Siebentes Kapitel.

Artemision.

[83] Etwa gleichzeitig mit den Gefechten in Thermopylä kämpften die beiden Flotten an drei Tagen hintereinander bei Artemision.48 In der späteren Tradition wird Artemision als Sieg behandelt. Nach der Erzählung Herodots haben die Kräfte sich etwa die Wage gehalten, die Griechen aber doch wegen der Beschädigung so sehr vieler Schiffe beschlossen, den Rückzug anzutreten und ihn sofort begonnen, als nun auch die Nachricht von der Katastrophe des Leonidas ankam.

Diese Erzählung scheint zunächst als das Eingeständnis einer Niederlage aufgefaßt werden zu müssen. Denn der Rückzug der Flotte von der Nordspitze von Euböa bedeutete die Preisgebung von Thermopylä, und diese bedeutete die Räumung von ganz Mittelgriechenland und Attika. Das Volk mag, wie Herodot erzählt, sich eingebildet haben, daß man nur bis zum Euripus zurückgehe und daß ein griechisches Landheer dem Xerxes weiter südwärts noch einmal entgegentreten werde. Die Führer aber müssen gewußt haben, daß, wenn man nicht einmal Thermopylä hatte halten können, weiter südwärts keine Stellung war, die die Perser nicht hätten umgehen können, daß also die Spartaner erst auf dem Isthmus die Verteidigung aufnehmen würden. Es war kein kleiner Entschluß, namentlich für die Athener, von Artemision abzuziehen; ihr Land und ihre Stadt waren damit verloren. Nur die unbedingte Notwendigkeit, also eine Niederlage, scheint einen solchen Entschluß zu erklären.[83]

Auf der anderen Seite ist es sehr auffällig, daß die Perser sie unverfolgt abziehen ließen. Die persischen Admirale wußten, daß ihr Landheer vor einem Engpaß kämpfte; sie wußten, welches große Verdienst sie sich erwerben würden, wenn sie die griechischen Schiffe vertrieben und dadurch die Umgehung von Thermopylä zu Wasser ermöglichten. Trotzdem sollen sie nach dreitägigem Gefecht nicht am vierten Tage von neuem zur Schlacht angerudert, sondern erst auf die Meldung, daß die Griechen abgefahren, von ihrem Ankerplatze am Eingang des pagasäischen Meerbusens aufgebrochen sein. So zurückhaltend wären die Perser nach einem vollständigen Siege ganz gewiß nicht gewesen.

Es scheint also doch, daß die Griechen sich in dem dreitägigen Fechten ganz gut behauptet haben. Vielleicht ist die Nachricht falsch, daß der Rückzug schon vor dem Eintreffen der Nachricht von Thermopylä beschlossen gewesen sei. Wenigstens würde der Zusammenhang viel verständlicher erscheinen, wenn man annimmt, daß erst diese Meldung den Ausschlag gegeben (so hat es schon Plutarch aufgefaßt), und nachdem vielleicht schon vorher einige Stimmen ihn gefordert, definitiv den Rückzug entschieden habe.

Wie dem auch sei, es erscheint als sicher, daß die griechische Flotte sich der persischen in offenem Wasser gewachsen gezeigt hat und in dreitägigem Ringen nicht hat überwunden werden können.

Hieraus dürfen wir schließen, daß die beiden Flotten ziemlich gleich stark gewesen sind. Wenn die Griechen den Widerspruch, daß auf der einen Seite die Perser dreimal mehr gewesen seien und doch nicht siegen konnten, dadurch beseitigen wollen, daß die feindlichen Schiffe durch ihre Größe und Menge sich selber verwirrt und geschadet hätten, so ist das offenbare Fabel. Die Hauptmasse der persischen Marine bestand aus Phöniciern und ionischen Griechen, beides vortreffliche Seeleute, die die Schiffe, die sie bauten, auch zu regieren wußten. Die Besatzung bestand vermutlich aus lauter Berufs-Seeleuten, während die griechischen Schiffe zum Teil zwar mit vortrefflichen Seeleuten, zum Teil aber auch mit nautisch nur wenig erfahrenen Bürgern besetzt gewesen sein müssen. Herodot selber bezeugt mehrfach die technische Überlegenheit der Gegner (VII, 179, VIII, 10) und läßt auch den[84] Themistokles ausdrücklich sagen (VIII, 60), daß die Schiffe der Griechen schwerfälliger seien (ρυτέρας). Die spätere Seekriegsgeschichte, z.B. die Überlegenheit der Athener im Peloponnesischen Kriege lehrt, wie viel es für eine Flotte ausmacht, wenn ihre Mannschaft berufsmäßig durchgebildet ist. Die Besetzung der athenischen Flotte im Jahre 480 bestand aber zum sehr großen Teil aus den attischen Bauern, Köhlern und Handwerkern, die auf der erst seit zwei Jahren ausgebauten Flotte nur notdürftig eingeübt sein konnten.49 Die Griechen hätten also die dreitägige Schlacht in offener See unmöglich so durchhalten können, wenn der seemännisch tüchtigere und energisch geführte Feind auch noch eine große Überlegenheit gehabt hätte. Die Griechen wollen selber am ersten Schlachttage 271 Trieren gehabt haben, die Perser hatten also gewiß nicht mehr als 200-300. Angeblich haben sie in einem großen Sturm einige Tage vorher sehr viele Schiffe verloren. Selbst wenn dieser Verlust übertrieben wäre und sie von Anfang an nicht mehr als 200-300 Trieren gehabt haben, so ist es immerhin wahrscheinlich, daß Xerxes geglaubt hat, mit einer solchen Flotte alle Griechen vom Meer wegfegen zu können. Von den griechischen Schiffen waren 127 athenisch. Noch wenige Jahre vorher hatten die Athener sich 20 Schiffe von den Korinthern geborgt, um einen Krieg gegen Ägina zu führen. Dann erst war auf das Themistokles Antrag die große Flotte 483/82 gebaut worden, und am persischen Hof hat man gewiß keine Vorstellung davon gehabt, welche außer ordentliche Anstrengung der kleine Staat noch im letzten Augenblick gemacht hatte. Es liegt also nicht nur kein innerer Grund vor, anzunehmen, daß die persische Flotte zahlreicher gewesen ist, als die griechische, sondern der Verlauf der Schlacht von Artemision schließt es, zum wenigsten nach dem Verlust durch den Schiffbruch, geradezu aus.50 Daß die Perser etwa[85] zum Angriff geschritten sind, ehe ihre Flotte vollständig zur Stelle war, ist natürlich auch ausgeschlossen.

Ist das alles richtig, so wird auch der Rückzug der Griechen ganz verständlich. Nach Herodot sind die Athener noch bei Artemision durch 53 weitere athenische Trieren verstärkt worden; diese Verstärkung ist mit Recht von Beloch angezweifelt worden; Athen hatte gar nicht Männer genug, um 200 Trieren zu bemannen. Keinem Zweifel aber kann es unterliegen, daß von den kleineren Kontingenten ein erheblicher Teil erst bei Salamis sich eingefunden hat. Herodot bemüht sich, ausdrücklich zu beweisen, daß der Verstärkung der Griechen auch Verstärkungen der Perser gegenübergestanden hätten. Für die Perser bestanden sie aber in den wenigen Schiffen der Inselgriechen, für die Griechen gibt Herodot 55 Trieren an (außer den 53 athenischen). Indem man also von Artemision zurückging, ging man auf Verstärkungen zurück und konnte auch in den heimischen Häfen die vielen beschädigten Schiffe sehr schnell wieder ausbessern, was für die Perser viel schwieriger war. Hatte man sich bei Artemision schon mit Ehren behauptet, so durfte man einer zweiten Schlacht im saronischen Meerbusen mit guter Zuversicht entgegensehen. Der Preis, den man zahlte, war freilich sehr hoch, die Athener mußten ihr Land und ihre Stadt dem Feinde überlassen, aber da es einmal nicht gelungen war, die feindliche Flotte bei Artemision zu besiegen, so blieb kein anderes Mittel.


1. Herodot erzählt, die Griechen seien aus ihrer Stellung bei Artemision vor der Schlacht schon einmal bis zum Euripus zurückgewichen und erst auf die Nachricht von den großen Verlusten der Perser im Schiffbruch wieder nach Artemision vorgegangen. Die Nachricht verdient keinen Glauben, da in diesem Falle Leonidas auch Thermopylä hätte räumen müssen. Sie gehört zur Ausmalung der Angst, in der die Griechen vor der Ankunft der Perser gelebt haben und der Hilfe, die ihnen die Götter in Wind und Wetter gesandt. Je größer der Verlust der Perser im Schiffbruch, je größer war ursprünglich die Flotte gewesen.

2. Mit der Feststellung des Stärkeverhältnisses der Flotte schwindet definitiv die Fabel, die Perser hätten 200 Schiffe um Euböa herumgeschickt, um den Griechen den Rückzug abzuschneiden, und diese seien allesamt in[86] einem Sturm gescheitert. Um die griechische Flotte abzuschneiden – wenn die Perser in der Schlacht die Schiffe entbehren konnten –, brauchten sie diese nicht um Euböa herumzuschicken, sondern einfach, während die Hauptflotte zur Schlacht anruderte, gerade übers Wasser in die linke Flanke der Griechen. Die Erzählung gehört ebenfalls zu den Hilfslinien der Legende, um den Widerspruch zwischen der ungeheuren eigentlichen Größe der persischen Flotte und ihrem wirklichen Erscheinen in der Schlacht auszugleichen.

3. Den Widerspruch, daß die persische Flotte der griechischen um das Vielfache überlegen gewesen sein und diese sich doch in dreitägiger Schlacht im offenen Wasser behauptet haben soll, habe ich früher auf die Weise zu lösen gesucht, daß bei Artemision überhaupt keine wirkliche Schlacht stattgefunden habe. Diese Lösung ist jedoch unstatthaft, nicht sowohl wegen der Erzählung der Griechen – die Legende hat oft ganze Schlachten erfunden – sondern wegen der Kämpfe um Thermopylä. Die persische Flotte kann unmöglich stillgelegen haben, während der König hier kämpfte, sondern muß mit aller Kraft angesetzt haben, um die griechische Flotte fortzuschlagen und die Stellung des Leonidas im Rücken zu nehmen. Da die Entscheidung in Thermopylä erst am siebenten Tage nach der Ankunft des Königs vor dem Paß erfolgte, so ist es klar, daß das Landheer auf die Aktion der Flotte geradezu gewartet hat. Drei Tage soll sie durch Unwetter aufgehalten worden sein. Diese Angaben Herodots werden als richtig angesehen werden dürfen, wennschon die Einzelheiten in chronologischen Angaben bei einer Aufzeichnung nach so langer Zeit immer starken Bedenken unterliegen und Herodot sich auch selber widerspricht.[87]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 83-88.
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