Die Fahnen


3. Die Fahnen.

[287] Sehr schwierig ist die Frage der Fahnen im römischen Heer, und ich möchte es nicht wagen, das letzte Wort darüber zu sprechen. DOMASZEWSKI in seiner wertvollen Abhandlung (Abhandlungen des Archäol. Epigraph.[287] Seminars der Universalität Wien 1885)153 hat jedenfalls die praktische Bedeutung der Feldzeichen sehr überschätzt. Er meint (S. 2) »Sie bilden während des langdauernden Handgemenges die Stützpunkte der Unterabteilungen; um welche sich die Kämpfer ordnen, und indem der Feldherr ihre Bewegungen im Gefecht regelt, gelingt ihm die Leitung der Masse nach einem einheitlichen Plan.« Durch die Hornbläser meint er weiter (S. 6), habe der Feldherr die Bewegungen der signa geleitet und die Soldaten seien dann der signa gefolgt.

Diese ganze Vorstellung ist deshalb unrichtig, weil der Soldat, der schon im Handgemenge begriffen ist, überhaupt so gut wie nicht mehr geführt werden kann, und wenn schon, so gewiß höchstens durch ein Signal, das an sein Ohr schlägt, auch ohne daß er darauf hinhört, aber nicht durch eine Fahne, nach der er erst hinsehen muß.

In Konsequenz seiner Auffassung weist Domaszewski den Fahnen ihren Platz im ersten Glieder der Manipel an, wo sie von allen Soldaten gesehen werden können. STOFFEL, Historie de Jules César II, 329 ff., glaubt, daß sie im zweiten Gliede gestanden haben, und ich möchte ihm darin beistimmen, mit dem Vorbehalt, daß doch auch dieser ebenso gelehrte wie praktische Militär mir die praktische Bedeutung der Fähnlein im Gefecht noch etwas zu hoch anzuschlagen scheint. Die Antesignani sind nach Stoffels völlig einleuchtender Darlegung die beiden ersten Glieder der Manipel. Fraglich ist mir jedoch, ob das für die Kohortentaktik zur Zeit Cäsars Zutreffende auf die ältere Zit übertragen werden darf. Es ist z.B. sehr gut möglich, daß in der Manipular-Phalanx mit dem Ausdruck Antesignani die ganzen Hastaten bezeichnet wurden und der Ausdruck mit der veränderten Taktik seine Bedeutung veränderte. Die von Domaszewski angeführten Stellen Livius 8, 11, 7. 9, 39, 7. 22, 5, 7 lassen die Auslegung, daß die signa im ersten oder zweiten Gliede gestanden haben, durchaus nicht zu, sondern machen es wahrscheinlich, daß die sämtlichen signa der Legion im Gefecht nebeneinander zwischen den Principes und den Triariern ihren Platz hatten. Da nun doch wieder auch schon in jener Zeit das signa sequi als besonderes Merkmal der römischen Soldaten angeführt wird und der Sprachgebrauch, die militärischen Bewegungen durch die Bewegung der signa auszudrücken (signa tollere, movere, ferre, efferre, proferre, constituere, inferre, conferre, convertere, referre, transferre, promovere, retro recipere; ad laevam ferre, obicere, signa armaque expedire), wie Domaszewski richtig bemerkt, jedenfalls aus alter Zeit stammt, so scheint hier ein Widerspruch in den Quellen vorzuliegen. Domaszewski, S. 12, weiß ihn nicht anders zu lösen, als daß es sich um verschiedene signa handle. Er nimmt an, daß die von Plinius nat. hist. 10, 16 berichtete[288] Erinnerung, daß die Römer in alter Zeit außer den Adlern auch Wölfe, Minotauren, Eber und Pferde als Feldzeichen geführt hatten, noch für die punischen Kriege gelte und diese Zeichen ihren Platz zwischen den Principes und Triariern gehabt hätten, während die Feldzeichen, die einen taktischen Zweck hatten, die Manipelfahnen bei jedem Manipel waren.

Ich halte noch eine andere Lösung für möglich, daß nämlich der praktische Gebrauch der Manipelfahnen nicht bloß auf dem Exerzierplatz entstanden ist, sondern sich auch auf diesen beschränkte. Im Ernstfall wurden die Feldzeichen nur beim Aufmarsch zum Ausrichten gebraucht und dann in die Mitte der Legion gebracht, wo sie nicht gefährdet waren und niemandem im ersten Gliede den Waffengebrauch einschränkten. Eine praktische Bedeutung für Ordnung und Ausrichten hatten sie im Gefecht ohnehin nicht, und der moralische Impuls, den ein geheiligtes, vorangetragenes Feldzeichen geben kann, kam, so lange die Phalanx sich als eine mächtige geschlossene Masse bewegte, noch nicht in Betracht.

Das wurde anders nach der Einführung der Kohorten-Taktik. Für diese einzeln agierenden kleinen taktischen Körper waren die Fahnen von viel größerer, namentlich moralischer Bedeutung. Jetzt gab man ihnen also den Platz auch im Gefecht, zwar nicht im ersten, aber doch im zweiten Gliede.

4. Appian (Celta cap. 1) berichtet, daß der Diktator C. Sulpicius in einem Kampfe mit den Bojern befohlen habe, daß die Wurfspieße gliederweise geworfen werden und die Glieder nach dem Wurf niederknien sollten, um das nächste über sich weg werfen zu lassen. Da das von vier Gliedern erzählt wird und endlich, nachdem »alle« geworfen, zur Attacke übergegangen werden sollte, so hat man geschlossen (Fröhlich, Kriegswesen Cäsars p. 146), daß die Hastaten vier Glieder tief gestanden hätten. Ich möchte diesen Schluß weder methodisch noch sachlich gelten lassen.

Alle Schlachten des vierten Jahrhunderts sind reine Phantasie Stücke ohne jeden historischen Wert in den Einzelheiten. Das Niederknien der drei vordersten Glieder so dicht vor der im Anmarsch, vielleicht im Ansturm befindlichen feindlichen Kolonne ist ganz unmöglich. Selbst als bloße Übung im Frieden ist es nicht ungefährlich, da gar zu leicht Einer aus dem vorderen Glied zu spät niederkniet oder zu früh wieder aufsteht oder aus dem hinteren Glied einer zu früh wirft, um nicht einige Leute zu verwunden; und wenn auch nicht, schon die bloße Möglichkeit, die Notwendigkeit, sich davor in acht zu nehmen, muß eine Unruhe und nervöse Unsicherheit in die vordersten Glieder bringen, die viel mehr schadet, als die vervielfachten Pilenwürfe nützen können.

5. Polybius IV, 22 ff. gibt uns eine eingehende Beschreibung der römischen Bewaffnung, aber in seiner bei aller Breite doch oft flüchtigen Art hat er die eigentliche Panzerkonstruktion vergessen. VI, 23, 14 heißt es »οἱ μὲν οὖν πολλοὶ προσλαβόντες χάλκωμα σπιθαμιαῖον πάντῃ πάντως, ὅπροστίθενζαι μὲν πρὸ τῶν στέρνων, καλοῦσι δέ καρδιοψύλακα, τελείαν ἔχουσι τήν καθόπλισιν οἱ δὲ ύπὲρ τὰς μυρίας τιμώμενοι δραχμὰς ἀντὶ[289] τοῦ καρδιοφύλακος σὺν τοῖς ἄλλοις ἁλυσιδωτοὺς περιτίδενται θώρακας.« Nach dem Wortlaut müßte man annehmen, daß die Menge der römischen Legionäre überhaupt keine Panzer, sondern nur ein etwa um den Hals gehängtes Stück Eisenblech, eine Spanne breit und lang, als »Herzdecker« getragen hätten. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Herzdecker nur ein Aufsatz, eine Verstärkung auf einem irgendwie konstruierten Leder- und Linnen-Panzer gewesen ist. Zwischen den so ausgestatteten Legionären sollen nun die Bürger der ersten Klasse, wie man früher sagte, die über 10000 Denare Vermögen geschätzten, wie wir jetzt mit Polybius sagen müssen, vollständige Schuppenpanzer getragen haben. (Vgl. Marquardt, II, 337 Anmk. 4 und Fröhlich, Kriegswesen Cäsars p. 68). Man pflegt das dem Polybius einfach nachzuerzählen, aber was soll man sich dabei denken? Sollen mitten unter den Hastaten, Principes und Triariern hier und da Leute, die zufällig wohlhabend waren, mit ganz anderer Bewaffnung gestanden haben? Der Staat kann unmöglich ein Interesse daran gehabt haben, daß einzelne Leute im Gliede besser bewaffnet waren als andere.

Ich denke, die Erklärung wird die sein, daß der »Herzdecker« die einfachste Form des Panzers war, die der Staat fabrikmäßig herstellen ließ und lieferte. Es stand jedoch jedem einzelnen frei, einem anderen, besseren oder schöneren Panzer zu tragen, und sehr Wohlhabende schafften sich den vollständigen Schuppenpanzer an. »Leute, die über 10000 Drachmen geschätzt sind« bedeutet doch nicht, daß hier ein Rest einer alten Klassenordnung vorliegt, sondern es heißt nichts als »die Reichsten«, was Polybius in der mißverstandenen und mißverständlichen Weise wiedergibt.

Ebenso ist es ein zweifelloses Mißverständnis des Polybius, wenn er (IV, 23) jedem Legionär zwei Pilen, ein leichtes und ein schweres, gibt. Nicht jeder Legionär ist mit zwei Pilen ausgerüstet, sondern es gibt zwei verschiedene Pilen-Arten, außer dem leichten, das der Legionär im Felde führt, noch ein schwereres, das bei der Verteidigung von Befestigungen benutzt wird.[290]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 287-291.
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