Sechstes Kapitel.

Thermopylä.

[74] Die Schlacht bei Marathon hatte die Perser gelehrt, daß sie stärkere Kräfte aufbieten müßten, um die Hellenen zu überwältigen.

Für den neuen Feldzug wurde also ein viel größeres Heer ausgerüstet, so groß, daß es auf einer Flotte kaum zu transportieren war, und da ohnedies der Feldzug auf die Unterwerfung von ganz Griechenland angelegt werden sollte, so empfahl es sich, den Landweg zu wählen und gleich auf dem Hinmarsch alle noch unabhängigen dazwischen liegenden Völkerschaften zur Anerkennung der persischen Oberherrschaft zu zwingen. Eine große Flotte begleitete das Landheer, um die Verpflegung mitzuführen, die Griechen auch zur See niederzukämpfen und dem Landheer Umgehungen, die sich etwa zu Lande nicht bewerkstelligen ließen, zu Wasser zu ermöglichen.

Von dem Verlauf dieses Krieges können wir uns ein viel weniger sicheres Bild machen als von dem des ersten Feldzuges. Bei Marathon sind die Ereignisse so einfach, daß, wenn nur erst die legendarischen Überwachsungen, wie die ungeheure Heeresmasse der Perser und der Fünftelmeilen-Laufschritt der Griechen entfernt sind, die Fingerzeige der Überlieferung genügen, um den Zusammenhang des Ganzen zu erkennen. Der zweite Krieg ist komplizierter. Die politischen Erwägungen und Beziehungen nicht bloß Athens und Spartas, sondern auch der Mittelstaaten treten in Wechselwirkung mit der Strategie, und die Führung des Landheeres tritt in Wechselwirkung mit der der Flotte. Diese verschiedenen Kräfte und Gegensätze kreuzen sich naturgemäß fortwährend untereinander. Unter solchen Umständen ist es unmöglich, aus einer bloß legendarischen Überlieferung die wirkliche[74] historische Grundlage allenthalben wieder herauszuarbeiten. Das für uns Wesentliche, den Stand der Kriegskunst in dieser weltgeschichtlichen Entscheidung zu erkennen, wird aber doch möglich sein, auch wenn die Motive für die einzelnen strategischen Bewegungen meist nur vermutet werden können.

Der natürliche Gedanke der Griechen war zunächst, dem anmarschierenden feindlichen Landheer die Pässe zu versperren, die in geringer Zahl von Norden her über die Gebirge in das eigentliche Hellas führen. Der erste, nördlichere, der Trempepaß, wurde aber aufgegeben, da man sich klar machte, daß weiter landeinwärts andere Pässe existieren, da ferner auch einige Völkerschaften diesseits des Passes sich den Persern anschlossen. Der zweite ist der Paß von Thermopylä, zwischen dem Öta und der See, den ein Heer unter Führung des Leonidas besetzte.

Hier erhebt sich die allgemeine Frage, ob dies in der Tat die beste Art ist, ein Gebirge zur Verteidigung des Landes zu verwerten, und ob die Griechen schon die Einsicht in gewisse aus der Natur des Krieges sich ergebende Gesetze der strategischen Benutzung der Gebirge besessen haben.

Die moderne durchdachte Strategie verwendet die Gebirge nicht in der Weise des Leonidas zur Deckung eines Landes. Über ein Gebirge, auch über den Öta, führt immer, weiter oder näher, bequemer oder beschwerlicher, mehr als ein Weg. Sie alle zu besetzen ist schwer, sie alle zu verteidigen gelingt nie.44 Immer wird der Feind eine Stelle finden, wo er entweder vermöge großer Übermacht durchbricht, oder wo er auf eine Unaufmerksamkeit stößt, wo er durch irgend eine, wenn auch pfadlose Schlucht einem der Verteidigungsposten in den Rücken kommt. Ist die Linie nun erst an einer Stelle durchbrochen, so sind die Besatzungen aller anderen Übergänge aufs äußerste gefährdet. Wenn sie nicht bald benachrichtigt werden und aufs schleunigste abziehen, so können sie ihren Rückzug verlieren, und selbst wenn es ihnen gelingt, ohne Verlust davonzukommen, so sind sie zunächst von einander[75] getrennt und können vielleicht nur schwer wieder den Anschluß an einander erreichen.

Es bedurfte also nicht der alle Voraussicht täuschenden Verruchtheit eines Verräters Ephialtes, den Persern den Paß von Thermopylä zu öffnen. Ein Wegweiser ist auch im feindlichen Lande immer zu haben, sei es nun durch Güte oder Gewalt, durch Gold oder Prügel, und der Gedanke der Umgehung ist keineswegs erst ein Produkt der modernen Kriegstheorie, sondern von den ältesten Zeiten her den Kriegführenden geläufig. Schon in ihrer Sage von den Kämpfen des Astyages und Cyrus haben die Perser die Überwältigung eines tapfer verteidigten Passes durch Umgehung. In unmittelbarer Nähe der Thermopylen führt jener Fußpfad über das Gebirge, auf welchem die Perser nach Herodot 480, die Gallier 278, die Römer 191 die Verteidiger des Passes umgingen. Von Trachis aus, wo dieser Fußpfad beginnt, geht auch noch ein anderer Weg direkt über das Gebirge nach Doris und ist sogar von einer persischen Heeresabteilung benutzt worden. Einige Meilen weiter zog im Jahre 191 der Konsul M'. Acilius Glabrio mit seinem Heere über das Gebirge, am Berge Korys entlang; der Marsch war zwar sehr mühselig und verlustvoll, aber er gelang.45 Xerxes war stark genug, alle diese Übergänge zugleich versuchen zu lassen, sein Heer war ohnehin bisher in drei Abteilungen nebeneinander auf Parallelstraßen marschiert, nahm also die Verteidiger von Thermopylä früher oder später auf jeden Fall im Rücken, wenn es sie nicht in der Front zu überwältigen vermochte.

Verteidigung der Gebirgspässe hat nur dann einen Zweck, wenn man den Feind nicht absolut aufhalten, sondern ihn nur Zeit verlieren machen und ihn zu verlustvollen Gefechten zwingen will. Will man das Gebirge benutzen, eine überlegene Invasion wirklich abzuwehren, so verlangt die Theorie der Taktik, daß man sich mit gesamten Kräften gegenüber dem oder einem der Defilees aufstellt, aus welchem der Feind im Begriff ist zu debouchieren. Dann greift man ihn an, in einem Augenblick, wo er erst mit einem Teil seiner Truppen das Defilee überwunden hat. Gelingt es nun, diese, numerisch noch relativ schwach und unentwickelt,[76] wie sie sind, zu schlagen, so müssen sie große Verluste erleiden. Sie müssen in den Engpaß zurück, Abteilungen werden vielleicht abgedrängt und gehen ganz verloren. Hat der Feind den Übergang an mehreren Stellen zugleich unternommen, so kann man sich nunmehr mit gesamten Kräften auf einen anderen Teil werfen und schlägt so immer mit versammelter Kraft den Gegner im Detail. Dies Strategem ist so einfach, daß wir es ebenfalls schon in der urältesten sagenhaften Kriegserzählung angewandt finden. Das erste große Eroberervolk in der legendarisch überlieferten Geschichte sind die Assyrer unter König Ninus, und als dieser, so erzählt die Sage, gegen die Baktrer auszog, da ließ der König der Baktrer einen Teil der Assyrer durch die Pässe in sein Land herabsteigen, griff sie dann an und schlug sie. Ninus war aber so stark, daß die durch andere Pässe vorgegangenen Truppen genügten, die Baktrer zuletzt doch zu besiegen.46

Wir dürfen also sagen, die theoretische Einsicht in das Wesen der strategischen Verwertung eines Gebirges ist schon den ältesten Zeiten aufgegangen, aber die Griechen waren im Jahre 480 nicht in der Lage, davon Gebrauch zu machen. Sie hätten alle ihre Kräfte am Öta vereinigen und hier eine Offensivschlacht liefern müssen. Das war zunächst politisch unmöglich; es ist von einem Konglomerat kleiner Republiken nicht zu erwarten, daß sie ihre gesamten Kräfte so weit von Hause wegschicken und der Gefahr einer Offensivschlacht aussetzen, ehe ihr eigenes Gebiet unmittelbar bedroht ist, und ein großer Teil, namentlich die Athener, war durch die Flotte in Anspruch genommen. Vor allem aber, man war ja taktisch nicht in der Lage, eine Offensivschlacht zu liefern, in Anbetracht der persischen Reiterei. Nur durch die künstliche Defensivstellung mit Flügelanlehnung hatte man bei Marathon gesiegt. Suchte man abermals eine solche Stellung, so liefen die Perser sicherlich nicht wieder dagegen an, sondern umgingen sie, gegebenenfalls mit Hilfe ihrer Flotte, und suchten die Schlacht auf freiem Felde.

Eine spätere Überlieferung47 will, Themistokles, den die Athener zum Feldherrn wählten, habe von Anfang an auf jede[77] Verteidigung zu Lande verzichten und den Persern mit der Flotte so weit als möglich entgegengehen wollen. Das wäre in der Tat damals der beste Plan gewesen. Auf eine Seeschlacht mußte man es auf jeden Fall früher oder später ankommen lassen; gelang es, die persische Flotte zu besiegen, so hatte man damit auch für die Entscheidung zu Lande günstigere Chancen geschaffen: ein großer Teil der Flottenmannschaft konnte ans Land steigen, die Hoplitenrüstung anziehen und das Landheer verstärken, und die Perser hatten bei ihren strategischen Manövern nicht mehr das Hilfsmittel der Umgehung zu Wasser.

Einem solchen Plan mögen sich aber mancherlei Hindernisse in den Weg gestellt haben. Die verschiedenen Kontingente der griechischen Flotte waren schwerlich so früh alle fertig und versammelt, um die weite Fahrt bis in die Nähe des Hellesponts zu machen; das Wagnis war sehr groß, und die persischen Schiffe hielten sich vorsichtig zurück, bis das Landheer an den Grenzen Griechenlands angelangt war.

So wird es zu erklären sein, daß die Griechen endlich einen Mittelweg wählten: sie versuchten es mit der Paßsperre bei Thermopylä, während die Flotte in der Nähe, an der Nordspitze Euböas beim Vorgebirge Artemision, die feindliche erwartete. Die Athener, die sich noch an der Besetzung des Tempepasses stark beteiligt hatten, hatten jetzt ihren Sinn geändert, ihre Kraft ausschließlich auf die Flotte verwandt und zu dem Heer des Leonidas kein Kontingent gestellt. Die Besetzung von Thermopylä ist also nur eine Neben- und Hilfslinie für den eigentlichen strategischen Plan, das ist, in dem offenen Wasser nördlich von Euböa eine Seeschlacht zu liefern. Noch weiter nördlich waren die verschiedenen Flottenkontingente nicht zusammenzubringen – nicht einmal bei Artemision waren sie vollzählig versammelt –, weiter südlich gab man Mittelgriechenland dem persischen Landheer preis, da Thermopylä der einzige Punkt war, wo man hoffen konnte, es aufzuhalten, wenn und so lange die Flotte die Seeflanke schützte.

Man hat sich oft gewundert, weshalb die Griechen das Heer des Leonidas nicht stärker machten; dürfen wir uns auf die überlieferten Zahlen auch nicht verlassen, so ist doch das Eine sicher, daß, obgleich der gesamte Auszug der Spartiaten etwa 2000[78] Mann betrug, Leonidas von ihnen doch nur 300 bei sich hatte. Daraus folgt dann, daß auch die anderen Staaten meist nur wenig oder auch gar keine Truppen geschickt haben werden. Es läßt sich das aber doch wohl ganz gut erklären. Den Griechen war die Gefahr einer Gebirgsverteidigung nicht unbekannt. Mißlang die Sperre, so war nicht bloß die Stellung, sondern ein großer Teil des Heeres verloren und ein um so größerer, je größer das Heer war und sich selbst im Rückzug hemmte. Die persischen Reiter und Bogner waren für ein zurückgehendes Heer ganz besonders gefährliche Verfolger. Auch ein kleines Heer genügte für die eigentliche Paßsperre; nicht durch zu schwache Besetzung, sondern durch eine Unaufmerksamkeit haben tatsächlich die Griechen den Kampf endlich verloren. Thermopylä ist aber, wenn ich es hier auch zuerst behandelt habe, in der strategischen Idee der griechischen Verteidigung nur die Neben-Aktion, die Hilfslinie. Die positive Hoffnung, die man bei der Stellungnahme hatte, war die, daß es der griechischen Flotte bei Artemision gelingen möchte, die persische zu schlagen, und das Landheer darauf das Unternehmen aufgeben und zurückgehn würde. In sich selber hatte die Verteidigung von Thermopylä so gut wie keine Aussichten; sie war, isoliert betrachtet, ein heroischer Versuch, ohne daß man gleich das Ganze aufs Spiel setzen wollte. Formal, man könnte auch sagen, materialistisch-militärisch war es ein Fehler, aber es war ein moralisches Postulat und in seiner Erfüllung von unermeßlichem Wert, daß den Barbaren der Eintritt in das eigentliche Hellas nicht kampflos preisgegeben wurde.

Leonidas war ein Mann, diese Natur seiner Aufgabe zu begreifen und zu erfüllen. Als die Umgehung der Perser gemeldet wurde, ließ er das Gros seines Heeres den Rückzug antreten; er selbst aber mit den Spartiaten blieb stehen, um diesen Rückzug zugleich zu decken und die Idee des Kampfes, der ihm aufgetragen war, zum vollkommenen Ausdruck zu bringen. Der Untergang der Spartaner ist nicht bloß Opfertod und ist auch nicht bloß Rückzugsgefecht, sondern beides zugleich.

Die Kritiker sagen, Leonidas hätte sich zurückziehen sollen; so viel ist gewiß, die Kritiker hätten sich zurückgezogen. Dieses Wort Heinrich Leos möge auch in dieser kriegsgeschichtlichen Betrachtung[79] als die beste Charakteristik des Treffens von Thermopylä wiederholt werden.

Wie Miltiades uns in seiner Defensiv-Offensive bei Marathon gezeigt hat, daß das Hellenentum bereits die Grundbegriffe aller Heerführung sich zu eigen gemacht hatte, so verkörpert uns Leonidas das moralische Element im Kriege, seine Bedeutung, seinen Wert; nicht bloß die ritterliche, persönliche Tapferkeit, den Heldentod, sondern das Heldentum in dem organischen Zusammenhang des Krieges als bewußter militärischer Handlung.

Zeugnis, daß sich die Griechen der Idee bewußt waren, gibt uns der Dichter, der in Worten, klassisch wie das Ereignis selber, seinen Sinn für alle Zeiten deutete:

᾽Ω ξεῖν᾽, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις, ὅτι τῇδε

Κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.


1. Je klarer man sich macht, daß die Griechen den Kampf mit den Persern zu Lande nicht aufnehmen konnten, bevor sie die persische Flotte geschlagen, desto auffälliger ist, daß die Athener zuerst ein großes Landheer an den Tempepaß und sogar unter Führung des Themistokles geschickt haben, dem man am meisten von allen Griechen die volle Einsicht in die strategische Lage zutraut.

Möglich erscheint folgende Erklärung. Als die Griechen nach Tempe zogen, hatten sie nicht bloß die Böotier, sondern auch die Thessalier noch auf ihrer Seite, die beide, namentlich die Thessalier, über eine tüchtige Reiterei verfügten. Themistokles hat also vielleicht den Plan gehabt – nicht Tempe zu sperren, was ganz hoffnungslos war, da die Perser es nicht nur zu Lande, sondern auch zur See umgehen konnten –, sondern mit Hilfe der thessalischen Reiter den aus Tempe debouchierenden Persern eine Schlacht zu liefern. Das zeigte sich unausführbar, besonders da auf die Thessalier kein Verlaß war und die übrigen Griechen nicht zahlreich genug erschienen – und jetzt erst führte Themistokles die Athener auf den andern Weg hinüber, zuerst mit der persischen Flotte zu kämpfen, und ließ nach Thermopylä keine Truppen mehr schicken.

So war Thermopylä von vornherein (wenn nicht etwa die Perser zuerst eine Seeschlacht verloren und darauf hin umkehrten) ein so gut wie verlorener Posten und dem Leonidas die Aufgabe gestellt, mit Ehren zu sterben, um den Griechen ein Beispiel zu sein.[80]

2. Bei Diodor (XI, 4) findet sich (nach Ephorus) eine Erzählung, der bisher niemand hat recht Glauben schenken wollen, die aber nach dem Obigen doch der Wahrheit recht nahe kommen dürfte. Leonidas soll hiernach nur 1000 Mann aus Lacedämon haben mitnehmen wollen, und als die Ephoren ihm mehr anboten, gesagt haben, um die Pässe zu sperren seien es wenige, aber in Wahrheit sperre er nicht mit ihnen die Pässe, sondern führe sie in den Tod. Ziehe er mit dem gesamte Volke dahin, so würde Lacedämonien völlig untergehen. Die Zahl »1000« möge in dieser Erzählung auf sich beruhen; auch daß die Ephoren dem König eine größere Zahl angeboten. Sie werden ebenso gut wie Leonidas selbst gewußt haben, um was es sich handelte. Das Wesentliche ist, daß uns hier in populärer Form der richtige strategische Gedanke tatsächlich erhalten ist. Auch für Marathon haben wir ja die Tradition der richtigen militärischen Auffassung bei Ephorus gefunden.

3. Nach der Erzählung Herodots hat Leonidas auch 700 Thespier, die sich dazu anboten, und die Thebaner bei sich behalten; die Thebaner ergaben sich den Persern, die Thespier fielen mit den Spartiaten.

Ist schon die Aufopferung der Spartiaten, die einen Kriegerstand bilden, eine Tat von ewig denkwürdigem Heroismus, so scheint die freiwillige Teilnahme der Bürgermiliz einer kleinen Stadt über menschliches Vermögen hinauszugehen. Daß eine ganze Stadt von solchen Helden bewohnt wird – mehr als 700 Hopliten kann ein Städtchen wie Thespiä gar nicht gehabt haben –, kann man auf das Zeugnis einer legendarischen Überlieferung hin nicht annehmen. Der Zusammenhang könnte der sein, daß die Perser die Thespier auf dem Rückzug noch eingeholt und sie hier, da sie sich wehrten, niedergemacht haben, während die Thebaner Ergebung anboten, die angenommen wurde.

4. Gegen meine Auffassung der Tat des Leonidas ist eingewendet worden (Busolt p. 686 Anm.), Leonidas habe, wenn er den Rückzug der andern decken wollte, zunächst immer so weit zurückgehen können, bis er die persische Umgehungskolonne wieder vor sich hatte, da auch noch später enge Stellen im Wege vorkommen, die gut zu verteidigen waren. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Die Perser hatten doch Posten ausgestellt und hätten sofort begonnen nachzudrängen, sobald sie die Räumung des Passes bemerkten. Dann hätten die Griechen zunächst durch die Pfeile der Verfolger erhebliche Verluste erlitten, um an der nächsten Stelle aufs neue umgangen zu werden, vielleicht eine kleine Anzahl der Spartiaten zuletzt noch gerettet, den ganzen moralischen Wert des Kampfes aber eingebüßt. Beides gehört aufs engste zusammen und darf nicht getrennt werden: der Opfertod in seiner moralischen Bedeutung und der militärische Zweck.

5. (2. Aufl.) Ich habe an meiner Darstellung von Thermopylä in der 1. Auflage nichts Wesentliches geändert, obgleich GRUNDY in seinen vortrefflichen topographischen Untersuchungen (The great Persian war and its preliminaries;[81] a study of the evidence, literary and topographical, London, 1901) die Gangbarkeit des Gebirges neben dem Thermopylenpaß bestreitet und namentlich die Existenz der Straße von Trachis nach Doris im Altertum ableugnet. War es aber auch keine Straße, so war es doch ein Pfad, nach Munro »The journal of Hellenic studies«, Bd. 22, S. 314 (1902), der überhaupt die Aufstellungen Grundys so weit eingeschränkt und korrigiert hat, daß meine prinzipielle Auffassung dabei bestehen bleiben kann. Welchen Pfad die umgehenden Perser schließlich genommen haben, ist eine bloße topographische Frage, die für uns außer Betracht bleiben kann.[82]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 74-83.
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