Drittes Kapitel.

Rückblick auf die strategische Einleitung

des Krieges.

[371] Von dem nunmehr gewonnenen Punkt der Erkenntnis aus wollen wir noch einmal an den Anfang zu der beiderseitigen Einleitung des Krieges zurückkehren. Joseph Fuchs hat darüber vor kurzem ausgezeichnete Studien veröffentlicht,184 denen ich mich im wesentlichen anschließe.

Hannibal nahm den Weg zu Lande, weil dieser Weg ihn zu demjenigen Volke führte, das bereit war, sich mit ihm sofort gegen die Römer zu verbinden, den Galliern. Wäre er etwa von Afrika zunächst nach Sizilien übergesetzt, so wäre er lange auf sich allein angewiesen geblieben. Jede Seeexpedition aber war überdies dem Angriff der überlegenen römischen Seemacht ausgesetzt, und eine Transportflotte, groß genug, die 10000 Pferde der Armee zu befördern, war sozusagen gar nicht zu beschaffen. Dies ist wohl der letzte ausschlaggebende Gesichtspunkt; denn von[371] vornherein mit der unbedingt überlegenen Kavallerie einzusetzen und dadurch die erste Schlacht zu gewinnen, darauf war ja alles weitere aufgebaut.

In der Zuversicht, daß er sich in Italien selbst eine neue Basis verschaffen werde, verzichtete Hannibal deshalb auf die dauernde Verbindung mit der Heimat, beschränkte die Flotte auf das Notdürftige, verwandte statt dessen alle Mittel auf das Landheer und versah sich auch beim Ausmarsch mit einer wohlgefüllten Kriegskasse. Wenn er nicht die wirkliche Überlegenheit zur See hatte, nützte ihm eine mittelstarke Flotte weniger als das bare Geld, mit dem er seine Söldner regelmäßig auszahlen und bei den Galliern wie in Italien auftreten konnte, ohne den zu erwartenden Bundesgenossen gleich gar zu sehr zur Last zu fallen. Mit Recht hebt Polybius deshalb hervor (III, 17,10), daß Hannibal auch Geld mitgenommen habe auf seine Expedition.

Weniger deutlich als der Gedankengang Hannibals tritt uns die Auffassung der Römer entgegen, so daß man, bis auf Fuchs, kaum etwas anderes als eine unbegreifliche und ganz unrömische Unentschlossenheit und zweckloses Zaudern darin zu entdecken vermochte.

Weshalb haben die Römer nicht von Anfang an die Offensive ergriffen und den Krieg nach Spanien getragen, womöglich während noch Hannibal mit der Belagerung Sagunts beschäftigt war?

So wie sich nachher die taktische Überlegenheit der Karthager bei Cannä offenbart hat, wäre jedes noch so große Heer, das die Römer ihm nach Spanien entgegenschickten, dort seine leichte Beute geworden. Hier war der Punier ja noch viel stärker als in Italien.

Hätte man statt dessen sofort einen großen Angriff gegen Karthago selbst unternommen, so hätte Hannibal, von Spanien herüberkommend oder auch nur detachierend, auch diesem Heer das Schicksal des Regulus im ersten Kriege bereitet.

Noch schlimmer, wenn die Römer gar ihre Kräfte teilten, Spanien und Afrika gleichzeitig angriffen und beide Expeditionen nacheinander dem Angriff der punischen Gesamtmacht aussetzten. Daran, daß etwa Karthago genommen werden könne, während[372] Hannibal noch mit dem römischen Korps in Spanien schlug, war natürlich nicht zu denken. Karthago war eine gewaltige Festung, deren Belagerung Jahre in Anspruch nahm, und Hannibal hätte mit den gegen ihn ausgeschickten Römern nicht viel Federlesens gemacht.

Es ist also, mit Fuchs, derjenigen Partei im römischen Senat, die, nach Livius XXI, 6, meinte »non temere movendam rem tantam« völlig Recht zu geben. Gegenüber dem durch die Barciden in Spanien gebildeten punischen Heer waren die Römer nicht in der Lage, die Offensive zu ergreifen, und ihr Zögern, ihre lange Unentschlossenheit, die Preisgabe Sagunts, das ist alles sehr erklärlich, obgleich, wie wir unten feststellen werden, das karthagische Heer in Spanien nicht, wie man bisher nach Polybius angenommen, 130000, sondern nur etwa 82000 Mann stark war.

Mit dieser Auffassung scheint nun im Widerspruch zu stehen, wie die Römer, nachdem sie endlich in den Krieg getreten, tatsächlich handelten und was sie planten. Sie glaubten den Krieg mit sechs Legionen führen zu können, ja anfänglich, ehe eine Empörung der cisalpinischen Bojer sie in Anspruch nahm, scheinen sie sich mit ihrer gewöhnlichen Aufstellung von vier Legionen haben begnügen zu wollen, und davon schickten sie zwei unter dem Konsul Sempronius nach Sizilien, um nach Afrika überzusetzen, zwei sollte der andere Konsul, Scipio, nach Spanien führen. Wenn sie geglaubt haben, es mit zwei Legionen, alles in allem 22400 Mann zu Fuß und 2000 Reitern (Liv. XXI, 17) gegen Hannibal in Spanien aufnehmen zu können, dann war es freilich unverantwortlich, daß sie nicht den Saguntinern zu Hilfe gekommen waren.

Fuchs hat Verstand in die Sache gebracht, indem er den Quellen folgende Auslegung entlockt. Die Römer haben den Kriegsplan des Hannibal von Anfang an geahnt und gewußt. Die natürlichen Schwierigkeiten des ungeheuren Marsches durch lauter feindliche Völkerschaften vom Ebro über die Pyrenäen bis zu den Alpen schienen ihnen natürlich noch viel größer als dem Hannibal. Sie rechneten darauf, daß dessen Macht, ehe er nur an den Fuß der Alpen gelangte, bereits sehr zusammengeschmolzen sein würde. Ihre Idee war daher, ihm erst hier, etwa an der[373] Rhone, entgegenzutreten und den Widerstand der Eingeborenen gegen ihn zu organisieren. Scipios Expedition war von Anfang an für diese Gegend und erst in zweiter Linie nach Spanien bestimmt. Die Expedition des Sempronius wurde in Sicilien nur bereitgestellt und sollte nicht eher nach Afrika abgehen, als festgestellt war, daß Hannibal mit seinem Heer in Gallien engagiert war und ihm nicht vor Karthago plötzlich auf den Leib fallen konnte.

Auffällig bleibt auch hierbei die Schwäche der beiden konsulatorischen Heere; wäre für jede der beiden Unternehmungen etwa das Doppelte, vier Legionen, in Bewegung gesetzt worden, dann würde es völlig einleuchtend erscheinen, daß dem römischen Senat die Stärke der Punier bewußt war, daß er deshalb die Strategie der Defensiv-Offensive gewählt, Hannibal die Initiative überlassen, Sagunt geopfert hat und vorsichtig zögernd in den Krieg eingetreten ist.

Die Erklärung dafür, daß den beiden Konsuln nur je zwei Legionen mitgegeben wurden, wird darin liegen, daß es sich um See-Expeditionen handelte. Große Heere zur See zu befördern, erfordert ungeheure Mittel, und die großen Flotten sind nachher kaum zu regieren. Die Häfen reichen nicht aus, sie aufzunehmen, der Wind treibt sie auseinander und gibt die Losgelösten dem Feinde preis. Von der rasen den Sturmesgewalt einer Hannibals-Schlacht hatten die Römer noch nicht die entfernteste Vorstellung, und so mögen sie wohl gewußt haben, daß sie es unmittelbar in Spanien oder Afrika nicht mit ihm aufnehmen könnten, und sich trotzdem der Zuversicht hingegeben haben, daß ein volles konsularisches Heer an der Rhone, gestützt auf die befreundete Stadt Massilia und im Bunde mit den gallischen Stämmen, die den Durchmarsch der Punier nicht leiden wollten, erfolgreich kämpfen könne.

So betrachtet verliert das Verfahren der Römer seinen Anschein der Schwächlichkeit, der entschlußlosen, widerspruchsvollen Halbheiten. Es entspricht ganz den Anschauungen, nach denen der Senat vorher wie nachher das römische Staatswesen geleitet hat.

Zunächst kreuzte nun Hannibal die römische Berechnung dadurch, daß er die Hindernisse seines Marsches mit viel größerer[374] Schnelligkeit überwand, als man erwartet hatte. Als Scipio mit seinen 24400 Mann bei Marseille landete, in der Meinung, Hannibal stecke noch in den Pyrenäen, da war dieser bereits an der Rhone und vollzog seinen Übergang, ehe Scipio ihn zu hindern vermochte.

Man mag hier die Frage aufwerfen, weshalb Hannibal sich anscheinend ängstlich dem Zusammentreffen mit den Römern entzog, statt die Ankunft des Scipio als eine frohe Botschaft willkommen zu heißen. Er hätte ihn ja mit seinem numerisch wie qualitativ weit überlegenen Heer bloß zu umarmen brauchen, um ihn ins Gras zu legen: der schönste, sicherste Sieg wurde ihm von den ahnungslosen Römern entgegengetragen. Es zeigt die ganze Genialität des jungen karthagischen Feldherrn, die Vereinigung der höchsten Kühnheit mit der ruhigsten Besonnenheit, daß er der Versuchung dieses Lorbeers nicht nachjagte. Der Satz Napoleons »une victoire est toujours bonne à quelque chose«, so unanfechtbar er scheint, erleidet doch auch seine Ausnahmen und Einschränkungen. Hätte Hannibal sich auch nur wenige Tage mit einem Siege über Scipio aufgehalten, so wäre er in diesem Jahr nicht mehr über die Alpen gekommen. So sicher der Sieg war, so pflegten die Römer doch immer ihr Leben teuer zu verkaufen; den Verlust an sich hätten die Karthager ertragen, aber die große Masse der Verwundeten hätte man weder in dem feindlichen Lande preisgegeben noch ihnen den unmittelbaren Marsch über die Alpen zumuten können. Man war bereits im späten Herbst, in einigen Wochen machte der Schnee die Pässe ungangbar. Hätte das karthagische Heer aber den Winter in Galien zugebracht, um im nächsten Frühjahr nach Italien hinabzusteigen, so war zu erwarten, daß die Römer, gewarnt und erschreckt durch die Niederlage des ersten Heeres, die Punier unmittelbar beim Austritt aus den Alpenpässen mit einer großen Übermacht erwarten würden. Dies war die gefährlichste Blöße in Hannibals Kriegsplan. Wenn die Römer von vornherein ihre Defensive bis an diesen Punkt zurückverlegt hätten und den Puniern unmittelbar bei ihren Austritt aus den Pässen, während ihre Kavallerie teils durch die Strapazen, teils durch das Terrain halb außer Aktion gesetzt war, zu Leibe gegangen wären, so sieht man nicht, wie[375] Hannibal seine Invasion hätte durchführen können. Aber mit seinem durchdringenden, psychologischen Scharfblick hatte er, wie Fuchs meisterhaft ausführt, vorhergesehen, daß der alte tapfere Offensivgeist der Römer sie nicht innerhalb ihrer Grenzen auf die Ankunft des Feindes werde warten lassen. Wenn sie ihm nicht bis nach Spanien entgegenkamen, was er vielleicht anfänglich gehofft hat, so doch gewiß nach Gallien.

Auch über positive Nachrichten mag Hannibal verfügt haben. Wir dürfen annehmen, daß es ihm in Rom, wo alle Sorten Volk zusammenströmte, nicht an Verbindungen fehlte und daß er sich einen Nachrichtendienst organisiert hatte. Bei aller römischen Tugend waren Beschlüsse, die ein so großes Kollegium wie der Senat faßte, schwer ganz geheim zu halten und noch weniger die praktischen Vorbereitungen. Im Jahre 216 wollen die Römer einen punischen Spion in ihrer Stadt entdeckt haben, der sich zwei Jahre dort aufgehalten hatte, und schickten ihn zum abschreckenden Exempel mit abgehauenen Händen hinaus (Livius XXII, 33).

Hannibal erwartete also mit gutem Grund die Römer irgendwo schon unterwegs, und wenn er dann das Zusammentreffen vermeidend oder unmittelbar nach der Schlacht die Alpen überschritt, so fand er drüben am Ausgang der Pässe noch keine vorbereitete Verteidigung, selbst vielleicht dann nicht, wenn er die Schlacht noch in Spanien schlug. Denn der Ruf dieses Sieges hätte ihm den Marsch durch die keltischen Völkerschaften sehr erleichtert. Der Marsch, den Hannibal gemacht hat, vom Ebro bis in die Po-Ebene, beträgt in der Luftlinie etwa 120 Meilen und hätte dann vielleicht statt in fünf in drei Monaten zurückgelegt werden können. Aber man braucht nicht alle Möglichkeiten der Kombination zu erschöpfen: genug, daß Hannibal mit gutem Fug darauf rechnete, den Übergang über die Alpen vollziehen zu können, ohne daß die Römer ihn hindern würden, und daß er wiederum mit richtiger Berechnung den Sieg an der Rhone ausschlug, um mit völliger Sicherheit und, ohne sich durch Preisgebung von einigen Tausend Verwundeten selbst zu schwächen, seinen Einzug in das Po-Land zu halten und sich dort im Bündnis mit den cisalpinischen Galliern eine neue Basis zu schaffen.[376]

Hannibals Berechnungen sind alle eingetroffen, die der Römer nicht. Aber man gehe deshalb nicht zu streng mit ihnen um: sie hatten es eben mit einem Hannibal zu tun, und da ist es nicht leicht zu bestehen. Ein Senat kann nicht beschließen nach genialen Intuitionen; er kann nicht anders handeln und beschließen als nach der Art der Väter, und das haben auch die Römer hier furchtlos und nach der Maßgabe der Einsichten des natürlichen Verstandes getan. In manchem Augenblicke der Geschichte aber reicht das nicht aus.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 371-377.
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