Über die Bevölkerung Attikas und der anderen griechischen Staaten.

[13] Griechenland hat mehrere Landschaften, von denen wir ganz sicher sein können, daß sie gar keinen oder nur einen geringen Import von Lebensmitteln bezogen, Böotien, Arkadien, Lacedämon, Messenien. Einen bestimmten Maßstab für die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft in diesen Gegenden zur Zeit der Perserkriege haben wir nicht. Aber ein gewisses Maximum der eigenen Nährfähigkeit dieser Landschaften werden wir doch nach Analogie mit bekannten Verhältnissen berechnen können, und wenn das geschehen ist, wird der fernere Schluß zulässig sein, daß dieses Maximum auch so ziemlich erreicht wurde. Theben kann keine so ganz kleine Stadt gewesen sein, und außer Theben zählte Böotien noch eine ganze Reihe anderer Städte. Wiederum Lacedämon kann nicht im Verhältnis so sehr viel dünner bevölkert gewesen sein als die anderen griechischen Landschaften, sonst hätte es nicht so lange eine so bedeutende Stellung einnehmen können.

Nach diesen Grundsätzen mit Zuhilfenahme der überlieferten Zahlen hat BELOCH in seiner »Bevölkerung der griechisch-römischen Welt«8 für Lakonien und Messenien zusammen eine Bevölkerung von 230000 Seelen oder 27 auf den Quadratkilometer berechnet, für den Peloponnes 8-900000 Seelen oder 36-40 auf den Quadratkilometer, weil die Handelsstädte Korinth, Sikyon, Trözen, Epidaurus eine relativ stärkere Bevölkerung hatten; so sehr stark kann sie aber auch wieder nicht gewesen sein, da diesen Städten im Peloponnesischen Kriege jahrelang die Getreidezufuhr zur See fast ganz gesperrt war. Sie haben also von dem spärlichen Getreide, welches ihnen zu Lande zugeführt werden konnte, gelebt.

Für Böotien berechnet Beloch in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts 60 Seelen auf den Quadratkilometer, wovon etwa ein Drittel Unfreie. Dieser Ansatz von Unfreien für eine Gegend mit bloßen Landstädten scheint mir sehr hoch; woher sollte Böotien diese Mange Sklaven bezogen, womit bezahlt haben? Sklavenbevölkerung ergänzt sich immer nur in geringem Maße aus sich selbst und bedarf steter Zufuhr, um erhalten zu werden. Für das fünfte Jahrhundert nimmt auch Beloch an, daß Böotien ein Land freier Arbeit gewesen sei, also mit etwa 40 Seelen auf den Quadratkilometer. Das steht in richtigem Verhältnis zum Peloponnes, da Böotien zwar vielfach fruchtbarer war, in den peloponnesischen Handelsstädten aber, Korinth, Sikyon usw. viele Sklaven gehalten wurden, was man etwa miteinander kompensieren darf9.[14]

Beloch nimmt bei seinen Berechnungen an, daß die erwachsenen Männer etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachten; die griechische Bevölkerung sei schon im fünften Jahrhundert ziemlich stabil gewesen10, so wie etwa das heutige Frankreich. Dieser Meinung vermag ich nicht zuzustimmen.

Athen, Megara, Korinth und viele andere Städte haben doch im 5. Jahrhundert durch Einwanderung von Metöken stark zugenommen, wenn also auch Lakonien, Messenien, Arkadien an Einwohnerzahl nicht gewachsen sind, so geschah das nur infolge der inneren Wanderung. Ich möchte also die Kinderzahl etwas höher ansetzen als Beloch und infolgedessen die erwachsenen Männer auf weniger als ein Drittel der Bevölkerung. In Deutschland machen heute (1898) die Männer über 18 Jahre 28-29% der Bevölkerung aus. Aber der Unterschied ist nicht so groß, daß Belochs Schlußergebnisse davon wesentlich berührt würden.

Das Deutsche Reich hat heute (1898) etwa 97 Seelen auf den Quadratkilometer, ist aber nicht imstande, diese zu ernähren, sondern muß an Getreide über ein Viertel, im Durchschnitt aller land- und forstwirtschaftlichen Produkte ziemlich genau ein Viertel seines Konsums durch Einfuhr decken. Es ernährt also mit Hilfe der Kartoffeln und mit allen technischen Mitteln moderner Agrarkultur etwa 74 Menschen auf den Quadratkilometer oder etwa 4000 auf die Quadratmeile11.

Über die Bevölkerung von Attika läßt sich aus den Bodenverhältnissen nichts schließen, da Athen schon lange vor den Perserkriegen viel Getreide von auswärts bezog. Wir haben jedoch aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine Reihe von zuverlässig überlieferten Zahlen, die auch[15] auf die Bevölkerung zur Zeit der Perserkriege einen Rückschluß zulassen. Da ich hier nicht unwesentlich von Beloch abweiche, müssen wir in eine Spezialuntersuchung eintreten.

Beim Beginne des Peloponnesischen Krieges, 431, läßt Thucydides (II, 13) Perikles in einer Rede sagen, Athen habe 13000 Hopliten und außerdem 16000 Mann Garnisontruppen aus den Ältesten und Jüngsten und den Metöken, die Hoplitendienst taten; ferner 1200 Reiter, 1600 Bogenschützen und 300 Trieren. (ὁπλίτας δὲ τρισχιλίους καὶ μυρἰους εἶναι ἄνευ τῶν ἐν τοῖς φρουριοις καὶ τῶν παρ᾽ ἔπαλξιν έπαλξιν έξακισχιλίων καὶ μυρίων. τοσοῦτοι γἀρ ἐφύλασσον τὸ πρῶτον, ὁπότε οἱ πολέμιοι ἐσβάλοιεν ἀπό τε τῶν πρεσβυτάτων καὶ τῶν νεωτάτων καὶ μετοίκων ὅσοι ὁπλῖται ἦσαν. ... ἱππέας δὲ ἀπέφαινε διακοσίους καὶ χιλίους ξὺν ἱπποτοξοταις, έξακοσίους δὲ καὶ χιλίους τοξότας καὶ τριήρεις τὰς πλωίμους τριακοσίας.)

Diese Nachricht, so bestimmt sie lautet, ist leider für uns direkt nicht zu verwerten. Die Ältesten und Jüngsten mit den Metöken-Hopliten können nicht 16000 Mann ausgemacht haben, wenn das Feldheer nur vom 20. bis 45. oder gar 50. Jahr; die Zahl der dienstfähigen Männer unter 20 und über 45 oder 50 muß also sehr viel kleiner gewesen sein, als die Zahl der Felddienstpflichtigen. Überdies fehlt jede Angabe über die Besatzung der 300 Trieren; mit voller Mannschaft beanspruchten diese nicht weniger als 60000 Mann. Gab es außer dem Feldheer noch solche Menschenmassen in Athen: weshalb wurde denn das Feldheer so klein gemacht? Bestand es nur aus den oberen Schichten der Bürgerschaft? Wo ist die Grenze? Weshalb griff man nicht tiefer herab?

Durch die verschiedensten Hypothesen hat man versucht, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Beloch hat sich nicht anders zu helfen gewußt, als daß er die 16000 Garnison-Hopliten in 6000 verwandelt und dafür wieder 12000 Bürger als Schiffsmannschaft zufügt – ein verzweifeltes Mittel und nur zu charakteristisch für den Stand unserer Überlieferung: daß wir die einzige Stelle in der ganzen griechischen Literatur, die einigermaßen vollständig und systematisch über Heeresaufgebote berichten will, erst auf diese Weise umwerfen müssen, um sie verständlich zu machen. Erschwert wird dieses Verfahren noch dadurch, daß bereits Ephorus die Stelle etwa so gelesen hat, wie sie heute in den Handschriften steht; Diodor, der ihn ausgeschrieben hat, gibt das Feldheer auf 12000, die Garnisontruppen auf 17000 an – eine Bestätigung und doch auch wieder eine Abweichung (12000 statt 13000; 17000 statt 16000), die abermals die Unsicherheit unseres Quellenstandes belegt.

Neuerdings, Klio Bd. V (1905) S. 341 hat Beloch die Vermutung ausgesprochen, daß die Zahl »16000« nicht in »6000« zu ändern, sondern als der Zusatz eines Herausgebers völlig zu streichen sei.

Bei dieser Unsicherheit ihres eigentlichen Inhalts kann die Thucydides-Stelle nur dann für uns brauchbar werden, wenn wir irgend welche andern[16] Angaben finden, die uns einen Schlüssel für die Auslegung und zugleich eine zuverlässige Kontrolle gewähren.

In der Tat finde ich nun bei Thucydides eine Mitteilung, die bisher von Niemand, auch von Beloch nicht verwertet worden ist und die uns, glaube ich, helfen kann.

Zweimal schildert uns Thucydides ein außerordentliches Aufgebot der Athener, das jedes in seiner Weise als das größte erscheint und als ihre Maximalleistung charakterisiert wird. Im Herbst des ersten Kriegsjahres, 431, machten sie einen Einfall in Megaris mit 13000 Hopliten, während 3000 vor Potidäa standen. Zugleich hatten sie eine Flotte von hundert Schiffen (und auch wohl einige Schiffe bei Potidäa) in See. Hundert Schiffe bedingen eine Besatzung von 20000 Mann; das gibt also mit den Hopliten 36000 Mann. Da aber Thucydides hinzufügt, daß auch noch ein nicht geringer Haufe ψιλοί dabei gewesen sei, so ist für die Gesamtzahl der Athener nichts daraus zu schließen.

Anders die zweite Stelle (III, 17), wo Thucydides die Rüstung der Athener nach dem Aufstande in Lesbos im Jahre 428 schildert. Sie haben 70 Schiffe in See (40 bei Lesbos, 30 am Peloponnes) und 1000 Hopliten vor Mytilene; da glauben die Spartaner, sie seien nicht weiter leistungsfähig, und planen einen Angriff auf Athen zu Wasser und zu Lande. Um ihnen zu zeigen, wie sehr sie sich geirrt, bemannen darauf die Athener noch 100 Schiffe aus den beiden unteren Steuerklassen der Bürgerschaft.

Diese Leistung vergleicht Thucydides mit derjenigen des ersten Kriegsjahres; sie sei ähnlich und sogar noch größer gewesen. Denn in diesem Jahr (431) hätten 100 Schiffe Attika und Euböa bewacht, 100 den Peloponnes blockiert und 50 seien außerdem bei Potidäa und an anderen Orten gewesen, so daß es im ganzen 250 waren. Die 100 Schiffe, die die Heimat bewachten, sind natürlich nicht fortwährend auf See gewesen, wozu ja gar kein Grund vorlag, sondern es waren ausgerüstete Reserveschiffe, zu denen die Mannschaften designiert und bereit waren, so daß sie jeden Augenblick auslaufen konnten, und wovon auch wohl die einzelnen Schiffe von Zeit zur Zeit zur Kontrolle eine Probe- und Übungsfahrt machten. Deshalb war in gewisser Beziehung die Leistung vom Jahre 428, wo 170 Schiffe tatsächlich zugleich in Aktion waren, noch größer als die von 431, wo man eine Gesamtzahl von 250 berechnen konnte, aber nur 150 wirklich zugleich Dienst taten. Nach der Rede des Perikles besaßen die Athener 300 Trieren; das werden wir nunmehr so aufzufassen haben, daß die Athener bei Ausbruch des Krieges imstande waren, 250 wirklich zu besetzen, und 50 als Material-Reserve übrig blieben. Die 170 Schiffe im Jahre 428 besetzten sie, wie Thucydides ausdrücklich hinzufügt, indem sie auch die Bürger der dritten Steuerklasse, die sonst Hoplitendienste taten, heranzogen.

Hier haben wir eine Grundlage für Abschätzung der athenischen Bürgerschaft im Jahre 428. 170 Schiffe erforderten 34000 Mann Besatzung;[17] dazu 1000 Hopliten mit ihren Knechten. Außer diesen 36000 Mann verblieb noch in Athen eine Besatzung für die Verteidigung der Stadt und einiger Forts, die wir mit etwa 4-60000 Mann ansetzen dürfen. Hiervon wird in Abzug zu bringen sein, daß wahrscheinlich die Bemannung der plötzlich aufgebotenen 100 Schiffe nicht ganz vollzählig war, daß zum wenigsten die Epibaten mitruderten oder ganz fehlten, die Besatzung also nur etwa 18000 statt 20000 Mann betrug. Dann war sicherlich auf der Flotte vor Lesbos und der Kriegerflotte eine sehr große Zahl Söldner12, und endlich bleibt zweifelhaft, wie viele Sklaven etwa ruderten. Trotz dieser mehrfachen unsicheren Faktoren in der Rechnung gibt sie uns doch eine gewisse Maximal- und Minimalgrenze. Es ist sicher, daß eine erhebliche Anzahl Söldner und wohl auch Sklaven auf der Flotte waren; es ist aber auch sicher, daß der vorwiegende Charakter des Ganzen der eines athenischen Bürgeraufgebots war.13 Wäre alles vollzählig gewesen, so kämen wir auf 42000 Mann; wahrscheinlich ist, daß es nur 38000 waren, und von diesen dürfen wir wenigstens 10000 als Söldner und Sklaven ansehen; es könnten dies aber auch etwa 18000 gewesen sein. Die Summe der waffenfähigen athenischen Bürger und Metöken muß also im Jahre 427 zwischen etwa 20000 und 32000 zu suchen sein.

Einen größeren Spielraum gibt uns die Notiz des Thucydides nicht. 20000 ist nach dem ganzen Charakter der athenischen Politik jedenfalls schon erheblich zu wenig, wir dürfen sicherlich als Minimum 24000 setzen. Hätte auf der andern Seite Athen noch im Jahre 428 erheblich mehr als 32000 waffenfähige Bürger und Metöken gehabt, so wäre es unverständlich, daß die anderen Hellenen die Stadt wegen der Rüstung gegen Lesbos, die nur 10000 Mann und davon gewiß die Hälfte Söldner in Anspruch nahm, für beinahe erschöpft hätten halten sollen, und wiederum die nachträgliche[18] Ausrüstung der 100 Schiffe muß den Rest von vorhandenen Waffenfähigen so ziemlich aufgebraucht haben14. Die grundlegenden Zahlen 30 + 40 +100 = 170 Schiffe und 1000 Hopliten dürfen wir dem Thucydides glauben; ein Irrtum seinerseits ist so gut wie ausgeschlossen, und auch die handschriftliche Überlieferung ist sichergestellt durch den Vergleich mit den anderen Zahlen aus dem Jahre 431.

Im Jahre 424 zogen die Athener πανδημεί aus (Schlacht bei Delion) und hatten 300 Reiter, 7000 Hopliten und »viel mehr als 10000 ψιλοί«; es waren also im ganzen 20000-25000 Mann. Außerdem 35-40000 Mann. Das ist ungefähr dasselbe wie im Jahre 428, als kriegerische Leistung nur dadurch viel geringer, daß fast die Hälfte auf ψιλοί fällt, die nicht, um zu fechten, sondern um schleunig eine Verschanzung zu bauen, mitgezogen waren15.

Wir dürfen also als eine nach allen Seiten gesicherte Zahl ansehen, daß Athen im Jahre 428 zwischen 24000 und 32000 waffenfähige Bürger und Metöken hatte. Hiernach läßt sich auch die Zahl bei Ausbruch des Krieges bestimmen. Gefechtsverluste hatte Athen bis dahin sehr wenig gehabt, aber an der Pest waren sehr viele gestorben, »ἐκ τῶν τάξεων« 4400 Hopliten und 300 Reiter. Die 4400 Hopliten geben uns keinen sicheren Maßstab, da wir nicht wissen, auf welche Zahl wir sie beziehen sollen, ob bloß auf die Feld-Hopliten oder auch auf die Metöken und Garnison-Hopliten. Die 300 Reiter aber haben zweifellos ihre Korrespondenz-Zahl in den 1200 Reitern der Rede des Perikles. Aus den niederen Klassen mögen noch etwas mehr gestorben sein von den Stadtbewohnern, dafür aber waren viele von ihnen als bäuerliche Kleruchen auswärts und der Pestgefahr weniger ausgesetzt. Wir werden also auch für diese im Durchschnitt ein Absterben von 25% ansetzen dürfen. Hatte also Athen im Jahre 428 noch 24000-32000 dienstfähige Bürger und Metöken, so hatte es im Jahre 431 deren 30000-40000, und zählen wir hierzu 25% Greise und Invaliden, so hatte Athen damals im ganzen 37500-50000 Bürger und Metöken, wovon wir 30000-40000[19] als Bürger ansetzen dürfen, davon 22500-30000 Waffenfähige. Die mögliche Fehlergrenze nach unten kommt wenig in Betracht; wenn wir nach oben noch 1--2000 Waffenfähige hinzufügen, so geschieht es nur, um auch den stärksten Skeptiker zu befriedigen und jedem Einwand vorzubeugen.

Jetzt haben wir eine Zahl gefunden, nach deren Maßgabe die Stelle in der Perikleischen Rede auszulegen ist (Thuc. II, 13). Perikles berechnet: 13000 Feldhopliten, 16000 Garnison-Hopliten, 1200 Reiter, 1600 Bogner, Summa 31800 Bewaffnete. Dabei sind (nach II, 31) eingeschlossen 3000 Metöken-Hopliten; es bleiben also 28800 Bürger.

Auf dieser Zahl lag bisher der Schatten, daß man nicht wußte, ob sie die gesamte waffenfähige athenische Bürgerschaft umfasse oder ob, da dem Wortlaut nach nur von Landtruppen die Rede ist, noch die gesamte Flotten-Besatzung hinzuzurechnen ist. Neben Metöken, Söldnern und Sklaven waren doch wenigstens 15000 athenische Bürger für diesen Dienst zu rechnen, vielleicht auch 25000. Man käme also zu völlig anderen Dimensionen für die waffenfähige athenische Bürgerschaft, alle ihre Leistungen treten in ein anderes Licht, die Kritik gegenüber ihren Feldzügen und Unternehmungen wird eine ganz andere, wenn wir die Möglichkeit haben, statt kaum 30000, 50000 oder mehr waffenfähige Bürger anzusetzen. Alle diese Wirrnisse sind jetzt abgeschnitten. Die Zahlen aus dem Jahre 428, die uns auf ein Maximum von etwas über 30000 Waffenfähige geführt haben, geben uns die völlige Sicherheit, daß Perikles mit der Berechnung von 28800 Waffenfähigen nicht irgend einen großen Posten, wie die sämtlichen Theten oder die ganze Schiffsmannschaft, d.h. etwa 20000 Köpfe, außer Ansatz gelassen, sondern die gesamte Bürgerschaft gemeint hat.

Diese Auffassung ist, wohl überlegt, auch die einzig natürliche. Wir haben von Thucydides zu erwarten, daß er uns mitteilt, welche Geldmittel, wie viel Kriegsschiffe und wie viel waffenfähige Bürger der Staat Athen im ganzen hatte, und diese Zahlen, an letzter Stelle noch hinzugezogen die zum Hoplitendienst verpflichteten Metöken, hat er uns in der Rede des Perikles wirklich gegeben.

Wie viele Bürger man, außer denen, die sich selbst bewaffneten, mit einer Hoplitenrüstung ausstatten wollte, war eine bloße Geldfrage, die bei einer rationellen Übersicht über die vorhandenen Streitkräfte nicht mit der persönlichen Leistungskraft des Volkes durcheinander geworfen werden durfte. Aus eben diesem Grunde ist es auch ausgeschlossen, daß Perikles irgend welche fremden Söldner in seine Berechnung eingeschlossen habe.

Mit diesem Aufgebot steht im Einklang das Aufgebot aus dem Herbst 431. Wir haben es oben auf 36000 Mann berechnet und daneben eine nicht geringe Zahl ψιλοί. Alles in allem mögen also 45000 bis allerhöchstens 50000 Mann auf den Beinen gewesen sein. Dazu war Athen sehr wohl imstande, da zu den 28800 waffenfähigen Bürgern und 3000 Metöken-Hopliten[20] noch etwa 5000 Metöken- Nicht-Hopliten hinzukamen und der Rest auf Söldner und Sklaven gerechnet werden kann.

Nachdem wir nunmehr durch Feststellung der Gesamtzahl der athenischen Bürgerschaft eine feste Grundlage gewonnen haben, können wir versuchen, die weiteren Dunkelheiten, die uns die Zahl der Perikleischen Rede einhüllen, zu zerstreuen.

Wir haben schon gesehen, daß das Referat des Thucydides notwendig irgend einen Fehler enthalten muß, denn es berechnet die Feldarmee auf 15800, die Garnisontruppen auf 16000 Mann, sagt aber von den Letzteren ausdrücklich, sie beständen aus den Ältesten, den Jüngsten und den Metöken- Hopliten. Das ist ein unmögliches Verhältnis. Da wir an andrer Stelle erfahren, daß die Metöken-Hopliten 3000 Mann waren, so blieben sie für die Ältesten, d.h. die Männer vom 50. oder 45. bis 60. Jahre und die 18- und 19-Jährigen 13000. Es ist aber unmöglich, daß diese höchstens 17 Jahrgänge fast ebenso viel Männer zählen, wie die 25 oder gar 30 Jahrgänge der Feldarmee.

Das ist aber nicht das einzig Auffällige. Die 16000 Mann außer der Feldarmee, sagt Thucydides, hätten die langen Mauern und die Kastelle besetzt, wenn die Feinde einfielen. Gerade in dieser Zeit war aber auch der größte Teil der Feldtruppen zu Hause, und die Feld-Hopliten wurden ja überhaupt sehr selten und für kurze Zeit oder bei den Expeditionen in die Ferne nur in kleiner Zahl aufgeboten – ist es denkbar, daß gerade dieser beste Teil des Heeres gar keinen Dienst tat, wenn der Feind ins Land fiel, daß die 50-60-Jährigen auf die langen Mauern kommandiert wurden und die 20-50-Jährigen zu Hause blieben? Auffällig ist ferner, daß die Worte des Thucydides so lauten, als ob die Besatzung der athenischen Mauern aus lauter Hopliten bestanden habe. Für etwaige Mauerverteidigung war die schwere Schutzrüstung mit dem Schild überflüssig und sogar hinderlich; die Deckung gaben die Mauerzinnen, hinter denen heraus es galt, den Feind durch Schießen mit Pfeilen, Schleudern von Wurfspießen, Werfen von Steinen abzuwehren. Für den etwaigen Nahkampf gegen Eindringende mußten Hopliten in Reserve stehen.

Daß in der Notiz des Thucydides also en Fehler steckt, ist zweifellos. Die Auskunft, nicht einen Fehler des Thucydides selbst anzunehmen, sondern einen Fehler der Abschreiber in den Zahlen ist, wie wir festgestellt haben, unmöglich. Die Zahlen sind durch die anderweit bei Thucydides vorkommenden Zahlen genügend kontrolliert und sichergestellt. Belochs neuester Ausweg, daß nicht Thucydides selbst den Fehler gemacht, sondern der Herausgeber seines Werkes durch Zufügung der Zahl 16000 die Verwirrung angerichtet, ist natürlich weder zu widerlegen noch zu beweisen, nach allgemeinen Grundsätzen aber wird man bei offenbaren Fehlern in der Überlieferung immer, so lange es möglich ist, das mildere und weniger eingreifende Mittel der Korrektur vorziehen, und da scheint mir meine Hypothese, daß der Meister hier selbst einmal einen Fehler gemacht, die[21] Autorität des ganzen Werkes, wie es uns vorliegt, immer noch viel weniger anzugreifen, als wenn wir uns vorstellen, daß der Herausgeber pietätlos genug hineinkorrigiert, und nicht einmal mit der rechten Vorsicht und Überlegung hineinkorrigiert habe. Wir werden sofort sehen, wie gering schließlich die Unaufmerksamkeit ist, die wir dem Thucydides zutrauen, und so gern ich mich sonst zu den Thucydides-Theologen rechnen lasse, daß diese Lösung vollkommen ausgeschlossen sei, kann ich nicht zugeben. Daß auch der vorsichtigste kritische Kopf gerade bei Zahlenaufstellungen einmal in einen, sobald er aufgeklärt ist, kaum verständlichen Irrtum verfallen kann, dafür haben wir ein sehr erlauchtes Beispiel aus neuester Zeit. Kein Geringerer als MOLTKE hat in seiner Geschichte des Krieges von 1870 die Zahl der Deutschen in der Schlacht von Gravelotte-St. Privat um etwa 50000 Mann zu niedrig berechnet, indem er die gesamten Offiziere, die Kavallerie und Artillerie vergessen hat, die beim Feinde mitgezählt sind. Man erkennt die Genesis des Fehlers sofort, wenn man die betreffende Seite im Generalstabswerk (Bd. II, Anlage S. 234), die ihm beim Schreiben vorgelegen, mit der Stelle in seinem Werke (S. 63) vergleicht, und es handelt sich nicht um eine beiläufig gegebene Zahl, sondern auf diese Zahl wird dann eine höchst gewichtige Schlußfolgerung aufgebaut. Ist das Moltke – freilich in seinem höchsten Alter – passiert, so treten wir Thucydides nicht zu nahe, indem wir, da nun einmal die von ihm gegebenen Daten schlechterdings unmöglich sind, ihm einen ähnlichen Fehler zutrauen.

Der Fehler steckt in der Charakteristik der Garnisontruppen als der »Ältesten und Jüngsten und Metöken-Hopliten«: hier fehlt eine Kategorie, die nach dem Zusammenhang gar nicht entbehrt werden kann, nämlich die nicht zum Hoplitendienst bestimmten waffenfähigen Bürger.

Ziehen wir von den 16000 Mann Garnisontruppen die 3000 Metöken ab, so bleiben 13000 Bürger, also genau so viel wie Bürger-Feldhipliten. Das ist schwerlich reiner Zufall. Wir werden vielmehr annehmen dürfen, daß zu irgend einer Zeit bestimmt worden ist, daß die Hälfte der waffenfähigen Bürgerschaft zum Hoplitendienst ausgebildet und ausgerüstet sein solle. Die beiden Rekruten- Jahrgänge (περίπολοι) wurden zur Besatzung der Forts verwendet und dabei zugleich ausgebildet. Man sagte sich also in Athen, und so mag auch Perikles sich in seiner Rede ausgedrückt haben, daß selbst wenn das ganze Feldheer mit 13000 Hopliten ausgerückt sei, noch ebensoviel Männer zur Verteidigung der langen Mauern und in den Forts zurückblieben; dazu noch 3000 Metöken-Hopliten. Bei der Zusammenziehung dieser Zahlen hat Thucydides nur die Jüngsten und Ältesten und die Metöken genannt, die übrigen aber vergessen zu erwähnen.

Ein moderner Leser muß also, um die Stelle richtig zu verstehen und zu ergänzen, sich folgendes klar machen:

Die 13000 Feldhopliten sind nicht bloß die Bürger der höheren Klassen, die sich selbst ausrüsten (was auf eine viel zu hohe Zahl für die[22] gesamte Bürgerschaft Athens führen würde), sondern außer diesen auch diejenigen Theten, die vom Staat für den Hoplitendienst ausgerüstet wurden.

Die 16000 Mann Garnisontruppen sind nicht diejenigen, die tatsächlich die Mauern besetzt hielten, wenn der Feind ins Land kam, sondern diejenigen, die selbst dann noch zur Verfügung gestanden hätten für die Mauerverteidigung, wenn das ganze Feldhoplitenheer anderweitig engagiert gewesen wäre.

Diese 16000 Mann umfassen 3000 Metöken, die zum Hoplitendienst bestimmt waren, die Rekruten, die älteren Jahrgänge, vom 45. oder 50. bis 60. Jahr, die Halbinvaliden und endlich alle diejenigen Theten, die nicht für den Feldhoplitendienst designiert waren.

Nicht in Berechnung gezogen hat Thucydides überdies die Metöken, die nicht Hopliten waren. Dieser letzte Mangel ist für uns fast der empfindlichste, aber für Thucydides, wie wir noch sehen werden (Buch II, Kap. 3), eine ganz natürliche Omission.

In diese von uns berechnete Zahl von 36000 athenischen Bürgern sind die Kleruchen einbegriffen. Diese Kolonisten waren und blieben athenische Bürger, wohnten aber zum Teil recht weit, z.B. auf den Inseln Lemnos, Imbros, Skyros, bildeten dort eigene Gemeinden, und Thucydides führt später ihre Kontingente bei den Feldzügen immer gesondert von den Athenern auf, ferner gibt Thucydides für den Feldzug von 431 die Stärke auf 16000 Hopliten an, also dieselbe Zahl wie Perikles; es ist aber angezogen waren.

Man könnte hieraus schließen, wie es Beloch (p. 82) getan hat, daß auch Perikles sie nicht mitgerechnet habe. Dem steht jedoch folgendes gegenüber. Wir haben gesehen, daß Perikles die Gesamtzahl der waffenfähigen Athener angeben will. Es wäre ganz unverständlich, wenn er dabei einen so großen Tril wie die gesamten Kleruchen-Gemeinden, die Beloch wohl zu hoch auf 10000 Bürger anschlägt und die zum Teil fern, zum Teil aber auch ganz nah, wie in Salamis und Oreos auf Euböa saßen, ausgelassen hätte. Die Erzählung des Thucydides aus dem Jahre 428 läßt schlechterdings nicht den Spielraum für eine so hohe Veranschlagung der athenischen Streitkräfte. Die Angabe, daß im Jahre 431 13000 Hopliten in Megara eingefallen seien, während 3000 vor Potidäa standen, ist ohne Schwierigkeit zu erklären. Allerdings waren die ferneren Kleruchen für diesen Feldzug gewiß nicht aufgeboten, aber ein Kontingent war doch sicherlich auf der Flotte, und Thucydides gibt überhaupt nicht eine in diesem besonderen Fall festgestellte Zahl, sondern wiederholt einfach die Zahl der Perikleischen Rede, ohne sich weiter in eine Spezialberechnung, wie viele wohl zufällig, durch irgendwelche Gründe verhindert, gefehlt haben möchten, einzulassen. Höchst wahrscheinlich haben doch nicht bloß entferntere Kleruchen, sondern auch eine größere Anzahl Athener, die immer auf Handelsunternehmungen abwesend waren, gefehlt, ohne daß Thucydides dafür einen Abzug macht.[23]

Ich möchte zum Schluß noch klarstellen, an welchen Punkten und aus welchen Gründen ich die Ergebnisse, zu denen ich in meinen Perser- und Burgunderkriegen gekommen war, jetzt modifiziert habe. In jenem Buche habe ich den Widerspruch in Thucydides II 13, nach einer Idee von Duncker, so zu lösen gesucht, daß alle felddienstfähigen Theten zu den Hopliten und die entfernteren Kleruchen in die Garnisontruppen eingerechnet worden seien. Formell paßt diese Lösung zu dem Wortlaut des Thucydides am besten, da die Unterscheidung von Feldtruppen und Garnisontruppen streng durchgeführt und festgehalten ist.

Aber es ist mir jetzt klar geworden, daß die Charakterisierung der 16000 Mann als Garnisontruppen ja überhaupt nicht wörtlich gemeint sein kann; dadurch wird es ganz unmöglich, die ohnehin schon sehr gesuchte Auffassung der Kleruchen-Gemeinden als »Garnisonen« aufrecht zu erhalten. Ferner wäre es sehr unnatürlich, daß Perikles, auf die bloße theoretische Möglichkeit hin, alle felddienstfähigen Theten zu Hopliten zu machen, sie als solche aufgeführt, dagegen die Kleruchen, die wirklichen Hoplitendienst taten, ausgelassen hätte.

Ich habe also sozusagen einen Austausch zwischen Kleruchen und Theten vorgenommen, und dadurch ist die Schlußsumme um 2000 Bürger höher geworden. Das rührt daher, daß ich damals konsequenterweise aus der Zahl des Thucydes auch eine Anzahl Metöken-Garnisonhopliten ausscheiden mußte, wofür ich 1500 ansetzte. Das ist jetzt nicht mehr nötig, da dieser ganze Begriff gefallen ist. Die Zahl der waffenfähigen Bürger ist damit um 1500 und mit 25% Zuschlag für Kriegsunfähige, die Gesamtzahl um 2000 erhöht.

Während ich von 34000 auf 36000 Bürger heraufgegangen bin, ist Beloch in seiner 1893 erschienenen Griechischen Geschichte, Bd. I, 404 Anmk., von 45000 auf 40000 athenische Bürger (30000 in Attika lebend, 10000 Kleruchen) heruntergegangen. Wir haben uns also so sehr genähert, daß unsere Differenz nur noch 4000 beträgt.

Meine Liste ist jetzt:


1200 Reiter,

1600 Bogner,

13000 Hopliten, einschl. der Kleruchen,

13000 athenische waffenfähige Bürger

(einschl. Kleruchen) Nicht-Feldhopliten,

7200 Kriegsunfähige,

Summa 36000 athenische Bürger.


Dazu etwa 6000-8000 Metöken.

Auf die Gesamtbevölkerung Attikas im Jahre 431 ist hieraus noch kein Schluß zu machen, da wir keinen Anhalt für die Menge der Sklaven haben. Wir dürfen nur sagen, daß sie jedenfalls recht groß war.[24]

Für den fast reinen Landwirtschaftsstaat Sparta hat Beloch mit Recht angenommen, daß er eine ziemlich stabile Bevölkerung gehabt habe; der Zuwachs wanderte aus. Für Athen gilt das nicht. Die Auswanderung, abgesehen von den Kleruchen, war gewiß sehr gering, während umgekehrt bei dem Aufblühen Athens die Metöken im Laufe des 5. Jahrhunderts sehr zunahmen und im Jahre 490 erst in geringerer Zahl vorhanden waren. Wie stark der natürliche Zuwachs war, dafür haben wir leider gar keinen Anhalt. Es handelt sich um einen Zeitraum von 60 Jahren, in dem sich eine Bevölkerung unter günstigen Verhältnissen verdoppeln kann. Das dürfen wir für die Athener, die in der Zwischenzeit auch sehr große Kriegsverluste erlitten (z.B. auf dem Feldzug in Ägypten), nicht annehmen. Der Hauptzuwachs wird auf einwandernde Metöken und Sklaven zu rechnen sein. Immerhin wird auch die Bürgschaft nicht stabil geblieben sein, so daß wir, wenn 431 28800 waffenfähige Bürger vorhanden waren, für das Jahr 490 etwa 18-26000 anzunehmen haben werden; dazu vielleicht 2000 Metöken.


Aus der ersten Auflage des 2. Bandes versetze ich jetzt noch eine Auseinandersetzung mit ED. MEYER über denselben Gegenstand hierher.

Kurz vor der Drucklegung des ersten Bandes dieses Werkes ist der zweite Band der »Forschungen zur alten Geschichte« von Eduard Meyer erschienen, ging mir aber nicht mehr früh genug zu, um ihn noch zu benutzen. In den grundlegenden Fragen der griechischen Geschichte des 5. Jahrhunderts stimmen wir allenthalben überein. In zwei Punkten jedoch sind wir zu entgegengesetzten Ergebnissen gekommen.

Der erste ist die Auslegung von Thucydides II, 13, die Bevölkerung Afrikas beim Ausbruch des peleponnesischen Krieges. Hier hat Meyer (II, 149 e) eine neue Lösung vorgeschlagen, die gerade das Doppelte von meiner Annahme ergibt. Wenn man sich erinnert, welche Bedeutung die Zahlen in meiner Untersuchung haben und wie sehr immer die eine auf der andern aufgebaut ist, so ermißt man die Tragweite der Differenz. Ich möchte nun freilich glauben, daß die neue Lösung, die ich meinerseits aufgestellt habe, so viel Überzeugungskraft in sich hat, daß eine besondere Widerlegung des Meyerschen Versuchs nicht mehr nötig sei; aber da ein so tüchtiger Kenner des Griechentums, wie AD. BAUER, in der Hist. Zeitschr., Bd. 86, S. 286 ganz umgekehrt Meyers Lösung für die richtige erklärt hat, so darf ich doch eine ausdrückliche Auseinandersetzung nicht umgehen. Nach meiner Auffassung hängt ja an dieser statistischen Frage auch die Würdigung Thucydides' als Historiker und Perikles' als Staatsmann. Denn nicht bloß angedeutet, wie Bauer meint, sondern mit ganz positiven Worten habe ich ausgesprochen und halte es aufrecht: »Die Autorität des größten aller Historiker ist unrettbar zerstört,[25] eine Säule der griechischen Literatur ist umgestürzt, wenn jemand nachweist, daß Athen im Jahre 431 60000 Bürger hatte. Denn hat Thucydides den Perikles und seine Politik falsch beurteilt, dann dürfen wir seinem Urteil überhaupt nicht mehr trauen.« Da nun ein so anerkannter Forscher wie Meyer, mit mir in den Grundfragen der Methode wie der Auffassung durchaus übereinstimmend, jenen Nachweis tatsächlich unternommen hat, so sieht man, daß etwas auf dem Spiele steht und daß eine Nachprüfung nicht ungerechtfertigt ist.

Auch Meyer geht davon aus, daß die Angabe, wie sie bei Thucydides steht – 13000 Mann Hopliten Feldarmee, 13000 Mann Bürgerhopliten Garnisontruppen, bestehend aus den Ältesten und Jüngsten – sachlich unmöglich ist, da die wenigen Jahrgänge der Nicht-Felddienstfähigen aber Garnisondienstfähigen unmöglich ebenso stark gewesen sein können, wie die etwa 30 Jahrgänge der Nicht-Feld dienstfähigen. Während ich (eine ältere Hypothese fallen lassend) annehme, daß Thucydides unterlassen hat, hier ausdrücklich die nicht zum Hoplitendienst herangezogenen Theten neben den Ältesten und Jüngsten zu erwähnen, will Meyer, daß aus den felddienstpflichtigen Jahrgängen eine große Zahl (5400) weniger kräftiger Männer dem Landsturm zugeteilt und von Thucydides nicht erwähnt seien. Thucydides hätte also die Zahl der Nichthopliten- Theten ganz außer Acht gelassen und wir müßten sie aus anderen Angaben zu ergänzen suchen. Hierbei kommt Meyer auf 20000 und für die Metöken auf mindestens 14000, so daß Athen über etwa 70000 erwachsene freie Männer ohne die Kleruchen verfügte, während ich, eingeschlossen die Kleruchen, auf einige 40000 (wovon 36000 Bürger) also ziemlich genau die Hälfte, gekommen bin.

Folgende Betrachtungen sprechen gegen Meyers Berechnung.

1. Er zählt 33000 Zeugiten gegen 20000 Theten. Das ist ein unmögliches Verhältnis. Meyer hat nicht in Betracht gezogen, daß zur Thetenklasse, so weit Hoplitendienst aus eigenen Mitteln in Betracht kam, nicht nur die unterste Schicht der Bevölkerung, sondern notwendig auch sehr viele Söhne mittlerer Besitzer gehörten. Es war schlechterdings unmöglich, wenn ein Vater, der mehrere erwachsene Söhne hatte, als Zeugit eingeschätzt war, auch die Söhne neben ihm mit der Verpflichtung des Hoplitendienstes zu belasten, ja, in den meisten Fällen ist sicherlich immer nur eine Hoplitenrüstung in der Familie gewesen. Hätte Athen 33000 Bürger besessen, die sich eine Rüstung anschaffen konnten, und noch dazu 2500 Ritter, so hätte es wenigstens 40-50000 Theten haben müssen.

Unrichtig ist auch die Vorstellung von Meyer (S. 158), daß »die Theten durch ihren Beruf gehindert waren, die volle militärische und gymnastische Ausbildung der Hopliten zu gewinnen.« Das gibt ein ganz falsches Bild vom Wesen eines Hopliten, der so wenig wie der römische Legionär einer gymnastischen Ausbildung bedurfte. Die große Masse der Hopliten, die sehr mäßig bemittelte Bauern und Handwerker waren, hatte[26] vermutlich gar keine gymnastische Ausbildung, und ihre militärische Ausbildung erforderte sicher weniger Übung, als die Ausbildung eines Thraniten.

2. Thucyd. III, 17 ist uns erzählt, daß die Spartaner Athen für erschöpft hielten, als es im Jahre 428 70 Schiffe und 1000 Hopliten draußen hatte; die Athener brachten aber doch noch, indem sie ihre Kräfte anspannten, 100 Schiffe in See.

Diese Erzählung wäre sinnlos, wenn die Meyersche Rechnung richtig wäre. Denn von den gegen 14000 Mann Besatzung der 70 Schiffe waren allerhöchstens (Kleruchen abgezogen) 5000-7000, mit den Hopliten 8000 Athener. Selbst wenn wir annehmen, daß die Pest den Athenern 15000 Waffenfähige gekostet hatte (Thucydides gibt »4400 Hopliten ἐκ τῶν τἁξεων und 300 Ritter«), so hätte es immer noch etwa 40000 gehabt. Wie sollen also die Spartaner haben glauben können, daß Athen durch die Aussendung von etwa 8000 Bürger erschöpft sei? Und ganz ebenso wenig wäre bei solchem Vorrat an Bürgern die Aufstellung der 100 Schiffe eine besondere Leistung gewesen: 18000 Mann genügten für diese Schiffe, von denen noch dazu die größere Hälfte Sklaven oder fremde, gerade in Athen anwesende Matrosen sein konnten.

Umgekehrt stimmt die Erzählung des Thucydides sehr gut mit der Annahme, daß Athen i. J. 431 nicht mehr als einige 40000 erwachsene Bürger und Metöken hatte. Dann würde sich folgende Rechnung machen lassen:


a. Bürger und Metöken im Jahre 431 gegen 44000

b. Verlust durch die Pest gegen 12000

Rest: 32000

e. Nicht dienstfähig und abwesend 8000

Rest: 24000

d. Auswärts mit 70 Schiffen 7000

Rest: 17000

e. Auf den 100 Schiffen die kleinere 8000

Hälfte der Besatzung

Rest: 9000,


die mit Heranziehung der noch einigermaßen Kräftigen aus c. genügten, die Forts und die Stadtmauern zu besetzen und zu hüten, obgleich für entferntere Kleruchen noch ein gewisser Abzug zu machen ist.

Die einzelnen Posten in dieser Rechnung mag man um 1000 oder 2000 Mann herauf- oder herunterschieben, die beiden Grenz-Bestimmungen aber, die in der Erzählung des Thucydides liegen, daß nämlich auf der einen Seite Athen durch die Aussendung der 70 Schiffe und 1000 Hopliten für erschöpft gelten, auf der andern noch gerade 100 Schiffe bemannen und die nötige Stadt-Besatzung zurücklassen konnte – diese beiden Grenzbestimmungen dürfen nicht verletzt werden, und deshalb ist Meyers Berechnung mit Thucydides nicht vereinbar.[27]

Für den Schutz der Stadt Athen selbst und der langen Mauern waren einige Tausend Mann genügend. Meyer S. 154 meint, selbst 6000 Mann würden für diesen Zweck nicht ausgereicht haben, da der Mauer-Umfang 26000 Meter betrug, also, immer 1/6=1000 Mann auf Posten stehend, auf 52 Meter nur ein Doppelposten gekommen wäre. Die Voraussetzung dieser Rechnung aber ist unrichtig. Es ist nicht genügend Beobachtung und Verteidigung unterschieden. Nur ein großes feindliches Heer konnte es wagen, eine Stadt wie Athen anzugreifen, und ein großes feindliches Heer kann sich nicht unbemerkt nähern. So lange also kein nahes feindliches Heer gemeldet war, genügten einige wenige Turmwächter. Rückte aber ein feindliches Heer wirklich gegen die Mauer, so wurde diese nicht gleichmäßig mit Doppelposten besetzt, sondern wiederum vor allem gut beobachtet und eine bereitstehende Truppe an die etwa bedrohte Stelle geführt. Eine Besetzung mit gleichmäßigen Doppelposten ringsum fand sicherlich niemals statt, und was im Besonderen die Verhältnisse im Jahr 428 betrifft, so war die Flotte von 100 Schiffen natürlich längst wieder im Hafen, ehe ein peloponnesisches Heer vor der langen Mauer stehen konnte. Nur zur Abwehr gegen eine etwaige Überrumpelung durch ein fliegendes Korps mußte eine kleine Garnison daheim bleiben. Ja unter Verhältnissen wie 431, wo die athenische Feldarmee gegen Megaris vorging, war selbst das nicht nötig, da sie durch diese Stellung ihre Stadt gegen jeden Landangriff deckte. Auch die Böotier hätten es nicht wagen dürfen, etwas gegen Attika zu unternehmen, da sie abgeschnitten worden wären.

3. Meyer erkennt mit mir an, daß der Kriegsplan des Perikles der richtige war. Hätte Athen aber damals, eingeschlossen die Kleruchen, 80000 freie Männer gezählt, so wäre dieser Kriegsplan falsch gewesen. Da der Stadt ja die Finanzkräfte und Werbeplätze ihres ganzen großen Seebundes zur Verfügung standen, so hätte sie sich nicht mit Ermattungs-, sondern mit Niederwerfungs-Strategie gegen die Peloponnesier wenden können. Das Invasions-Heer der Peloponnesier kann kaum stärker als 30000 Mann gewesen sein. Die Athener hätten es also auch im freien Felde mit ihm aufnehmen können und der Isthmus gab die Möglichkeit, die Gegner zu trennen, die Böotier und Peloponnesier einzeln zu besiegen. Etwa die Einwohner-Zahlen für die anderen Griechen-Staaten, denen Athens korrespondierend, zu erhöhen, ist ausgeschlossen, da sie ja viele Jahre blockiert gewesen sind und fast ohne Zufuhr von außen gelebt haben. Auch Korinth kann deshalb nur eine mäßige Stadt gewesen sein.

Die Wendung Ad. Bauers (H. Z. 86, 288) »mit einer Feldarmee von 13000 Hopliten konnte sich Athen auf eine große Waffenentscheidung gegen die weit überlegenen Streitkräfte des peloponnesischen Bundes nicht einlassen, und seine sonstigen Mannschaften waren dafür nur sehr bedingt disponibel«, trifft nicht zum Ziel. Weshalb waren nicht mehr als 13000 Mann disponibel, wenn Athen über 80000 Bürger, Kleruchen und Metöken hatte und dazu das Geld, noch sehr viele Söldner zu werben? Rom hat[28] ohne Tribute von Bundesgenossen im zweiten punischen Kriege ganz andere Anstrengungen gemacht. Nichts wäre verkehrter gewesen, als gegen mögliche Unbotmäßigkeiten von Bundesgenossen, wie Bauer meint, fortwährend Truppen und Schiffe zur Verfügung zu halten und sie deshalb dem Hauptkrieg zu entziehen. Man lese darüber nach, was Clausewitz über den Fehler einer strategischen Reserve in der Niederwerfüngs-Strategie sagt. Das beste Mittel, die Autorität des Vororts zu bewahren, war, Sparta, Korinth und Theben zu besiegen. Da nun Beweise genug vorliegen, daß Athen es an Anspannung nicht hat fehlen lassen, z.B. daß auch die Metöken die Hopliten-Rüstung anzogen und daß Sokrates noch in seinem 47. Jahre als Hoplit ins Feld mußte, und wiederum ausdrücklich berichtet wird, daß, als man 424 πανδημεί auszog, das Heer doch nur 7000 Hopliten stark war, so können in Attika i. J. 431 unmöglich 70000 freie Männer vorhanden gewesen sein.

4. Bei Ausbruch des peloponnesischen Krieges hatte Athen 300 Trieren; selbst wenn man mit Meyer, aus mir nicht ganz verständlichen Gründen, diese Zahl auf 400 erhöhen will, so hat Athen doch nie mehr als 170 oder höchstens 250 Trieren gleichzeitig im Dienst gehabt, Korinth aber hat im Jahre 433 90 Trieren ausgesandt (Thuc. I, 46). Korinth hatte nach Belochs Berechnung nicht mehr als etwa 10000 freie erwachsene Männer, und es ist ausgeschlossen, diese Zahl wesentlich zu erhöhen, da man nicht wüßte, wie eine größere Masse während der langen Blockade im peloponnesischen Krieg hätte ernährt werden können. Hätte Athen siebenmal so viel Einwohnerschaft gehabt als Korinth, so erscheint nicht nur seine Flottenrüstung sehr klein, sondern es wird auch unbegreiflich, wie Korinth mit einem so ungeheuer überlegenen Nachbar in eine so ernsthafte und dauernde Rivalität hat eintreten können.

Noch deutlicher wird das, wenn wir auf die Zeit der Perserkriege zurückgehen. Meyer nimmt an, daß Attika damals schon ungefähr dieselbe Einwohnerzahl gehabt habe wie im Jahre 431. Eigentlich nachweisbar ist das nicht; aber wenn wir uns dieser Annahme auch nur nähern, so ergeben sich schon Unmöglichkeiten. Bei Artemision und Salamis soll Korinth 40, Athen 123 resp. 180 Schiffe gehabt haben. Die letztere Zahl ist wahrscheinlich zu hoch. Aber selbst wenn sie richtig wäre, so ist klar, daß Athen nicht annähernd siebenmal so groß gewesen sein kann wie Korinth, da es nach der Überlieferung und nach der Lage der Sache nicht eine relativ kleinere, sondern eine relativ größere Seerüstung aufgestellt hatte als die Nachbarin. Wenige Jahre vorher aber hatte Athen sich noch von Korinth 20 Trieren leihen müssen, war also noch gar keine entwickelte Handelsstadt, die ohne Kriegsschiffe nicht denkbar ist. Wenn es aber noch keine sehr entwickelte Handelsstadt war, also keine sehr wesentliche Zufuhr von außen bezog, so kann es auch noch nicht eine so gewaltige Einwohnerzahl gehabt haben. Die Nachricht, daß Athen schon seit Solon der Getreidezufuhr bedurft habe, hebt unsern Schluß natürlich nicht auf: auf die Größe der Zufuhr kommt es an, ob nicht ein Zehntel oder Zwanzigstel, sondern ein Drittel oder gar die Hälfte der Bewohnerschaft von fremden Getreide lebte.[29] Das kann zu einer Zeit, wo Athen eben erst sich anschickte, eine Seemacht zu werden, noch nicht der Fall gewesen sein.

Man wird auch folgenden Schluß machen dürfen: wäre Athen damals schon eine sehr volkreiche Handelsstadt gewesen, so hätte man in Korinth eine starke Empfindung von zunehmender kommerzieller Rivalität gehabt und der Rivalin nicht auch noch durch die Schiffsleihe Vorschub geleistet. War aber Athen damals als Stadt noch so wenig entwickelt, daß es Korinth keine wesentliche Eifer sucht einflößte, so kann es auch 50 Jahre später unmöglich schon das Siebenfache an Bürgerschaft gehabt haben.

Die Größe Korinths setzt also mittelbar für die Größe Athens eine gewisse Grenze, und die Größe Korinths wird wieder kontrolliert durch diejenige Spartas. Vergl. unten Kap. 3, § 3.

5. Wenn ich das Ergebnis der Meyerschen Untersuchung auch ablehne, so hat diese, wie jede ernste wissenschaftliche Arbeit, doch mittelbar ein wesentliches Verdienst. Der Kern der Kontroverse über die Auslegung von Thuc. II, 13 ist eigentlich, ob die Theten einbegriffen sind oder nicht; die bisherigen Vertreter der Ansicht, daß die Theten außerhalb dieser Zahl ständen, haben eine klare und konsequente Berechnung, wie hoch man dann im ganzen für die Bevölkerung Athens kommen würde, nie gemacht und durch Einhaltung einer etwas unklaren Mittellinie die Auslegung sachlich einigermaßen möglich erscheinen lassen. Erst indem Meyer unanfechtbar gezeigt hat, daß diese Auslegung auf etwa 70000 freie erwachsene Männer in Attika (also ohne die Kleruchen) führen muß (und auch diese Zahl würde noch zu klein sein), hat er wieder den ebenso bündigen Gegenbeweis ermöglicht, daß diese Zahl sachlich schlechterdings unmöglich ist. Wir müssen also nach einer andern Auslegung von Thuc. II, 13 suchen, und da dürfte die von mir vorgeschlagene auf jeden Fall den Vorzug haben, daß sie weder mit einer der sonst überlieferten Zahlen, noch mit den tatsächlichen Leistungen Athens in Widerspruch steht. Da die Athener einen nicht geringen Teil ihrer Kriege mit Söldnern führten, so waren sie sehr wohl imstande, auch wenn sie nur 36000 Bürger und 6-8000 Metöken zählten, gleichzeitig auf dem Festland und im aegäischen Meer, auf Cypern und in Ägypten zu fechten.

Den Weg zu der richtigen Auslegung und Ergänzung der Thucydideischen Zahlen hat man sich nur durch die Kombination mit der Klassen-Einteilung der Athener verbaut, von der Thucydides hier gar nicht spricht und die mit seiner Berechnung gar nichts zu tun hat. Auch nach andrer Richtung ist es höchst wichtig, diesen falsch hineininterpretierten Zusammenhang zu lösen. Er hat an sehr vielen Stellen Verwirrung angerichtet. Die ganze Auffassung der römischen Verfassungsgeschichte ist durch die falsche Vorstellung von der Bedeutung der Klassen-Einteilung des Volkes mißgeleitet worden. Indem wir in Thuc. II, 13 die Klassen ausschalten und die Zahlen richtig interpretieren, kommen wir zugleich zu einer richtigen Auffassung der athenischen und mittelbar der römischen Verfassung.[30]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 13-31.
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