10. Die neuere Komödie

[266] Die mittlere Komödie wurde durch die neuere (ungefähr vor 330 v. Chr.) abgelöst, welche neben der bukolischen Dichtung Theokrits die letztgeschaffene griechische Kunstform ist und für uns an die glänzenden Namen Menander, Philemon, Diphilos, Poseidippos, Apollonios von Karystos geknüpft erscheint. Ihr Schöpfer623 oder wenigstens derjenige Dichter, von dem das ganze spätere Altertum am meisten entzückt war624, der Verfasser von über hundert Stücken ist Menander von Athen, der Neffe des Alexis, Schüler des Theophrast und Freund Epikurs, zur Zeit auch des Demetrios von Phaleron. Obschon er im Wettstreit nur achtmal gesiegt haben soll, weil Philemon volkstümlicher war625, folgte er doch einem Rufe des Ptolemäos Lagi nicht, der ihn nach Alexandria ziehen wollte, und ist zweiundfünfzigjährig in Athen gestorben, wo er »in sanften und gemäßigten Genüssen«, wie sie Epikur empfahl, aber eben doch mit Hetären, nämlich der seelenvollen Glykera und der übermütigen Thais, gelebt hatte626. Nach der herrlichen vatikanischen Statue, die ihn sitzend darstellt, einem Meisterwerk von feiner Charakteristik, wäre er eine etwas bürgerliche, aber überaus geistreiche Persönlichkeit gewesen, ein Mann, der vor allem die gutmütige Außenseite zeigt, aber im Innern den Schalk birgt.[266]

Aus Menanders zahlreichen Fragmenten und besonders aus den römischen Nachbildungen ist uns diese neuere Komödie nun viel bekannter als die mittlere. Plautus und Terenz nämlich hingen mit ihr nicht in stubengelehrter Weise durch bloße Kenntnis der Texte zusammen, sondern noch durch lebendige Tradition. Menander und Philemon wurden in allen griechischen Städten Asiens wie Italiens mindestens noch, als Livius Andronicus 240 v. Chr. anfing, aufgeführt, und die griechische Theaterpraxis konnte also von den Städten Großgriechenlands aus leicht nach Rom gelangen627. Freilich ging man hier mit den Originalen oft frei um und scheute sich nicht, durch sogenannte Kontamination aus zweien ein neues zu machen.

Wie wir nun aus den Nachbildungen wissen, stellte die Bühne in der Regel ziemlich lange Strecken von Straßen dar, wo man die Häuser der handelnden Personen und dazwischen mitunter öffentliche Gebäude, Heiligtümer usw. unterschied. Das Kostüm war etwa das der betreffenden Stände im gewöhnlichen Leben; dagegen verzichtete man nicht, wie man wohl gekonnt hätte, auf die Masken, um dafür Angesicht und Ausdruck walten zu lassen; denn im Grunde ist auch die neuere Komödie nicht individuell; vielmehr tat man nach der Seite des Individualisierens nur den einen Schritt, daß man mehr und andere feststehende Masken schuf, als die mittlere Komödie gehabt hatte; dieselben waren überaus lächerlich, nur die Weiber waren bisweilen anmutig628. – Vom Chor war keine Rede mehr. Die einzige lyrische Zutat möchte629 gewesen sein, daß Affekte und leidenschaftliche Empfindungen, etwa nach Art der euripideischen Monodien in Versen von verschiedenen Maßen und mit Gesten begleitet, gesungen wurden; in den Zwischenakten aber unterhielten wohl auch jetzt Flötenbläser oder Tänzer das Publikum. Das Rezitativ wird so laut und dröhnend wie in der Tragödie gewesen sein.

Der Schauplatz dieser Stücke ist meist das diadochische Athen. Auch nach Chäronea und nach dem lamischen Kriege noch war die Stadt reich und selbst politisch nicht machtlos geblieben; aber sie war des kräftigern alten Geistes bar, der jetzige Geist war teils den Philosophen und Rhetoren, teils dem Genusse des Privatlebens zugewandt630. Trotzdem nun die Szene in Athen ist und die daherigen Ideenassoziationen mit Dank angenommen werden, stellt diese Komödie doch nicht mehr das konkrete Athen, sondern das allgemein Menschliche dar, und das Nationale, Politische, Religiöse hat sich zur Philosophie des Lebens und Lebenlassens[267] verdünnt631. Aus der mittlern Komödie lebt weiter die Komik der Stände und stehenden Beschäftigungen, zumal als höchst erwünschte Nebenfigur der Parasit und der Koch, der jetzt erst seinen ganzen Umfang gewinnt. Auch die Verhöhnung der Philosophen dauert fort632 und ebenso die Parodie der Tragödie (welche man allgemach hätte in Ruhe lassen können)633; als Rest der alten behält sich die neuere Komödie auch noch hie und da die persönliche Invektive vor634. Mittelpunkt des Dramas aber wird nun, wie unter solchen Umständen bei allen Völkern, die Liebschaft635, und zwar ist die Seele des Stückes jetzt Intrige und Spannung, Flechtung und Lösung des Knotens innerhalb der Wahrscheinlichkeit, und die Träger sind Charaktere, aus deren Wesen sich die Handlung ergeben soll und die durch ihre völlige Wahrheit das Interesse des Zuschauers pro und contra erregen sollen; neben der kunstreichen Intrige erscheint jene stellenweise noch vorhandene Verhöhnung der Ständetypen nur als Nebenziel.

Nach Plautus und Terenz zu urteilen, war es nun im Grunde ein beschränkter Kreis von Lebensverhältnissen, von Charakteren und von danach möglichen Intrigen, der hier auf die Bühne kam, und besonders die weiblichen Charaktere sind sehr einförmig und bei der völligen Abwesenheit jedes reichern Empfindungslebens ziemlich geistlos. Vor allem hat man es mit der Hetäre zu tun, welche bald edler gemütlich, bald mehr gemeinschlau und gierig ist, ohne daß ihr aber letztere Eigenschaft viel schadete, und daneben steht die eigentliche Dirne, die Sklavin eines Kupplers (leno). Eine solche kann, wenn ein Liebhaber sie auslöst, zur Hetäre werden. Auch zur rechtmäßigen Gattin wird sie leicht; wenn dies der Fall sein soll, so genügt der Nachweis, daß sie einst frei geboren und bloß geraubt worden sei; der Loskauf deckt dann die sittliche Inkongruenz[268] völlig; vollends wird die Hetäre sehr leicht Ehefrau; ja es ist dies wohl ihr Ziel. Die Väter, welche oft geizig sind, wollen das Verhältnis der Söhne zu ihren Hetären zerstören, fallen dann aber etwa selber der Versuchung anheim, und so ist die Konkurrenz von Vater und Sohn um eine Hetäre kein seltenes Thema. Überhaupt genießen Eltern und alte Leute hier wenig Respekt, weil sie sich selber nicht sehr respektieren. Auch diese Gestalten und ebenso die des jugendlichen Liebhabers sind nicht sehr vielartig, und eine individuelle Vertiefung, wie wir sie in den »Charakteren« des Theophrast finden, wäre von ihnen nicht zu verlangen636.

Die große Hauptperson und gewöhnlich der Träger der Intrige ist der Sklave637, der damals durch die allgemeine Lizenz hoch emporgekommen war. Er kommt in allen guten und schlimmen, bald mehr wohlwollend, rettend oder durchhelfend, bald mehr egoistisch vor und ist an zwei Haupteigenschaften kenntlich: dem Reichtum an Auskunftsmitteln und dem Toupet, d.h. der Eitelkeit, daß auf ihn der Ausgang ankommt. Auch die zwei Sklaven zweier Herrn wurden von der neuern Komödie tali quali übernommen, bald als Intriganten, bald als niedrigere Reflexe des Tuns und Treibens ihrer Herrn, bald als Konfidents.

Wir erwähnen hier ferner noch den Offizier, der nicht Bürger, sondern heimatloser Söldner und halber Barbar ist. Er ist der miles gloriosus, »den sein Parasit weit übersieht und ein gescheiter Sklave in den Sack steckt«, und in seiner Gestalt haben wir ein Beispiel dafür, wie sich neben dem. Intrigenspiel auch die Satire auf bestimmte Menschenklassen im Sinne der mittlern Komödie behaupten konnte. Zu überbieten suchte man diese offenbar mit dem Koch, der in den mannigfaltigsten Varianten vorkommt, wie denn die ganze Eß- und Kochpoesie ihren Weg wie in der mittlern Komödie geht638. Wir lernen den wissenschaftlich hochmütigen Koch kennen, der sich als Schüler Epikurs gibt639, und den, der alle andern für[269] Ignoranten erklärt, ausgenommen ihn selbst und zwei Kollegen, die noch die Schule des großen Küchenklassikers Sikon aufrecht erhalten; dieser nämlich hatte alle Reden über die Natur (λόγους περὶ φύσεως) inne und lehrte die Köche zuerst Astrologie, Architektonik, Strategik640. Ein gebildeter[270] Koch macht die Kochkunst zur Mutter aller Kultur641. Ein anderer642 spielt sich speziell als den Koch der neuen Schule auf, deren Gründer die scharfen Gewürze, »die einst schon Kronos gebraucht«, abschafften, um den Gästen das Weinen, Nießen und Geifern zu ersparen. Als Schüler Sophons, eines dieser Gründer, gedenkt er eine Theorie seiner Kunst zu hinterlassen und liest von früh an in Büchern. Er weiß, wie man für junge Schwelger, für Zöllner, für Greise kochen muß usw. Überhaupt wird gerne etwa die praktische Physiognomik der guten Kunden entwickelt643. Andere brauchen lauter mythologische Redensarten644 oder ergehen sich sonst bei den geringsten Anlässen in poetischen Redeweisen645, und über einen Mietkoch klagt ein Herr, weil dieser – er behauptet, es sei seine Gepflogenheit – in lauter homerischen Ausdrücken redet646. Daß ärmere Kunden von den Köchen hochmütig behandelt werden647, ist ebenso natürlich, als daß der große prahlerische Koch, den man samt seinen Dienern mietet, durch seine Grobheit alles in Schrecken setzt648.

Herr der Dinge ist in dieser Komödie überall der Zufall; ein häufiges Vehikel der Erfindung, von dem freilich ein etwas sehr starker Gebrauch gemacht wird649, ist die Wiedererkennung verlorener, in früher Jugend geraubter oder ausgesetzter Kinder, welche etwa schon als Sklaven verkauft worden oder doch von diesem Schicksal bedroht sind. Auch[271] daß zwei einander täuschend ähnlich sehen, ist bei der großen Unwahrscheinlichkeit des Faktums wohl zu oft behandelt worden650; gemeine Prellereien, an gemeinen Subjekten verübt, gelten, wie z.B. der Persa des Plautus lehrt, als komisches Thema651. Es mag fraglich sein, wieweit hier noch das ridendo castigat mores zu seinem Rechte kam; die Torheit mochte man allenfalls scheuen lernen.

In seinen Prologen ließ Menander nicht, wie Euripides, Personen des Stückes, sondern allegorische Introduktionsfiguren auftreten, wie den Elenchos (Gott der Prüfung), den wahrheitsliebenden und freimütigen Gott652. Was überhaupt seine Koinzidenz mit Euripides betrifft, so liegt sie nach unserer Ansicht nicht sowohl in der individuellen Ausgestaltung der Charaktere653, als in der Freude an der verwickelten Handlung, am Räsonnieren und am sentenziösen Ausdrucke, welcher letztern wir die Erhaltung der vielen menandrischen Gnomen verdanken, die das Eleganteste sind, was sich auf Grund allgemeiner Beobachtung über das Leben sagen ließ. Menanders Diktion und Ausdrucksweise ist die gleichmäßige des gebildeten Tons, ohne das Burleske, das, wo es sich bei Plautus findet, Zutat des römischen Dichters oder aus Epicharm entlehnt ist; die Grazie dieses Stils war im Altertum eine allgemein zugestandene.

So viel feiner attischer Geist und Formensinn aber in dieser Poesie auch gelebt hat, wir werden doch sagen müssen: die alte Komödie und die Tragödie Athens sind nur sich selbst gleich und durch nichts unter der Sonne ersetzlich, das die neuere Welt schaffen könnte; dagegen die neuere Komödie ist aus jeder Literatur zu ersetzen, und zwar reichlich; sie ist bloß Sache des Esprit und einer mäßigen Lebensbeobachtung und von höherer nationaler Empfindung abgelöst; an Erfindung und Charakterzeichnung hat sie überboten werden können.[272]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CCLXVI266-CCLXXIII273.
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