Stärke-Berechnung.

[377] Ehe Hannibal im Jahre 203 den Boden Italiens verließ, ließ er in dem uraltheiligen Tempel der Hera Lacinia bei Kroton eine eherne Tafel aufrichten, in die seine Taten und Triumphe auf der Halbinsel eingegraben waren. Polybius erzählt uns, daß er diese Tafel selbst gesehen und ihr das ganze Verzeichnis der in Spanien und Afrika von Hannibal zurückgelassenen Truppen sowie die Heereszahl bei der Ankunft in Italien entnommen habe. (III, 33 und 56.)

Obgleich es immerhin große Feldherren gegeben hat, die geneigt waren, nach vollendetem Siege ihre Stärke zu gering zu schätzen, Cäsar, Friedrich und Napoleon das sogar in sehr starkem Ausmaß getan haben, so mag man den Angaben Hannibals doch zunächst vollen Glauben schenken. Es fragt sich aber, ob der Auszug des Polybius richtig ist und ob alle seine Zahlen aus dieser Quelle stammen.

Polybius gibt nach der lacinischen Tafel an, daß Hannibal als Besatzung in Afrika 19920 Mann (die ausgefallene Zahl der Balearen aus Livius ergänzt), in Spanien 15200 Mann zurückgelassen habe (III, 33). Etwas weiter erzählt er, daß Hannibal mit 102000 Mann ausmarschiert sei. Er hätte also ein Heer von rund 137000 Mann gehabt.

Von den 102000 Mann ließ er für das Land nördlich des Ebro 11000 zurück, und 11000 Spanier entließ er in die Heimat. Mit 59000 Mann ging er über die Pyrenäen. Die Unterwerfung der Spanier nördlich des Ebro hätte ihm also 21000 Mann gekostet. Das ist für einen kurzen Feldzug gegen ein paar barbarische Völkerschaften eine schlechthin unglaubliche Zahl.

An der Rhone kam er mit 46000 Mann (38000 zu Fuß, 8000 Reitern) an. Der Zug bis dahin hatte ihm also 13000 Mann gekostet.

Nach dem Alpenübergang zählte das punische Heer noch knapp 20000 Mann zu Fuß und 6000 Reiter, und für diese Angabe beruft sich Polybius wieder auf die lacinische Tafel. Der Alpenübergang hätte also den Karthagern wieder 20000 Mann gekostet.

Man hat diese ungeheuren Verluste nicht unwahrscheinlich finden[377] wollen, da es ja bekannt ist, wie sehr Märsche durch feindliches Land auch ohne große Schlachten die Heere aufreiben, und erinnert an die Verluste, die Napoleons Heer schon auf dem Vormarsch auf Moskau erlitten hat. Diese Analogie trifft aber nicht zu. Napoleons Heer, namentlich die französischen Regimenter, waren zum weitaus größten Teil aus ganz jungen Leuten und widerwilligen Refraktärs zusammengesetzt, die nur mit Gewalt bei der Fahne festgehalten wurden. Hannibals Heer bestand zweifellos aus Kriegern, die jeder Strapaze gewachsen waren. Der Widerstand, den die keltischen Völker leisteten, hielt zwar den Marsch insofern auf, als man mit Vorsichtsmaßregeln marschieren mußte, kann aber unmöglich sehr viel Blut gekostet haben, da bei der erdrückenden numerischen und qualitativen Überlegenheit der Durchziehenden und der Stärke ihrer Reiterei die Barbaren sich auf Gefechte kaum einlassen konnten. Von einer größeren Schlacht, einem Zusammenstehen vieler Völkerschaften, die den Karthagern annähernd gewachsen gewesen wären, hören wir nichts. Nur bei ganz besonders günstigen örtlichen Gelegenheiten, also namentlich in den Alpen, konnten die Landesbewohner dem Durchzug einen erheblicheren Schaden zufügen. Wenn unter solchen Umständen ein kriegsgewohntes Heer auf einem etwa zweimonatlichen Marsch185 natürlicherweise weit mehr als die Hälfte seines Bestandes einbüßen soll, so werden die Märsche Cäsars, zum großen Teil auf denselben Wegen gemacht wie die Hannibals, von Italien nach Spanien und von Spanien nach Italien, und gar die Alexanderzüge in Asien ganz undenkbar und es wird auch unverständlich, daß der Bestand des punischen Heeres bei den folgenden Feldzügen in Italien sich so gut erhalten hat.

Es ist daher gar nicht anders möglich, als daß die lacinische Tafel eine Angabe über die Stärke des ausmarschierenden punischen Heeres nicht enthalten, daß Polybius Nachrichten aus anderen Quellen mit denen der lacinischen Tafel kombiniert und aus den Differenzen die ungeheuren Marschverluste berechnet hat; ganz so ist er ja auch zu dem übertriebenen Verlust der Römer von 70000 Mann bei Cannä gekommen. Wie groß das Heer Hannibals beim Übergang über den Ebro tatsächlich gewesen ist, wissen wir also nicht. Es spricht aber durchaus nichts dagegen, daß der ganze Marschverlust, sagen wir 10000 Mann nicht übersteigen hat, sicherlich war er sogar noch sehr viel geringer, denn es ist in keiner Quelle das allergeringste überliefert, das uns zwänge, Verluste von mehr als einigen hundert Mann anzunehmen. Eben deshalb wird Hannibal auf der lacinischen Tafel auch nur die Truppen, die er in Spanien und Afrika zurückgelassen und die, mit denen er in Italien angekommen, angegeben haben.


Dieser mein scharfer Einschnitt in die bisher anstandslos dem Polybius[378] nacherzählten Angaben über die ursprüngliche Heeresstärke Hannibals und seine Marschverluste hat den Widerspruch HIRSCHFELDS gefunden (Festschrift für Th. Gomperz, Wien, Alfr. Hölder 1902, S. 159). Ich habe aus der Polemik eine Korrektur im einzelnen aufgenommen, wiederhole aber im übrigen die Verteidigung meines Standpunktes, die ich aus dem 2. Bande der 1. Auflage (S. 242) hierher versetze.

Hirschfeld spielt zunächst meine Anzweiflung der Angaben des Polybius auf das moralische Gebiet, als ob ich »eine schwere Anklage« erhöbe und den großen Alten »belaste«. In abstracto ist über eine Einschätzung dieser Art schwer zu streiten; ich glaube aber, daß wir uns sehr leicht einigen werden, sobald Hirschfeld sich entschließt, zu den Analogien, die ich aus den Werken Moltkes, Sybels, Droysens und Treitschkes Bd. I, S. 21, S. 387, Bd. II, S. 67, S. 294) angeführt habe, Stellung zu nehmen. Sobald man sich durch eine solche Analogie die Sache näher rückt, sieht man sofort, daß eine objektive Anzweiflung durchaus noch keine moralische Anklage einschließt, und dann sieht man auch zugleich, wie gefährlich es ist, auch bei sonst sehr hochgeschätzten Autoren jede Angabe mit einer Art Unfehlbarkeit zu umkleiden.

Im vorliegenden Falle hätte Hirschfeld diesen Ausgangspunkt um so weniger nehmen dürfen, als ich ja meine Kritik nicht auf diese eine Zahl beschränke, sondern sie stütze durch die Polybianischen Angaben über Cannä. Hier ist es ganz klar, daß der Autor nicht bloß aus seinen Quellen die Zahlen wiederholt, sondern auch durch Berechnung neue findet, und daß diese Berechnung flüchtig und falsch ist. Dieser Sachverhalt ist, glaube ich, unbestritten und unbestreitbar und offenbar für die Kritik anderer Zahlangaben dieses Autors sehr wichtig. Mit keinem Wort aber ist Hirschfeld auf dies für mich sehr wichtige Argument eingegangen. Ich habe es für überflüssig gehalten, noch mehr Belege dafür beizubringen, daß Polybius bei Zahlberechnungen keineswegs sehr sorgsam, sondern leicht übereilt ist. Da es aber jetzt bestritten scheint, so will ich auch noch auf seine Darstellung der Schlacht bei Issus hinweisen. Da es sich hier um die kritische Abfertigung eines andern Autors, des Kallisthenes handelt, so sollte man meinen, wäre Polybius doppelt vorsichtig gewesen: es ist aber allgemein anerkannt, daß seine Berechnung Fehler enthält. Ich darf das umso mehr hervorheben, da ich glaube, an dieser Stelle das Raisonnement des Polybius in der Sache selbst gegen die scharfen Angriffe, die es erfahren hat, mit Erfolg verteidigt zu haben, seine Zahlen aber sind handgreiflich zum Teil falsch und in Widerspruch untereinander. Schließlich ist jetzt auch wohl allgemein anerkannt, daß seine Zahlangaben über die römische Flotte im ersten punischen Kriege ungeheuer übertrieben sind und ebenfalls auf einer falschen Berechnung beruhen, nämlich der Ansetzung aller Schiffe, auch der kleinen, als Penteren. Vgl. BELOCH, Bevölkerung S. 379.

Hirschfeld sucht die Angabe des Polybius zu stützen durch eine Notiz bei Livius (XXI, 38), wonach Hannibal selbst zu Cincius Alimentus, der[379] in seine Gefangenschaft gefallen war, gesagt habe, er habe nach seinem Übergang über die Rhone 36000 Mann verloren. Ich habe, wie alle früheren Bearbeiter der Zeit, diese Stelle außer Betracht gelassen, da sie mir wertlos schien. Hirschfeld gibt ihr nun eine neue Auslegung. Die Stelle lautet: »ex ipso autem audisse Hannibale, postquam Rhodanum transierit, triginta sex milia hominium ingentemque numerum equorum et aliorum jumentorum amisisse.« Das ist bisher so verstanden worden, daß Hannibal seit dem Übergang über die Rhone, also hauptsächlich beim Alpenübergang, 36000 Mann verloren habe. Hirschfeld gibt auch zu, daß Livius selbst es wahrscheinlich so gemeint habe, glaubt aber doch als den ursprünglichen Sinn hineinlegen zu dürfen, daß der Marsch nicht seit der Rhone, sondern bis zur Rhone gemeint sei. Da nun Polybius' Zahlen für den Verlust dieser ersten Marschperiode auf 35000 Mann führen, so scheinen die beiden Angaben einander zu stützen und zu bestätigen.

Ich vermag mich dieser Beweisführung in keiner Weise anzuschließen. Zunächst ist die Differenz von 1000 Mann, die bleibt, zwar sachlich sehr gleichgültig, kritisch aber doch recht wesentlich, da, wenn wirklich die beiden Berechnungen auf eine gemeinsame Urquelle zurückzuführen wären, sie auch genau übereinstimmen müßten. Ferner aber ist die Beziehung auf die erste Marschperiode sowohl durch den Zusammenhang, wie durch den besonderen Hinweis auf den Verlust an Vieh und Pferden vollständig ausgeschlossen. Livius schiebt die Notiz ein, nachdem Hannibal eben in Italien angekommen ist und den verlustvollen Alpenübergang mit all seinen Schrecken hinter sich hat. An dieser Stelle soll speziell der Verlust bis zur Rhone, nicht aber der des Alpenüberganges erwähnt worden sein? Hannibal soll überhaupt, wenn er den Cincius Alimentus einer Mitteilung über seine großen Verluste würdigte, dabei weder den Gesamtverlust des Marsches, noch den Spezialverlust des Alpenüberganges, sondern nur und speziell den Verlust bis zur Rhone erwähnt und hierbei auch noch den Verlust an Pferden und Vieh besonders hervorgehoben haben?

Ich für meine Person lege auf die Verwertung derartiger Zahlen überhaupt keinen Wert: wenn man denn aber einmal an dieser herumdoktorn und den offenbaren Fehler durch Raten irgendwie herausbringen will, so scheint mir das einzig Rationelle, daß man den Verlust auf die ganze Zeit vom Übergang über die Rhone bis zu dem Augenblick des Gespräches bezieht. Cincius war etwa 209 Prätor und wird erst hinterher in die Gefangenschaft gefallen sein und die Ehre persönlichen Gespräches mit Hannibal gehabt haben.

Statt uns in derartige Hypothesen zu verlieren, tun wir aber doch wohl am besten, darauf hinzuweisen, daß eben an derselben Stelle Livius auch berichtet, nach Cincius Alimentus habe Hannibal mit den Galliern und Ligurern zusammen 90000 Mann über die Alpen geführt, und darauf[380] zu sagen, daß wir Zahlen aus dem Munde dieses Autors keinerlei Wert beilegen.

Gänzlich verfehlt ist es auch, wenn Hirschfeld zur Erklärung der ungeheuren Verluste Hannibals auf dem Marsch »massenhafte Desertionen« der spanischen Truppen präsumiert. Weder in den Quellen noch in der Natur der Dinge hat diese Annahme den allergeringsten Anhalt. Sie ist durchaus willkürlich. Wo sollten denn diese Deserteure hin? Mitten durch fremde, oft sehr feindliche Stämme hindurch bettelnd und vagabundierend nach Hause? Erstens ist anzunehmen, daß Hannibal in den Völkern der Halbinsel genug kriegerische Elemente fand, die mit voller Neigung, gerade wie die Afrikaner, um Sold, Beute, Ruhm und Abenteuer zu haben, seiner Fahne folgten, und er nicht nötig hatte, Widerwillige zu pressen, und zweitens ist es klar, daß, einmal über den Ebro, die Rückkehr ganz ausgeschlossen war. In dieser Beziehung hatte Hannibal den Vorteil, der den russischen Heeren im 18. Jahrhundert nachgerühmt wurde, daß sie nämlich keine Desertion hätten, weil, einmal über die Grenze, der gemeine Mann sich im fremden Lande nicht helfen könne.

Ganz ebenso verfehlt ist es, wenn Hirschfeld meint, wir hörten nur deshalb so wenig von Kämpfen Hannibals auf dem Marsch, nicht weil wenig stattgefunden, sondern nur weil sie nicht aufgezeichnet seien. Man denke, es handelt sich bloß auf dem Marsch von den Pyrenäen bis zur Rhone um 13000 Mann, auf ein Heer von angeblich 59000, also über 22 Prozent. Man erinnere sich aus der ganzen antiken Kriegsgeschichte, besonders aus Cäsar, wie gering die Verluste eines organisierten, gut geführten Heeres gegen Barbaren sind, so lange man siegt, und erwäge dann, welch' furchtbare Kämpfe das gewesen sein müßten, von denen uns, obgleich die ungeheuren Verluste nicht verhehlt werden, kein Wort überliefert sein soll! Dabei ist diese ganze Marschstrecke von den Pyrenäen bis zur Rhone nicht länger als 35 Meilen. Wenn Hannibal auf diesem kurzen Marsch 13000 Mann verloren hätte, so wäre das viel mehr gewesen als in all' seinen großen Siegen über die Römer, an der Trebia, am Trasimenus, bei Cannä zusammengenommen. Solche Kämpfe sollen die Historiker abgemacht haben mit der kurzen Wendung, er habe sich teils mit Gewalt, teils durch Geldzahlungen den Weg geöffnet?

All' diese ganz willkürlichen Unterstellungen werden gemacht, bloß weil es unmöglich sein soll, daß Polybius einmal unachtsam einer unzuverlässigen Quelle gefolgt sei! Derselbe Polybius, von dem es an drei anderen Stellen ganz klar ist, daß ihm mit Zahlangaben und Zahlberechnungen sehr wohl etwas Menschliches passieren konnte, wie ja die Aufmerksamkeit auf den Wert, die Bedeutung und Tragweite der Zahlen bei den Historikern überhaupt eine seltene Eigenschaft ist.

Polybius teilt uns III, 33 mit, welche Truppen Hannibal in Spanien und Afrika ließ; zwei Kapitel weiter, III, 35, mit wie viel er ausmarschiert sei und mit wie viel er die Pyrenäen überschritten habe. Viel später, III, 56,[381] erfahren wir, mit wie viel er in Italien angekommen sei, und wieder vier Kapitel später, III, 60, wie viel er noch beim Übergang über die Rhone hatte. An der ersten und dritten Stelle gibt Polybius die lacinische Tafel als seine Quelle an. Hieraus schließt Hirschfeld, daß diese Tafel auch an den anderen Stellen die Quelle gewesen sei, da der Autor sonst »kaum von dem Vorwurf freizusprechen sei, daß er durch den zweimaligen Hinweis auf die lacinische Urkunde seinen Lesern ein durchaus ungerechtfertigtes Vertrauen, auch auf die übrigen, wie Delbrück meint, aus anderen, ganz unzuverlässigen Quellen geflossenen Zahlenangaben eingeflößt habe«. Diese Schlußfolgerung ist methodisch falsch. Polybius selbst hat seine Quelle für genügend zuverlässig gehalten – sonst hätte er sie nicht benutzt. Daß die moderne Kritik mit ihren schärferen Augen sie anzweifelt, kann nicht als ein Streit um die Moralität des Polybius ausgefochten werden. Ja, die Sache ist geradezu umzukehren: wenn Polybius alle diese Angaben aus einer und derselben Quelle entnommen hätte, so wäre es schwer verständlich, warum er sie so verzettelt hat. Naturgemäß gehören sie in zwei Gruppen zusammen, beim Ausmarsch und bei der Ankunft in Italien. Beim Ausmarsch ist aber die Zahl der Zurückbleibenden von der der Marschierenden durch ein ganzes Kapitel getrennt, und wenn es sich hier durch den Lauf der Erzählung auch noch rechtfertigen läßt, so ist es doch gewiß auffällig, daß bei der Ankunft erst die Zahl, die Italien erreicht, und erst vier Kapitel später die Stärke, die noch an der Rhone vorhanden gewesen war, mitgeteilt wird. Statt zu schließen: weil Polybius beidemal die erste Zahl aus der lacinischen Tafel entnommen hat (was er ausdrücklich sagt), muß er es auch bei der jedesmal zweiten getan haben (wo er es nicht sagt), ist umzukehren: wir können ganz sicher sein, daß die zweiten Zahlen nicht aus der lacinischen Tafel stammen.

Am Schluß wirft Hirschfeld mir vor, daß ich gute Quellenzeugnisse »nach eigenem Gutdünken korrigiere«. Ich hoffe, daß, je weiter mein Werk fortschreitet, desto mehr auch dieser verehrte Gegner allmählich zugestehen wird, daß meine Kritik keineswegs auf »Gutdünken« beruht, sondern auf Sachkenntnis.

Seitdem ist nun auch KONR. LEHMANN, »die Angriffe der drei Barkiden auf Italien« S. 131 ff. mit weiteren Argumenten für meine Auffassung eingetreten.

Glaube ich so die Ausmarschstärke Hannibals ganz gewaltig reduzieren zu müssen, so glaube ich, liegen Gründe vor, die Ankunftsstärke in Italien gegen den Ansatz des Polybius wesentlich zu erhöhen.

Mit 12000 Afrikanern, 8000 Iberern, 6000 Reitern soll Hannibal in Oberitalien angekommen sein. Das hat Polybius der lacinischen Tafel entnommen; seine Wiedergabe enthält aber eine offenbare Lücke.

In der Schlacht an der Trebia (Polybius III, 72) wird von 8000 Balearen und »Lanzenträgern« (λογχοφόροι, Peltasten186) gesprochen, die[382] Hannibal gehabt habe, und Livius XXII, 37 wird in einer Rede der Gesandten des Königs Hiero der maurischen und anderen Schützen gedacht, die Hannibal bei sich gehabt habe (vgl. auch XXIII, 26 und XXVII, 18). Diese fehlen in der Notiz des Polybius aus der lacinischen Tafel. Es ist ganz ausgeschlossen, daß Hannibal gerade für die Kämpfe, die er unterwegs auf dem großen Marsche zu bestehen hatte, besonders in den Gebirgen, sein Heer nicht mit einem bedeutenden Korps Leichter ausgestattet habe.

Es ist aber auch ganz ausgeschlossen, daß die 8000 Leichtbewaffneten in die Summe der knapp 20000 Mann Fußvolk im ganzen, wie Konrad Lehmann meint, einbegriffen sein sollten. Dann wäre Hannibal überhaupt nur mit 12000 Hopliten nach Italien gekommen, von denen bei Cannä nur noch 9-10000 übrig sein konnten. In dieser Schlacht mischte er die Iberer abteilungsweise unter die Kelten im Zentrum, mit den Afrikanern machte er rechts und links die Umgehung, aber man sieht nicht, wie weder die 3000 bis 4000 Iberer unter die 22000 keltischen Hopliten gemischt, noch die auf die beiden Flügel verteilten 5-6000 Afrikaner die von ihnen verlangte und berichtete Wirkung haben ausüben können. Ein natürliches Gesicht bekommt die Schlacht erst bei der Voraussetzung, daß von den 32000 Hopliten, etwa 11000 Mann Afrikaner, 7000 Iberer, 14000 Kelten waren. Nur bei dieser Voraussetzung ist auch erklärlich, daß im Jahre 203 noch ein so bedeutender Teil des afrikanisch- iberischen Heereskerns übrig war, um die widerstrebenden Kelten überwältigen zu können.

Gegen diese Berechnung scheint nun zu sprechen, daß Polybius (III, 72) in der Schlacht an der Trebia die Stärke des karthagischen Fußvolks mit Einschluß der ihnen mittlerweile zugezogenen Kelten nur auf 21000 Hopliten und 8000 Leichte angibt. Konrad Lehmann weist darauf hin (S. 134), daß Hannibal sich in dieser Schlacht bereits durch nicht weniger als etwa 7000 keltische Reiter verstärkt zeige; man müsse aber annehmen, daß die Verstärkung durch keltisches Fußvolk gewiß nicht kleiner, sondern noch um einiges größer gewesen sei. Dies Argument schlägt nicht durch. Was Hannibal gebrauchte, war nicht Fußvolk schlechthin, sondern diszipliniertes Fußvolk; die taktischen Manöver, vermöge deren er die Römer zu besiegen dachte und sie besiegt hat, waren nur ausführbar von gut zusammenhaltenden taktischen Körpern, die ganz fest in der Hand ihrer Führer waren. Solches Fußvolk hat er sich, wie der Erfolg zeigt, im Laufe des Winters 218/217 aus den ihm zulaufenden keltischen Soldnehmern gebildet. In der Schlacht an der Trebia hatte er es noch nicht oder nicht mehr als etwa 2000 Mann. Es ist durchaus nicht nur möglich, sondern im höchsten Grade wahrscheinlich, daß der karthagische Feldherr seinen keltischen Freunden bei der Ankunft erklärt hat, des Massenzuzuges ihres Fußvolkes bedürfe er nicht; das möge allenthalben die Heimat gegen die Römer schützen; mit[383] seinem Heer vereinigt, würde es die Verpflegung gar zu sehr erschweren. Was er erbitte, sei der Zuzug ihrer so ausgezeichnet tapferen Ritterschaft und die Verpflegung. Erst nach der Schlacht an der Trebia ist dann für die Offensive in die apenninische Halbinsel hinein auch keltisches Fußvolk in großem Maßstabe organisiert worden.

Hiermit erledigt sich auch das Bedenken Cantalupis, daß Hannibals Heer bei Cannä nicht wohl 50000 Mann stark gewesen sein könne, da es dann zur größeren Hälfte aus Galliern bestanden hätte; das sei ganz unwahrscheinlich, und bei der Unzuverlässigkeit dieser Bundesgenossen würde es ein Fehler gewesen sein, den man Hannibal nicht zutrauen dürfe.

Hat Hannibal 34000 Mann über die Alpen gebracht, so wird er mit etwa 36000 ausmarschiert sein; etwa 20000 ließ er in Afrika, 26000 in Spanien zurück. Er verfügte also im ganzen nicht über 137000, sondern nur über etwa 82000 Mann, aber auch diese Zahl genügt vollauf zur Begründung der oben entwickelten strategischen Verhältnisse.

Will man dem Polybius durchaus nicht zutrauen, daß er sich über den Punkt der Mitzählung oder Nichtmitzählung der Leichtbewaffneten nicht klar geworden und bei seiner Abschrift aus der lacinischen Tafel die 8000 Mann übersehen hat, so bleibt auch noch die Möglichkeit, daß Hannibal selber sie tatsächlich übergangen hat, sowie ja auch Cäsar, Friedrich und Napoleon in ihren Bulletins und Memoiren ihre Heeresstärken sehr häufig zu gering angegeben haben.

Zur 3. Aufl. Die mancherlei Einwendungen, die gegen die vorstehenden Berechnungen gemacht worden sind, haben mir wohl gezeigt, daß in der Überlieferung allerhand Momente sind, die widersprechen, mich aber doch nicht gezwungen, meine Auffassung fallen zu lassen. Der entscheidende Punkt ist und bleibt, daß Hannibal notwendig erheblich mehr als 12000 schwerbewaffnete Spanier und Afrikaner gehabt haben muß; Cannä beweist es. Die entgegenstehenden Angaben fallen um so weniger ins Gewicht, je mehr man der Dessauschen Hypothese über die punische Quelle des Polybius zustimmt.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 377-384.
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