Erstes Kapitel.

Heereszahlen. Vorbereitendes.

[7] Wo die Quellen es erlauben, beginnt eine kriegsgeschichtliche Untersuchung am besten bei den Heereszahlen; sie sind von entscheidender Wichtigkeit nicht bloß des Stärkeverhältnisses wegen, indem die größere Masse siegt oder durch Tapferkeit und Führung bei der Minderzahl ausgeglichen wird, sondern auch absolut genommen. Eine Bewegung, die eine Schar von 100 Mann ohne weiteres macht, ist für 10000 Mann schon eine Leistung, für 50000 ein Kunstwerk, für 100000 eine Unmöglichkeit. Mit einem größeren Heer wird die Aufgabe der Verpflegung ein immer bedeutsamerer Teil der Strategie. Ohne eine bestimmte Vorstellung von der Größe der Heere ist daher eine kritische Behandlung der historischen Überlieferung wie der Ereignisse unmöglich.

Da gerade über diesen Punkt noch vielfach unrichtige Vorstellungen herrschen und überlieferte Zahlen, ohne Bewußtsein von der Tragweite der Konsequenzen, die sich daraus ergeben müßten, nachgesprochen werden, so scheint es nützlich, um sozusagen den kritischen Blick zu schärfen, gleich hier an einigen Beispielen zu zeigen, wie leicht und bis zu welchem Grade falsche Zahlen sich in der historischen Überlieferung festsetzen.

In den älteren deutschen Werken über die Freiheitskriege, bei Plotho, der Flügeladjutant Friedrich Wilhelms III. war und während des Krieges selbst im großen Hauptquartier seine Nachrichten sammelte, in der Biographie Radetzkys von einem österreichischen Veteranen und noch in den älteren Auflagen des viel gelesenen und verdienstlichen Werkes von BEITZKE »Deutsche Freiheitskriege« findet sich das französische Heer bei Beginn des Herbstfeldzuges[7] von 1813 auf 300000 bis höchstens 353000 Mann angegeben. Die Verbündeten verfügten um diese Zeit über 492000 Mann, hätten also eine erdrückende numerische Überlegenheit gehabt. In Wahrheit hatte Napoleon, außer den Festungsbesatzungen auf dem Kriegsschauplatz, 440000 Mann, war den Verbündeten also numerisch nahezu gewachsen.1

E. M. ARNDT schlug den Gesamtmenschenverlust aller Napoleonischen Kriege zusammen im Jahre 1814 auf 10080000 Köpfe an; eine nähere Prüfung bleibt weit unter 2 Millionen, wovon der vierte Teil auf die Franzosen fallen würde2, und eine genaue Statistik würde jedenfalls noch auf erheblich geringere Zahlen führen.

Noch in neueren wissenschaftlichen Darstellungen der Freiheitskriege findet man, daß in dem Treffen von Hagelsberg die märkischen Landwehren 4000 Franzosen mit dem Kolben die Schädel eingeschlagen haben. In Wirklichkeit waren es etwa 30.

In den 1897 erschienenen Werke des österreichischen Generalstabs-Hauptmanns BERNDT »Die Zahl im Kriege« ist für die Schlacht bei Orleans (3. und 4. Dezember 1870) die Zahl der Franzosen auf 60700 angegeben, andere Forscher haben sie auf 174500 und noch höher berechnet.

Bei Aspern sollen nach demselben Buche 75000 Österreicher gegen 90000 Franzosen gefochten und die letzteren 44380 Mann verloren haben. In Wahrheit haben am ersten Tage etwa 105000 Österreicher gegen 35000 Franzosen, am zweiten (nach abzuziehenden Verlusten) dieselben Österreicher gegen etwa 70000 Franzosen gefochten und die letzteren vermutlich etwa 16000 bis höchstens 20000 Mann verloren.

Das Heer Karls des Kühnen bei Granson wird von den schweizerischen Zeitgenossen auf 100000 bis 120000 Mann angegeben; bei Murten soll er dann das Dreifache dieser Macht aufgeboten haben. In Wahrheit hatte er in der ersten Schlacht etwa 14000 Mann, in der zweiten einige Tausende mehr. Die Schweizer,[8] die gegen eine unermeßliche Überlegenheit gefochten haben wollen, hatten in beiden Schlachten die erhebliche numerische Überlegenheit. Schon bei Granson wollen sie den Burgundern bis zu 7000 Mann getötet haben, in Wahrheit waren es 7 Ritter und einige wenige Gemeine.3

Die Hussitenheere, die ganz Deutschland in Schrecken setzten und als unabsehbare Massen geschildert werden, waren etwa 5000 Mann stark.

Es ist nicht etwa bloß die allgemeine Lust an hyperbolischen Vorstellungen, Mangel an Zahlensinn, Prahlsucht, Furcht, Entschuldigung oder dergleichen menschliche Schwächen, aus denen die ungeheuerlichen Übertreibungen entspringen, sondern es ist auch wohl zu beachten, daß es selbst für ein geübtes Auge sehr schwer ist, größere Massen richtig abzuschätzen, auch die eigenen, die man ganz frei ins Auge fassen kann; so gut wie unmöglich aber beim Gegner. Ein schönes Beispiel dafür gibt eine jüngst4 veröffentlichte Aufzeichnung Friedrich Wilhelms III. über die unter seiner eigenen Führung erlittene Niederlage von Auerstädt. Der König sagt, man habe während des Gefechts sich nicht mehr darüber täuschen können, daß man es mit einer sehr überlegenen Stärke zu tun habe; die Franzosen hätten, wie ihnen das bei ihrer größeren Stärke an Infanterie möglich gewesen sei, die fechtenden Bataillone öfter von frischen Truppen ablösen lassen. Da die Preußen 50000 Mann stark waren, so muß man die Franzosen doch wohl auf 70-80000 geschätzt haben; in Wirklichkeit waren es 270005, und daß Friedrich Wilhelm sich tatsächlich nur getäuscht, nicht etwa die Niederlage hat beschönigen wollen, geht aus einer Nachschrift hervor, die der König sehr bald darauf hinzugefügt hat und in der er sagt: aus den französischen Bulletins und anderen Nachrichten habe er sich überzeugt, »daß – zu unserer Schande sei es gesagt – der Feind nicht stärker als 30000 Mann gegen uns war.«

Wohlgemerkt, handelt es sich nicht immer bloß um Überschätzungen und Übertreibungen; auch das Gegenteil kommt vor,[9] und mit gutem Bedacht habe ich auch davon gleich einige Beispiele oben eingeflochten.


Das Heer, das Xerxes nach Griechenland führte, wird von Herodot ganz genau auf 4200000 Mann mit dem Troß angegeben. Ein Armeekorps, das sind 30000 Mann, nimmt nach der deutschen Marschordnung etwa drei Meilen ein (ohne den Fuhrpark). Die Marschkolonne der Perser wäre also 420 Meilen lang gewesen, und als die Ersten vor Thermopylä ankamen, hätten die Letzten gerade aus Susa jenseits des Tigris ausmarschieren können. Ein deutsches Armeekorps führt Artillerie und Munitionskarren mit sich, die viel Raum einnehmen, und insofern wäre ein antikes Heer auf geringerem Raum unterzubringen. Auf der anderen Seite hatte ein persisches Heer ganz gewiß nur eine sehr geringe Marschdisziplin, die nur bei sehr feiner Gliederung des Heeresorganismus mit unausgesetzter Aufmerksamkeit und Anspannung erreicht werden kann. Ohne Marschdisziplin verlängern sich die Kolonnen sehr schnell auf das Doppelte und Dreifache der Ausdehnung. Persische Truppen dürfen daher, auch ohne Artillerie, etwa mit modernen Truppen in Marschraumbedürfnis gleichgesetzt werden.

Nach dem Abzug des Xerxes mit dem großen Heer soll Mardonius mit 300000 Mann zurückgeblieben sein, aber auch diese Zahl hat keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Nach Herodots Erzählung ist Mardonius, als er zum zweiten Male Athen zerstört hatte, von dort über Dekelea zurück nach Tanagra und am folgenden Tage weiter marschiert. So kann kein Heer von 300000 Mann marschieren. Selbst wenn ein Teil des Perserheeres in Böotien zurückgeblieben war und nicht bloß der Paß von Dekelea, sondern alle Pässe über das Gebirge zugleich benutzt wurden, kann das Heer nicht mehr als etwa 75000 Krieger (eingeschlossen die verbündeten Griechen) gezählt haben.

Aber diese ganze Methode der allmählichen Reduzierung der Zahlen hat nur einen vorbereitenden Wert, führt nicht zum Ziel.

Wir müssen uns klar machen und mit aller Bestimmtheit den Satz festhalten, daß es eine Selbsttäuschung ist, Zahlen wie[10] den Herodoteischen Wert beizumessen. Möge man auf irgend eine Weise eine Zahl da herausdemonstrieren, so ist damit gar nichts gewonnen. Die wahre und einzig zulässige historische Methode ist nicht, daß, wenn man keine zuverlässigen Nachrichten hat, man sich mit den unzuverlässigen begnügt und so tut, als ob sie leidlich vertrauenswürdig wären, sondern daß man scharf und bestimmt scheidet, was als gut überliefert angesehen werden darf und was nicht. Vielleicht finden wir noch irgend einen Anhaltspunkt, der uns erlaubt, eine ungefähre Schätzung für die Größe der Perserheere auszusprechen. Zunächst aber muß festgestellt werden, daß die Zahlenangaben der Griechen gar keinen Glauben verdienen, auch nicht den allergeringsten, daß sie um nichts glaubwürdiger sind als die Angaben der Schweizer über die Heere Karls des Kühnen, daß wir also auch aus ihnen nicht entnehmen können, ob die numerische Überlegenheit auf Seiten der Griechen oder der Perser gewesen ist.

Wenden wir uns hinüber zu den Griechen, so scheinen wir hier auf sicherem Boden zu wandeln. Herodot gibt für die Schlacht von Platää eine spezifizierte Liste der verschiedenen Kontingente, 8000 Athener, 5000 Spartiaten, 5000 Periöken usw., im ganzen 38700 Hopliten. Da die Griechen ihre eigene Stärke doch wohl gekannt haben werden, so könnte man diesen Zahlen vielleicht trauen, und die meisten Forscher haben sie auch einfach angenommen. Aber das ist ein methodischer Fehler. Wir haben nicht die geringste Bürgschaft, daß nicht irgend einer der Berichterstatter des Herodot die Liste nach ganz willkürlicher Schätzung zusammengestellt hat, und eine Stelle zum wenigsten ist darin, die den Zahlensinn des Urhebers in recht ungünstigem Lichte erscheinen läßt. Jeder griechische Hoplit pflegte von einem Knecht begleitet zu sein; um die volle Stärke des Heeres zu berechnen, verdoppelt also Herodot die Zahl. Jeder Spartiat aber, sagt er, hatte sieben Heloten bei sich; es sind also 35000 Mann für diese hinzuzuzählen. 35000 Nicht-Kombattanten auf 5000 Kombattanten ist, sowohl wenn man an Heeresbewegungen wie Verpflegung denkt, eine Absurdität. Sie wird etwa so entstanden sein, daß der Grieche sich unter einem Spartiaten einen vornehmen Mann vorstellte, der stets mit mehreren Dienern ins Feld zog;[11] sieben Diener schien eine ganz passende Zahl und wurde nun ohne weiteres mit der supponierten Zahl der Spartiaten multipliziert. Dergleichen kommt auch bei modernen Historikern vor. In PHILIPPSONS »Geschichte des Preußischen Staatswesens« Bd. II S. 176 kann man lesen, daß das preußische Heer unter Friedrich dem Großen (1776) 32705 – genau gezählt – Waschfrauen mit ins Feld nahm. Der Autor unterläßt auch nicht, seine Quelle anzugeben, BÜSCHINGS »Zuverlässige Beyträge z. d. Reg.-Gesch. König Friedrichs II. v. Preußen«, und eine Quelle, die meist zuverlässiges Material enthält, und da in der Tat eine Anzahl Marketenderinnen und Soldatenfrauen die friderizianische Armee begleiteten, so sind auf ein Heer von 200000 Mann 32705 Waschfrauen immer noch eher möglich, als 35000 Heloten auf 5000 Spartiaten, und ein moderner, methodisch ausgebildeter Historiker verdient mehr Glauben, als der naive Herodot. Aber zuletzt werden wir doch wohl beide Nachrichten verwerfen, eine wie die andere. Eine kurze Prüfung des allgemeinen Charakters König Friedrichs und seiner Armee überzeugt, daß diese sich gewiß nicht von den Waschfrauen haben ins Feld begleiten lassen, daß also Büsching irgend einem Mißverständnis zum Opfer gefallen und zu seiner Zahl gekommen ist, indem er auf jedes Soldatenzelt eine Waschfrau rechnete, und Philippson ohne kritische Prüfung die interessante Behauptung nachgeschrieben hat. Ganz ähnlich wird es mit den 35000 Heloten Herodots zugegangen sein. Im ganzen führt die Rechnung Herodots auf eine Stärke des griechischen Heeres von etwa 110000 Köpfen. Die Historiker, die die Zahl nachgeschrieben haben, haben sich keine genügende Vorstellung davon gemacht, was es heißt, 110000 Mann auf einem Fleck längere Zeit zu ernähren. Wir werden darüber in den späteren Zeiten, wo wir über sichere, urkundliche Zahlen verfügen, noch viel zu reden haben.6 Die überlieferte Zahl ist schlechthin unglaubwürdig. Wir müssen uns bescheiden, daß wir eine Angabe über die Stärke der Griechen bei Platää, auf die wir Schlüsse aufbauen dürften, nicht besitzen.7[12]

Völlig unbeglaubigt ist auch die Angabe der späteren griechischen Quellen, daß die Athener bei Marathon 10000 Mann stark gewesen seien; sie kennzeichnet sich schon dadurch als eine willkürliche Schätzung, daß die Stärke der verbündeten Platääer, entweder eingeschlossen in jene Zahl oder daneben, auf 1000 Mann angegeben wird. Platää war ein ganz kleiner Flecken und kann unmöglich ein Zehntel oder gar ein Neuntel der Athener gestellt haben. Wenn die Historiker bisher jene Zahl, 10000, meist akzeptiert haben, so ist das geschehen, weil sie sachlich ganz passend erschien; als irgendwie bezeugt aber darf sie nicht gelten.

Um trotz des Mangels an zuverlässigen direkten Quellenzeugnissen zu einer Vorstellung von der Stärke der griechischen Heere in den Perserkriegen zu gelangen, stehen uns zur Verfügung neben dem erst kennen zu lernenden Gang der Ereignisse selbst, Rückschlüsse aus der späteren griechischen Geschichte und aus der vorhandenen Bevölkerungsmasse, die wiederum bis auf einen gewissen Grad aus der Größe und Nährfähigkeit des Landes erschlossen werden kann.

Das Ergebnis für den reichsten Staat, Athen, ist, daß das Ländchen, die Halbinsel Attika, im Jahre 490 etwa 100000 freie Seelen, und da die Sklaven-Bevölkerung damals noch mäßig gewesen sein wird, im ganzen höchstens 120-140000 Menschen oder 2500-3000 auf die Quadrat-Meile (ca. 50 auf den Quadrat-Kilometer) gehabt haben wird. Das ist etwa dasselbe wie heute.

Wie viele von diesen Athenern tatsächlich in den Schlachten der Perserkriege die Waffen getragen haben, wissen wir noch nicht und müssen sehen, ob uns der Gang der Ereignisse selbst eine Handhabe für die Schätzung bietet.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 7-13.
Lizenz:

Buchempfehlung

Arnim, Bettina von

Märchen

Märchen

Die Ausgabe enthält drei frühe Märchen, die die Autorin 1808 zur Veröffentlichung in Achim von Arnims »Trösteinsamkeit« schrieb. Aus der Publikation wurde gut 100 Jahre lang nichts, aber aus Elisabeth Brentano wurde 1811 Bettina von Arnim. »Der Königssohn« »Hans ohne Bart« »Die blinde Königstochter« Das vierte Märchen schrieb von Arnim 1844-1848, Jahre nach dem Tode ihres Mannes 1831, gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Gisela. »Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns«

116 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon