Die Unterwerfung des cisalpinischen Gallier.

[316] 6. Den Übergang vom ersten zum zweiten punischen Kriege bildet die Unterwerfung des gallischen Oberitalien durch die Römer. Polybius berichtet ziemlich ausführlich darüber, und die Gelehrten, die das römische Kriegswesen behandelt haben, haben diese Erzählung viel benutzt. Gerade bei ihr darf man aber nie vergessen, daß Polybius eine abgeleitete, keine ursprüngliche Quelle ist, daß die, die er benutzte, von sehr wechselndem, meist aber sehr geringem Wert waren, und daß er, sei es aus Unaufmerksamkeit, sei es geblendet durch die Farbenpracht der Legende oder das Pikante der Erfindung, der Kritik oft genug vergessen hat und Dinge berichtet, denen wir seiner Autorität zum Trotz den Glauben versagen müssen. Was er uns im zweiten Buch über die Kämpfe zwischen den Römern und den cisalpinischen Galliern 238-222 mitteilt, stammt zweifellos aus Fabius Pictor, der darüber als Zeitgenosse und öfter Augenzeuge berichten konnte. Aber die Erzählung flößt mir sehr wenig Vertrauen ein.

7. In der Schlacht bei Telamon sollen die Gallischen Gäsaten (transalpinische Reisläufer, die ihren oberitalischen Landsleuten zugezogen waren) ihre Kleider abgelegt und nackt in die Schlachtordnung getreten sein aus Renommage und weil sie besorgten, im Dorngesträuch hängen zu bleiben und im Waffengebrauch gehindert zu sein.

Als die Schlacht nun begann und die Römer ihre Pilen schleuderten, sollen die Gallier, die ihre Mäntel und Hosen anbehalten hatten, dadurch geschützt worden sein, die nackten Gäsaten aber, denen bei ihrem stattlichen Wuchs die gallischen Schilde keine Deckung gewährten, litten sehr. Ist es schon sehr auffällig, daß Hosen und Mantel einen besseren Schutz gegen die römischen Wurfspieße gewährt haben sollen als die Schilde, so ist es ganz unverständlich, daß der Angriff mit den Wurfspießen den Gäsaten unerwartet (παρὰ τὴν προσδοκίαν) gekommen sein soll, da doch der Schriftsteller unmittelbar vorher sagt, daß die Römer nach ihrer Gewohnheit (κατὰ τὸν ἐθισμόν) angegriffen hätten.[316]

Nach dem Wortlaut der Erzählung (II, 30) müßte man sogar annehmen, daß die Gäsaten bloß durch die vor der Phalanx ausschwärmenden Leichtbewaffneten der Römer besiegt worden sind. »ἅμα τῷ τοὺς ἀκοντιστὰς προελθόντας ἐκ τῶν Ρωμαϊκῶν στρατοπέδων κατὰ τὸν ὲθισμὸν εἰσακοντίζειν ἐνεργοῖς καὶ πυκνοῖς τοῖς βέλεσι«. »τοὺς ᾽Ρωμαίους δεξαμένους τοὺς έαυτῶς ἀκοντιστὰς προσβάλλεις σφίσι τὰς σπείρας.«

8. In der nächsten Schlacht gegen die Insubrer (Polyb. II, 33) sollen die römischen Tribunen ihren Soldaten eine besondere Kampfesart anempfohlen haben. Sie hatten sich überzeugt, daß die Gallier hauptsächlich beim ersten Angriff zu fürchten seien und daß die gallischen Schwerter, ohnehin nur zum Hiebe taugend, nicht zum Stich, so schlecht geschmiedet seien, daß sie sich nach dem Hiebe sowohl in die Breite, wie in die Länge krümmten; zum zweiten Hiebe mußten die Soldaten erst den Fuß aufsetzen und sie wieder gerade biegen.

In Erwägung dieses Umstandes gaben die Tribunen die Spieße der Triarier den Hastaten. An diesen Spießen schlugen die Gallier ihre Schwerter krumm, und ehe sie sie wieder gerade gebogen hatten, stürzten sich die Römer mit ihren spitzen Schwertern auf sie und stachen sie nieder.

Man sollte meinen, Leute zu besiegen, die solche Waffen haben, wie diese Gallier, sei für jede gutgerüstete Truppe leicht, und es bedürfe keiner besonderen Listen. Was aber hat die hier angegebene Kriegslist mit der Gefährlichkeit des ersten Ansturms der hitzigen Gallier zu tun, und weshalb schlagen sie ihre Schwerter gerade an den feindlichen Spießen krumm, statt die Spitze mit dem Schild aufzufangen und mit dem Schwert auf den Mann zu hauen? Seit eineinhalb Jahrhunderten schlugen sich die Römer mit den Galliern, und jetzt fanden sie erst die beste Kampfart heraus? Ein krieggewohntes Volk wie die Gallier soll mit völlig unbrauchbaren Schwertern in den Kampf gezogen sein, statt, wenn denn ihre Schmiedekunst wirklich noch so tief stand, sich mit dem Stück Eisen den so leicht zu fabrizierenden und so trefflich verwendbaren Spieß zu schaffen?

Wenn irgendwo, so haben wir hier die handgreiflichsten Wachtstubengeschichten verirrt in die ernsthafte Geschichtserzählung, und wenn das, sobald es einmal ausgesprochen, nicht von selber einleuchten sollte, so sind wir auch in der Lage, aus der Altertumskunde einen direkten Gegenbeweis zu führen. Früher nahm man sogar an, daß bereits die Germanen eine tüchtige Metalltechnik besessen hätten. Das hat man aufgeben müssen, wie LIN DENSCHMIT in seiner Abhandlung. »Das vorgeschichtliche Eisenschwert nördlich der Alpen« im 4. Bd. der »Altertümer unserer heidnischen Vorzeit« Heft 6 es ausdrückt:

»Das glänzende Licht, welches der entlegenen Vorzeit unseres Landes durch die Annahme einer selbständigen hochvollendeten Metalltechnik zugewendet wurde, erlosch in der Tatsache des plötzlichen Verschwindens derselben mit dem Schluß der Römerherrschaft.« Was aber die Germanen noch nicht hatten, hatten die Kelten. In Krain gab es einen uralten[317] Eisenhüttenbetrieb, über den nicht nur viele klassische Zeugnisse,168 sondern von dem uns auch viele Reste erhalten sind. Man hat das Eisen auf seine Qualität geprüft und gefunden, daß ein vortrefflicher Stahl produziert wurde. Zwar wurde bei der primitiven Zubereitungsmethode die Luppe nicht ganz gleichmäßig; man nahm aber die schlechtere zu den Äxten, wo die Masse die Hauptwirkung tut, die beste für die Schwerter. Wenn der Gelehrte, dem wir diese Untersuchung verdanken. MÜLLNER-LEUBACH, hinzufügt,169 daß vielleicht die ärmeren Krieger sich mit Schwertern aus schlechterem Metall hätten begnügen müssen und sich hieraus die Erzählung bei Polybius erkläre, so scheint mir, daß es durchaus nicht nötig, ja nicht einmal angängig ist, der Autorität des geschriebenen Wortes diese Konzession zu machen. Wenn es einmal feststeht, daß die Kelten eine vorzügliche Schmiedekunst kannten, so lag es zu sehr im Interesse der Gesamtheit wie jedes Einzelnen, als daß nicht hätte Sorge getragen sein sollen, jeden Mann in Reih und Glied mit einer brauchbaren Waffe zu versehen. Mangelte es wirklich an Schwertern, so gewiß nicht an Spießen. Da wir nun an anderer Stelle von Polybius selber hören (Fragm. 137 Dindorf, 100 Becker, sofern dies Fragment von Polybius herrührt), daß die Schwerter der Keltiberer, so vorzüglich gewesen wären, daß die Römer sie von ihnen angenommen, und auch Diodor (V 33) die Keltiberer als besonders gute Schmiede rühmt, so vereinigt sich tatsächlich alles, um die Erzählung des Polybius als eine reine Fabel darzutun.

Dasselbe Kapitel berichtet uns endlich, daß der Konsul Flaminius in dieser Schlacht das Eigentümliche der römischen Kampfesweise verdorben habe, indem er das Heer mit dem Rücken gegen einen Fluß aufstellte, so daß die Manipel keinen Platz zum Zurückweichen gehabt hätten. Mit dem Durchziehen der Manipel und Ablösen der Treffen, wie es auf dem Exerzierplatz geschah und wie man es früher auch für den Ernstfall annahm, hat dieser Vorwurf natürlich nichts zu tun, denn dazu ist kein Zurückgehen bis hinter die Stellung der Triarier notwendig. Wenn die Römer wirklich in der Schlacht den Fluß unmittelbar hinter sich hatten, so wäre das allerdings eine ganz unverständliche Anordnung gewesen – man müßte denn etwa glauben, daß der Konsul durch die Unmöglichkeit des Rückzuges die Tapferkeit der Seinen zu steigern gedachte – aber das gilt für jedes Heer und hat mit der besonderen Fechtweise nichts zu tun.[318]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 316-319.
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