Erstes Kapitel.

Die griechische Taktik bis zum Peloponnesischen Kriege.

[109] Im ganzen fünften Jahrhundert blieb die Hopliten-Phalanx, die die Perser besiegt hatte, die Grundform der griechischen Taktik.

Die Hopliten-Phalanx ist die natürliche taktische Form für ein kriegerisches Bürger-Aufgebot. Was von dem Einzelnen verlangt wird, ist alles sehr einfach und bedarf nur geringer Übung. Der Mann lernt sich in der schweren Rüstung zu bewegen, den Spieß zu führen, Vordermann und Richtung zu halten. Irgendwelche künstliche Exerzitien sind nicht nötig. Das Ganze bildet einen einzigen geschlossenen Körper, der geradeaus marschiert und kurz vor dem Feinde den Anlauf zur Attacke macht; dieser Anlauf soll nach Herodot bei Marathon zum erstenmal gemacht worden sein.

Bei einer normalen Hoplitenschlacht pflegte es zu geschehen, daß beide Teile sich etwas rechts zogen und der linke Flügel hing, weil jeder einzelne Mann die rechte, unbeschilderte Seite als die weniger gedeckte empfand und deshalb von rechts an den Feind zu kommen suchte. Leicht überflügelte daher jeder Teil den andern von rechts, gewann ihm diese Flanke ab und siegte infolgedessen an dieser Stelle. Dann hatten die beiden siegreichen rechten Flügel zum zweitenmal, oft mit verkehrter Front, gegeneinander zu schlagen, und erst dieser zweite Akt des Treffens entschied die Schlacht.

Irgendwelche taktischen Folgerungen werden jedoch aus dieser Eigentümlichkeit noch nicht gezogen; der Grundcharakter des Gefechts bleibt der einer Parallelschlacht ohne Gliederung.

Man blieb bei dieser Taktik stehen, obgleich man ihre Schwächen kannte und schon vor den Perserkriegen gekannt hatte. Die Spartaner haben schon 511 nicht weit von Athen in der Ebene[109] eine Niederlage durch thessalische Reiter erlitten (Her. V, 63), und der ganze Verlauf der Perserkriege war durch die Furcht der Griechen vor den persischen Reitern bestimmt. In der Schlacht bei Platää selbst erlitten einige griechische Kontingente sehr schwere Verluste dadurch, daß sie von der thebanischen Reiterei gefaßt wurden.

Von Versuchen, sich durch neue taktische Formen und Kampfarten hiergegen prinzipiell zu verwahren, hören wir jedoch nicht. Die Reiter, Bogner und sonstigen Leichtbewaffneten neben der Hopliten-Phalanx blieben bloße Hilfswaffen, die wohl unter Umständen einmal eine starke Einwirkung üben, aber zu einem wesentlichen, organischen Bestandteil des Heeres noch nicht erwachsen. In den Perserkriegen war es ja im Grunde auch schon so. Wenn in diesen von Reiterei auf Seite der Hellenen gar nicht die Rede ist, so liegt das nicht daran, daß sie vorher überhaupt gar keine gehabt hätten, sondern nur daran, daß ihre wenigen Reiter sich gegen die Perser doch nicht hinauswagen durften und deshalb vermutlich die meisten Reiter die Pferde zu Hause ließen und die Hoplitenrüstung anzogen.

Eine wirklich starke Reiterei zu bilden, waren die Verhältnisse weder in Sparta56 noch in Athen angetan, wenn auch z.B. in dem Feldzug der Athener auf Sicilien die Reiter eine recht wesentliche Rolle spielen.57

Wie die Reiter, so werden, glaube ich, auch die Bogner in Athen als Elitekorps angesehen werden müssen.58 War auch die materielle Ausrüstung billiger, als die der Hopliten, so bedarf ein Bogenschütze einer viel intensiveren Ausbildung, um wirklich brauchbar zu sein. Ein Hoplit ist sehr bald so weit einexerziert, um in die Masse eingestellt werden zu können, und wird von ihr getragen und mitgenommen. Der Bogner muß nicht nur ein geschickter Schütze sein, sondern auch sehr schnell und gewandt, um nah an den Feind herangehen und sich doch schnell, wenn er[110] selbst angegriffen wird, wieder zurückziehen zu können. Er muß also Selbständigkeit, Blick, Urteil und Geistesgegenwart haben. Solche Eigenschaften werden in Völkern mit kriegerischer Tradition durch die Jugenderziehung von früh auf überliefert; in Kulturstaaten, wie dem damaligen Athen, werden sie in den höheren Ständen erzeugt, die Zeit und Muße genug haben, sich den Übungen zu widmen. Ich suche die Bogner also in der Klasse der athenischen Bürgerschaft, deren Söhne nicht reich genug waren, sich ein Pferd zu halten, aber doch auf ihre militärische Ausbildung etwas mehr Zeit und Kraft als die große Masse verwenden konnten. Übrigens ist auch ein wirklich guter Bogen eine kostbare Waffe.

Außer den Bognern gibt es als Schützen auch noch die Schleuderer und Speerwerfer. Zum Schleudern gehört eine große Kunstfertigkeit, die nur erworben wird, wo die Jugend sich nach einer lokalen Tradition von früh auf darin übt. Auf Rhodos z.B. gab es eine solche Tradition, und rhodische Schleuderer wurden daher als Söldner angeworben.

Der Speerwerfer kann es weder mit dem Bogen noch mit dem Schleuderer aufnehmen, wenn er wie diese keine Schutzwaffen hat. Aber seine Waffe schließt eine leichte Schutzrüstung nicht aus. So bilden sich zunächst bei den nördlichen, halbgriechischen Stämmen, wo man die Mittel für die Beschaffung von vielen Panoplien nicht hatte, die Speerwerfer zu einer besonderen Truppengattung, den Peltasten, aus. Sie tragen einen leichten runden Schild, einen Hut, meist wohl auch einen festen Koller, von Leder oder gesteppter Leinwand, mehrere Wurfspieße und ein Schwert. Die heutigen Bantu- und Sudan-Neger werfen den Speer bis zu 40 Schritt weit.

Einen direkten Zusammenstoß mit Hopliten in gleicher Zahl dürfen die Peltasten natürlich nicht wagen, aber man kann leicht eine größere Zahl von ihnen aufstellen,59 und in schwierigen Terrainverhältnissen können sie sich leichter bewegen und gegen Flanke oder Rücken einer Hopliten-Phalanx sehr wirksam operieren. Der Bogner und Schleuderer ist den Hopliten unter solchen Umständen[111] noch gefährlicher, aber der Peltast hat den Vorzug, es äußerstenfalls doch auch auf einen Nahkampf ankommen lassen zu können. Der Hoplit und der Bogner sind beide in hohem Grade einseitig in ihrer Leistung; der Peltast ist für alles zu verwenden. Er wirft aus der Entfernung seinen Spieß, bewegt sich leicht vorwärts und zurück und hat durch seinen Schild gerade Deckung genug, um auch als Nahkämpfer aufzutreten.

Die Ungewappneten, die als Diener oder Troßknechte das Heer begleiten, behalten ebenfalls den Charakter, den sie schon in den Perserkriegen haben. Ganz ähnlich, wie nach der Schilderung in Äschylus' Persern (v. 441) die Athener, die nach der Entscheidung von Salamis auf die Insel Psyttaleia übergehen, die abgeschnittenen Perser erst mit Steinen bombardieren, bis sie sich mit der blanken Waffe auf sie stürzen, so sperren Thucyd. I, 106, die athenischen Hopliten einer abgeschnittenen Schar Korinther den Weg, und die ψιλοί töten sie mit Steinwürfen. Nur insofern mag sich hier eine Abwandlung vollzogen haben, als, in Athen wenigstens, mehr und mehr Sklaven als Burschen mit ins Feld genommen wurden. Was dadurch militärisch verloren ging, wurde durch die erweiterte Beigabe spezifisch ausgebildeter Leichtbewaffneter ersetzt.

In der Schlachtordnung werden Reiter und Ungewappnete, ebenso die Peltasten, auf die Flügel der Hopliten-Phalanx gestellt.

Unter günstigen Umständen gelingt es, das eine oder andere Mal die Reiter oder die leichten Waffen so zu verwenden, daß sie den Hopliten im Gefecht sehr wirksam sekundieren und die Entscheidung geben oder gar ganz allein ein Hoplitenkorps überwinden.

So einfach die taktischen Formen des Gefechts im Peloponnesischen Kriege erscheinen, noch primitiver sind die Formen der Befestigung und Belagerung. Man errichtet einfache Mauern, und wenn sie nur genügend bewacht werden, so erscheinen sie unüberwindlich. Selbst mit unermeßlicher Überlegenheit weiß man und wagt man einen gewaltsamen Angriff nicht zu unternehmen, sondern sucht den ein geschlossenen Ort auszuhungern.


1. ψιλοί heißen ganz allgemein die, welche keine Schutzrüstung haben, also sowohl die Troßknechte, die nur gelegentlich einmal eine kriegerische[112] Funktion ausüben, als auch die wirklichen Krieger, Bogner, Schleuderer, Speerwerfer. Ich habe es deshalb »Ungewappnete« übersetzt.

Thuc. I, 60 schicken die Korinther 1600 Hopliten und 400 ψιλούς nach Potidäa. Offenbar sind mit den 400 nicht Troßknechte, sondern wirkliche Krieger gemeint.

II, 79 rechnet Thucydides offenbar auch die Peltasten zu den ψιλοί.

IV, 93 wiederum, bei Delion unterscheidet er und nennt erst 10000 ψιλοί und dann noch besonders 500 Peltasten.

IV, 94 heißt es »ψιλοί δὲ ἐκ παρασκευῆς μὲν ὡπλισμένοι οὔτε τότε παρῆσαν οὔτε ἐγένοντο τῇ πόλει«. Dieser Satz ist nicht ganz leicht zu verstehen. Thucydides unterscheidet »ψιλοὶ« in dem Sinne des bewaffneten Trosses, welcher in großer Masse dieses Heer begleitet hatte, aber schon auf dem Rückzug voraus war, von »ψιλοὶ ἐκ παρασκευῆς, ὡπλισμένοι« d.h. Kriegern, die als solche ausgerüstet, aber ohne Schutzwaffen waren, also Bognern, Schleuderern und vielleicht Peltasten. Wenn er nun aber sagt, derartige Ungewappnete habe die Stadt nicht besessen, so steht das im Widerspruch mit der Rede des Perikles II, 13, wo ausdrücklich gesagt ist, daß die Stadt 1600 Bogner habe. Die Erklärung wird sein, daß Thucydides hier an Bogner, als eine Spezialwaffe, nicht gedacht, sondern sich unter den »ψιλοὶ ἐκ παρασκευῆς ὡπλισμένοι« Leichtbewaffnete in der Art der Peltasten gedacht hat. Jedenfalls zeigt die Stelle, daß sich Thucydides unter »ψιλοὶ schlechthin« keine eigentlichen Krieger vorstellt, da sie nicht »ἐκ παρασκρυῆς« = mit Vorbedacht, planmäßig, spezifisch mit Waffen ausgerüstet sind.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 109-113.
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