der Sieben in goldenen Buchstaben an die Tempelwände aufgeschrieben; wir wüßten gerne, wann dies geschehen ist, und wie und von wem diese im Grunde sehr kecke Reklame zustande gebracht wurde14. Die Reste ihrer Gnomen sind in mehrern Sammlungen enthalten15; es sind übrigens nicht bloß Gnomen, sondern auch Antworten (Apophthegmen) und Anekdoten; unter den kurzen Sprüchen, meist ethischen Charakters, sind mehrere äußerst kurze und dunkle die wichtigsten; auch haben sie nicht immer schmeichelhaften Inhalt: hier findet sich das Wort »die Mehrzahl ist schlecht«.

Das Gnomische ist an und für sich natürlich viel älter, es findet sich schon in Hesiods Werken und Tagen in großer Fülle, und anderseits sind die Spartaner mit ihrer lakonischen Brachylogie auf dem gnomischen Standpunkt stehengeblieben; hier begegnen sich aber auch die Griechen mit dem Orient, nur daß dieser, Indien ausgenommen, über die Stufe des Gnomischen (d.h. des Einzel-Ethischen) und allenfalls noch der Parabel nicht hinausgekommen ist und daß sich hier nicht eine Ethik als Ganzes davon hat lösen lassen.


Parallel mit den Sieben Weisen, ihnen gleichzeitig und sich im Einzelfall mit ihnen berührend, geht eine andere Reihe von Männern, die sich schwer unter ein einziges Prädikat fassen lassen: wir könnten sie vielleicht die wunderlichen Heiligen nennen. Das ganz exzeptionelle spekulative[283] Vermögen der Griechen hatte, wie oben gesagt, unter anderm eine Vorbedingung an der geringen metaphysischen Haltbarkeit und den zahllosen Inkonsequenzen der Volksreligion, welche offenbar ungenügend war, um das Weltall zu erklären, und zu machtlos, den Menschen eine Erklärung aufzuzwingen, und außerdem in keine ethischen Vorschriften ausmündete. Über diese Religion war nicht, wie bei mehreren orientalischen Völkern, eine priesterlich systematische Umstülpung gekommen; derjenige Prozeß, welcher brahmanisches System, Zarathustra, Moses usw. heißt, war hier unmöglich oder doch ungeschehen. So konnten einzelne Hochbegabte der Volksreligion einstweilen mit speziellen Ideen zusetzen, welche an sich ebenfalls Religion waren und bildlich-mythisch gestaltet wurden; denn man hatte größere Mühe, von der mythischen (und so lange einzigen) Ausdrucksweise für alles und jegliches loszukommen, als wir meinen. Es sind das apollinische Männer, die wir so auf eigene Faust mythologisieren16 und dann wieder als Konkurrenten der neben ihnen bereits beginnenden Philosophie sehen, und zwar verbreiten sie einen wunderbaren Glanz um sich durch die Askese, durch enthusiastische Zustände des Gemüts, durch läuternde Weihen, welche dem leidenschaftlichen Hellas den Trost der Sühnung geben, durch Wundertaten und teilweise durch die Lehre von der Metempsychose. Von der Tradition aber wurden diese Männer in der Folge zu Phantasiegestalten aufs bunteste ausgebildet und so selbst wieder mythisch; besonders können sie selber ihren Leib verlassen.

Hieher gehört vor allem Epimenides17 von Kreta, für den wir die Tatsache, daß er Athen vom kylonischen Frevel entsühnte (612 oder 596 v. Chr.), als festes Datum haben. Er war jedenfalls Sühnpriester, Weissager und Kosmogoniker und soll nach eigener Behauptung mehrere Lebensläufe durchgemacht haben18. Schon aus ihm hat der feste Wille der Griechen, alle Dinge typisch zu sehen und alle möglichen charakteristischen Merkmale auf eine Person zu häufen, eine derjenigen Gestalten gemacht, die am Ende zumeist einem Gedankenbild des griechischen Empfindens und Denkens ähnlich sehen. – Dann kommt Abaris, der Hyperboreer, also der Bürger eines apollinischen Fabellandes; aber der Mann hat (nach 600) wirklich existiert, zog in Griechenland herum und teilte seine Weihesprüche und Weissagungen aus; ein ihm von Apollon[284] geschenkter Pfeil trug ihn nach späterer Sage sogar durch die Lüfte19. Umgekehrt ging Aristeas von Prokonnesos nach dem Norden, um dort die Hyperboreer aufzusuchen; laut Herodot20 war er der Verfasser eines Gedichtes über die Arimaspen, zu deren Nachbarn, den Issedonen, er in einem von Phöbos erleuchteten Zustande gekommen war; er verließ seinen Leib, so oft er wollte; wenn wir ihn zu Metapont als Begleiter des Apollon in der Gestalt eines Raben treffen, so scheint hiebei die Metempsychose in den Vordergrund zu treten21. Diese soll dann Pherekydes von Syros, der Lehrer des Pythagoras, der geheime phönikische Schriften kannte, zuerst in Griechenland gelehrt haben22. Auch er kleidete seine Vorstellungen und Ahnungen von der Natur der Dinge noch völlig in mythische Form, wie besonders die Reste seiner Theogonie dartun23; im Leben war er Mantiker und Astronom. – Und zu diesen Einzelnen, in deren Gestalten sich offenbar die verschiedensten Anschauungen spiegeln, kommt nun noch mit den nicht apollinischen, sondern dionysischen Orphikern zum ersten Male eine Partei oder Sekte, vielleicht bereits als Ausbeuterin einer Stimmung, wie sie die Genannten voraussetzen lassen, mit einer von Anfang an fälschlich an Orpheus angeknüpften Literatur, mit der Sicherung der Seligkeit durch Weihen, mit einer eigenen Kosmogonie, mit der Askese und dem Vegetarianismus und mit der neben dem seligen Hades gelehrten Metempsychose24. Mit der letztern wird wohl auch die Enthaltung vom Fleischgenuß in Verbindung zu bringen sein; das wichtigste ist, daß sie die Buße ins griechische Leben hineinbringen, das Erdenleben als einen grabähnlichen Übergang betrachten (τὸ σῶμα [285] σῆμα) und frei zu werden trachten vom Kreise der Geburt (κύκλος γενέσεως); das wahre Leben beginnt für sie erst jenseits der Leiblichkeit. Das orphische Wesen strebte jedenfalls darauf hin, eine neue, besondere Religion zu sein; man weiß aber nicht, wieweit sein spezieller Inhalt wirklich zur Verbreitung kam.


Von dem mythischen Schimmer, der einen Epimenides und die ihm ähnlichen Wundermänner umfließt, hat nun aber nur zuviel der große Pythagoras, ja man kann sagen, daß sich hier der Mythus noch einmal über einer historischen Gestalt dicht zusammenschließt und sich verzweifelt gegen alles Exakte wehrt. Gerade das Wundersame an Pythagoras stammt aus relativ alten Quellen: es gab eine alte, angeblich von ihm selbst verfaßte Schrift, in der er von einer Fahrt in den Hades erzählte25 und wahrscheinlich auch von sich behauptete, er entsinne sich vier früherer Menschwerdungen, indem er bereits als Äthalidas, Euphorbos, Hermotimos und Pyrrhos gelebt habe; auch traute man ihm die Ubiquität zu, gemäß deren nach er konstanter Aussage an demselben Tage in Metapont und Kroton gesehen werden konnte26. In Wahrheit muß er um 570 zu Samos geboren sein; um 532 erschien er in Italien, und sein Tod fällt in das Jahr 497, drei Jahre ehe zu Kroton die Umwälzung erfolgte, wodurch sein Anhang ausgetrieben wurde. Eine glaubwürdige Tatsache muß auch seine Reise nach Ägypten sein. Es war dies unter den Königen der XXVI. Dynastie, als dort das griechische Naukratis bestand, kein gar zu großes Kunststück, obschon es immerhin, bei aller Leichtigkeit des geschäftlichen Fremdenverkehrs, für ihn seine Schwierigkeiten haben mochte, mit dem echtesten Ägypter, dem Priester, anzubinden27. Aus der Herodotstelle (II, 81), wo ausgesagt wird, daß die sogenannten[286] Orphiker und Bakchiker in Wahrheit Ägypter und Pythagoreer seien, geht jedenfalls mit Sicherheit hervor, daß pythagoreisches und ägyptisches Wesen sich stark geglichen haben, wie anderseits orphische und pythagoreische Begehung zum Verwechseln ähnlich waren. Ob Pythagoras auch nach Babylon gekommen ist, lassen wir dahingestellt; es liegt eigentlich kein triftiger Grund vor, es in Zweifel zu ziehen, und irgendeine Berührung mit Indien wird man ja doch anzunehmen haben; seine Metempsychose hat eher etwas Indisches als Ägyptisches28.

Die Hauptsache nun, die Pythagoras den Griechen brachte, ist seine auf diesen Seelenwanderungsglauben aufgebaute, mit Askese verbundene neue Religion und Ethik. Er ist nicht sowohl Philosoph als religiöser Reformer gewesen, der in einer Zeit, da die Qual des Daseins drückender als früher empfunden wurde, die irdische Existenz als einen Zustand der Buße für alten Frevel tragen lehrte, einen Zustand, nach dessen Aufhören der Mensch nicht als ein stummer Stein – wie Theognis meinte – im Grabe liegen, sondern nach einer Läuterung im Jenseits in immer neuen Gestaltungen werde wiedergeboren werden. Der Fromme allein, der, in geheimnisvollen Feiern geweiht, durch sein ganzes Leben die heiligen[287] Gebräuche und Übungen befolgt, kann endlich aus dem Kreise ewigen Werdens und Vergehens ausscheiden29. Zum Leben in dieser Hoffnung leitete Pythagoras seinen Bund an. Auch ihm ist, wie den Orphikern, der Leib ein Grab oder ein Gefängnis der Seele, welche höhern, himmlischen Ursprungs ist. Ob er gelehrt habe, daß die Seele nach allen Wanderungen durch Leiber endlich zum Lohne aufhören dürfe zu sein, oder daß sie (wie dies jedenfalls Platos und schon des Empedokles Hoffnung war) in die Gottheit werde aufgenommen werden, wird uns zwar nicht ausdrücklich gesagt, aber mit ihrer unsterblichen Natur verträgt sich nur das letztere. Die Konsequenz der Anschauung, daß die Seele »zur Strafe« im Leibe sei, mußte dann aber der Gedanke sein, daß sie darin auszuhalten habe, bis die Gottheit selber sie erlöse, wofern sie nicht mehrerm und größerm Jammer verfallen wolle; daher denn bei den Pythagoreern die Scheu vor dem Selbstmorde und das bereitwillige Abwarten des »Todes im Alter« eingeschärft wurde30.

Wie sich in seinem Innern die Vergangenheit spiegelte, und welche Verwandtschaften ihm da winken mochten, können wir nicht wissen, und darum ist jenem alten Bericht von seiner Erinnerung an viermalige Präexistenz nicht jede Glaubwürdigkeit abzusprechen31, und ebenso steht es mit den Sagen von seiner Gewalt über Tiere32: mit einer daunischen Bärin hielt er lange Zeit Zwiesprache, und friedlich zog sie von ihm wieder weg in den heimischen Wald; ein prachtvoller Stier, mit dem er vertraut gewesen, wurde bis ins höchste Alter in einem Tempel zu Tarent gepflegt; ein Adler schwebte aus den Lüften zu ihm nieder und ließ sich von ihm streicheln usw.: höchst wahrscheinlich spricht aus diesen Geschichten die Erinnerung, daß er in den Tieren Menschenseelen erkannte.

Unsicher ist, ob Pythagoras die Metempsychose, wie die Alten glaubten, von den Orphikern hatte, oder ob vielmehr diese ihm seine Lehre einfach aus den Händen nahmen. Wir werden vielleicht am besten sagen: die Metempsychose kam und nahm ganz einfach ihren Platz unter den Meinungen ein, weil niemand da war, der es ihr hätte wehren können.[288] Jedenfalls aber hat Pythagoras damit einen solchen Eindruck gemacht, daß die Griechen, wo immer der Unsterblichkeitsglaube einen neuen oder neu scheinenden Aufschwung nahm, sogleich an ihn dachten und sich z.B. den gewiß sehr eigentümlichen und von griechischer Tradition unabhängigen Glauben der Geten an das Jenseits dahin zurechtlegten, daß der getische Zamolxis (eigentlich ein Gott) ein Sklave des Weisen gewesen sein sollte; in seine Heimat zurückgelangt, habe dieser seinen Landsleuten einen glücklichen Zustand nach dem Tode versprochen33. Von den Philosophen vor Plato aber lehrte ganz deutlich und fest die Präexistenz der Seele und ihre Bestrafung durch Wanderung (durch Mensch, Tier und Pflanze), wenn er auch sonst nicht Pythagoreer war, Empedokles von Agrigent (um 444 v. Chr.), von dem uns das Wort überliefert ist34: »Ich war schon Mädchen und Knabe, Lamm und Vogel und ein Fisch im Meere.«

Aus Ägypten, dem Lande der Mathematik, zumal der Geometrie, hatte Pythagoras als wichtigsten Gewinn seine mathematischen Kenntnisse mitbringen können, und daher stammt jenes Stück Wissenschaft35, das mit seiner Lehre verbunden war und »vermutlich die Anfänge zu jenen. mathematischen und musikalischen Studien enthielt, die später den Charakter der pythagoreischen Philosophie so wesentlich bestimmten, daß der Pythagoreismus zu seiner mathematisch musikalischen Weltkonstruktion gelangen konnte und sich nicht, wie die orphische Lehre, in eine monströse Theologie verlief«36. Nun ist die Zahlenlehre, auf die man kam, allerdings ein vielumstrittenes Gebiet, und wievieles davon dem Meister selber zuzuschreiben ist, ist unsicher; daß er aber selbst schon die Mathematik zu einer Hauptdisziplin seiner Lehre gemacht hat, geht doch[289] wohl unwiderleglich aus dem Zeugnisse hervor, das Aristoteles37 seiner Schule schon für die Zeit vor Empedokles, Demokrit u.a. gibt; was diese bereits so früh übte, das muß vom Meister herstammen.

Es will uns scheinen, daß dieser Mann auf dem Gebiete der Zahl absichtlich verschiedene Dinge miteinander vermischte. Die Zahlen müssen bei ihm als Gleichnisse von Kräften, die Zahlenverhältnisse als Gleichnisse von Gedanken aufgefaßt werden. An Einheit und Vielheit, an Grad und Ungrad, an die heilige Vier im Verhältnis zur heiligen Zehn (1 + 2 + 3 + 4 = 10) knüpfte er wohl einzelne Gedanken an und zog seine Zuhörer von diesen Dingen plötzlich ins Erhabene. Und neben der moralischen hat die Lehre auch ihre ästhetische Seite: der Kreis wird als schönste FlächeA1, die Kugel als schönster Körper erklärt und deshalb der Erde die Form einer Kugel zugesprochen, was für jene Zeit, da man die Erde bald als Ellipse, bald als runde Scheibe betrachtete, etwas heißen will. Des fernern werden die Töne für Zahlen erklärt und umgekehrt, so daß die Zahl auch als die Basis der Musik erscheint, und endlich haben die Elemente selbst ihre Vorbilder in bestimmten Körpern: das Feuer in der Pyramide, die Luft im Ikosaeder usw. Man denke sich, bis zu welchem Grade diese Auseinanderlegung der sittlichen, intellektuellen und materiellen Welt in Zahlen das ganze hellenische Leben aus den Angeln heben mußte; diese Richtung ging aber auch auf die Spätern über: Geometrie und Arithmetik sind die Handhaben (λαβαί) alles Wissens geblieben.

Dies alles aber diente nur als Unterbau für das eigentliche Lehrgebäude vom Weltganzen (Kosmos). Es wird den unvergänglichen Ruhm, sei es des Pythagoras selbst oder seiner Schule bilden, daß hier zuerst die Erde aus dem Zentrum des Weltsystems weggewiesen wurde. Mochte man dabei immerhin zunächst auf die Wahnvorstellungen von einer Gegenerde und einem Zentralfeuer geraten, von hier aus konnte man doch schließlich zur Drehung der Erde um ihre Achse gelangen.

Dem Pythagoreismus gebührt auch der Ruhm, die menschliche Seele durch die frühste psychologische Distinktion in Intellekt, Leidenschaften, Vernunft eingeteilt zu haben, wovon die beiden ersten auch das Tier besitzt,[290] während die Vernunft nur den Menschen eignet. Auch bei dieser Seelenlehre gelangt man übrigens nicht zur wünschbaren Klarheit darüber, was dem Meister und was den Schülern angehört38.

Wäre diese Lehre nun bloße Philosophie gewesen, so hätte die Frau keinen Anteil daran gehabt, wäre wohl davon ausgeschlossen worden. Stattdessen finden wir auch Pythagoreerinnen, z.B. Theano, die Gattin, und Damo, die Tochter des Meisters, die für die höchsten wissenschaftlichen Probleme reges Interesse zeigen; auch wußte es die Gemeinde der Frauen, die sich bald nach seinem Auftreten um ihn scharte, durchzusetzen, daß die Buhlerinnen entfernt wurden. Wenn nicht alles trügt, so war es die Lehre von der Seelenwanderung, wodurch die Gleichheit der Geschlechter im edelsten Sinne hergestellt wurde; zugleich mag der Weise in den Frauen die Mütter der kommenden Geschlechter geehrt haben.

Die Persönlichkeit des Pythagoras muß, soweit sie sich aus der mythischen Umhüllung erraten läßt, etwas höchst Feierliches, Apollinisches an sich gehabt haben. Majestätischen Ansehens, mit herrlichem Antlitz und wallenden Locken, in weiße Gewänder gehüllt, trat er auf. Dabei leuchtete aus seinem Wesen eine milde Freundlichkeit ohne jede mürrische Zutat. Zu wenigen redete er erst, dann sammelte er mehrere um sich, und bald lauschte seinen Worten eine ganze Stadt. Vor allem zeigte seine Methode eine genaue Überlegung. Wenn die Tradition erzählt, seine Schüler hätten ihn während der ersten fünf Jahre des Unterrichts nicht zu Gesichte bekommen, so muß dies wohl so verstanden werden, daß er in einer Art Vorschule nur seine schon weiter gebildeten Jünger als Lehrer verwandte. Bei diesen Schülern ging die Autorität des Meisters über alles, und wenn etwas eingeführt wurde mit dem Wort »Er selbst hat es gesagt«, so bedurfte es nicht weiterer Beweise. Echt möchte die Überlieferung über seinen eigenen Autoritätston sein. Schriftliches gab er nämlich nicht von sich, aber er pflegte etwa eine Lehre mit den Worten einzuführen: »Bei der Luft, die ich atme, bei dem Wasser, das ich trinke, werde ich keine Anfechtung dessen, was ich sage, dulden.« Damit wollte er andeuten, daß seinem Anhange Schweigen, Nachdenken und innere Sammlung in erster Linie Not tue. Wenn es heißt, die Lehre sei geheimgehalten worden, so haben wir dies höchstens relativ zu verstehen. Ganz öffentlich wurde jedenfalls die Seelenwanderung und die pythagoreische[291] Ethik gelehrt. Dagegen wurde möglicherweise39 die wissenschaftliche Lehre geheimgehalten, nicht weil Pythagoras das Wissen der Welt für unzuträglich hielt, sondern weil er damit die Wünschbarkeit einer behutsamen, ganz allmählichen Tradition andeuten und ein mutwilliges Vorwegnehmen der Resultate hindern wollte. Aus diesem Grunde bediente sich die Schule, um die Dinge nicht allzu öffentlich werden zu lassen, einer eigenen Mitteilungsweise, die unvermeidlich symbolisch und sehr feierlich war40.

Mit seiner Lehre war Pythagoras insofern nicht heterodox, als er dem Götterglauben nicht widersprach. Doch genügte ihm die alte Religion nicht; denn nicht nur war sie nicht imstande, das Weltgeheimnis zu erklären, sondern die meisten Götter erholten sich nie mehr von den Unwürdigkeiten, welche ihnen die Dichtkunst, in erster Linie die homerische Ilias, aufgebürdet. Ihm blieb unter solchen Umständen nur ein Protest des Abscheus; er nannte unter denjenigen, welche er im Hades mit den härtesten Strafen belegt gesehen, Homer und Hesiod. Daß er aber von den Göttern eine große Meinung hegte, erweist seine schöne Ansicht über das Gebet; er will darin niemals den Göttern ihre Geschenke an den Menschen vorschreiben, sondern er läßt ihnen ausdrücklich die Wahl der Gaben.

Durch seine Metempsychose mochte Pythagoras zu Kroton und Metapont mit dem bisherigen prachtvollen Totenkult und dem damit verbundenen massiven Aberglauben von Totenbeschwörungen und Spukgeschichten in Konflikt kommen. Er hatte hier reinigend zu wirken, und er tat dies durch den Kult, den er einführte und der einen weit ruhigern Charakter als manche Gottesdienste des damaligen Griechenlands wird gehabt haben. Einen Kult sowie eine umständliche Lehre zog schon die Metempsychose nach sich41.

[292] Das wichtigste wäre aber nun zu wissen, wie die mit der Metempsychose verbundene neue und höhere Ethik lautete. Mit dem Verbote der Tiernahrung wird es nicht sein Bewenden gehabt haben, obwohl der Vegetarianismus in der Lehre alt und darauf begründet sein dürfte, daß im Tiere eine ehemalige Menschenseele ihr Tierleben durchdulden muß42. Tatsächlich herrschten bei den Pythagoreern des IV. Jahrhunderts eine Menge Abstinenzen43 und andere Gebräuche, deren Befolgung Anspruch auf besseres Ergehen nach dem Tode verlieh; auch ihre besondere Tracht hatten sie. Indes ist die Askese, soweit sie geboten war, viel heller und heiterer als die der Orphiker, nicht eine solche für anbrüchige Gewissen, sondern eine solche für die Reinen zum Reinbleiben. Ihr Zweck war nur, den Menschen in einer Stimmung zu erhalten, die ihn höherer Menschwerdung würdig mache; darum war z.B. dem engern Anhang der Wein durchaus untersagt, damit die Seele vor unfreien Erschütterungen geschützt wäre. Als Schlußstein des pythagoreischen Lebens aber ist die unverbrüchliche Eidtreue und ihre Folge, die möglichste Vermeidung des Eides zu betrachten; für eine Zeit, da der Meineid auf allen Gassen herumlief, ein ganz eigener Zug.

Wenn Pythagoras durch die Städte zog, so ging, wie höchst bezeichnend berichtet wird44, die Rede, er komme nicht um zu lehren, sondern um zu heilen, und es muß sich denn auch in weiten Kreisen ein wahrer Zustand der Erweckung geltend gemacht haben. In einer Gesellschaft, wie die der unteritalischen Hellenenstädte war, wo Reichtum und üppiges Leben herrschten und die »Edeltrefflichen« für den Krieg und die Waffen, den Ringplatz und den Staat, also für das Agonistische im weitesten Sinne des Wortes lebten, warnte er vor der Ruhmsucht, weil, wer dem Ruhme nachjage, für die Knechtschaft bestimmt sei, und verachtete den Reichtum. Und seine Jünger machten mit dem, was der außerordentliche Mann gepredigt hatte, ernst und legten ihre Habe zusammen, um in einer jener Gütergemeinschaften zu leben, die nur in Zeiten großer religiöser Aufregung unter dem Einfluß einer hohen Stimmung vorzukommen pflegten45. Politischer Reformer dagegen ist er erst in einer relativ[293] späten Auffassung geworden, welche der Reflex der wirklichen politischen Bestrebungen späterer, weltlicherer Pythagoreer war, während die andere Partei im Bunde mit den Orphikern ein abergläubisches Asketentum ausbildete; von Plato, dem ältesten Zeugen46, wird er nur als Stifter einer eigentümlichen Weise des Privatlebens bezeichnet und ausdrücklich von den Staatsmännern und Gesetzgebern wie Solon und Charondas unterschieden.

Indes wurden die Pythagoreer doch eine Gruppe, welche den übrigen Griechen in den wichtigsten Dingen nicht mehr glich, und man dürfte fragen, ob in einer griechischen Polis die Absonderlichkeit des Privatlebens nicht von selbst etwas Politisches werden mußte, auch wenn der Meister es nicht wollte; hatte doch dieser Polis zuvor alles gehört, bis dieser Mann aus Samos kam und ihr die Alleinherrschaft streitig machte. So erklären sich die politischen Krisen, welche erst zu seiner Umsiedlung von Kroton nach Metapont und dann nach seinem, wie es scheint, friedlichen Ende zu den schrecklichsten Exekutionen gegen seinen Anhang geführt haben.

Seiner Schule aber wird es ewig zum Ruhme gereichen, daß sie der frühste völlig freie Verein ist, welcher zugleich religiös, ethisch und wissenschaftlich war. Als innig verbundene Gesamtheit sind die Pythagoreer etwas anderes als Ionier und Eleaten. Man weiß, mit welcher Aufopferungsfähigkeit sie einander halfen, wie man weite Reisen nicht scheute, um der Totenfeier eines verstorbenen Bruders beizuwohnen, den man oft nicht einmal persönlich, kannte. Unser Staunen wächst, wenn wir mitansehen, wie die Wirkungen dieser Lehre sich noch zwei Jahrhunderte nach dem Tode des Meisters frisch erhielten. Solche Wirkungen aber konnte Pythagoras nur hinterlassen, wenn er eine große religiöse Tatsache war.


Nun aber kam die Zeit, da das griechische Denken sich zu völliger Unabhängigkeit durchringen sollte, die Zeit der eigentlichen Philosophie in ihren drei nach der Physik, der Ethik und der Dialektitk zu benennenden Epochen, von denen freilich die beiden letzten die erste mitnehmen und weiterpflegen mußten.[294]

Mit der Physik, d.h. mit der Lehre von Weltgebäude, führte sie sich trotz alles Widerstandes ein; dies ist der Bruch mit dem Mythus; hier war jedermann wißbegierig.

Allmählich entdeckte aber die Nation in sich auch die KräfteA2 des allgemeinen Räsonnements, und da traten Ethik und Dialektik ein. Aber die Möglichkeit einer Philosophie ergab sich nur durch die Physik, mit welcher, wie gesagt, der Anfang gemacht wurde.

Während über das Woher und Wie aller Dinge bei den meisten Völkern bereits die Religionen eine feststehende Lehre enthielten, hatten die Griechen, sobald sie ihren Mythus durchbrachen und sich über kosmogonisches Stammeln hinwegsetzten, volle Freiheit, sich nach Prinzipien der Dinge (ἀρχαί)47 umzusehen. Thales (640-550 v. Chr.) fand den Grundstoff im Wasser, Anaximander im Unbegrenzten (ἄπειρον), in dessen Mitte die Erde sich als eine schwebende Kugel hält, Anaximenes in der Luft, worin sich die Gestirne nicht wie eine Decke über der Erde, sondern um die Erde bewegen. Auf die drei Milesier aber folgt als bei weitem die bedeutendste Gestalt dieses Kreises Heraklit von Ephesos. Das Altertum war über seine Größe einig48, so dunkel ihm seine Schriften waren, aus deren immer von neuem anregenden Fragmenten auch heute noch die allerverschiedensten Konsequenzen gezogen werden können. Dieser bedarf, um das Universum, wie er dies bereits tut, als Prozeß des Werdens auffassen zu können, des ruhelosen Feuers als Symbols des sich ewig Erneuernden. Nach ihm ist alles in beständigem Flusse und ewiger Umbildung, und der Vater aller Dinge ist der Kampf. In seinen Konsequenzen ging er so weit, daß er periodische Weltbrände annahm; überhaupt sprach er eine Anzahl großer und kühner Ideen zuerst aus, darunter die von der Unzuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung. Wir finden auch bei ihm einen ausgesprochenen Haß gegen Homer und seine Götterwelt und die frühste heftige Abwendung des Philosophen von der konkreten Polis; er hat es mit den großen Problemen und nicht mehr mit der einzelnen Stadt zu tun und ist schon Weltbürger.

Und den Ioniern des Stammlandes stehen die Eleaten: Xenophanes, Parmenides und Zenon gegenüber, mit dem Satze, alles sei eins und dies eine sei Gott, und mit ihrer Definition des Seins. Sie sind auf einem vielleicht schon pantheistischen Wege und protestieren wie Heraklit gegen die Volksreligion, weil sie das göttliche Wesen in seiner Reinheit zu erfassen[295] trachten. Wie die ionische, so zeigt auch ihre Schule ein völlig freies Streben und Forschen; der freie Gedanke wird aus eigenem Bedürfnis zur Lehre, und Lehrer und Zuhörer sind entweder reich genug oder durch Einfachheit des Lebens unabhängig, so daß sie sich ihrer Forschung völlig hinzugeben vermögen. Schon in dieser Zeit aber herrscht unter den Philosophen ein allgemeiner Agon.

Mochte man nun aber von einem materiellen Grundstoffe oder von der Bewegung oder von der Einheit des Vielen oder, wie die Pythagoreer, von der Zahl oder, wie Demokrit, von den Atomen ausgehen, in jedem Falle waren diese Systeme nicht bloße Kommentare zu einer Religion, sondern selbständige Schöpfungen. Diese physikalischen Entdeckungen und Ahnungen ohne allen priesterlichen Zwang und Anlaß sind die erste von der Religion wesentlich freie, von Privatleuten getragene Regung des Denkens und Forschens. Dieses Wissen braucht sich auch nicht mehr in Ritus und Mythus zu kleiden (wenngleich abstrakte Mächte wie Haß und Liebe (νεῖκος und φιλία) bei Empedokles noch immer ein Stück Mythus sind); die Ionier reden von der Natur (περὶ φύσεως), weil die Stunde dazu gekommen ist. Als Ausgangspunkt der meisten Kolonien, reich an Weltkunde und freierm Weltleben und selber von kolonialer Denkweise erfüllt, mußte sie schon ihre Heimat dazu anregen, in der gewiß alle religiöse Befangenheit sehr reduziert war, und ähnlich standen die Dinge in Großgriechenland.

Wenn nun gleich Thales laut Aristoteles49 sagte, alles sei von Göttern erfüllt, so beweist dies noch keine Unterordnung unter die Volksreligion; die ältesten Ionier, welche laut Aristoteles gar keine bewegende Ursache von ihrem Urstoffe unterschieden (denn Anaxagoras mit seinem »Geist« war eine große Neuerung50) sind so voraussetzungslos verfahren als möglich; wie unabhängig sie in ihren Annahmen waren, zeigt z.B. die Erklärung, die Anaximander für die Entstehung der Einzelwesen gab, indem er ein allmähliches Heranreifen u.a. vom Fisch zum Menschen lehrte51.

Überhaupt ist schon die große Verschiedenheit der Resultate bei den Ioniern ein echtes Zeichen der Unabhängigkeit; so schon bei den drei aufeinanderfolgenden Milesiern; von Heraklit aber wird, wie gesagt, bereits der Sinneswahrnehmung die Glaubwürdigkeit abgesprochen, weil sowohl das schauende Subjekt als das Objekt in stetem Flusse begriffen sei52.

[296] Freilich, wenn man einen Philosophen aus irgendwelchen politischen oder sozialen Gründen verderben wollte, so meldete sich der Asebieprozeß53, bei dem die Gottlosigkeit aber eben immer nur Vorwand für einen sonstigen Haß war, besonders wegen Einflusses auf die Staatsmänner des betreffenden Ortes. So zuerst von seiten der Feinde des Perikles gegen Anxagoras, weil dieser die Sonne für einen Stein oder eine feuerdurchglühte Metallmasse, den Mond für eine Erde ausgegeben, Opferzeichen natürlich erklärt, die homerischen Mythen moralisch und die Götternamen allegorisch gedeutet hatte. Er kam mit Mühe frei, mußte Athen verlassen und starb in Lampsakos. Und doch hatte er den Begriff des Geistes (νοῦς) in die Philosophie eingeführt54, obschon nur als Urimpuls, indem er den Rest der Naturgeschichte überließ. – Protagoras, der seine »Rede über die Götter« mit den Worten angehoben hatte: »Der Götter wegen kann ich nicht wissen, ob sie sind oder nicht sind«55, wurde von den Athenern (411) verbannt, und seine Bücher, die er in Privathäusern oder selbst im Lykeion vorgelesen oder hatte vorlesen lassen, wurden verbrannt, nachdem der Herold sie bei den Besitzern zusammengesucht. – Weiter ging man bei Diagoras, bei welchem noch der besondere Umstand hinzukam, daß er die (eleusinischen) Mysterien ausgeschwatzt hatte: als er entfloh, wurde der Preis von einem Talent auf seinen Kopf gesetzt; doch starb er, wie es scheint, unbehelligt in Korinth. Auch Diogenes von Apollonia, der da lehrte, das Meer werde einst ganz austrocknen, mußte sein Leben durch die Flucht retten. Von Sokrates soll später die Rede sein. Die ganze athenische Demokratie war überhaupt in Sachen der Götter der Philosophie gegenüber höchst konservativ, während sie dieselben der Komödie preisgab, und zumal konnte seit dem auf den Antrag des Diopeithes 432 v. Chr. gefaßten Beschlusse, wonach gegen alle, die nicht an Götter glaubten oder die Erscheinungen der Natur zu erklären versuchten, öffentliche Anklage erhoben werden sollte,[297] alle Naturforschung in Athen nur heimlich betrieben werden56. Allein im großen und ganzen war gar nicht mehr gegen die Philosophie aufzukommen. Schon Xenophanes verteidigte den ihm eigenen neuen Gottesbegriff, sein All-Eins (ἓν καὶ πᾶν) gegen die polytheistische und anthropomorphistischer Volksreligion mit dem Satze: »Die Löwen würden, wenn sie malen könnten, auch die Götter löwenartig abbilden«57. Und Demokrit konnte die Volksgötter leugnen, alles Geschehen aus der Notwendigkeit herleiten58 (die freilich im Grunde nicht schlimmer war als das Schicksal des Volksglaubens) und als Ziel des Lebens die durch Furcht und Aberglauben unerschütterte Seelenruhe (εὐϑυμία, εὐεστώ) erklären; die von ihm ausgehende atomistische Schule bereitete die der Skeptiker und denA3 Epikur vor. Mochte nun auch das Gerede über solche Dinge, wie die Wolken des Aristophanes bis zum Überdruß zeigen, in Athen noch so sehr die Luft erfüllen, so schadete dies der Philosophie nicht viel. Denn einmal hatte die beständige Gefahr für Leben und Habe, welche von den Sykophanten drohte, das Leben aller Höherstehenden ohnehin viel gefährdeter gemacht, als es heute ist, und da man den Tod nicht so sehr fürchtete, fürchtete man auch die Asebieprozesse offenbar nicht so sehr, und sodann drückten sich auch die meisten um die Gefahren der Asebie herum, so gut sie konnten, wie denn bekanntlich Epikur in charmanter Weise zwar nicht die Götter, wohl aber deren Weltregierung leugnete59.

Übrigens sollte die griechische Philosophie mit all der Unabhängigkeit von der Volksreligion (a potiori genommen) erst nicht beim Atheismus, sondern beim Monotheismus anlangen und am Ende ihres Kreislaufes, im Neuplatonismus, zur Religion werden.

Fast noch mehr aber als die Polemik gegen die Götter will die Polemik gegen Homer und Hesiod, also gegen die große Voraussetzung aller griechischen Existenz und Bildung sagen. Aber freilich schon von Pythagoras60 an geschah diese Opposition meist im Namen einer größern[298] Ehrfurcht vor den Göttern, deren Dienst die Pythagoreer mit scharfer Religiosität beobachteten, wie ja auch ihre Ethik auf religiöser Grundlage erbaut war, ganz als ob man die Vielheit der Götter beibehalten und daneben den Einzelmythus opfern könnte. Während Pythagoras die Peinigungen der Dichter im Hades gesehen haben wollte61, sagte Heraklit, Homer (wie auch Archilochos) verdiene aus den Dichterwettkämpfen verstoßen und gepeitscht zu werden62, und Xenophanes, der übrigens den Mythus im Namen eines fast pantheistischen Begriffes bekämpfte, schrieb Elegien und Iamben gegen Homer und Hesiod, worin er ihnen das über die Götter Gesagte vorwarf63. Am bekanntesten ist die Behandlung, welche Plato in seinem Werke vom Staate den Dichtern angedeihen läßt; Spätere wollten darin einen entschiedenen Neid gegen Homer erkennen64; eine spezielle Quelle seines Mißverhältnisses zum Mythus dürfte darin zu suchen sein, daß er selbst die tragische Poesie, wie Sokrates die Bildhauerei, aufgegeben hatte.


Überall mochte nun der Bruch der Denkenden mit dem Mythus begonnen haben, und an die Physik hätte sich die Ethik und Dialektik rein durch die Philosophie anreihen können, da trat als neue Erscheinung die Sophistik zwischenhinein. Als soziale Erscheinung wird diese im letzten Abschnitte zu betrachten sein; hier möge kurz auf ihre Stellung im hellenischen Denk- und Wissensprozeß hingewiesen werden.

Die Sophisten waren eine sehr ernstliche Konkurrenz für die Philosophen, und wo man diese hört, steht es deshalb sehr schlecht um sie; aber wir müssen es wagen, dem gewöhnlichen Vorurteile entgegenzutreten. Nach Athen kamen sie sämtlich von auswärts: Protagoras aus Abdera, Gorgias aus Leontini, Hippias aus Elis, Prodikos aus Keos. Sie machten das mächtigste Aufsehen, sprachen an Festen, entzückten die ganze Nation, ernteten die größten Ehren und ließen sich hoch bezahlen. Und das eben konnten die Philosophen nicht begreifen, daß sie trotz ihres Honorarnehmens solchen Anklang fanden; wir könnten es uns schon daraus erklären, daß der gewöhnliche Mensch nach dem Rezept der Klugheit das, was er bezahlen muß, höher schätzt, als was er umsonst bekommt. Sie setzten sich nun in Athen fest, und die al lernamhaftesten Leute, Männer wie Perikles und Thukydides, begaben sich in ihre Schule und nahmen ihre Lehren an, ein effectus, der denn doch eine causa voraussetzt.[299] Diese wird ja nicht nur in ihrer sittlichen Indifferenz bestanden haben. Freilich sollen sie, indem sie die Lehre aufbrachten, daß nichts an und für sich, sondern alles nur nach Meinung und Übereinkunft (δόξῃ καὶ νόμῳ) gut und böse sei; und daß es über alle Dinge ein Pro und ein Contra (δύο λόγους) gebe, und indem sie auch in religiöser Beziehung nicht bloß Skeptiker, sondern geradezu Leugner waren65, die Athener zu allen möglichen Verkehrtheiten verführt haben. Indes erlauben wir uns zu bezweifeln, daß Leute wie die Sophisten eine solche Gesinnungsweise in weiten Kreisen schaffen können; vielmehr war diese längst vorhanden, und sie gaben dafür höchstens die Formel her66. Dagegen war ein höchst ersehnter Artikel, den sie vertraten, die methodisch ausgebildete Redekunst, deren Ausbildung freilich im Zusammenhange mit der Lehre von der Subjektivität aller Erkenntnis und dem Anheimgeben aller Dinge an die Überredung stand. Ferner waren sie, trotzdem sie nur ein Vorstellen, kein objektiv wahres Erkennen anerkannten, doch mit den kurrenten philosophischen Problemen vertraut; ihre Dialektik, in der die (den Eleaten abgeborgten) Fangschlüsse eine große Rolle spielten, mochte wohl eine geistige Gymnastik sein, und wenn es ihrer formalen Bildung auch an Tiefe gebrach und sie nicht den Anspruch erheben konnten, die Menschen »besser zu machen«, so brachten sie ihnen doch Kenntnisse und Fertigkeiten bei, und für diese war man ihnen äußerst dankbar. Hippias konnte sich als eine Art von enzyklopädischem Alleskönner ausgeben, indem er in Olympia in einer Tracht auftrat, in der bis auf den selbstgeschnittenen Stein des Siegelringes alles von seiner Hand verfertigt war; die Hauptsache aber war das viele positive Wissen, womit sie einer Zeit entgegenkamen, die wenige Bücher und einen großen Wissenstrieb besaß. Wenn wir uns in diese Zeit versetzen, so werden wir es leichter verstehn, daß sie eine ähnliche Wirkung wie die italienischen Hiumanisten haben konnten. Sie hatten ihre Lehre vom Weltgebäude (ἰδέα τοῦ κόσμοῦ) und ihre Astronomie, sie besaßen geometrisches Wissen, wodurch sie es bis zur Verfertigung von Landkarten brachten, sie erklärten Dichter, sie lehrten die Musik, sie verstanden sich auf die Grammatik, Hippias behandelte die mnemotechnische Wissenschaft67; ferner waren Geschichte und Archäologie, die Lehre von den Gattungen der Poleis, d.h. eine vergleichende Verfassungskunde, die wir als Vorarbeit zur Politik des Aristoteles betrachten können, die Kunde der Kolonien, die Rechtskunde, die Haus- und Staatsverwaltung in den Kreis ihrer Erörterungen gezogen. Kurz, wenn auch die berühmte Aufforderung des Gorgias, ihm[300] Fragen beliebiger Art vorzulegen (das προβάλλετε), sich auf logische Operation beziehen und nicht den Sinn haben sollte, als hätte sich der Sophist alle Fragen aus allen Wissensgebieten zu beantworten getraut, jedenfalls war hier eine Fülle von Kenntnissen vorhanden, womit die Sophisten eine Wohltat für das damalige Hellas sein konnten; sie waren ein unvermeidliches Element im hellenischen Leben und lassen sich deshalb nicht so herunterdingen, wie schon geschehen ist.[301]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CCLXXXII282-CCCII302.
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