Schlacht bei Mantinea.

(207.)

[252] Die genaue topographische Feststellung des Schlachtfeldes durch Kromayer hat an der überlieferten Vorstellung nichts geändert. Seine an der Topographie anschließende kriegsgeschichtliche Untersuchung hat aber an zwei Stellen Erfolg gehabt und Punkte, die ich in der ersten Auflage dieses Werkes verkannt hatte, klargestellt, zugleich aber wieder nicht bloß durch falsches militärisches Räsonnement, sondern auch durch wiederholte Übersetzungs-Fehler das Ganze in ein falsches Licht gebracht. Das ist mit ausgezeichneter Klarheit und Treffsicherheit dargetan von Roloff in den »Problemen aus der griechischen Kriegsgeschichte«. Ich kann mir also das Eingehen[252] auf die Kontroversen hier ersparen und wiederhole nur, was ich schon in der ersten Auflage gesagt habe, indem ich fortlasse oder korrigiere, was durch die beiden Vorgenannten erledigt oder richtiggestellt ist.

Wir haben wieder den Bericht des Polybius, der aber nicht vollständig auf uns gekommen ist, und daneben Plutarch, der aus dem verlorenen anderen Werk des Polybius über Philopömen geschöpft hat.

Nach Polybius stellte Philopömen die Achäer hinter einem Graben auf, beide Flanken an Hügel angelehnt. Trotzdem rückten die Spartaner unter dem Tyrannen Machanidas gegen sie an. Ein neues Kriegsmittel sollte hier zum erstenmal in einer Feldschlacht zur Anwendung kommen: Machanidas ließ vor seiner Phalanx eine Anzahl Katapalten auffahren, um die feindliche Phalanx zu beschießen. Das zu verhindern, begann Philopömen das Gefecht, indem er die auf seinem linken Flügel aufgestellten leichten Reiter (Tarantiner) und sonstigen leichtbewaffneten Söldner vorgehen ließ.

Ganz einleuchtend ist dieser Zusammenhang nicht. Philopömen hat eine Defensiv-Stellung mit einem Front-Hindernis eingenommen und soll nun selber seinen einen Flügel über dies Hindernis haben vorgehen lassen130. Was sollte dabei herauskommen? Siegten die achäischen Leichten, so fragte es sich, ob die Phalanx folgen sollte oder nicht. Folgte sie, so mußte sie angesichts des Feindes das selbstgewählte Fronthindernis überschreiten; folgte sie nicht, so war der Sieg der Leichten nutzlos, sie mußten vor der feindlichen Phalanx wieder zurück. Auch sieht man nicht recht ein, wie der Kampf der Leichten auf dem einen Flügel die Arbeit der Katapalten im Zentrum verhindert haben soll, am wenigsten da in jenem Kampf die Flucht jagten131.

Jetzt hätte der Sieg dem Machanidas gehört, wenn er mit seinem siegreichen rechten Flügel der achäischen Phalanx in die Flanke gefallen wäre, während seine eigene Phalanx sie gleichzeitig in der Front angriff. Der Graben würde die Achäer dann so wenig gerettet haben, wie der Granikus oder der Pinarus bei Issus die Perser und die griechischen Hopliten. Machanidas aber, statt diese selbstverständliche Bewegung zu machen, hatte seine Leute entweder nicht genügend in der Hand oder war,[253] wie Polybius sagt, leidenschaftlich und kindisch genug, blind hinter den Fliehenden herzustürmen. Philopömen hingegen sammelte so viel wie möglich von den Geschlagenen hinter seiner Phalanx und schob einen Teil von dieser nach links auf die Stelle, die die Flüchtlinge leergelassen hatten, und als nun die lacedämonische Phalanx siegesgewiß auf die seinige losging, führte Philopömen sie ihr in dem Augenblick, als sie den Graben überschritt und in Unordnung geraten war, entgegen und schlug sie.

Gegen diese Erzählung erheben sich eine Reihe von Fragen und Bedenken.

Woher nahm Philopömen die Phalangiten, die die Front verlängerten? Nach dem Wortlaut waren es die nächststehenden Abteilungen der Phalanx die Philopömen ohnehin mit größeren Zwischenräumen als gewöhnlich aufgestellt hatte. In der Aufstellung der Achäer war also nunmehr eine breite Lücke. Das würde bei gleichen Kräften für einen absoluten Fehler gelten. Weshalb Philopömen ein derartiges Manöver wagen konnte, gibt Polybius nicht an, überhaupt keinen eigentlichen Grund für das ganze Manöver dieser freiwilligen Zerreißung der eigenen Schlachtlinie. Ferner vermissen wir eine Mitteilung, was denn Philopömen getan hätte oder tun wollte, wenn die lacedämonische Phalanx erst angriff in dem Augenblick, wo Machanidas von der Verfolgung zurückkam und ihn von hinten attackierte.

Die rationellste Erklärung wäre, daß wir uns die Achäer als die erheblich stärkeren vorstellen. Leider läßt uns auch in diesem entscheidenden Punkt Polybius im Stich. Ausdrücklich aber gibt er an, daß Machanidas auf dem Flügel, wo er anfänglich siegte, nicht in der Qualität der Truppen, sondern auch der Zahl nach der überlegene gewesen sei. Da nun diese Truppen für den Augenblick vom Schlachtfelde entfernt waren, so können wir uns vorstellen, daß Philopömen in dieser kurzen Spanne eine sehr erhebliche Überlegenheit hatte, die ihm sowohl erlaubte, seine Phalanx in zwei Teile zu zerlegen, als die Offensive ins Auge zu fassen. Dies scheint jetzt für ihn das gegebene Manöver.

Wir müßten erwarten, daß Philopömen nun mit seiner freilich unterbrochenen, aber verlängerten Schlachtlinie die Offensive ergreift und mit dem überragenden Flügel die Lacedämonier in der entbläßten Flanke packt. Das erscheint um so nötiger, als ja jeden Augenblick die Rückkehr des siegreichen Machanidas zu erwarten steht; nur etwa 2000 Schritt hinter dem Schlachtfeld liegt die Stadt Mantinea, weiter konnte die Verfolgung nicht gehen, und Machanidas konnte auch schon vorher einfallen, daß es in der Schlacht noch etwas zu tun gebe. Dann fiel er die Phalanx im Rücken an; die gesammelten Flüchtigen hätten ihn schwerlich sehr aufgehalten.

Nach Polybius' Erzählung aber ist es nicht Philopömen, der zum Angriff schreitet, sondern die Lacedämonier, und nicht der künstlich verlängerte Flügel gibt die Entscheidung, sondern ausschließlich auf das Fronthindernis, den Graben, wird alles zurückgeführt.[254]

Unser Verdacht gegen die unbedingte Zuverlässigkeit der uns vorliegenden Polybianischen Darstellung muß nun aber noch verstärkt werden, wenn wir die völlig abweichende Erzählung in Plutarchs Philopömen lesen. Hier finden wir nämlich gerade das, was wir bei Polybius vermißt haben: daß die achäische Phalanx es gewesen sei, die die Offensive ergriffen habe, und daß sie der feindlichen, die einen Angriff nicht erwartete, in die Flanke gefallen sei:

»εὐθὺς ἦγε τῶν Λακεδαιμονίων ὁρῶν τὴν φάλαγγα γυμνὴν ἀπολελειμμένην καὶ κατὰ κέρας παραδραμὼν ἐνέβαλε, μήτε ἄρχοντος αὐτοῖς παρόντος μήτε μάχεσθαι προσδεχομένοις νικᾶν γὰρ ἡγοῦντο καὶ κρατεῖν παντάπασιν διώκοντα τὸν Μαχανίδαν ὁρῶντες«.

Auf verschiedene Weise hat man versucht, die Schlacht zu rekonstruieren. H. DROYSEN nimmt an, das Machanidas von der Existenz des Grabens nichts gewußt und ihn beim Anmarsch nicht habe sehen können. Das hebt nur einen Teil der Schwierigkeiten und ist auch bei der Nachbarschaft von Mantinea und Lacedämon kaum glaublich. Umgekehrt hat C. GUISCHARDT (Mémoires militaires, cap. X, S. 159) vermutet, Machanidas habe von vornherein angenommen, die Achäer würden sich hinter dem Graben aufstellen, und deshalb seine Katapalten mitgebracht und spielen lassen. Er nimmt weiter an, daß der Bericht des Polybius lückenhaft auf uns gekommen sei, und ergänzt diese Lücke teils aus seiner Phantasie, teils aus Plutarch, z.B. den Widerspruch zwischen der Verlängerung des achäischen Flügels zum Zwecke der Umklammerung und dem Verharren in der Defensive löst er so, daß Philopömen in dem Augenblick, wo er selbst habe zum Angriff schreiten wollen, gesehen habe, wie sich die Lacedämonier bereits in Bewegung setzten, und nun natürlich erst den Vorteil seiner Defensiv-Stellung wahrnahm und (nach Plutarch) den überragenden linken Flügel einschwenken und den Graben überschreiten ließ in dem Augenblick, als die Spartaner den Graben zu überschreiten suchten.

Dies wird wohl im wesentlichen das Richtige treffen, setzt aber, wie gesagt, eine erhebliche Überlegenheit der Achäer voraus, denn ohne solche hätte der Feldherr den Angriff in zwei getrennten Massen, von denen wenigstens die eine den schwierigen Graben-Übergang hatte, nicht ins Auge fassen können.

Auch über den anderen Flügel der Achäer informiert uns Polybius nicht genügend. Auf diesem Flügel stand ihre gesamte eigene, also schwere Reiterei. Sollte diese gegen die feindliche Phalanx gar nicht mitgewirkt haben, oder wodurch wurde sie daran verhindert? Die Nicht-Erwähnung ist um so auffälliger, als Polybius vorher (X, 22-24) eingehend geschildert hat, welche Verdienste sich Philopömen gerade um die Reorganisation der achäischen Reiterei erworben habe. H. Droysen (p. 182) hat die Vermutung ausgesprochen, die Reiterei, die hinter dem Graben nicht verwendet werden konnte, sei wohl zur Verfolgung aufgespart worden. Aber einerseits hören wir, daß der Graben ohne wesentliche Schwierigkeit zu überschreiten[255] war, andererseits wäre es doch ein gar zu grober Fehler gewesen, die Reiter hier nutzlos hinzustellen und stehen lassen, während sie auf dem andern Flügel die Niederlage vielleicht hätten verhindern können.

Für unsern Zweck kommt nicht so viel darauf an, die Widersprüche und Lücken zu beseitigen, als sie festzustellen, um daraus den Schluß zu ziehen, daß man die Erzählung für eine Geschichte der Kriegskunst nicht wohl verwerten darf.

Kromayers Darstellung leidet an den Fehlern, daß er die Lücken in dem Polybianischen Bericht, so wie er uns vorliegt, entweder nicht erkennt oder ungenügend ergänzt, daß er die Fehlerhaftigkeit einer Teilung der Phalanx bei gleichen Kräften übersieht, und daß er schließlich Polybius an einer falschen Stelle zu verbessern sucht. Wir haben gesehen, daß Polybius ausdrücklich den rechten, siegenden Flügel des Machanidas als numerisch über legen bezeichnet. Kromayer sieht darin eine bewußte Unwahrheit; Polybius in seiner ausgesprochenen Parteilichkeit für die Achäer habe ihre wenig rühmliche Niederlage verschleiern wollen132. Nicht nur liegt zu solcher Verdächtigung Polybius' gar kein Grund vor, sondern die falsche Korrektur schneidet auch, wie wir gesehen, die rationellste (freilich auch nur hypothetische) Erklärung der Schlacht ab, denn wenn tatsächlich hier ein erheblicher Teil der Achäer von einer Minderheit geschlagen wurde, so bleibt ihnen für den Entscheidungskampf umsoweniger die Überlegenheit, ohne die das Manövrieren des Philopömen unverständlich ist.

Man nenne nicht die Vorsicht, mit der ich derart unsicher überlieferte militärische Vorgänge für die Geschichte der Kriegskunst zu verwerten ablehne, übertrieben. Für die bloße historische Erzählung mögen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu rekonstruierende Zusammenhänge genügen, aber für eine Geschichte der Kriegskunst darf man nur die quellenmäßig durchaus gesicherten Ereignisse zugrunde legen. Freilich wissen wir über die Schlachten der Perserkriege noch sehr viel weniger als über Sellasia und Mantinea und haben jene Schlachten doch zu Ausgangspunkten der ganzen Entwicklungsreihe genommen. Aber es ist nur das Prinzipielle, was wir diesen Schlachten entnommen haben und bei der Einfachheit der Strukturen jener Zeit entnehmen konnten; das Positive, Einzelne, haben wir auch dort vielfach dahingestellt sein lassen müssen und können. In der Polybianischen Zeit sind die Vorgänge so viel komplizierter, daß nur sehr exakte Berichte den Ansprüchen, die wir machen müssen, genügen können.[256]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 252-257.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Elixiere des Teufels

Die Elixiere des Teufels

Dem Mönch Medardus ist ein Elixier des Teufels als Reliquie anvertraut worden. Als er davon trinkt wird aus dem löblichen Mönch ein leidenschaftlicher Abenteurer, der in verzehrendem Begehren sein Gelübde bricht und schließlich einem wahnsinnigen Mönch begegnet, in dem er seinen Doppelgänger erkennt. E.T.A. Hoffmann hat seinen ersten Roman konzeptionell an den Schauerroman »The Monk« von Matthew Lewis angelehnt, erhebt sich aber mit seiner schwarzen Romantik deutlich über die Niederungen reiner Unterhaltungsliteratur.

248 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon