Fünftes Kapitel.

Die Schlacht bei Marathon.

[52] Das persische Heer im Jahre 490 schlagen wir auf Grund der vorher dargelegten Verhältnisse auf etwa ebensoviel an wie die Athener, eher etwas weniger, also auf 4000 bis 6000 Krieger, darunter 500 bis 800 Reiter; daneben noch, ähnlich wie bei den Griechen, eine große Zahl Ungewappneter. Dieser Ansatz mag zunächst willkürlich erscheinen; man muß sich aber klarmachen, daß die Größe des einen Heeres immer auch auf die Größe des anderen einen gewissen Rückschluß zuläßt, sobald man von der Qualität der beiderseitigen Krieger eine Vorstellung hat, und der Gang der Ereignisse wird uns bald noch mehr an die Hand geben. Das persische Heer kam auf einer großen Flotte über das Ägäische Meer, nahm und zerstörte zunächst das Städtchen Eretria auf Euböa und setzte dann nach Attika über. Die Athener hatten noch keine Flotte, die der persischen gewachsen gewesen wäre, sie konnten also dem Angriff nur zu Lande begegnen.

Die Aufgabe der persischen Feldherren Datis und Arthaphernes war, zunächst an irgend einem Punkt der athenischen Küste das Heer ans Land zu bringen und dann die Stadt Athen selber anzugreifen und zu erobern; zeigt sich ein athenisches Heer in freiem Felde, so mußte dieses erst geschlagen und vertrieben werden.

Unter Führung des Hippias, des früheren Herrschers in Athen, der zwanzig Jahre vorher vertrieben worden war, wählten die Perser die Ebene von Marathon als Landungsstelle. Sie ist etwa vier Meilen von Athen entfernt und war unbewacht, da die Athener nicht wissen konnten, wo die Perser landen würden. War das athenische Heer bereits versammelt, so stand es jedenfalls in oder bei Athen. Auch wenn die Athener einen sehr sorgsamen[52] Wachdienst hatten und der Beginn der Ausschiffung sofort nach der Stadt signalisiert wurde, so mußten doch wenigstens acht Stunden vergehen, ehe das Heer bei Marathon angelangt, aufmarschiert und zum Angriff bereit war. In dieser Zeit konnte auch das persische Heer schlachtbereit sein. Überdies war die marathonische Ebene rings von Bergen umgeben und hatte nur wenig Zugänge, die die Perser leicht mit den erst ausgeschifften Bognern besetzen konnten, um dadurch den Eintritt der Athener in die Ebene noch weiter aufzuhalten.

In Athen soll man in Zweifel gewesen sein, ob man dem Feinde draußen eine Schlacht liefern oder es auf die Belagerung ankommen lassen solle. Die größere Ansicht, daß man die Schlacht wagen wolle, siegte. Man schickte nach Sparta und bat um ein Hilfskorps.

Der Oberbefehl wurde dem Miltiades anvertraut, einem Mann aus reichem patrizischen Geschlechte, der, wie die venetianischen Nobili im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, als athenischer Bürger ein Fürstentum außerhalb im Barbarenlande, auf dem thracischen Chersonnes inne gehabt und dort die Perser kennen gelernt hatte. Er war sogar Untertan des persischen Königs gewesen und hatte sich vor ihm nach Athen flüchten müssen.

Wir wissen, worin die Überlegenheit der Perser bestand. Kam es zur Schlacht auf freiem Felde, so war kein Zweifel, daß die persischen Reiter, auf die Flügel gestellt, die athenische Phalanx in beiden Flanken angriffen, während die Bogner sie in der Front mit Pfeilen überschütteten. Wegen des Flankenangriffs unfähig, eine geordnete Attacke gegen die Bogner zu machen, hätte die Phalanx, fast ohne zum wirklichen Kampfe zu gelangen, der feindlichen Waffen-Kombination erliegen müssen. Diese taktische Schwäche der einseitigen athenischen Heeresmacht auszugleichen, war die Aufgabe der athenischen Führung. Studiert man das Gelände von Marathon und vergleicht damit die erhaltenen Nachrichten, so kann man mit Sicherheit erkennen, auf welche Weise es dem Miltiades gelungen ist, diese Aufgabe zu erfüllen.

Cornelius Nepos, der aus Ephorus geschöpft hat, erzählt uns in seinem Leben des Miltiades, die Athener hätten sich am Fuße der Berge auf einem engen Platz aufgestellt, wo sie Bäume gefällt[53] hätten, damit sie sowohl durch die Berge wie durch die Bäume vor einer Umgehung durch die feindliche Reiterei gedeckt würden.34

Diese Schilderung entspricht so sehr den Verhältnissen, daß wir etwas Ähnliches vermuten müßten, selbst wenn es nicht positiv überliefert wäre. Auch die Stelle in der kleinen marathonischen Ebene, die der Angabe des Nepos-Ephorus am besten entspricht, kann ein kriegsgeschichtlich geübtes Auge ohne Schwierigkeit von einer Spezialkarte ablesen: es ist der Eingang eines kleinen Seitentals, heut Vrana genannt. Dieses Tal ist 150 Meter vom Eingang etwa 1000 Meter breit. Das ist für eine Hoplitenphalanx von etwa 6000 Mann zu breit; der Raum wurde ja aber durch den Verhack weiter eingeengt. Ein für Infanterie gangbarer Pfad führt von Athen über die Berge direkt in dieses Tal. Zu der Hauptstraße, der einzigen, die in die marathonische Ebene führt, bildet das Vranatal eine Flankenstellung, so daß das feindliche Heer nicht gegen Athen marschieren konnte, ohne das athenische vorher aus dem Vranatal vertrieben zu haben.

Herodot erzählt uns, daß die Athener sich mit einem Anlauf von acht Stadien (4800 Fuß = 1500 Meter) auf den Feind gestürzt hätten. Ein solcher Lauf ist eine physische Unmöglichkeit; ein schwer ausgerüsteter Heereshaufe kann allerhöchstens vier- bis fünfhundert Fuß (120-150 Meter) im Laufschritt zurücklegen, ohne die Kräfte völlig zu erschöpfen und in Unordnung zu geraten. Einzelne Kunstläufer und Naturvölker sind allerdings imstande, sehr große Strecken selbst belastet im Lauf zurückzulegen, aber die Athener bei Marathon waren kein Naturvolk mehr, sondern ein bürgerlich-bäuerlicher Landsturm. Nach dem preußischen Reglement darf mit Gepäck nicht länger als zwei Minuten = 330 bis 350 Meter gelaufen werden. Das athenische Heer bestand aber nicht einmal aus Truppen, die im Training stehen, nicht aus den Jünglingen, die in den Gymnasien turnten, sondern aus dem Massenaufgebot der[54] Bürger, Bauern, Köhler, Fischer bis zu 45 oder 50 Jahren, und eine geschlossene Masse läuft viel schwerer, als ein Einzelner. Wenn ein neuerer Historiker den Ausdruck gebraucht, die Athener seien »angeblich« 8 Stadien gelaufen, so ist das soviel, als wenn er einer Quelle nacherzählte, sie seien an einem Tage »angeblich« 60 Meilen marschiert. Wenn ein Anderer meint, die ungeheure Erregung der Schlacht mache ganz andere Anspannung der Nerven und Muskeln möglich als die alltägliche Übung des Exerzierplatzes, so ist das richtig, macht aber immer noch nicht den Lauf einer Phalanx von einer Fünftelmeile möglich.

Ein Gefecht aus der neueren Kriegsgeschichte mag uns das lehren. Im dänischen Kriege 1864 wurde ein weit vorgeschobenes preußisches Detachement unter dem Hauptmann von Schlutterbach bei Lundby in Jütland von überlegener dänischer Infanterie angegriffen (3. Juli). Die Preußen nahmen eine Defensivstellung ein. Auf 400 Schritt Entfernung setzten sich die Dänen unter lautem Hurraruf in Laufschritt. »Aber«, heißt es in der Erzählung35, »eine[55] Truppe kann nicht 400 Schritt weit in der heftigen Bewegung bleiben, die unwillkürlich zu vollem Rennen sich entwickelt, wo man mit dem Feinde handgemein zu werden denkt. Der Atem geht aus, und nach 100 Schritten muß die Kompagnie halten. Es sind ihr die peinlichsten Minuten, bis sie sich wieder in Bewegung setzen kann.«

»Der fabelhafte Lauf sollte niemand quälen: Artemis hat ihnen die Kraft zu den βοηδρόμια gegeben und erhält zum Danke das Ziegenopfer«, hat ein Philolog erklärt und warnt davor, aus Unverstand und Mißgunst abzustreiten, daß das schlichte Vertrauen auf Gott und die eigene Tüchtigkeit wider alle Voraussicht menschlicher Kleingläubigkeit den Sieg gegeben habe. Auch diese Weltanschauung hat ihr Recht; namentlich im Mittelalter, in den Heiligenleben und Kreuzzugserzählungen ist die Welt und so auch der Krieg der Wunder voll, und man möchte auch die romantische Art, Geschichte zu erzählen, ungern entbehren. Aber wer die Geschichte der Kriegskunst kritisch erforschen will, der erflehe für sich selber den Beistand des heiligen Georg oder, wenn er will, auch der göttlichen Artemis und des Apollo, aus seiner Untersuchung aber muß er sie verbannen. Dieser Laufschritt ist der entscheidende Punkt für das historische Verständnis der Schlacht, auf der die griechische Freiheit und damit alle moderne Kultur beruht. Durch die »8 Stadien« muß notwendig zunächst der Platz der Schlacht und damit auch der taktische Verlauf und die Ursache von Sieg und Niederlage bestimmt werden. Wir dürfen uns daher glücklich schätzen, hier einen Punkt zu haben, über den eine einfache sachliche Prüfung uns unabhängig von allen zweifelhaften Zeugnissen und unzuverlässigen Erzählern volle Gewißheit zu geben vermag. Die sachliche Prüfung aber ergibt, daß weder eine griechische Phalanx noch eine andere geordnete Schlachtlinie jemals 11/2 Kilometer gelaufen ist, noch hat laufen können.36 Herodots[56] Angabe beruht auf irgend einem Mißverständnis, und dieses Mißverständnis bleibt uns nicht einmal ein Rätsel, sondern wird sehr bald erklärt sein.

Mitten in der marathonischen Ebene erhebt sich ein künstlicher Hügel, der »Soros«, der durch neuerliche Nachgrabungen als das Grab der gefallenen Athener von Marathon sichergestellt ist. Thucydides (II, 34) erzählt uns ausdrücklich, die Athener hätten sonst ihre gefallenen Krieger zu Hause beigesetzt, die Gefallenen von Marathon aber seien um der besonderen Ehre willen auf dem Schlachtfelde bestattet worden. Kein Zweifel, daß Herodot selber an oder auf diesem etwa 12 Meter hohen Grabhügel gestanden und von dort aus das Schlachtfeld besichtigt hat. Genau 8 Stadien von diesem Hügel öffnet sich in dem Kranz der Berge, die die marathonische Ebene einschließen, das Vranatal.

Schwerlich ist es ein bloßer Zufall, daß wir hier gerade die 8 Stadien, die auch in Herodots Erzählung vorkommen, im Gelände tatsächlich finden. Im Vranatal haben die Athener gestanden, 8 Stadien davor liegt der Hügel mit der Asche ihrer Toten, 8 Stadien sollen sie nach Herodots Erzählung vorgestürmt seien: bis hierher also hat die Schlacht sich erstreckt. Die Athener haben nicht ihre Gefallenen zurückgetragen bis zu der Stelle, wo der erste Zusammenstoß stattfand, sondern vorwärts bis dahin, wo der letzte der Gefallenen lag, bis wohin die Verfolgung gegangen, wo der Sieg vollendet war. Hier, mitten in der Ebene, von allen Seiten sichtbar, errichteten sie den hohen Grabhügel. Hier hat auch Herodot Umschau gehalten und sich erzählen lassen: bis hierher, 8 Stadien von jenem Tal, stürmten die Athener vor,[57] wie er verstand, in der Attacke, wie es gemeint war, im Durchkämpfen der Schlacht und in der Verfolgung.

Herodot erzählt uns weiter, daß die Athener und Perser sich drei Tage gegenüber gestanden hätten, ehe es zur Schlacht kam. Die Athener, die ihm das mitgeteilt, hatten einen Grund dafür nicht anzugeben gewußt oder vielmehr, sie hatten ihn nur zu gut gewußt: Miltiades führte nicht den wirklichen Oberbefehl, den führten die zehn Strategen gemeinschaftlich, so daß nach dem Gesetz abwechselnd jeder einen Tag kommandierte. Sie waren aber übereingekommen, freiwillig den Oberbefehl an Miltiades zu überlassen; nichtsdestoweniger wartete dieser, um der Ehre des Sieges ganz teilhaftig zu werden, für die Schlacht den Tag ab, wo ihm auch von Gesetzeswegen der Oberbefehl zukam. Wir haben hier wieder einen psychologischen Zug, dem wir im Fortgang dieser kriegsgeschichtlichen Untersuchungen immer von neuem begegnen werden. Der Legende sind die sachlichen Motive zu fein, zu schwer verständlich, zu uninteressant, sie ersetzt sie durch persönliche. Für uns aber ist der sachliche Zusammenhang nicht schwer zu erkennen. Was wir aus der Legende ohne Bedenken annehmen dürfen, was zu erfinden kein Grund vorlag, ist die Tatsache, daß die feindlichen Heere sich mehrere Tage einander gegenüber gestanden haben, ehe es zur Schlacht kam. Die Athener verloren dabei nichts; sie konnten sich in ihrem eigenen Lande ohne Schwierigkeit verpflegen, sie steigerten den Mut ihrer Leute, wenn sie sahen, daß die Perser sie nicht anzugreifen wagten, und sie erwarteten noch den Zuzug der Spartaner. Völlig unmöglich, daß Miltiades, ohne die Ankunft der Spartaner abzuwarten, aus freien Stücken die Schlacht befohlen. Der Angriff kann also überhaupt nicht von den Athenern, sondern er muß von den Persern ausgegangen sein.

Jetzt, glaube ich, ist das Bild der Schlacht zu erkennen. Sobald die Nachricht eingelaufen war, daß die Perser in der Ebene von Marathon landeten, setzte Miltiades das athenische Heer in Marsch und führte es in das Vranatal, das eine direkte Verbindung über die Berge mit der Hauptstadt hat. Hier im Vranatal, kurz vor dem Ausgang des Tales, so daß die Berge noch die beiden Flanken deckten, welche Deckung durch Verhacke noch verstärkt wurde, stellte er das Heer auf, oder ließ es so lagern, daß[58] es bei der ersten Meldung von dem feindlichen Anmarsch in die Stellung gehen konnte. Da das Tal trotz des Verhacks für das kleine athenische Heer zu breit blieb,37 so konnte Miltiades der Phalanx nicht durchweg die wünschenswerte Tiefe geben, sondern machte das Zentrum schwächer und die beiden Flügel stärker, so daß sie auch beim Heraustreten aus der Deckung etwaigen Flankenangriffen der persischen Reiter Widerstand leisten konnten. Die Gewandtesten und Mutigsten der Ungewappneten wurden vermutlich rechts und links auf die Berge geschickt, um diese mit Pfeilen, Steinen und Wurfspießen zu behaupten. Die die linke Flanke deckende Bodenerhebung ist, wie ich mich bei einem Besuch im Jahre 1911 überzeugt habe, nur sehr leicht ansteigend, aber so mit Felstrümmern bedeckt, daß sie für Reiter schlechthin ungangbar ist. Die eigentliche Straße aus der marathonischen Ebene nach Athen geht nach Süden ziemlich nahe am Strande und an einem Sumpf entlang, vor der Front der athenischen Aufstellung in einer geringen Entfernung vorbei. Die Perser konnten aus der marathonischen Ebene nicht heraus, ohne die Athener vorher vertrieben zu haben. Sie konnten nicht auf der eigentlichen Hauptstraße marschieren, wo die Athener aus der Flanke in ihre Marschkolonnen hineingestoßen hätten. Sie konnten auch nicht einen der nach Norden hinausführenden Pfade, auch nicht das Seitental Marathona benutzen, da sie immer riskieren mußten, daß, wenn ein Teil ihres Heeres in den Bergen steckte, der andre in der Marschbewegung von den Athenern angegriffen werden würde.38 Das Tal Marathona war überdies vermutlich an einer engen Stelle von den Athenern gesperrt, damit die Perser ihnen nicht auf diesem Wege im Vranatal in den Rücken kommen konnten. Die[59] Perser hatten also nur die Wahl, entweder den Athenern auf dem von diesen gewählten Terrain eine Schlacht zu liefern, oder sich wieder einzuschiffen und die Landung an einer anderen Stelle zu versuchen. Auch dies aber wäre sehr gefährlich gewesen. So nahe wie die Athener waren, konnten sie das persische Heer bei der Einschiffung anfallen, und wenn man vielleicht die Landung noch einmal an einer anderen Stelle glücklich bewerkstelligte, konnten die Athener nicht abermals in ihrer so vielfältig zerschnittenen Landschaft einen Platz finden, der ihnen für die Schlacht ähnliche Vorteile bot wie das Vranatal? Die persischen Feldherren müssen, da es doch wahr zu sein scheint, daß sie sich mehrere Tage besonnen haben, in große Zweifel und vielleicht in Streit miteinander geraten sein, was sie tun sollten. Endlich siegte der Beschluß, die Athener anzugreifen, wo sie standen, wenigstens ehe auch noch die Spartaner angekommen seien.

Dieser Beschluß wäre äußerst verkehrt gewesen, wenn, wie gewöhnlich angenommen wird, die Perser den Griechen numerisch sehr überlegen waren. In diesem Fall hätten sie ihr Heer teilen müssen, um mit der einen Hälfte die Athener im Vranatal festzuhalten, mit der andern, durch jene gedeckt, zu Lande oder mit Hilfe der Flotte zur See, die Athener zu umgehn und aus ihrer Stellung herauszumanöverieren. Dieses Auskunftsmittel einer zu starken Stellung gegenüber liegt so nahe, daß man aus der Nichtanwendung umgekehrt schließen muß, daß die Perser dazu zu schwach waren. Was wir vorher aus den allgemeinen Verhältnissen generell geschlossen haben, daß die Perser unmöglich den Athenern numerisch wesentlich überlegen gewesen sein können, das bestätigt uns hier der positive Verlauf der Ereignisse. Gegen ein überlegenes Heer wäre die Stellung der Athener im Vranathal nutzlos gewesen: Zahl und Stellung stehen immer in Korrespondenz miteinander. Die Perser packten den Stier bei den Hörnern, weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Die Griechen hatten bisher noch niemals den persischen Kriegern Stand gehalten. Darauf hin durfte man es wagen. Miltiades ließ den Feind an seine Defensiv-Stellung herankommen, und in dem Augenblick, wo der Pfeilregen wirksam wurde, also auf 100 bis 150 Schritt39 Distanz, setzte sich die ganze[60] Hopliten-Phalanx in Bewegung und stürzte sich im Laufschrift auf den Feind. Der Lauf hatte den doppelten Zweck, die Wucht des Anpralls moralisch und physisch zu verstärken und den Pfeilschuß zu unterrennen. Das schwache Zentrum freilich, wo die hinteren Glieder nicht den genügenden Druck ausübten, stutzte vor dem persischen Pfeilhagel und wich zurück, die beiden tieferen Flügel-Kolonnen aber blieben im Laufe und waren vorm Feind, noch ehe die persische Reiterei sie durch eine Flanken-Attacke aufhalten konnte. Vermutlich erstreckten sich die schützenden Terrainhindernisse rechts und links von den Athenern so weit, daß nur ein ganz kurzer Raum in der freien Ebene zu durchschreiten blieb. Die Schnelligkeit des Anlaufs und die Tiefe der Aufstellung ergänzten, was an natürlichem Flanken-Schutz etwa fehlte, und sobald die althenischen Hopliten den persischen Bognern erst an den Leib waren, waren diese mit ihren viel unbedeutenderen Schutzrüstungen verloren. Sie mögen sich als tapfere Männer immerhin[61] noch einige Zeit gewehrt haben, aber lange konnten sie der Wucht dieses Angriffs nicht widerstehen; auch die anfänglich siegreichen Bogner im Zentrum, von beiden Seiten gepackt, konnten nichts mehr machen, und als sie einmal den Rücken gewandt, als der Strom der allgemeinen Flucht sich in die Ebene ergoß, da hatte auch im freien Felde die Reiterei nicht mehr die Möglichkeit, die Schlacht herzustellen. Von festgeschlossenen, gut disziplinierten Schwadronen unter tüchtigen Führern könnte man sich vielleicht vorstellen, daß sie auch jetzt noch durch entschlossenes Einreiten die Schlacht wieder zum Stehen gebracht hätten, aber der Fortgang dieses Werkes wird zeigen, namentlich die Schlachten Karls des Kühnen gegen die Schweizer sind darin lehrreich, daß rittermäßige Reiter, wie die Perser waren, dazu nicht imstande sind. Wer sich zu lange aufhielt, war sicherlich verloren. Alles eilte zu den Schiffen. Da der nördliche Winkel der Bucht, wo die persischen Schiffe unzweifelhaft lagen, eine kleine halbe Meile vom Schlachtfeld entfernt ist, so gelang es in der Tat der Masse der Perser, sich wieder einzuschiffen. Die Verfolgung hat, wie wir Herodot auslegen dürfen, sich vom Vranatal aus 8 Stadien, eine Fünftel-Meile weit, bis zum Soros erstreckt. Dann hat Miltiades das Heer von neuem gesammelt und gegen die Schiffe vorgeführt. Wir hören von einem Kampf an den Schiffen. Zwischen den beiden Kampf-Akten muß eine ziemliche Pause gelegen haben, in der die Perser ihre Schiffe flott machten und bestiegen, denn nur sieben Trieren haben die Griechen noch festhalten und erbeuten können. Von zahlreichen Gefangenen oder von Pferden, die ihnen in die Hände gefallen wären, hören wir nichts. Wären die Athener den Persern ohne Aufenthalt nachgesetzt bis zu den Schiffen, so hätte die Beute viel größer werden müssen. Aber Truppen zu solcher unmittelbaren Verfolgung nach dem Siege wieder zusammenzubringen und fortzureißen ist überaus schwer. Es ist ein glänzendes Zeugnis für die persönliche Kraft und Einwirkung des Miltiades, daß es noch zu dem zweiten Kampf an den Schiffen gekommen ist. Der Verlust der Athener betrug 192 Tote, denen wir viele Hundert Verwundete zuzufügen haben werden, da die persischen Pfeile so gut gewappnete Männer wie die athenischen Hopliten wohl selten gleich zum Tode trafen. Der Verlust der Athener an Toten und[62] Verwundeten, wie wir heute zählen, mag also immerhin gegen 1000 Mann betragen haben, ein Zeichen, daß Marathon kein bloßes Gefecht, sondern eine sehr energisch durchgeführte Schlacht gewesen ist.

Über den Verlust der Perser wissen wir nichts Zuverlässiges.

Riesenhaft steht die Gestalt des Feldherrn Miltiades am Eingange der Welt-Kriegsgeschichte; die vollendetste und seltenste Form der Schlachtenführung, die alle Kriegskunst bis auf den heutigen Tag hervorgebracht, die defensiv-offensive, tritt uns hier in den einfachen Linien des klassischen Kunstwerks mit dem ersten großen Kriegsereignis, das wir zu behandeln haben, entgegen. Welch ein Blick in der Wahl des Schlachtfeldes, welche Selbstbeherrschung in dem Abwarten des feindlichen Angriffs, welche Autorität über die Massen, über ein selbstbewußtes, demokratisches Bürgeraufgebot, es in der gewählten Stellung fest zu halten und dann in dem entscheidenden Augenblick im Sturmschritt zur Attacke vorzuführen! Es wird nicht zu kühn sein, wenn wir uns vorstellen, wie Miltiades vorher eine Ansprache an seine Mitbürger gehalten, ihnen gezeigt hat, daß sie durch die Berge gegen die feindliche Reiterei gedeckt seien, ihnen anbefohlen, auszuhalten unter den persischen Pfeilen, bis er das Zeichen gebe, wie er dann zu Pferde in der Mitte der Phalanx gehalten, alle Blicke auf ihn gerichtet, um den Augenblick zu wählen, den Arm mit dem Speer in der Hand zu heben und das Kommandowort zu rufen, welches das Trompetensignal laut hallend weiter gibt. Alles ist auf diesen Augenblick gestellt – keine Minute zu früh: sonst kommen die Athener ohne Atem und Ordnung an den Feind; keine Minute zu spät: sonst sind bereits zu viele von den feindlichen Pfeilen getroffen und die Menge der Stürzenden und Weichenden hemmt und bricht endlich die Kraft des Ansturmes, der wie ein Bergsturz auf den Feind fallen muß, wenn er den Sieg geben soll.

Wir werden noch manches Ähnliche, nichts Größeres zu berichten haben.


1. Die detaillierte Begründung meiner Auffassung von Marathon steht in meinen »Perser- und Burgunderkriegen«. Seit dem Erscheinen dieses Buches ist jedoch unsere Information an zwei wichtigen Punkten[63] korrigiert oder erweitert worden. Erst jetzt ist festgestellt40, daß der Soros wirklich das Grab der Athener ist, was damals noch so zweifelhaft war, daß ich nicht wagte, auf ihn Bezug zu nehmen. Ferner hat eine neuere topographische Aufnahme41 gezeigt, daß die Karten, die ich benutzte, ungenau waren. Auf diesen Karten war nämlich der Ausgang des Tales von Vrana so breit gezeichnet, daß es für ein kleines Heer nicht die postulierte Flankenanlehnung zu bieten schien, und ich hatte daher die Aufstellung der Athener weiter rückwärts in dies Tal, wo sich wieder ein Seitental (Aulona) abzweigt, verlegen müssen. Nun, da feststeht, daß das Vranatal 150 Meter vom Ausgang nur etwa 1000 Meter breit ist, erscheint es sehr geeignet für die Aufstellung der Athener und erhält seine quellenmäßige Beglaubigung dadurch, daß der Ausgang des Tales von dem Soros gerade acht Stadien entfernt ist. Ich habe diese Korrektur in der Hist. Zeitschr. Bd. 65 (1890) ausgeführt. In einigen Einzelheiten hat sich mir seitdem das Schlachtbild noch sicherer gestaltet. Die Grundzüge jedoch sind dieselben geblieben.

2. Herodot sagt ausdrücklich, daß die Perser für die Expedition eigene Pferdeschiffe gebaut hätten und an der Ebene von Marathon gelandet seien, weil sie glaubten, dort ihre Reiterei gut verwenden zu können. Das kann schwerlich rein erfunden sein; die Perser hatten also Reiter. Auf der anderen Seite erwähnt Herodot in der Schlacht selbst die Reiter gar nicht, und wir hören weder bei ihm noch bei Späteren irgend etwas von erbeuteten Pferden, die doch als ein kostbares Gut wohl erwähnenswert gewesen wären und durch ihre Nachzucht sich auch lange im Gedächtnis des athenischen Volkes erhalten mußten.

Da es aber sehr umständlich ist, Pferde an Bord von Schiffen zu bringen, so erscheint es nicht recht glaublich, daß die Perser damit völlig fertig gewesen sein sollten, ehe die Athener bei den Schiffen anlangten. Man könnte deshalb auf den Gedanken kommen, daß die Perser in der Erkenntnis, daß sie gegen die Stellung der Athener ihre Reiter doch nicht gebrauchen könnten, diese bei den Schiffen zurückgelassen, vielleicht für den Fall eines ungünstigen Ausgangs des Gefechts die Pferde vorher an Bord gebracht hätten. Dem steht aber gegenüber, daß die persischen Feldherren doch einen Vorstoß der Athener aus ihrer Stellung nicht für so ganz unmöglich gehalten haben können und rechnen durften, daß die gefürchteten Reiter, selbst wenn sie nur rückwärts in der Ebene hinter den Bognern hielten, doch einen gewissen moralischen Eindruck auf die Athener machen und einen Rückhalt gewähren würden. Die überraschende und überwältigende Wucht des athenischen Stoßes machte diese Rechnung zuschanden, so daß die Reiter tatsächlich keine Einwirkung auf die Schlacht gehabt haben. Daß die Athener keine Pferde erbeuteten, ist trotzdem nicht unerklärlich.[64] Mehrere Stunden mögen vergangen sein, bis sie sich wieder geordnet hatten und zum Angriff auf die Schiffe anrückten, und die Perser mögen die Pferde, die sie nicht mehr fortbringen konnten, selber niedergestoßen haben.

3. Pausanias I, XXXII, 3 berichtet, bei Marathon seien auch Grabhügel der Platäer und Sklaven: »ὲμαχέσαντο γὰρ καὶ δοῦλοι τότε πρῶτον«

Sehr zuverlässig ist diese Nachricht wohl nicht. Immerhin ist möglich, daß die Hopliten vielfach nicht einen anderen Bürger, sondern einen getreuen und tüchtigen Haussklaven als Begleiter mit ins Feld genommen hatten, daß von diesen auch manche mit auf die Berge postiert waren und hier durch persische Pfeile getötet worden sind.

4. Sehr wesentlich für die Rekonstruktion der Schlacht ist die längere Pause zwischen dem Treffen im Vranatal und dem Kampf an den Schiffen, da nur dadurch das Entkommen des Restes der Perser und der meisten Schiffe erklärt wird. Man könnte vielleicht einwerfen, daß zum Sammeln, dem Wiedervorführen der Phalanx und dem Marsch von drei Kilometern nur eine kurze Zeit nötig gewesen sei. Nur nötig – gewiß: aber nicht so schnell durchzuführen. Nach der Entscheidung des Treffens, der völligen Flucht der Perser über die Ebene, unter dem ersten Verschnaufen wird der Zustand und die Stimmung der Athener etwa so gewesen sein, wie Friedrich seine Soldaten schildert, als er nach dem Siege von Soor zum erstenmal eine unmittelbare Verfolgung in Gang zu setzen versuchte. »Meine Kavallerie«, hat er später dem Landgrafen Karl von Hessen erzählt, »machte nicht weit von der feindlichen Nachhut Halt; ich eilte hin und rief: ›Marsch, vorwärts, drauf!‹ Ich wurde mit Vivat Viktoria und unaufhörlichen Rufen empfangen. Ich rief immer Marsch, und niemand wollte marschieren. Ich ärgerte mich, ich prügelte, ich schlug, ich schalt, und ich denke, ich verstehe zu schelten, wenn ich ärgerlich bin; aber ich konnte diese Kavallerie keinen Schritt vorwärts bringen. Sie waren trunken vor Freude und hörten mich nicht.« Auch Miltiades wird seine liebe Not gehabt haben, die athenischen Bürger, die zunächst, sei es nach ihren Toten und Verwundeten, sei es nach der Beute von den gefallenen Persern sahen, oder sich dem bloßen Jubel hingaben, wieder in Reih und Glied zu bringen; und ohne die Hoffnung, an den Schiffen noch Beute zu machen, wäre es wohl zu dem zweiten Gefecht überhaupt nicht mehr gekommen; jedenfalls ist es nur natürlich, wenn eine längere Kampfpause zwischen beiden angenommen wird.

5. Eine neue Marathon-Hypothese hat jüngst W. SCHILLING Bd. 54 S. 253 des Philologus (1895) veröffentlicht. Schilling geht aus von der überlieferten ungeheuren Überlegenheit der Perser an der Zahl. Diese habe ihnen gestattet, da sie die Athener trotzdem nicht anzugreifen wagten, sich wieder einzuschiffen, indem sie ein Korps, das immer noch doppelt so stark als die Griechen war, nämlich 20000 Mann, aber ohne Reiter, mitten in der Ebene zur Deckung der Einschiffung aufstellten; dieses Deckungskorps[65] war es, das die Athener, da wo nachher der Soros errichtet wurde, angriffen, schlugen und wovon sie 6400 Mann töteten.

Wäre diese Annahme richtig, so bliebe es völlig unerklärt, weshalb die Perser ihr Deckungskorps in der Ebene ohne Reiterei ließen. Wenn man Reiterei hat, stellt man sie doch dahin, wo sie zu gebrauchen ist, und nirgends konnte sie den Persern so viel Nutzen bringen wie gerade hier.

Der sachlich einzig zulässige Schluß ist der umgekehrte: da ausdrücklich berichtet wird, daß die Perser um ihrer Reiter willen die marathonische Ebene als Landungsplatz wählten und diese Nachricht bei der sonst bekannten Kriegsart der Perser glaublich erscheint, so muß die Anwesenheit eines Reiterkorps eine der Voraussetzungen für die Rekonstruktion der Schlacht bilden. Hatten die Perser aber Reiter, so kann die Schlacht nicht in der Ebene stattgefunden haben, da die athenische Phalanx sie dann schwerlich gewonnen hätte und das Reitergefecht irgendwie erwähnt sein müßte. Folglich hat die Schlacht auf einem für die Reiter nicht zugänglichen Terrain stattgefunden.

Nicht weniger scheitert die Schillingsche Hypothese daran, daß man nicht einsieht, weshalb die Perser einen Teil ihres Heeres wieder einschifften. Wenn sie ein Deckungskorps am Soros aufstellten, so war ja nichts einfacher, als das zu detachierende Korps direkt auf der großen Straße durch die Mesogaia gegen Athen vorrücken zu lassen. Dann mußten sofort die Athener aus ihrer Flankenstellung im Vranatal heraus.

6. Eine gewisse Verwandtschaft mit der Schillingschen Hypothese hat eine andere, die N. W. MACAN in seinem »Herodotus« gleichzeitig vorgetragen (London 1895) und der E. B. BURY in der Classical Review (1896 X) zugestimmt hat. Macan schließt sich an die Ansichten Dunckers und Busolts an (letzterer hat aber mittlerweile in der 1895 erschienenen zweiten Auflage seiner Griech. Gesch. seine Auffassung geändert und die meinige aufgenommen), modifiziert sie aber in einem wesentlichen Punkt.

Er will, daß die Perser in der Erkenntnis, daß die Athener im Aulonathal nicht angreifbar seien, durch den südlichen Paß auf Athen abmarschieren wollten und bei dieser Bewegung in der Ebene von den Athenern angegriffen wurden. Der Soros würde ungefähr auf der Stelle errichtet sein, wo das athenische Zentrum wich. Die Perser seien aber nicht in der Flanke angegriffen, auch nicht eigentlich überfallen worden, sondern hätten sich auf die Möglichkeit des Angriffs vorbereitet und auch Zeit genug gehabt, eine Schlachtordnung herzustellen. Dieser südliche Teil der Ebene sei aber für Reiterei nicht geeignet, und die Perser hätten auch vielleicht die meisten ihrer Reiter wieder eingeschifft, da sie ihnen auf dem Landmarsch nichts nützen konnten. Deshalb spiele die Reiterei in der Schlacht keine Rolle.

Hiergegen ist folgendes einzuwenden:

1) Wenn die Perser auf die Möglichkeit einer Schlacht vorbereitet waren, weshalb setzten sie den einen Teil ihrer Soldaten wieder auf die[66] Schiffe? Hielten sie sie zum Siege für überflüssig, weshalb hatten sie sie denn mitgebracht?

2) Doppelt unverständlich wäre es, daß die Perser gerade ihre Reiter eingeschifft haben sollten. In der Reiterei lag ihre Stärke; sie mußten über eine freie Ebene hinweg einen Flankenmarsch am Feinde vorbei machen. Wenn irgend wo, so waren gerade hier die Reiter nötig.

3) Weshalb das Terrain hier für die Reiterei ungünstig gewesen sein soll, ist völlig unerfindlich und von dem Autor auch mit keinem Worte begründet oder ausgeführt. Daß in der rechten Flanke ein Bach, in der linken ein Sumpf ist, kommt nicht in Betracht, da zwischen beiden Hindernissen der Raum immer noch über drei Kilometer beträgt.

4) Hätten die Perser den Flankenmarsch am athenischen Lager vorbei gewagt, so hätten die Athener sie sicherlich angegriffen und sie wahrscheinlich, selbst wenn sie sich durch ihre Reiter zu decken suchten, besiegt. Die Athener hätten den Angriff natürlich erst gemacht, wenn das Gros der Perser bereits im Paß steckte, da dieses ihnen ja eine sichere Beute war, nachdem sie zunächst das letzte Drittel mit der Reiterei überwältigt und aufgerieben hatten. Eben deshalb ist es ein völliger Ungedanke, daß die Perser eine derartige Bewegung gemacht und noch dazu ihre Reiterei vorher entfernt haben sollen. Sie konnten sich schon ohne Gefahr nicht mehr einschiffen, seitdem die Athener so nahe waren, und auf keinen Fall die Ebene zu Lande verlassen, ohne vorher die Athener aus ihrer Stellung vertrieben zu haben. Deshalb entschlossen sie sich nach einigem Zögern zu dem direkten Angriff.

7. Nachträglich ist mir das Buch Hérodote, Historien des guerres médiques par AMÉDÉE HAUVETTE (Paris 1894) bekannt geworden, das eine erneute Untersuchung des Laufes von 8 Stadien notwendig macht. Meine Darstellung beruht auf der Behauptung, daß ein solcher Lauf eine physische Unmöglichkeit sei, und dafür habe ich mich berufen auf die Vorschriften des preußischen Reglements. Hauvette wendet dagegen (S. 261) ein:

»Ces prescriptions, fort utiles sans doute quand il s'agit d'exercer de jeunes soldats, existent aussi chez nous; mais elles sont loin de répondre à ce qu'on peut demander à des hommes vigoureux et bien entraînés, comme étaient les Athéniens. La preuve en est, que le capitaine d'artillerie de Raoul, en adoptant, il est vrai, un mode nouveau de marche et de pas gymnastique, a obtenu récemment des résultats extraordinaires: le peloton qu'il commandait aux grandes manoeuvres du XIe corps d'armée en 1890, est arrivé à faire jusqu'à 15 kilomètres au pas de course, avec armes et bagages. Cf. un article du Dr. Felix Regnault dans le Journal La Nature, No. 1052, 29 juillet 1893.«

Hält man diese beiden Darlegungen nebeneinander, so scheint der Widerspruch unausgleichbar. Ich behaupte: »eine so große geschlossene Hoplitenmasse, wie sie bei Marathon gefochten, kann nicht mehr als 100[67] bis 150 Schritt (Lauf-Schritte = 150 bis 200 Geh-Schritten) laufen, ohne in Erschöpfung und Unordnung zu geraten. Hauvette er widert: Hauptmann Raoul hat mit seinem Peloton 15 Kilometer (das sind 24000 Geh-Schritte) mit Waffen und Gepäck im Lauf zurückgelegt. Das ist aber nicht das Einzige, was uns trennt. Hauvette verwirft die Sach-Kritik, mit deren Hilfe ich die überlieferte Anschauung in den Perserkriegen zu revidieren unternommen habe, grundsätzlich. Ein nicht geringer Teil seines Buches ist gegen meine ›Perser- und Burgunder-Kriege‹ gerichtet. Den Nachweis, den ich aus der Analogie der schweizerischen Volks Überlieferung, namentlich der Bullingerschen Erzählung über Granson und Murten habe führen wollen, daß eine Erzählung wie die Herodoteische nur sehr geringen Glauben verdient, erkennt er nicht an. Im Gegenteil, er hält Herodot wie subjektiv so auch objektiv für generell glaubwürdig und sieht die Aufgabe der Wissenschaft nur darin, etwaige einzelne Fehler, Irrtümer und Widersprüche, die sich eingeschlichen haben, zu beseitigen. Mit vollendeter Gelehrsamkeit und großem Scharfsinn führt er diese Grundsätze durch, und obgleich er sich sachlichen Erwägungen keineswegs völlig verschließt, so vertraut er ihnen doch weniger als dem geschriebenen Wort der Überlieferung.«

Richtig hieran ist, daß die Sach-Kritik leicht in die Irre führt. Sie ist auch bei einfachen Dingen sehr schwierig, da auch der Fachmann selten alle die Umstände erkennt, die in anderen Zeiten und Völkern auf die Dinge eingewirkt haben oder einwirken konnten, und auch abgesehen davon die Fachmänner sehr oft von irgendwelchen Theorien voreingenommen sind und verschiedene, ja entgegengesetzte Auskunft geben. Die Grundlage aller historischen Erkenntnis bleibt stets die positive Aussage der Zeitgenossen oder der den Zeitgenossen nächststehenden Quellen. Aber je weiter die historische Kritik fortgeschritten ist, desto mehr hat sie sich überzeugt, daß auch zeitgenössische Berichte häufig durch Phantasien aller Art getrübt und verdunkelt sind und daß, wo das Material nicht genügt, die Quellen eine durch die andere zu kontrollieren, die Sach-Kritik die letzte Zuflucht bleibt. Es kommt nur darauf an, sie wirklich durchzuführen und so viel Sachkenntnis heranzuschaffen, daß man sicher sein darf, nicht durch eine bloße, falsche Analogie auf einen Irrweg gelockt zu werden. Auch Hauvette übt ja Sach-Kritik aus, indem er Raoul- Regnault gegen das preußische Reglement ins Feld führt, aber er verfällt damit in einen inneren Widerspruch. Er verwirft die prinzipiell durchgeführte Sach-Kritik, übt sie aber selber nach den Kenntnissen, die er sich so beiläufig und zufällig angeeignet hat. Derartige halbe Sach-Kritik nützt natürlich nichts, sondern führt in die Irre. Da ist es besser, in naiver Weise die Quellen einfach nachzuerzählen. Gerade an Hauvette ist das deutlich zu erkennen; ich werde deshalb unten noch auf mehrere seiner Behauptungen eingehen. Hier zunächst die Frage des Acht-Stadien-Laufs.

Hauvette beruft sich auf eine Veröffentlichung von Regnault in der populären Zeitschrift »La Nature« vom 29. Juli 1893. Seitdem ist ein[68] eigenes Buch »Comment on marche« von Fl. Regnault und De Raoul mit einer Einleitung von M. Marey (Paris, Henri Charles-Lavauzelle) 188 S. erschienen, das das ganze Problem eingehend behandelt.

In diesem Buche behauptet Major Raoul, er habe im Winter 1889/90 ein Peloton des 16. Infanterie- Regiments in drei Monaten so ausgebildet, daß es 201/2 Kilometer in einer Stunde 46 Minuten und nach einer Rast von zwei Stunden denselben Weg zurück in drei Stunden 5 Minuten machte. Jeder Mann trug sein Gewehr, seinen Säbel, 100 Patronen und Verpflegung. Der Weg war uneben. General Fay inspizierte das Peloton; es zeigte keine Ermüdung.

Zwei Tage darauf machte dasselbe Peloton unter den Augen des Generals Colonieu elf Kilometer querfeldein mit feldmarschmäßigem Gepäck in achtzig Minuten. Gleich nach der Ankunft schossen die Soldaten nach der Scheibe und schlugen alle Rivalen.

In anderen Truppenteilen hat man die Ausbildung nachgeahmt und ein Hauptmann Fay hat an Raoul geschrieben, er habe schon am neunten Tage mit seiner Kompagnie sieben Kilometer in fünfundvierzig Minuten gemacht.

Raoul ist der Ansicht, eine Armee, welche seinen Lauf »en flexion« annehme, könne auf einer guten Straße die Schnelligkeit von fünf Minuten auf den Kilometer erreichen, vom dritten Kilometer ab, und diese Schnelligkeit mehrere Stunden beibehalten.

Der preußische Laufschritt, von dem ich ausgegangen bin, rechnet einhundertfünfundsechzig bis einhundertfünfundsiebzig Meter auf die Minute, auf den Kilometer übertragen also etwa sechs Minuten. Der Raoulsche Laufschritt ist noch um ein Sechstel schneller und kommt der Geschwindigkeit eines flott trabenden Pferdes gleich.

Wenn es modernen Soldaten möglich ist, in dieser Geschwindigkeit mehrere Stunden zu laufen, warum sollen die Athener nicht neun Minuten so haben laufen können?

Warum schreibt denn aber das preußische Turn- Reglement vor, daß mit vollem Gepäck nicht mehr als zwei Minuten gelaufen werden darf?

Zunächst sind die Resultate des Kapitäns Raoul mit einer gewissen Skepsis aufzunehmen.

Er selber setzt auseinander, von welcher unermeßlichen Wichtigkeit für zukünftige Kriegführung es sein würde, wenn Truppen mit der von ihm versprochenen Lauf- und Marsch-Fähigkeit ausgestattet wären. Mit den Beinen werden die Kriege gewonnen, ist oft gesagt worden und nicht mit Unrecht. Die Erfindung der modernen Gewehre würde für die Umwandlung der Kriegskunst weniger bedeuten, als Soldaten, die die Meile in dreiviertel Stunden machen und viele Stunden und Tage lang so fortarbeiten könnten. Alle heute herrschenden Vorstellungen über strategische Operationen müßten von Grund aus reformiert werden, wenn Raouls Idee richtig ist. Weshalb führt denn aber die französische Armee die Raoulsche[69] Marsch-Methode nicht ein? Sie wäre der sichere Sieg über jeden Rivalen. Die Versuche sind ja schon im Jahre 1890 gemacht worden und sollen vor den Augen von Generalen die Probe bestanden haben. Der Verdacht liegt nahe, daß bei Major Raoul doch gewisse Selbsttäuschungen mitspielen, die bei Erfindern so häufig beobachtet werden. Seine Resultate werden uns nicht von unbefangenen Dritten, sondern nur von ihm selbst und seinen Mitarbeitern bezeugt.

Die Truppe des Kapitän Raoul war kein Regiment, auch keine Kompagnie, sondern ein einzelnes Peloton von vierunddreißig Mann, vermutlich ausgewählte Leute aus dem ganzen Regiment. Die Ausbildungszeit war drei Monate.

Die mögliche Leistung einer derartigen Virtuosen-Truppe gibt schlechterdings keinen Maßstab für die Fähigkeit der großen Masse. Es handelt sich aber auch nicht bloß ums Laufen, sondern darum, daß die Phalanx in voller Ordnung und die Mannschaft mit ungeminderter Gefechtskraft, also nicht außer Atem an den Feind kommt. Die Leistung des Ganzen richtet sich nicht nach den besten, sondern nach den schlechtesten Läufern. Würde der Lauf soweit getrieben, daß auch nur Einzelnen die Kräfte versagten und sie zurückblieben, so würde das nicht nur Unordnung hervorrufen, sondern auch moralisch höchst gefährlich sein.

Aristophanes erzählt sehr drastisch im Friedensfest (v. 1, 78 n. 1171 ff.) von dem Krieger, der zum Kampf auszog und den man ohne Waffen im nächsten Busch fand, oder von dem Feldherrn, der sein Purpurkleid für feine Sardesfärberei ausgab, der es aber selbst gefärbt hatte, als er hineinpißte und Reißaus nahm, der Schildwegwerfer. In jedem Heere gibt es solche weniger Mutigen, und wenn die Atemlosigkeit erst einen Vorwand gibt, zurückzubleiben und einige damit anfangen, so hat das sofort eine ansteckende Wirkung. Die Athener waren darin nicht anders als andere Menschen, und wenn Hauvette meint; sie seien besser im Training gewesen, als moderne Soldaten, so ist leicht zu zeigen, daß das Umgekehrte der Fall war. Das athenische Heer bei Marathon bestand aus dem Volksaufgebot, Männern vom zwanzigsten bis etwa fünfundvierzigsten Jahre, von denen sicher nur ein sehr geringer Teil jemals auf einem Turnplatze geübt hatte. Die meisten wohnten nicht in der Stadt Athen, sondern ein bis zwei Tagemärsche entfernt, und außerhalb der Stadt wird schwerlich viel geturnt worden sein. Männer, die den Tag über durch Arbeit ihr Brot zu verdienen haben, wie die attischen Bauern, Fischer, Köhler, Töpfer, Bildhauer, haben meist weder die Zeit noch die Kraft übrig, sich im Lauf-Training zu erhalten, und am wenigsten bis in die höheren Lebensjahre hinein. Kaum die vornehmen Jünglinge, die in den Gymnasien der Sportausbildung oblagen, werden an Energie der Durchbildung mit modernen Soldaten zu vergleichen sein, die durch eine strenge Disziplin einige Jahre angehalten werden, ausschließlich der körperlich-militärischen Ausbildung zu leben und ihren ganzen Lebenswandel danach einrichten müssen, nachts[70] nicht ausschwärmen und sich keinerlei Vernachlässigung zu schulden kommen lassen dürfen. Mag man sich aber die körperliche Ausbildung in den hellenischen Gymnasien noch so hoch vor stellen, für das massenaufgebot des Landsturmes hatte das wenig zu bedeuten; um dessen Leistungsfähigkeit zu beurteilen, darf man keinerlei besonderes Training in Anschlag bringen.

Die wahre Sach-Kritik über den Lauf von Marathon kann daher nicht anders lauten, als ich sie schon in meinen Perser- und Burgunder-Kriegen (p. 56) angegeben habe. »Das preußische Reglement, Vorschriften über das Turnen der Infanterie« schreibt vor (S. 21).

»Folgende Laufzeiten dürfen bei Einübung des Laufschrittes nicht überschritten werden.

Ohne Gepäck:

4 Minuten Lauf

5 Minuten Schritt

4 Minuten Lauf.

Mit feldmarschmäßigem Gepäck:

2 Minuten Lauf

5 Minuten Schritt

2 Minuten Lauf.«

»Die Geschwindigkeit beträgt 165-175 Schritt42 in der Minute. Das ergibt als Maximum des Raumes, der im Lauf mit Belastung zurückgelegt werden darf, 350 Schritt, und der Direktor der militärischen Zentral-Turnanstalt hatte die Güte, mir persönlich zu bestätigen, daß er zwei Minuten, gleich 300-350 Schritt, für das Äußerste halte, was eine feldmarschmäßig ausgerüstete Kolonne laufen dürfe, um noch mit ungeminderter Gefechtskraft an den Feind zu kommen. Dabei war die Gesamtbelastung eines griechischen Hopliten noch sehr erheblich schwerer als die eines preußischen Infanteristen (bei diesem 58, bei jenem 72 Pfd.)43, und in einem einzigen Haufen von vielleicht 10000 Mann läuft es sich noch sehr viel schlechter als in einer kleineren Abteilung.«

Als positives Zeugnis, das auch die besttrainierten Soldaten im Altertum nicht mehr zu leisten vermochten, sei noch die Erzählung Cäsars über Pharsalus angeführt (bell. civ. III, 92-93). Pompejus hatte seinen Leuten befohlen, den Angriff der Cäsarianer stehenden Fußes zu empfangen, damit diese durch den verdoppelten Anlauf, d.h. 6-700 Fuß nach b. c. I, 82, atemlos und ermüdet würden. Die kriegsgeübten Soldaten Cäsars aber merkten die Absicht, machten halbwegs einen kurzen Halt, um wieder Atem zu schöpfen, und nahmen dann erst die Attacke wieder auf. Vgl. Hist. de Julés César, guerre civile par le colonel Stoffel II, 339.[71]

8. Die tiefere Aufstellung der beiden Flügel, die flachere des Zentrums, die nach Herodot Miltiades anordnete, ist natürlich nicht als ein besonderer Kunstgriff, sondern als ein Notbehelf anzusehen, erzwungen durch die für die Stärke der Athener etwas zu große Breite des Vrana-Tales. An sich wäre es natürlich besser gewesen, das Zentrum ebenso stark zu machen wie die Flügel. Vielleicht ist auch noch besonders darauf aufmerksam zu machen, daß die tiefere Aufstellung der Flügel nicht etwa genügt hätte für die Abwehr der persischen Reiter bei einer Schlacht in der freien Ebene. Zwar kann eine tiefere Kolonne durch einen Flanken-Angriff nicht ohne weiteres aufgerollt werden, wie eine flache Phalanx, aber sie wird zum Stehen gebracht und das genügt, sie zu verderben, wenn ihr in der Front wie bei Marathon Schützen gegenüberstehen. Denn gegen deren Feuer ist sie wehrlos, wenn sie ihnen nicht auf den Leib geht. Die tiefere Stellung der Flügel ist also nur als eine Ergänzung der eigentlichen, im Terrain zu suchenden Flanken- Deckung aufzufassen, und ob sie bei Marathon, so vortrefflich sie gedacht ist, den Athenern praktisch mehr zum Vorteil oder zum Nachteil gereicht hat, muß dahingestellt bleiben, da wir nicht wissen, ob sie tatsächlich zur Abwehr der persischen Reiter beigetragen hat, sicher aber auf der anderen Seite die höchst gefährliche Schwächung und Durchbrechung des Zentrums die Folge davon war.

9. EDUARD MEYER im dritten Bande seiner »Geschichte des Altertums«, der so kurz nach dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Bandes abgeschlossen wurde, daß er nur noch in der Vorrede erwähnt werden konnte, hat sich bezüglich der Perserkriege im allgemeinen auf den Boden der Anschauungen gestellt, die in meinen 1887 erschienenen »Perser- und Burgunderkriegen« niedergelegt sind. Im einzelnen sind jedoch wesentliche Differenz-Punkte, die von Fall zu Fall zu erörtern sind. Zu Meyers Darstellung von Marathon bemerke ich folgendes (aus dem zweiten Bande der ersten Auflage hierher versetzt):

Meyer sagt, »eine nationale Armee, die den Persern die Landung in Attika hätte streitig machen können, war nicht vorhanden«. Die Landung kann eine Armee überhaupt nicht streitig machen, sondern nur eine Flotte. Die Küste von Attika ist so lang, daß eine feindliche Flotte stets an einem Punkt überraschend erscheinen und bei den einfachen Verhältnissen antiker Schiffe ihre Soldaten ausschiffen kann, ehe der Verteidiger zur Stelle ist. Miltiades hat deshalb mit Recht eine solche Operation gar nicht ins Auge gefaßt, sondern nur eine Schlacht mit dem bereits gelandeten Feind unter günstigen Bedingungen.

Daß die Athener vor der Schlacht eine Stellung eingenommen, von wo sie den Feind nicht sehen konnten, erscheint Meyer »ganz undenkbar« Es ist durchaus nicht undenkbar. Nicht, daß das lagernde Heer den Feind sehe, ist nötig, sondern nur, daß zuverlässige Beobachter ihn sehen, die mit der Heerführung in schneller und sicherer Verbindung stehen.

Der Hauptunterschied zwischen Meyer und mir in der Schlacht selber betrifft das Gelände. Ich nehme an, daß die Athener eine Stellung am[72] Ausgang eines Tales hatten, wo die Berge ihre beiden Flanken deckten. Meyer läßt sie auf dem Abhang des südlichen Berges (Agrieliki) lagern und von da zum Gegenstoß gegen die anrückenden Perser in die freie Ebene vorgehen. Weshalb die Perser die athenische Phalanx dabei nicht aus einer oder beiden Flanken mit ihrer Kavallerie attackierten, wird nicht untersucht. Es heißt nur, die Perser, die ihrerseits die Schlacht herausforderten und aufmarschiert gegen die Athener vorrückten, hätten zwar mit ihrem Fußvolk tapfer gekämpft, die Reiterei aber habe »überrascht und unsicher nicht in den Kampf eingreifen können.« Weshalb sie überrascht, weshalb sie unsicher war, weshalb sie nicht in den Kampf eingreifen konnte, wird nicht gesagt.

Ob diese Darstellung falsch ist, können wir dahingestellt sein lassen, denn sie leidet an einem viel schwereren Fehler: sie erweckt den Schein eines vernünftigen Zusammenhanges, wo keiner vorhanden ist. Wenn eine Phalanx mit blanken Waffen in einer Ebene gegen ein Heer von Bognern und Reitern kämpft, so hängt die Entscheidung davon ab, ob die Reiter der Phalanx in die Flanke kommen. Die Frage, ob oder weshalb das nicht geschehe, muß notwendig den Kernpunkt jeder historisch und militärisch richtig gedachten Schilderung dieser Schlacht bilden. Es ist möglich, daß die Frage unbeantwortet bleibt, daß unsere Quellen dafür nicht ausreichen oder daß dem Autor die Erklärungen, die gegeben werden, nicht einleuchten. Wenn Meyer also seiner Erzählung von Marathon den Satz eingefügt hätte, »der taktische Verlauf und Zusammenhang der Schlacht ist uns nicht überliefert und nicht zu erraten«, so wäre das eine Auffassung, die man gelten lassen müßte. Aber das tut Meyer keineswegs, sondern er wirft die Frage, weshalb die persischen Reiter nichts ausgerichtet, gar nicht auf, erklärt sogar (S. 333), die Schlacht biete gar keine Schwierigkeiten, sei bei der persischen Kampfweise völlig verständlich, das heißt, das Problem, das die Schlacht bietet, ist also nicht nur nicht gelöst, sei es nun richtig oder falsch, sondern es ist gar nicht erkannt und gar nicht gestellt.

Noch schlimmer, ein wirklicher Hohn auf die Gesetze der Strategie ist es, daß Meyer das Markt- Geschwätz der Athener, die Perser hätten noch nach ihrer Niederlage, um Sunium herumsegelnd, die Hauptstadt nehmen wollen, nacherzählt.

10. J. A. MUNRO, Some observations on the Persian wars. Journ. of Hell. Studies 1899 p. 185, hat eine neue, der Schillingschen verwandte (oben Nr. 5) Marathon-Hypothese aufgestellt, die darauf beruht, das erstens die Perser eine erhebliche Überlegenheit, zweitens eine starke Partei in Athen selbst gehabt hätten. Beide Voraussetzungen stehen zwar in dem Bericht Herodots, können aber darum nicht als beglaubigt gelten, und die Folgerungen, die Munro daraus zieht, sind so überaus künstlich und gesucht, daß ich glaube, mich einer Widerlegung im Einzelnen entschlagen zu können.[73]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 52-74.
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