5. Das alexandrinische erzählende Gedicht

[104] Das spätere griechische Epos verdient einen Blick, wäre es auch nur, damit man sich überzeuge, wieso es schwer geworden war, auf Homers Pfaden neu oder tüchtig zu sein. Und hier lernen wir nun die Alexandriner in ihren beiden Hauptvertretern Apollonios von Rhodos und Kallimachos kennen. Wir beginnen mit dem erstern, dem Dichter der Argonautika, der unter Ptolemäos Euergetes (247-221) und Philopator (221-204) gelebt hat.

Apollonios sucht vor allem in seiner Diktion und im Bau des Hexameters zu klingen und zu lauten wie Homer, ist aber an sich schon ein sehr mittelmäßiger Dichter, und nun trifft man bei ihm auf ein durchgehendes Mißverhältnis zwischen der feierlichen Eleganz und psychologisch-rhetorischen Ausmalung und den zum Teil uralten und rauhen Motiven, die gar kein poetisches Ganzes bilden. Dazu offenbart sich das damalige Absterben des echt mythischen Gefühles; vergebens sucht er die Leere seiner göttlichen und heroischen Gestalten durch Empfindungen sentimentaler Art in den Hauptfiguren aufzubessern. Daß sein Sujet eine geographische Reiseroute ist, bietet eine Gefahr, welche auch der Odyssee nahe gelegen hätte, die aber Homer glücklich vermied. Apollonios, statt den Stoff zu säubern, der schon viel zu sehr von allen Seiten, auch von den kolonialen Dichtungen her, mit den verschiedensten Bestandteilen und Beziehungen angefüllt war, stopfte ihn mit solchen erst recht voll. So duftet er schon in der Aufzählung der Helden131 von lauter mythologischer und genealogischer Gelehrsamkeit. Daß man die vielen berühmten Teilnehmer der Fahrt nachher kaum zu beschäftigen wußte, ist freilich ein allgemeiner Übelstand dieses Sujets, dieser rückt aber hier mit der säuberlichen Behandlung dem Hörer oder Leser hart vor die Augen, während man es in frühern, naiven Improvisationen mit denselben nicht so genau mochte genommen haben. Apollonios weiß bei der ersten Nennung und Einführung der einzelnen Heroen aufs niedlichste zu variieren und meint, damit sei es getan. Doch muß zu seinem Ruhme gesagt werden, daß immerhin der Mißbrauch des Deskriptiven bei ihm nicht herrscht.

Der Aufzählung folgt (von I, 234 an) die große, umständliche Rührung des Abschiedes. Wir erfahren, was das Volk sagt, wie die Weiber jammerten, wie dem kranken, alten Äson zu Mute war, und höchst umständlich pathetisch den Abschiedsjammer der Mutter Alkimede, von der jedoch später gar nicht mehr die Rede ist, samt der Erwiderung Iasons[104] in elf Versen. Da das Pathos einstweilen nirgends in den Ereignissen liegt, muß der Autor es hineinlegen. Ganz modern ist, wie Iason (338) auf die Wahl eines Oberhauptes anträgt, alle Blicke sich auf Herakles richten, dieser jedoch ausschlägt und die Genossen auf Iason hinweist, worauf derselbe seine Ansprache hält.

Dann wird umständlich die Ausrüstung der Argo erzählt, und wie hier die Seegelehrsamkeit, so drängt sich nachher das sakrale Wissen bei Anlaß des Altars und des Opfers zu Ehren des Apollon Aktios und Embasios vor132. Der weissagungskundige Idmon muß seine schon bei der Aufzählung der Helden erwähnte Todesahnung wiederholen. Nachdem das letzte Gelage am Strande mit allen Gesprächen und einem kosmogonischen Gesang des Orpheus ausführlich dargestellt ist, fahren sie endlich am folgenden Morgen ab, wobei Iason noch beim letzten Blick auf die Heimat Tränen vergießen muß (535)133. Bis Lemnos ist es nun die reine Reise, die den Helden zwischen dem Rudern und Fahren durch Gesänge des Orpheus, welchen auch die Fische lauschen, verkürzt wird; denn das ägäische Meer ist noch mare tutum, und erst im Pontus führen dann eigentlich die Argonauten die griechische Phantasie und Ignoranz spazieren134. In Lemnos aber folgt die uralte, echt mythische Episode mit den Lemnierinnen und deren Königin Hypsipyle, welche die Männer der Insel ermordet haben, und hier stellt sich nun höchst lächerlich der Kontrast der Gemütlichkeit und vermeintlichen Delikatesse mit einem fürchterlichen alten Mythus dar.

Die Frauen halten – man bedenke, daß die Ekklesiazusen 150 Jahre vor Apollonios gedichtet waren! – eine Ratsversammlung ab; Hypsipyle möchte die Argonauten außerhalb der Mauern halten und mit Vorräten abspeisen, Polyxo, die Greisin, ist der Meinung, sie aufzunehmen, und Hypsipyle gibt nach. Zur großen Aufwartung zieht Iason ein Prachtgewand (δίπλαξ) an, welches Pallas ihm geschenkt, und dessen figürliche Stickereien in einer Beschreibung geschildert werden, die uns beweist, daß die Schilde des Homer und Hesiod den Apollonios nicht schlafen ließen135. Hypsipyle muß dann noch verschämt tun, indem sie Iason auffordert, auch seine ganze Schar noch hereinzubitten, und ihm (825) durch die Angabe, daß die Männer, aus der Stadt hinausgesperrt, jetzt in Thrakien wohnten, den geschehenen Mord »mildert«. Nachdem aber alle von der Stadt und den Lemnierinnen Besitz genommen, schilt Herakles,[105] ob man denn hiezu ausgefahren sei, und nun schämen sie sich und beschließen die Abfahrt, die denn nach einigen Abschiedsreden zwischen Hypsipyle und Iason über das Kind, mit dem sie schwanger gehen könnte, stattfindet. Auf Weisung des Orpheus landen sie dann auf der Insel der Atlastochter Elektra, womit doch nur Samothrake gemeint sein kann, »um dort durch hohe Weihen die geheimen Satzungen zu erfahren und dann sicherer weiterzureisen«; aber die Orgien der dortigen Dämonen darf der Sänger nicht erzählen, und so geht es weiter durch den Hellespont und die Propontis.

Das Epos folgt hier den zackigen Umrissen zerstreuter Lokalsagen. Während man anderswo lokalisierte, was Homer erwähnt hatte, mußte Apollonios alle Anwesenheiten, Landungsplätze, Stiftungen usw. erwähnen, die schon vor ihm mit den Argonauten in Verbindung gebracht worden waren136. So wird, nachdem man bei Kyzikos den Berg Dindymos bestiegen hat, um die Pfade des andern Meeres zu schauen, der touristische Müßiggang nachträglich bei Iasons zweiter Landung durch die Stiftung eines Götterbildes etwas entschuldigt137. – Gerne wüßte man, ob das für Apollonios fast zu gute Motiv der Landung am mysischen Gestade diesem gehört. An die Erzählung von Herakles, der sich im Walde anstelle seines zerbrochenen Ruders ein anderes schnitzen will, knüpft sich der Raub des Hylas durch die Nymphen138; die Argonauten aber fahren weiter und merken erst draußen (1238), wen sie zurückgelassen. Telamon fängt Streit an und verdeutet dem Iason, es sei absichtlich geschehen, um nicht von Herakles verdunkelt zu werden, die Boreaden aber wollen die Weiterfahrt erzwingen – wofür sie später von Herakles gezüchtigt werden –, da taucht Glaukos aus der Flut auf (dessen diesmalige Erscheinung Apollonios erfunden haben dürfte) und meldet: Herakles müsse die zwölf Arbeiten bei Eurystheus vollenden und Genosse der Götter werden, sein Freund Polyphemos müsse in Mysien eine Stadt gründen und Hylas Gemahl einer Nymphe bleiben. Die Abbitte, welche Telamon dem Iason tut, würde er bei Homer wohl unterlassen haben; hier muß alles, auch Iasons Antwort, höflich und gemütlich lauten.

Das dritte Buch, dem wir neben dem ersten noch einen Blick zuwenden wollen, beginnt mit dem Besuche Athenes und Heras, die für ihre Schützlinge in Sorge sind, bei Aphrodite, die sie bei der Toilette treffen und ersuchen, Medea durch ihren Herrn Sohn in Iason verliebt zu machen.[106] »Euch folgt er eher; um mich kümmert er sich gar nicht mehr, doch ich will es versuchen ihn zu erweichen usw.,« sagt Aphrodite, und so geht es zwischen den Göttinnen ganz im Stil der Unterhaltung gebildeter Damen, worauf Aphrodite den Sohn suchen geht und ihn mit Ganymed Würfel spielend usw. im olympischen Baumgarten findet.

Aus der folgenden Darstellung ergibt sich nun so recht die unendliche Superiorität Virgils über diese Art von Dichtern. Dieser ist wenigstens psychisch unabhängig von den Antiquitäten, die er kennt, hält die Sachen durch wirkliche Leidenschaften und Götterwillen im Zusammenhang und hat endlich den Vorteil, auf eine große Zukunft hinzuweisen. Hier dagegen kommt gleich (200) folgendes echte Beispiel der Gelehrsamkeit: Apollonios hat irgendwo gelesen, daß die Kolcher ihre Toten nicht begrüben noch verbrennten, sondern in Rindshäuten an Bäumen aufhängten139; – richtig muß nun Iason, der durch Hera in eine – aus der Odyssee entlehnte – Nebelwolke gehüllt (210) nach der Wohnung des Äetes geht, solche Säcke an den Weidenbäumen hängend antreffen. Endlich wird dann Medea (286) vom Pfeil des unsichtbaren Eros getroffen, und von hier an beginnt die Liebesgeschichte. So wie Euripides dieses Element in die Tragödie eingeführt, so mußte es auch ins Epos eindringen, wenn dieses überhaupt künstlich am Leben bleiben bleiben sollte; und nun ist allerdings die pathologische Schilderung von Medeas Seelenbewegung (444-470) recht hübsch; es ist aber nicht die der schon längst bei andern Dichtern mythisch so scharf gezeichneten Zauberin und Zaubererstochter Medea, sondern die irgendeines verliebten Mädchens. Wenn irgendwo, so wäre hier gestattet gewesen, das erste Zusammentreffen des später so furchtbar geschiedenen Liebespaares in einer großartig düstern Weise zu motivieren140. Eine dünne und, wie uns scheint, übelgedachte Episode ist dazwischen die Einflechtung der Söhne von Medeas Schwester Chalkiope, deren einer, Argos, den Großvater bei Tisch zur Herausgabe des Vließes bereden will141; es hätte an Iasons Verhandlungen genügen müssen.

Zunächst werden dann Konversationen zwischen Iason und Argos und Iason und den Gefährten berichtet, welche an sich ganz müßig sind, und deren sachlicher Inhalt in zwei Zeilen zu geben gewesen wäre; mit der[107] Entwicklung der Charaktere hat dieses Gerede gar nichts zu tun142. Es folgt (540) ein Vogelzeichen und die unvermeidliche Rede des Mantis (Mopsos) darüber, und dann läßt Apollonios den Äetes (576) aus allem Kostüm fallen, indem er ihn mit den Kolchern eine Volksversammlung abhalten und seine bösen Absichten gegen die Argonauten in etwa dreißig Versen des breiten ausschwatzen läßt. Man erfährt nicht, was die Kolcher dazu gesagt haben, denn alsbald ist man wieder bei Argos und Chalkiope und hört sodann (616) den an sich ziemlich gut erfundenen Schreckenstraum Medeas. Aber der folgende Monolog (636) paßt wieder nicht zu ihrer Teilnahme an dem im Traume geschauten Stierkampfe; es sind wieder nur Reden eines schamhaften Mädchens. Nun kommt die sehr umständliche Schilderung ihres innern Kampfes, ob sie mit der Schwester sprechen und sich ihr (unter dem Vorwand, für die Rettung der Neffen zu sorgen) anvertrauen solle oder nicht. Apollonios scheint von allen Seiten her die Züge der schüchternen Leidenschaft gesammelt und so seine Medea, ungefähr wie Theophrast seine Charaktere, konstruiert zu haben, um nun hier alles gehäuft vorzubringen, gleichviel, ob es auf die mythisch so genau bekannte Medea passe oder nicht; wer sonst so gelehrt tut, der möchte auch bei der Leidenschaft nur ein Sammler gewesen sein; auch das weit ausgeführte Bild von der jungen Witwe (656 ff.) ist irgendwo entlehnt und sitzt ganz falsch. Immerhin aber sind diese Stellen merkwürdig als frühstes umständliches Denkmal der Sentimentalität., d.h. der geflissentlichen Ausspinnung des Gefühlslebens besonders nach der wehmütigen und sehnsüchtigen Seite bis in alle Einzelheiten hinein, ohne Proportion zum wirklich Geschehenden, während man es sich erspart, die Hergänge so zu geben, daß das Gefühl im Hörer erwacht. So sehr diese Sentimentalität, die hie und da, wenn auch jedenfalls noch lange nicht so stark, schon bei Euripides zutage tritt143, bei Medea an der unrichtigsten Stelle angebracht ist, sie ist doch ein hochwichtiges Zeichen der alexandrinischen Zeit. Die damalige Tragödie taugte nicht hiefür, die neuere Komödie mit ihrer Art von Liebschaft auch nicht, da verlegte Apollonios die Sache ins Epos. Jetzt war auch der Roman nicht mehr ganz ferne, und man kann sich wundern, daß die ersten narrationes amatoriae noch so lange auf sich warten ließen; ein Angeld auf sie mochte etwa die Geschichte von Seleukos, Antiochos, Stratonike und dem Arzt Erasistratos sein.[108]

Viele und lange Umstände werden gemacht, bis endlich die beiden Schwestern in Diskurs kommen144, und wahrscheinlich glaubte Apollonios, ein Wunder von Diskretion zu begehen, indem er (719) Chalkiope um ihrer Söhne willen Medea bitten läßt, dem Iason durch irgend einen Zauber zu helfen. Dieser ist ein Stein von der Seele, weil sie dies nicht selbst vorschlagen muß; sie redet nun sehr zärtlich mit der Schwester, von der sie wie von einer Mutter erzogen sei und deren Söhne für sie wie Brüder seien, und verspricht morgen in der Frühe das Zaubermittel für die Bändigung der Stiere in den Hekatetempel zu bringen; nach all der Seelenbewegung hat sie sich doch der Schwester noch nicht verraten. Als es aber Nacht wird, »da die Schiffer nach den Sternen sehen und der Wanderer und der Torhüter nach Schlaf begehrt und starke Schlafsucht auch eine Mutter umhüllt, deren Kinder gestorben sind« (747)145, kein Hundegebell mehr in der Stadt, kein Geräusch mehr hörbar ist, sondern nur Schweigen in der dunkeln Nacht herrscht, da flieht Medea der Schlaf, sie fürchtet für Iason, ihr Herz tobt in der Brust, und nun folgt (755 ff.) das Bild von dem Sonnenstrahl in einem Becken, dessen Reflex an der Wand hin und her zittert146. Der Schmerz aber durchdringt ihr, wie Apollonios etwa aus dem gelehrten Umgang mit einem Mediziner des Museions erhorcht haben mag, die Haut und die zarten Fibern bis unter das Genick, da wo sich am schmerzlichsten das Leid hinsenkt, wenn die in der Plage unermüdlichen Eroten sich in einem Innern festsetzen147; sie schwankt, ob sie das Zaubermittel geben wolle oder nicht, ob sie sterben oder weiterleben und sich gelassen in die Sache fügen wolle; dann folgt ein langer Ausruf (770-800); sie will Iason retten, er mag unverletzt abziehen, die Scheu soll schwinden (ἐῤῥέτω αἰδώς), sie aber will durch Strang oder Gift sterben – da fällt ihr ein, wie dann die Kolcherinnen höhnen werden; sie findet, besser suche sie den Tod gleich jetzt in der Nacht.

Und nun geht sie an die Giftkassette (φωριαμός), von der man wissen möchte, woher das gefühlvolle Kind sie hat, legt dieselbe auf ihre Knie[109] und weint (21/2 Verse) Tränen – da kommt doch der Schrecken des Hades über sie, sie denkt an die Freuden des Lebens und an ihre frohen Gespielen, faßt Mut und wünscht, daß es nur Tag wäre, um Iason das Zaubermittel zu geben; sie öffnet die Türe; das Morgenrot bricht an, die Stadt belebt sich. Sie verwischt die Spuren des Schmerzes, putzt sich und läßt durch zwölf Mägde den Wagen zur Fahrt nach dem Tempel der Hekate rüsten. Nachdem dann umständlich über das aus den Blutstropfen des Prometheus erwachsene Zauberkraut gehandelt worden ist, tritt sie (869), Artemis gleich, ihre Fahrt an, die Apollonios offenbar viel glänzender zu schildern glaubt als Homer, während er Nausikaas Fahrt an ungehörigster Stelle nachahmt.

In diesem mit Niedlichkeiten behangenen Gedicht ist das Gegenteil von allem epischen Zuge; aber die mehreren großen Kommentare, wovon die jetzt erhaltenen Scholien nur magere Auszüge sind, beweisen, daß Apollonios nur allzusehr als klassisch galt; noch bei den Römern übersetzte ihn P. Terentius Varro Atacinus frei und bearbeitete ihn Valerius Flaccus.


Der ältere Zeitgenosse des Apollonios und ein dichtender Antiquar wie dieser ist Kallimachos, der Oberbibliothekar zu Alexandria zur Zeit des Philadelphos und Euergetes. Er war ein Polygraph, dessen Bestes, nämlich seine Elegien, untergegangen ist; erhalten aber sind seine den homerischen nachgebildeten Hymnen, die uns nun auf ihrem Gebiete dartun, wie aus Gesang eine bloße Literaturgattung werden kann.

Wesentlich war ihm die saubere Nachahmung der homerischen Sprache, die mythologische, sakrale und geographische Erudition und eine unechte, vehemente Lebendigkeit, die zu dem geringen poetischen Zug einen traurigen Kontrast bildet. Wenn er zwischen dem epischen und dem invokatorischen, allokutorischen Hymnus schwankt, so scheint er freilich eine uralte Form, die schon in den homerischen Apollo hymnen reichlich vorkommt, zu erneuern; auch dort kann es (216) der Aöde nicht vermeiden, dem Gotte vorzuerzählen, was dieser selbst getan hat, also besser wissen muß; aber die homerische Invokation ist nicht aus dem bloßen Pathos, sondern eher daraus zu erklären, daß der Sänger während seines Vortrages einem Götterbilde zugewandt war; der Schreibdichter Kallimachos dagegen erzählt invokatorisch etwa wie die schottischen Prediger, die schon den Inhalt einer ganzen Predigt in das Gebet preßten, und meint offenbar, durch diese beständigen Apostrophen, die er für poetisch feurig hält, sein Gedicht lebendig zu machen148. So stellt der[110] erste Hymnus die Geburt und Jugendgeschichte des Zeus und die Leitung der Könige durch ihn mit aller möglichen Gelehrsamkeit unter beständigen Anreden dar, der zweite, auf Apoll, beginnt mit einer affektierten Theophanie und verflicht mit der Aufzählung seiner Tätigkeiten die Gründung von Kyrene, der Vaterstadt des Dichters149; der dritte, auf Artemis, ist ein abgeschmacktes Gegenstück zum homerischen Hymnus auf Hermes, ein rechter Gelehrtenirrtum. Auch Artemis muß hier als kleines Kind schon allerlei verrichten, sich von Zeus ihre ganze spätere mythologische Ausstattung erbitten, sich Waffen bei den Kyklopen bestellen usw. Im vierten, auf Delos, werden die Fluchtfahrten der Leto geradeso zur Entwicklung geographischer Weisheit benützt wie bei Apollonios die Argonautenfahrt; am Ende kommt dann ein förmlicher Exkurs über die Hyperboreer. Apoll, der so naseweis ist, wie im dritten Hymnus Artemis, vatiziniert schon im Mutterleibe und gibt sogar der Leto Anweisungen. Auch die Unart der Aufzählungen (hier z.B. aller Orte, die besondern Göttern geweiht sind) kommt mit der Gelehrsamkeit und der Rhetorisierung in die Poesie. Endlich wird, ähnlich wie schon im ersten Hymnus, dem Ptolemäos Philadelphos tüchtiger Weihrauch gespendet, bei Anlaß von Kos, wo Apollon nicht will geboren werden, weil diese Insel einst Ptolemäos verherrlichen soll. – Das folgende »Bad der Pallas« ist kein epischer Hymnus und gehört schwerlich in diese Reihe; in dorischen Distichen gehalten150, sieht es schon einer Elegie ähnlich, wie manches bei Ovid. Es wird die Beschreibung einer Weihezeremonie gegeben und an diese der Mythus von Tiresias angehängt, welcher geblendet wurde, weil er Pallas baden sah. – Der gleichfalls dorische sechste Hymnus endlich, auf Demeter, enthält wenigstens einen leidlich erzählten Mythus, von der Rache der Göttin an Erysichthon, welcher heilige Bäume niederhieb151.[111]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CIV104-CXII112.
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