Fünftes Kapitel.

Die Schlacht am Hydaspes.

[219] Alexander soll den Feldzug nach Indien nach der gewöhnlichen Annahme mit einem Heer von 100000 bis 120000 Mann, also mit einem dreimal so großen Heer als gegen Darius, unternommen haben. Zuverlässig überliefert ist die Zahl jedoch nicht,111 und sie ist in sich unglaubwürdig, sogar unmöglich. Das entscheidende Treffen am Hydaspes gegen Porus ist nach der bestimmten und keinem Zweifel unterliegenden Angabe Arrians von 11000 Mann (darunter 5000 Reiter) geschlagen worden.112 Es ist nicht anzunehmen, daß gegen Gegner von so geringer Widerstandskraft Alexander ein mehrfach größeres Heer aufgeboten haben sollte, als das, womit er das Riesenreich des Darius bezwang. Das Heer war überdies von einem sehr großen Troß, auch[219] von Weibern und Kindern begleitet,113 hätte also bei 120000 Kombattanten mehrere Hunderttausend Köpfe gezählt. Eine solche Masse bewegt sich nicht so leicht und schnell, wie Alexander es tat, und vollends der Übergang über den Hindukusch, über einen Paß von 4000 Meter Höhe, ist für solche Massen in einem Zuge schlechthin ausgeschlossen. Gehen wir von der Tatsache aus, daß am Hydaspes 11000 Mann ins Gefecht kamen und daß am andern Flußufer bedeutende Teile des Heeres zurückgeblieben waren, daß aber Alexander wieder eine entscheidende Schlacht nicht wohl angenommen haben kann, ohne wenigstens ein Drittel seines Heeres auf dem Platz zu haben, so mögen wir das ganze Heer auf 20 bis 30000 Mann schätzen.

Über die Stärke des Porus überliefern uns die griechischen Quellen die verschiedensten, offenbar auf ganz willkürlicher Abschätzung beruhenden Zahlen. Diodor (XVII, 87) gibt ihm mehr als 50000 Mann zu Fuß, gegen 3000 Reiter, über 1000 Wagen und 130 Elefanten. Arrian gibt ihm 4000 Reiter, 300 Wagen und 200 Elefanten; Plutarch 20000 Mann zu Fuß und 2000 Reiter; Curtius nur 85 Elefanten. Wesentlich ist, daß die Quellen übereinstimmend den Macedoniern die Überlegenheit an Kavallerie geben, 5000 Mann gegen 4000 (nach Arrian), 3000 (nach Diodor), 2000 Plutarch. Die Kraft der Inder lag in den Elefanten, für die wir wohl die niedrigste Zahl, 85, anzunehmen haben.

Porus wagte es nicht, die Entscheidung einer Feldschlacht herauszufordern, und glaubte sich dadurch verteidigen zu können, daß er den Macedoniern den Übergang über den wasserreichen Hydaspes wehrte. Das konnte unmöglich gelingen, da ein einigermaßen geschickter und tatkräftiger Gegner etwas früher oder später Mittel finden mußte, oberhalb oder unterhalb überraschend eine Heeresabteilung hinüberzuwerfen. Da wir hören, daß noch ein anderer indischer Fürst dem Porus Hilfe zu leisten im Begriffe stand, so ist immerhin möglich, daß Porus in dem Irrtum, der Fluß könne als absolutes Hindernis dienen, nicht befangen war,[220] sondern nur einige Tage Zeit zu gewinnen trachtete, um die Hilfstruppen herankommen zu lassen.114

Es kam zur Entscheidung, indem Alexander vier Meilen aufwärts von der Stelle, wo die beiden Heere einander gegenüber lagerten, unvermutet mit 11000 Mann übersetzte und Porus ihm, nachdem ein detachiertes Korps geschlagen war, entgegenging.

Porus verteilte, wie die Macedonier, seine Kavallerie auf beide Flügel; sie wurde unterstützt durch die Streitwagen, unter denen wir uns nicht wohl Sichelwagen, sondern leichte, mit Bogenschützen besetzte Gefährte vorzustellen haben.

Die Reiterei war jedoch, wie wir wissen, nicht stark; die Kraft des indischen Heeres beruhte in den Elefanten. Diese waren im Zentrum der Schlachtlinie mit dem Fußvolk in einer eigentümlichen Ordnung kombiniert. Die Tiere, jedes außer dem Kornak mit einigen Schützen in einem kleinen Turm besetzt, standen in ziemlichen Zwischenräumen voneinander; das Fußvolk unmittelbar hinter ihnen, so daß es noch etwas in die Zwischenräume zwischen den Elefanten hineinragte. Da Arrian ausdrücklich sagt, daß das Fußvolk eine zweite Front gebildet habe, so darf man wohl ebenso wenig sagen, daß es in kleine Haufen aufgelöst gewesen sei, wie daß es hinter den Elefanten in einem kleinen Abstand gestanden habe; vielmehr muß die Phalanx immer hinter den Elefanten flacher, zwischen den Elefanten tiefer aufgestellt gewesen sein. Das Ganze sah nach dem Bericht der Griechen aus wie eine Stadtmauer mit ihren Türmen. Porus soll erwartet haben, daß die Griechen sich in die Zwischenräume zwischen die Elefanten nicht hineinwagen würden. Die Pferde würden vor den Elefanten scheuen, und das Fußvolk würde es sich auch nicht getrauen; denn gingen sie vor, um die Elefanten von der Seite anzugreifen, so hatten sie das indische Fußvolk zu fürchten,[221] gingen sie gegen dieses vor, so mußten sie besorgen, daß die Elefanten sich gegen sie wenden und sie niedertreten würden.

Wie das indische Fußvolk bewaffnet war, ist nicht direkt berichtet. Die Griechen nennen es Hopliten; aber daß wir es mit einer fest geschlossenen, auf den Nahkampf ausgehenden Waffe, wie die griechisch-macedonische Phalanx, zu tun haben, ist nicht anzunehmen. Die Aufstellung der Elefanten vor diesem Fußvolk scheint darauf hinzuweisen, daß von jenen die eigentliche Entscheidung erwartet wurde; das Fußvolk war in diesem Heer noch mehr als in dem persischen eine bloße Hilfswaffe. Es sollte, wie die Griechen berichten, eine Art Deckung für die Elefanten bilden.115 An Zahl mag das indische Fußvolk die 6000 Mann, die Alexander heranführte, immerhin erheblich übertroffen haben.

Die Macedonier hatten ihre gewöhnliche Aufstellung, die Phalanx im Zentrum, die Kavallerie auf den Flügeln;116 den rechten, der am Flusse entlang vorging und den sonst immer der König selbst geführt hatte, kommandierte Koinos; den linken, der keine Anlehnung hatte, deshalb der gefährdetere war und seinerseits am besten die Flankierung und Umgehung ausführen konnte, führte Alexander selbst. Der Phalanx aber befahl er, sich zurückzuhalten, bis er mit der Kavallerie den Feind in Verwirrung gebracht haben würde, zu welchem Zweck er dieser befahl, den Feind nicht bloß in der Front, sondern weiter ausholend auch sofort in der Flanke anzugreifen.[222]

Da die Macedonier, wie wir als sicher annehmen dürfen, an taktischer Ausbildung der indischen Kavallerie noch mehr als in der Zahl überlegen waren, so gelang das Manöver auf beiden Flügeln. Die indischen Streitwagen konnten dem Ansturm der geschlossenen macedonischen Schwadronen noch weniger Widerstand leisten als die Reiter, und die Geschlagenen flüchteten sich hinter die Elefanten, die Mazedonier folgten ihnen. An den Elefanten, die wohl zum Teil Kehrt machten und durch die Infanterie hindurchgingen, um den Macedoniern zu begegnen, kam deren Angriff zum Stehen: die Pferde scheuten und waren an die Untiere nicht heranzubringen. Da Alexander bereits seit länger als einem Jahr im indischen Grenzgebiet und seit einer Reihe von Monaten auf indischem Boden stand und mit indischen Fürsten verbunden war, die ihm Elefanten zugeführt hatten, so war dieser Kampf für die Macedonier keineswegs eine Überraschung. Weil die Pferde vor den Elefanten scheuen würden, hatte Alexander den Übergang über den Hydaspes im Angesicht des feindlichen Heeres nicht gewagt, sondern die Umgehung gemacht. Man könnte sich wundern, daß nichts darüber berichtet wird, ob die Macedonier nicht versucht haben, ihre Pferde an den Anblick und das Geschrei der Riesentiere zu gewöhnen. Jedenfalls mußten sie jetzt zunächst zurück, und Porus ging zum Angriff gegen die macedonische Kavallerie und die Phalanx gegen ihn vor, so daß der Kampf allgemein wurde.

Die griechischen Quellen überbieten sich, die Schrecklichkeit dieses Kampfes auszumalen: die Elefanten bringen ein in die feindlichen Reihen, mögen sie auch noch so gedrängt stehen, zertreten die Gegner oder packen sie mit dem Rüssel und werfen sie in die Luft oder stoßen ihnen die Zähne in den Leib, und die Schützen auf ihren Rücken, voran der gewaltige König Porus selbst, schleudern ihre Geschosse.

Dennoch siegen endlich die Macedonier. Sie holen mit Pfeilen und Wurfspießen die Kornaks von den Elefanten herunter, machen diese führerlos und bringen vor allem den Elefanten selbst so viele schmerzhafte Wunden bei, daß sie endlich nicht weiter vorwärts wollen oder direkt Kehrt machen.

Sobald die Elefanten erlahmen, sind die Inder verloren. Ihr[223] Fußvolk, wenn auch vermutlich zahlreicher als das macedonische, war nicht von der Art, um etwa die Verwirrung, die die Elefanten anfänglich angerichtet hatten, zu benutzen und die macedonische Phalanx im Nahgefecht vollends niederzukämpfen. Überdies ist der ganze indische Angriff sicherlich von Anfang an dadurch gelähmt gewesen, daß die macedonische Kavallerie in Verfolgung ihres anfänglichen Sieges bis in den Rücken der feindlichen Schlachtlinie gekommen und, wenn auch an den Elefanten zunächst abgeprallt, doch nicht bloß auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Rücken der Elefanten und der feindlichen Infanterie geblieben war.

Mit ihrer großen Überlegenheit jagte sie die indischen Reiter, die sich von neuem herauswagten, wieder auf die Elefanten zurück. Mit gutem Vorbedacht hatte Alexander angeordnet, daß seine Phalanx, dünn wie sie war, sich zunächst zurückhalten solle: einem Ansturm der Elefanten im Verein mit dem indischen Fußvolk ohne jede Hemmung hätte sie vielleicht nicht standhalten können. Das fortgehende Reitergefecht im Rücken aber wird auf die Zuversicht und die Energie des Vorwärtsgehens der Inder von Anfang an gedrückt haben, und sobald sie erst standen, waren sie so gut wie eingeschlossen und wurden nun allmählich mehr und mehr zusammengedrängt. Sie wurden von ihren eigenen Elefanten, die Kehrt machten und denen sie nicht mehr ausweichen konnten, niedergetreten, während das macedonische Fußvolk auf dem äußeren Umkreis den Elefanten, die noch vorgingen, wich, um sie mit Geschossen zurückzutreiben, ihnen dann geschlossen folgte und so das feindliche Heer den macedonischen Reitern entgegentrieb.

Ein sehr großer Teil des indischen Heeres ging auf diese Weise zugrunde, die meisten Elefanten und König Porus selbst wurden gefangen.

Nach Arrian haben die Macedonier in dieser Schlacht nur 310 Tote verloren, davon 230 Reiter. Diese geringe Zahl könnte uns stutzig machen, ob der Kampf wirklich so furchtbar und hartnäckig gewesen ist, wie ihn unsere Quellen schildern. Ziehen wir aber in Betracht, daß in der Folgezeit die macedonischen Generale, die an der Schlacht teilgenommen haben und später als Nachfolger[224] Alexanders sein Reich teilten und darüber kämpften, Elefanten in immer steigender Zahl in ihre Heere einstellten, so dürfen wir daraus einen Rückschluß auf den Gang dieser Schlacht machen. Die Macedonier müssen den Eindruck einer großen Leistung und militärischer Brauchbarkeit der Elefanten gehabt haben, und der Sieg kann ihnen nicht so ganz leicht geworden sein. Wenn wir daher bei Diodor lesen, daß die Macedonier 280 Reiter und mehr als 700 Fußgänger verloren hätten, so werden wir dieser Zahl vor der Arrians den Vorzug geben. Fast 1000 Tote und gewiß mehrere Tausend Verwundete auf ein Heer von 11000 Mann weisen auf eine überaus zäh durchgefochtene Schlacht hin. Einen gewissen Einfluß mögen zuletzt die im Rücken der Inder noch über den Hydaspes setzenden Macedonier geübt haben, selbst ehe sie tatsächlich eingriffen; auch mag ein Teil des Verlustes, da sie noch an der Verfolgung teilnahmen, auf diese Truppen gefallen und beim Hauptheer in Abzug zu bringen sein.


1. Plutarchs Schlachtbericht stützt sich auf einen Brief Alexanders selber, den sein Biograph in indirekter Rede wiedergibt. Man hat aber die Authentizität dieses Briefes bezweifelt, und namentlich AD. BAUER hat in einer sehr feinen Untersuchung (Festgaben für Büdinger; Innsbruck 1898) den Nachweis geführt, daß, wo dieser Brief von Arrian abweicht (der wieder die im wesentlichen übereinstimmenden Berichte des Ptolemäus und Aristobul wiedergibt), es in dem Sinne geschieht, daß alles so erfolgt sein soll, wie es der König vorhergesehen hat; namentlich betrifft das den Übergang über den Hydaspes mit seinen mancherlei Zwischenfällen, was wir in unserer Darstellung übergangen haben. Nun besteht aber, fährt Bauer sehr richtig fort, die Größe eines Feldherrn keineswegs darin, alle möglichen Zufälligkeiten vorher zu sehen, sondern, und gerade das hat Alexander hier glänzend bewährt, darin, den vielen Unberechenbarkeiten des Zufalls mit schnellem Entschluß gewachsen zu sein. Der Brief, der Alexander schmeicheln will, rührt also von einem militärisch verständnislosen Menschen her. Er kann unmöglich von Alexander selber sein, sondern ist von irgend einem Höfling komponiert, dem die Berichte des Ptolemäus und Aristobul bekannt waren, aber nicht genügten.

Handelte es sich wirklich um ein persönliches Schreiben Alexanders, so würde es in der Tat entweder als unecht verworfen werden müssen oder dem königlichen Autor ein recht dürftiges Zeugnis ausstellen. Eine Fälschung aber scheint mir nicht glaublich, da auf der einen Seite der Zusammenhang mit dem Bericht, den wir bei Arrian (aus Ptolemäus) finden, unverkennbar, auf der anderen originale Wendungen darin enthalten sind, die auf[225] einen wirklichen Kenner schließen lassen. Wann und von wem und zu welchem Zweck soll die Fälschung gemacht sein? Hat Ptolemäus die Erzählung, die er nachher in seine Geschichte aufnahm, etwa schon bei Alexanders Lebzeiten veröffentlicht oder hat noch ein ganzes Menschenalter später jemand dem toten König durch die Brief-Fälschung schmeicheln wollen?

Wir entgehen all' diesen Schwierigkeiten, wenn wir den Brief zwar für echt, aber nicht als eine persönliche Äußerung Alexanders, sondern als ein Bulletin ansehen, das irgend einen Sekretär aus der Umgebung des Königs zum Verfasser hatte. Was Bauer so scharfsichtig an dem Schreiben als charakteristisch herausgefunden, daß es nämlich den König alles voraussehen lasse, das gerade ist der Stil offizieller Kriegsgeschichts-Schreibung. Man prüfe nur daraufhin moderne Generalstabs-Werke, obgleich sie von Offizieren geschrieben werden, und auch in den Memoiren von St. Helena z.B. über 1796 und namentlich in den amtlichen französischen Darstellungen des Feldzuges von 1800 findet man manches Gegenstück dazu.

Daß die Kriegskunst gerade deshalb so schwer ist, weil sie im Dunkel des Nichtwissens oder Halbwissens operieren muß und der Scharfblick auch des größten Feldherrn das Dunkel nie völlig zu durchdringen vermag, das ist ein Satz, mit dem man bei der öffentlichen Meinung nie Größe dartun, sondern höchstens Fehler entschuldigen kann. Die bequemste Art, dem Publikum das Genie des Feldherrn einleuchten zu machen, ist immer, ihm zu zeigen, wie er alles vorausgesehen und vorausberechnet hat. Wir treten Alexander daher nicht zu nah, wenn wir dabei bleiben, daß er das Bulletin unter seinem Namen abgehen ließ, obgleich es in dem beschriebenen Sinne die Erzählung färbt.

2. Arrian will, daß die Elefanten des Porus in einer Distanz von einem Plethron (100 Fuß) gestanden hätten, und daraufhin haben Rüstow und Köchly die Länge seiner ganzen Schlachtlinie auf 11/4 Meile berechnet. Alexander hingegen habe nur eine ganz kurze Front gehabt, bis zum zwanzigsten Elefanten reichend; sein Schlachtplan habe also darin bestanden, zunächst den einen, den linken Flügel der Inder zu schlagen. In unseren Quellen ist von einer solchen Flügel-Schlacht nichts zu finden; man sieht nicht, weshalb die 180 überragenden Elefanten den Macedoniern nicht in die Flanke gefallen sind, und in der eigenen Erzählung Rüstows und Köchlys ist von der Flügel-Schlacht auch nichts enthalten. Wie aber soll das 11000 Mann zählende macedonische Heer zu einer Länge von 11/6 Meilen ausgereckt worden sein?

Die Lösung kann nur darin liegen, daß bei Arrian sowohl die Zahl der Elefanten sehr übertrieben, als der Zwischenraum zwischen den einzelnen viel zu groß angegeben ist. Auch einem Ptolemäus kann es wohl geschehen sein, daß er nach einem persönlichen Eindruck (er war in der Schlacht anwesend) das Intervall auf ein Plethron geschätzt hat, ohne sich klar zu machen, welche Länge dabei für die ganze Schlachtlinie herauskommen würde. Polyän IV, 3, 22, in einer Schlachtschilderung, die im übrigen als Beispiel[226] und Warnung vor unzuverlässigen Quellen dienen kann, gibt die Distanz der Elefanten voneinander auf 50 Fuß an.

Die Darstellung, die ich von dem Verlauf der Schlacht gegeben habe, weicht von den bisher üblichen wesentlich ab in der Auffassung des Kavallerie-Gefechts auf den beiden Flügeln und in Zusammenhang damit des rückenangriffs. Es handelt sich um die Lösung einer Schwierigkeit in der Erzählung Arrians.

Alexander, sagt er, habe sich mit dem Gros seiner Kavallerie gegen den linken Flügel des Feindes gewandt. Den Koinos aber habe er mit zwei Hipparchien gegen den rechten (ὡς ἐπὶ τὸ δεξιόν) gesandt, mit dem Befehl, wenn die Barbaren gegen ihn, den König, vorgingen, ihnen in den Rücken zu fallen. Man fragt: wie konnte Koinos das, wenn er auf dem anderen Flügel stand? Er konnte doch nicht um die ganze feindliche Schlachtlinie herumreiten? Rüstow und Köchly haben deshalb angenommen, er sei nicht gegen den feindlichen rechten Flügel, sondern auf den macedonischen äußersten rechten Flügel gesandt worden, und Bauer hat das (a.a.O.) so mit dem Wortlaut zu vereinigen gesucht, daß er das »δεξιόν« zwar auf die Inder bezieht, das Ganze jedoch für ein Schein-Manöver erklärt: Koinos habe sich nach jener Richtung in Bewegung gesetzt, sei aber dann umgekehrt und habe Alexander sekundiert.

Mir scheint diese Auslegung, die eine wie die andere, schlechterdings sachlich wie sprachlich unmöglich. Der klare Wortlaut sagt117, daß, wie Alexander gegen den linken, Koinos gegen den rechten feindlichen Flügel vorging. Wenn Koinos aber den indischen Reitern, die Alexander entgegen gingen, in den Rücken fallen sollte, so mußte er sich beeilen und konnte nicht erst eine Schein-Bewegung machen, die auch gar keinen Zweck gehabt hätte, und Arrian hätte nicht auslassen können, daß er von der Schein-Bewegung gegen den feindlichen rechten Flügel zu der wahren gegen den linken zurückgekehrt sei. Überdies muß die macedonische Phalanx auch auf ihrem linken Flügel notwendig Kavallerie gehabt haben.

Es bleibt nichts übrig, als festzustellen, daß Arrians Erzählung einen unlöslichen Widerspruch enthält: es kann zu nichts führen, durch irgend eine gekünstelte Interpretation ihn halbwegs zu verdecken, sondern man muß den Fehler feststellen und suchen, ihn zu eliminieren. Das ist aber nicht so sehr schwer, selbst ohne Zuhilfenahme der anderen Quellen.

Notwendig hat Alexander auf beiden Flügeln seines Heeres Kavallerie gehabt. Die des einen kommandierte der König selbst, die des anderen Koinos. Auf beiden Flügeln waren die Macedonier an Kavallerie überlegen. Von dem rechten Flügel erzählt Arrian weiter: der König sandte seine berittenen Bogenschützen gegen den Feind »αὐτὸς δὲ τοὺς ἑταίρους ἔχων τοὐς ἱππέας παρήλαυνεν ὀξέως ἐπὶ τὸ εὐώνυμον τῶν βαρβάρων,[227] κατὰ κέρας ἔτι τεταραγμένοις ἐμβαλεῖν σπουδὴν ποιούμενους, πρὶν ἐπὶ φάλαγγος ἐκταθῆναι αὐτοῖς τὴν ἵππον.«

Der König griff also die indischen Reiter, während sie in der Front von seinen berittenen Bogenschützen attackiert wurden, mit seiner Ritterschaft in der Flanke an.

So weit ist alles ganz klar – jetzt aber, fährt Arrian fort, erschien auch Koinos im Rücken der Inder, und sie mußten eine doppelte Front gegen ihn und gegen Alexander machen. Hier steckt die Konfusion. Koinos ist ja auf dem anderen Flügel und die doppelte Front mußten die Inder schon vorher machen, nämlich gegen die berittenen Bogner und gegen die Hetären: wäre Koinos auch noch gekommen, von hinten, so hütten sie eine dreifache machen müssen.

Es kann nicht anders sein, als daß Arrian hier unaufmerksam gewesen ist und seine Vorlagen mißverstanden hat. Koinos hat mit dem Gefecht auf diesem Flügel nichts zu tun. In der Vorlage muß etwa gestanden haben, daß ebenso wie auf dem Flügel Alexanders auch Koinos seinen Gegner umging und gleichzeitig in der Front und aus der Flanke (was, wenn der Gegner nicht rechtzeitig eine Gegenbewegung gemacht hat, immer auch einen Angriff von hinten bedeutet) packte. Die Umgehung also, die Koinos auf seinem Flügel vollzog, hat Arrian auf den Flügel Alexanders bezogen.

Korrigieren wir in dieser Art die Erzählung Arrians, so wird sie nicht nur in sich klar, sondern kommt auch in Übereinstimmung mit dem Bulletin. Hier ist ausdrücklich gesagt, daß Alexander auf dem einen, Koinos auf dem anderen Flügel angriff und daß der Feind auf beiden Flügeln geschlagen wurde und sich auf die Elefanten zurückzog.

Dies Zeugnis ist schlechthin ausschlaggebend – man müßte denn, wozu aber gar kein Grund vorliegt, das Bulletin für eine Fälschung erklären.

Die Verwirrung, die Arrian durch die Konfundierung des rechten und linken Flügels angerichtet hat, läßt sich aber nicht bloß konstatieren, sondern ich glaube, man kann noch einen Schritt weiter gehen und den Punkt aufzeigen, an dem sie entstanden ist. Das Bulletin (in der indirekten Rede Plutarchs) gibt den Befehl Alexanders folgendermaßen wieder »αὐτος μὲν ὲνσεῖσαι κατα θάτερον κέρας, Κοῖοον δὲ τῷ δεξιᾧ προσβαλεῖν κελεῦσαι.« Hätte man diese Worte allein, so würde kein Zweifel über ihre Bedeutung sein; man würde übersetzen: »Der König habe den einen Flügel attackiert, Koinos aber befohlen, sich auf den rechten zu werfen.« Danach führte also Alexander selbst den rechten, Koinos den linken Flügel. Nun heißt aber der ganze Satz so: »φοβηδὲις δὲ τὰ θηρία καὶ τὸ πλῆθος τῶν πολεμίων αὐτὸς μὲν ἐνσεῖσαι κατὰ θάτερον κέρας, Κοῖνον δἐ τᾧ δεξιῷ προσβαλε ῖν κελεῦσαι.« Es wird also die Anordnung der Flügel besonders motiviert; sie war nicht die gewöhnliche, »Aus Besorgnis vor den Elefanten und der Menge der Feinde« – übernimmt der König den einen[228] und Koinos den anderen Flügel: das hat keinen Sinn, wenn nicht in der Anordnung der Flügel irgend etwas Außerordentliches geschah. Nach der Auffassung jedes Griechen kommandiert aber der König den rechten Flügel und greift den feindlichen linken an. Will er statt dessen den feindlichen rechten angreifen, so ist das »der andere«, und die Worte, die von Koinos gebraucht werden, können sehr gut auch in dieser Weise gedeutet werden, nämlich nicht, daß er sich auf den (feindlichen) rechten Flügel werfen, sondern mit dem (eigenen) rechten Flügel angreifen solle. Die meisten Ausleger haben um des Wortlautes und der Übereinstimmung mit Arrian willen die Stelle in dem ersten, einige aber auch in dem zweiten Sinn übersetzt, und es läßt sich ein ganz guter sachlicher Grund für diese letztere Anordnung denken. Die Inder lehnten sich mit ihrem linken Flügel an den Fluß, wurden sie hier besiegt, so hatten sie den Rückzug in das Land. Wurden sie aber auf ihrem rechten Flügel umgangen und geschlagen, so konnte das Gros des Heeres gegen den Fluß gedrängt und abgeschnitten werden. Jeder Erfolg an dieser Stelle mußte sofort die stärkste Wirkung auf den moralischen Halt des ganzen indischen Heeres ausüben. Indem Alexander also selbst diesmal den linken Flügel übernahm, wählte er für sich den Posten, der zugleich der gefährlichste war und an dem er die größte Wirkung ausüben konnte, und legte die Schlacht von vornherein auf eine Vernichtungsschlacht an, wie es ihm ja denn auch gelungen ist, den Porus selbst und den wertvollsten Teil seines Heeres, nämlich die Elefanten, fast sämtlich gefangen zu nehmen. Porus selber soll, wohl in der Erwartung, daß der König der Macedonier wie gewöhnlich den rechten Flügel führen werde, auf seinem linken gestanden haben.

Daß Alexander tatsächlich in dieser Schlacht seinen linken Flügel kommandierte, dafür gibt es noch eine andere Spur.

Nach Curtius gibt Alexander Koinos den Befehl: »Quum ego Ptolemaeo, Perdiccaque et Hephaestione comitatus in laevum hostium cornu impetum fecero. ... ipse dextrum move et turbatis signa infer.« Nachher aber heißt es: »Coenus ingenti vi in laevum cornu invehitur.«

Curtius widerspricht sich also selber. Aber nicht die erste, sondern die zweite Stelle scheint das Richtige zu enthalten. Denn es ist ausdrücklich gesagt, daß zu den Regimentern, die der König führen wollte, auch das des Perdikkas gehörte. In dem Gefecht aber, das vor der eigentlichen Schlacht Alexander einem detachierten Korps des Porus liefert, schickt Alexander den Perdikkas mit seinen Reitern gegen den rechten Flügel des Feindes (VIII, 47 »Perdiccam cum equitibus in dextrum cornu hostium emisit«). Es ist nicht wahrscheinlich, daß gerade die Reiter, die schon auf dem linken Flügel gekämpft hatten, nachher zu der Umgehung auf den äußersten rechten herangezogen wurden.

Gegen unsere Auslegung spricht, daß das Bulletin ja keineswegs den von uns supponierten Grund für die Kommandovertauschung angibt, sondern[229] ganz allgemein die Elefanten und die Zahl der Feinde. Mit diesen Gründen direkt ist überhaupt nichts anzufangen: inwiefern ist es ein Mittel gegen Elefanten und große Feindeszahl, daß der eine General den einen, der andere den andern Flügel kommandiert? Man könnte vermuten, daß Plutarch ungenau referiert und das Außerordentliche der Anordnung Alexanders darin bestand, daß, wie Arrian berichtet, die beiden Kavallerieflügel vorauseilten und die Phalanx sich zunächst zurückhielt. Rechnen wir aber mit den Vorstellungen der Griechen, in denen auch der Verfasser des Bulletins lebte, so erscheint doch nicht ausgeschlossen, daß Plutarch den Inhalt ganz richtig wiedergibt. Der eigentliche strategische Grund, weshalb Alexander diesmal das Kommando des linken Flügels führt, ist für ein Bulletin zu kompliziert und zu sein. Die Hauptsache, auf die es dem Autor ankommt, ist, den Eindruck der höchsten Gefahr und außerordentlicher Leistung zu erwecken. In einer gewöhnlichen Schlacht kommandiert der König den rechten Flügel, der, mit den besten Truppen besetzt, in der Regel den Sieg erringt. Bei der Zahl der Feinde aber und der Gefährlichkeit der Elefanten hätte es geschehen können, daß auch der Feind auf seinem rechten Flügel siegte, und deshalb mußte es der König selbst übernehmen, ihm an dieser, der gefährdetsten Stelle entgegenzutreten.

Vielleicht, mit Bestimmtheit läßt sich darüber nichts sagen, war dies der ursprüngliche Sinn. Dadurch, daß die Worte des Bulletins so unbestimmt und mehrdeutig waren, sind die Schriftsteller vielleicht schon früh unsicher geworden und sowohl Curtius als Arrian in Verwirrung geraten: Curtius widerspricht sich direkt, indem er einmal den König, einmal Koinos mit dem rechten Flügel angreifen läßt; Arrian kombiniert die Angriffe der beiden Flügel zu einem einzigen – und hat darüber den linken Flügel ganz ausfallen lassen.[230]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 219-231.
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