Zweites Kapitel.

Das strategische Grundproblem des

zweiten punischen Krieges.

[352] Erst durch die Feststellung der taktischen Verhältnisse auf beiden Seiten ist die Grundlage für die Betrachtung der Strategie gewonnen. Die Karthager waren der taktisch unbedingt überlegene Teil. Sie hatten einen Feldherrn, die Römer wählten jedes Jahr zwei regierende Bürgermeister, die auch die Armee kommandierten; sie hatten so wenig eine Vorstellung von den Postulaten einer großen Kriegführung, daß sie die Konsuln sich entweder die Legionen teilen ließen oder, wenn sie beisammen waren, beide abwechselnd einen Tag um den andern das Kommando führten. Man hat eine solche Ungeheuerlichkeit einem Hannibal gegenüber dadurch zu mildern gemeint, daß man bloß von dem abwechselnden Vorsitz im Kriegsrat spricht: in Wirklichkeit wäre das eine Verschärfung – denn dann hätte überhaupt nicht ein einzelner, sondern ein Kollegium kommandiert. Man bleibt aber richtiger – obgleich natürlich auch Kriegsrat gehalten ist – bei dem Ausdruck: abwechselndes Kommando. Wie die Feldherren, so das Offizierkorps: bei den Karthagern die in der Schule des Hamilkar Barkas ausgebildeten Berufsoffiziere; bei den Römern kriegerische Bürger von größerem oder geringerem natürlichen Talent. Die karthagischen Generale manövrieren mit den verschiedenen Korps, Infanterie und Kavallerie, nach Bedürfnis; die römischen Legionen können nichts als nebeneinander geradeaus marschieren. Die karthagische Kavallerie endlich ist auch an Zahl der römischen weit überlegen.

Allen diesen Vorzügen des Gegners haben die Römer den einen einzigen einer schier unerschöpflichen Menge kriegerisch tüchtiger und zuverlässiger Mannschaft entgegenzusetzen.173[352]

Diese Verschiedenheit der Stärke hüben und drüben bringt ein Verhältnis hervor, das eine gewisse Analogie zu dem Verhältnis der Athener und Spartaner im peloponnesischen Kriege bietet. Lange, lange kann es zu keiner definitiven Entscheidung kommen, weil die Athener zur See, die Spartaner zu Lande die mächtigeren sind, und keiner den andern in seinem Elemente zu packen vermag. Im zweiten punischen Kriege ist der Kontrast nicht so scharf und wird von den Römern auch erst allmählich erkannt: anfänglich fordern sie keck die Feldschlacht heraus, um erst durch eine Reihe furchtbarer Niederlagen belehrt, in andere Bahnen einzulenken. Hannibal aber kannte von vornherein, wie seine Stärke, so auch seine Schwäche.

Wer den Krieg nach dem Grundsatz der Niederwerfung des Feindes führen will, muß imstande sein, nachdem er die feindliche Hauptmacht im freien Felde aufgesucht und geschlagen, den Sieg unablässig, bis zur Belagerung und Einnahme der feindlichen Hauptstadt und endlich, wenn auch das noch nicht zum Frieden führt, bis zur Debellatio zu verfolgen. Dazu war Hannibal zu schwach, und er war sich von Anfang an dessen bewußt, daß er trotz der größten Siege nicht imstande sein werde, Rom selbst zu belagern und einzunehmen.

Bei Cannä hatte er doch nur die kleinere Hälfte der römischen Legionen geschlagen und aufgerieben (8 von 18), und die Römer ersetzen den Verlust sehr bald durch neue Aushebungen; sie ließen nicht einmal die außerhalb, in Sizilien, Sardinien, Spanien stehenden Legionen nach Hause kommen. Unmittelbar nach der Schlacht in Rechnung auf die Wirkung des Schreckens gegen Rom zu ziehen, hätte Hannibal also keinen Nutzen gebracht und hätte, als nichtige Demonstration verlaufend, die sonstigen moralischen Wirkungen des Cannensischen Sieges paralysiert. Wenn jener berühmte Ausspruch des Reiterführers Maharbal, daß Hannibal zu siegen, aber nicht den Sieg zu benutzen verstehe, wirklich gefallen ist, so beweist es nur, daß der tapfere General ein bloßer Haudegen und kein Feldherr war. Das punische Heer hatte in dem stundenlangen Hinmorden der eingeschlossenen Legionare selber 5700 Tote eingebüßt, daneben also wenigstens 20000 Verwundete, die erst nach Tagen und Wochen wieder marschfähig[353] wurden. Gleich nach der Schlacht aufbrechend wäre Hannibal mit kaum 25000 Mann vor Rom angekommen, und einem so kleinen Korps hätten die Römer auch im äußersten Schrecken sich nicht unterworfen.

Später, nach Ausheilung und Ergänzung des Heeres mag Hannibal so viel Mannschaft gehabt haben, daß er, sagen wir mit 50000 oder 60000 Mann, die Belagerung Roms hätte ins Auge fassen können. Rom aber war eine sehr große, gutbefestigte Stadt; die, wohl in der Zeit der Samniterkriege erbaute, sog. Servianische Mauer hatte einen Umfang von mehr als einer Meile. Große unbebaute Plätze innerhalb der Umwallung konnten die flüchtige Landbevölkerung aufnehmen. Als große Handels- und Hauptstadt war Rom mit Vorräten aller Art reichlich versehen. Hätte Hannibal die See beherrscht, erst Ostia genommen und sich dann zur See verpflegen können, so möchte es nicht unmöglich erscheinen, mit 50-60000 Mann an die Belagerung Roms zu denken. Aber hier kommt in Betracht, daß zur See die Römer die stärkeren waren: Hannibal hatte, um sich nicht zu zersplittern, alle Kraft in das Landheer geworfen. Die Belagerungs-Armee hätte sich also vom Lande verpflegen müssen; ungeheure Transporte hätten arrangiert und durch ein ringsum feindliches Land, an zahllosen feindlichen, die Straßen sperrenden Städten und Kastellen vorbei herangeführt werden müssen. Ein sehr großer Teil der punischen Truppen hätte sich diesem Dienst unterziehen müssen, und jede vereinzelte Abteilung wäre auf Schritt und Tritt den noch im Lande stehenden oder neugebildeten Legionen und Cohorten, römischen wie bundesgenössischen, ausgesetzt gewesen. Der Rest, der für die Belagerung blieb, durch den Tiberstrom geteilt, hätte den Ausfällen der an Zahl weit überlegenen Besatzung schwerlich standgehalten. Die Hauptwaffe der Karthager, die Kavallerie, konnte dabei nichts leisten.

Hannibal wußte sehr wohl, was er tat, als er weder nach dem Siege vom Trasimenus noch nach Cannä auf Rom marschierte. Von Anfang an hatte er ein anderes Mittel der Niederkämpfung des Gegners ins Auge gefaßt.

Außer Stande, die Römer völlig niederzuwerfen, sie als Großmacht zu vernichten, legte er den Krieg darauf an, sie zu ermatten[354] und zu zermürben, bis sie willig wurden, einen Verständigungsfrieden zu schließen. Die Strategie wird zur Politik und die Politik zur Strategie. Nach dem, wie es schien, entscheidenden Siege von Cannä ließ der Punier doch den Römern sagen, es sei kein Krieg um Sein und Nichtsein, den er mit ihnen führe (non internecivum sibi esse cum Romanis bellum; Livius XXII, 58), und bot Friedensverhandlungen an. Die Römer lehnten ab, aber einen Gegner zu einem Ausgleichsfrieden willig zu machen, ist auch ohne große Entscheidungen, zu denen die Römer sich jetzt nicht mehr stellten, möglich, und Hannibal hatte es von Anfang an darauf abgesehen.

Gleich bei seinem Erscheinen in Italien erklärte er, daß er nicht komme, die Völker der Halbinsel zu bekämpfen, sondern sie von der Herrschaft der Römer zu befreien. Nach jeder Schlacht entließ er die gefangenen Bundesgenossen ohne Lösegeld, damit sie in ihrer Heimat das politische Ziel und die Großmut des karthagischen Feldherrn verkündeten. Die römischen Bürger machten kaum ein Drittel der Bewohnerschaft Italiens aus; der Rest bestand aus mehr oder weniger selbständigen Gemeinden und Kantonen, die beschließen konnten, sich der römischen Führung, der sie unterworfen waren, wieder zu entziehen. Sie stellten zu der gemeinsamen Armee des Bundes selbständige Kontingente. Selbst Gemeinden, die als römische Kolonien gegründet waren, konnten es vielleicht vorteilhaft finden, ihr Schicksal von dem der Mutterstadt zu trennen.

Nach Cannä begann der Abfall in großem Stil. Capua, nach Rom die größte Stadt von Italien, die sogar das römische Bürgerrecht sine suffragio besaß, und eine große Zahl von Kantonen und kleineren Städten, endlich auch die dritte Stadt Italiens, Tarent, traten zu Hannibal über; und wie im Norden die Gallier den Karthagern ihre Unterstützung geliehen hatten, so ging auf Sizilien Syrakus auf ihre Seite über. Hätte durch unausgesetzten Druck und Bedrohung Hannibal diese Bewegung in stetem Fluß halten können, so mußte endlich der Moment kommen, wo die Römer ermatteten und Frieden schlossen oder wo die Basis Hannibals in Italien breit und sicher genug wurde, um zur Belagerung Roms schreiten zu können.

Nachdem Polybius die Ereignisse bis zur Schlacht von Cannä[355] erzählt hat, unterbricht er sich, holt erst Dinge aus der griechischen Geschichte nach, und ehe er den punischen Krieg wieder aufnimmt, schiebt er eine Darstellung der römischen Verfassung ein. Diese Anordnung zeigt den wahrhaft großen Historiker. Wie wenig interessieren die abstrakten Formen einer Verfassung und der Usus einer Verwaltung um ihrer selbst willen! Bei Polybius aber beantworten sie die Frage: wie war es möglich, daß ein Staat eine Niederlage wie die von Cannä, nachdem schon die vom Ticinus, an der Trebia und vom Trasimenus vorausgegangen waren, überstand? Die ungeheure Spannung, die jene Ereignisse hervorgerufen, überträgt sich auf den Leser. Diese Frage und diese Antwort sind das Meisterstück der Polybianischen Kunst, denn kein äußerer Kunstgriff ist es, der die Spannung erzeugt, sondern die Natur der Sache selbst, die hier durch die Form zum künstlerischen Ausdruck gebracht ist.

Wir wollen suchen, Polybius nachzuahmen, indem wir der toten statistischen Zahl durch denselben Reflex Leben einhauchen. Wie groß war die Leistung Roms, mit der es dem Genie Hannibals das Gleichgewicht hielt und unter allem Abfall sich mit unzerbrechlicher Kraft behauptete? Die Einzel-Berechnung möge unten folgen, aber die Hauptzahlen, wie sie sich zwar nicht mit völliger, aber doch ausreichender Gewißheit aus der Überlieferung ergeben, sind diese:

Der römische Staat (abgesehen von den Bundesgenossen) hatte bei Ausbruch des zweiten punischen Krieges nach Ausweis der uns überlieferten amtlichen Census-Zahlen etwa eine Million freier Seelen und stellte bei Beginn des Krieges etwa 34000 Mann zu Lande unter Waffen. Hierzu kommt ein Zuschlag für die Flotte, den wir aber nicht berechnen können, da der bei weitem größere Teil der Besatzung aus Bundesgenossen und Sklaven bestand.

Die 7-8 Legionen des ersten Jahres wurden nun trotz der Verluste von der Trebia und vom Trasimenus im Jahre 216 auf 18 vermehrt und der Etat derer des Hauptheeres auf 5000 Mann Infanterie erhöht. 8 Legionen standen beim Hauptheer gegenüber Hannibal, 2 in Spanien, 2 in Sizilien, 1 in Sardinien, 2 gegen die cisalpinischen Gallier, 2 in Rom als Besatzungs- und Ersatz-Truppen, 1 auf der Flotte; die letztgenannten 8 Legionen[356] werden wir uns als sehr inkomplett vorzustellen haben. Rechnen wir für jeder der Legionen bei Cannä 4800, für die beiden in Spanien je 4000, für die acht anderen je 2500 Mann, so ergibt das rund 66000 Mann oder reichlich 61/2% der freien Bevölkerung. Bringen wir noch die 218 und 217 Gefallenen in Anschlag, so kommen wir auf 71/2%.174

Da aus den Trümmern des Cannensischen Heeres zwei neue Legionen gebildet wurden, so können wir hier 6 als verloren rechnen; zwei weitere vernichteten bald darauf die Gallier. Diesen Verlust war man nicht imstande, voll zu ersetzen, um so weniger, als ganze große Gemeinden von cives sine suffragio (Capua) zum Feinde übergingen. Indem man sogar die Gefängnisse leerte und Jünglinge von noch nicht 17 Jahren einstellte, brachte man zwei Legionen zusammen, und zwei weitere bildete man aus Sklaven, denen die Freiheit versprochen wurde. Rom hatte also wieder 14 Legionen, die in den nächsten Jahren allmählich auf 22 vermehrt wurden, indem man jährlich aus den kriegsfähig gewordenen Jünglingen zwei neue Legionen bildete. Der höchste Stand von 22 Legionen wurde erreicht in den Jahren 212 und 211; die Kopfzahl wird aber erheblich unter derjenigen des Jahres 216 geblieben sein, da der Ist-Bestand jeder einzelnen Legion viel schwächer war. Bis 216 waren die Gefangenen noch nach einem festen Abkommen, das schon im ersten punischen Kriege bestanden hatte, ausgelöst worden. Die Gefangenen von Cannä freizukaufen, lehnte der Senat um des Beispieles willen ab, obgleich Hannibal es anbot, und bildete lieber die Sklaven-Legionen. Sie wurden also in die Fremde verkauft, und noch ein halbes Menschenalter später fanden die Römer so viele ihrer Landsleute als Sklaven in Griechenland, daß, als im Jahre 194 der Konsul Flaminius ihre Freikaufung von den Griechen erbat, die Achäer allein 1200 zurückzugeben hatten175, und noch sechs Jahre später sollen in Kreta[357] abermals eine große Zahl befreit und in die Heimat zurückgeführt worden sein.176

Obgleich der Staat also während des Krieges auf die Bürger, die einmal in die Gewalt des Feindes gefallen waren, verzichtete und sie ihrem Schicksal überließ, werden wir wohl annehmen dürfen, daß, wenn auch nicht von Staatswegen, doch einzeln von den Ihrigen sehr viele Gefangene wieder losgekauft worden sind. Die Sklaven-Händler, die die Gefangenen aus dem karthagischen Lager übernahmen, hatten ja kein Interesse, sie anders als zum bestmöglichen Preise loszuschlagen, und im Jahre 210 klagen die römischen Bürger über die unerschwinglichen Leistungen: nicht einmal so viel, um sich loszukaufen, sei ihnen übrig geblieben (Livius XXVI, 35). Der private Loskauf aus der Kriegsgefangenschaft war also ein Vorkommnis, mit dem man rechnete. Mag auch auf diese Weise der Verlust von Trasimenus und von Cannä um eine Anzahl Tausende reduziert werden, immer bleibt die Leistung des römischen Volkes beispiellos. Selbst die Leistung Preußens im Jahre 1813 wird nur auf 51/2 Prozent der Seelenzahl berechnet, und sie wurde noch nicht 1 Jahr hintereinander in Anspruch genommen. Die Athener haben wohl zeitweilig einen noch größeren Prozentsatz der Bürger als Rom unter Waffen gehabt, aber immer nur für ganz kurze Zeit. Hier aber geschah es, daß jahraus, jahrein und auf ganz entfernten Kriegsschauplätzen fast die gesamte kriegsbrauchbare Mannschaft die Waffen trug. Auch von den Sklaven war ein sehr großer Teil entweder für die Legionen oder für den Schiffsdienst requiriert. Es ist erstaunlich, daß das Wirtschaftsleben und die Finanz-Verwaltung dabei sich haben aufrecht erhalten können. Außer den Steuern wurden Kredite bis nach Abschluß des Friedens, namentlich von den Lieferanten in Anspruch genommen, Sizilien wird sehr scharf ausgepreßt worden sein und eine Münzverschlechterung gab den Schuldnern Erleichterung und machte die Geldmittel flüssiger. Erst die Leistungen des deutschen Volkes im Weltkriege 1914 bis 1918 haben die der Römer noch überboten.

Indem die römische Verfassung in dieser Weise die eigenen[358] Volkskräfte zur Verfügung des Staates stellte, bewährte sich auch der wohldurchdachte Bau der Bundesverfassung, deren Haupt die Tiberstadt war. Wohl fiel ein großer Teil der Eidgenossen ab, ging zum Feinde über oder wurde wenigstens lässig in den Leistungen. Aber alle römischen Kolonien, alle Latiner und eine große Anzahl Griechenstädte hielten fest zu Rom,177 und gerade die Fortschritte, die Hannibal erzielte, veränderten die Bedingungen der Kriegführung. Schon vor der Schlacht bei Cannä, nach den Erfahrungen von der Trebia und vom Trasimenus hatte der Diktator Qu. Fabius Maximus den Krieg unter Vermeidung der taktischen Entscheidung führen wollen. Er stand aber fast allein mit dieser Idee, und man kann es der anderen Partei im Grunde wohl nicht so sehr verdenken, daß sie erst einmal einen Versuch machen wollte, ob es denn nicht möglich sei, den schrecklichen Feind niederzurennen, indem man die doppelte Überlegenheit auf ihn werfe. Die Niederlage führte nunmehr nicht nur auf die Strategie des Cunctators zurück, sondern gab ihr das, was ihr von Cannä noch gefehlt hatte und weshalb sie damals noch nicht hatte durchgesetzt werden können: das positive Ziel. Es liegt in der Natur des Krieges, daß jeder Erfolg, wenn er nicht zu völliger Niederwerfung des Feindes und zum Friedensschluß führt, ein Objekt für Gegenstöße und Rückschläge bildet. Hannibal gelangte, nach Clausewitz' Ausdruck, an den Kulminationspunkt des Sieges. Zu großen Feldschlachten stellten sich die Römer nicht mehr;178 große Belagerungen zu unternehmen war Hannibal, so lange zahlreiche römische Legionen im Felde standen und ihm die Zufuhr abschneiden konnten, zu schwach. Umgekehrt aber war er selber nicht[359] imstande, zu verhindern, daß die Römer die abgefallenen Städte ihrerseits belagerten, wieder zur Unterwerfung brachten und bestraften. Diese Belagerungen sind fortan die Mittelpunkte der Kriegführung. Ein befestigtes römisches Lager zu erstürmen, worin sich die Konsuln bei ihrer Belagerung deckten, reichte die kriegerische Überlegenheit des karthagischen Heeres nicht aus; hier kam der Choc der Kavallerie, das taktische Ineinandergreifen verschiedener Korps und Waffen nicht zur Geltung, und die zähe Tapferkeit der römischen Legionare behauptete das Feld.179 Die Belagerung und Wiedereinnahme Capuas durch die Römer ist die virtuelle Krisis des Krieges. Ein ganz einzig dastehendes Ereignis in der Kriegsgeschichte: daß die eine Partei eine große, langwierige Belagerung durchzuführen vermag, obgleich die andere die unbedingte Überlegenheit in freiem Felde besitzt – nur erklärlich durch die eigentümliche Kräfteverteilung, daß die Heere nicht gleichartig sind, sondern jede Partei ihre eigentümlichen Forcen hat, die einen in der Kavallerie, die andern in der Masse der Infanterie.

Hannibal soll einen Versuch gemacht haben, die römische Circumvallationslinie zu erstürmen, während die Capuaner einen Ausfall machten. Die Nachricht stammt jedoch aus der Schatzkammer des römischen Siegesbulletins. Ein wirklicher großer abgeschlagener Sturm hätte stärkere Nachwirkungen haben müssen, und Polybius berichtet nichts davon. Hannibal erkannte von vornherein die Unmöglichkeit eines Erfolges – die Römer hatten wohl 40 bis 50000 Mann in den Verschanzungen – und als es ihm nicht gelang, den Feind zu einer Schlacht herauszulocken, versuchte er es mit einer bloßen moralischen Wirkung. Er zog direkt gegen Rom und kam bis vor die Tore der Stadt. Aber die Römer ließen sich nicht einschüchtern, und Hannibal mußte Latium wieder verlassen. Es kam nichts heraus als ein Verwüstungszug und eine Demonstration, und Capua fiel.

Von jetzt an war es für Hannibal nicht mehr möglich, Rom zu besiegen. Schon vor Capua hatten die Römer Syrakus erobert; bald fiel auch Tarent an sie zurück. Statt des weiter und[360] weiter um sich greifenden Abfalles der Italiker, von dem Hannibal seinen endgültigen Sieg erwartet hatte, setzte eine Wiederausdehnung und Neubefestigung der römischen Herrschaft ein. Die Streitkräfte Hannibals aber, von der Heimat aus ungenügend ergänzt, schmolzen allmählich dahin; sogar einige seiner numidischen und spanischen Truppen gingen zum Feinde über. Auf den Nebenkriegsschauplätzen Sizilien, Sardinien, Spanien, wo die Furcht vor dem Genie Hannibals fehlte und die Stärke der Karthager, die Kavallerie, teils weniger vorhanden war, teils nicht zur Geltung kam, schwankte das Kriegsglück. Nachdem schon einmal der größte Teil Spaniens von den Römern eingenommen war, erlitten sie in demselben Jahr, in dem sie Capua zurückeroberten (211), eine vernichtende Niederlage, von der sie sich aber doch wieder erholten, Verstärkungen nachzogen und von neuem zur Offensive schritten. Noch ist nicht abzusehen, wie die letzte Entscheidung ausfallen wird, aber das Übergewicht, das die Karthager in den ersten Jahren des Krieges in den großen Feldschlachten gewonnen, ist ihnen allmählich wieder verloren gegangen, und die Kräfte sind ins Gleichgewicht gekommen. Keiner von beiden Teilen ist in der Lage, eine Entscheidung zu erzwingen. Die Römer wagen die Feldschlacht nicht, und Hannibal kommt nicht so weit, Rom belagern zu können.

Nachdem wir uns den strategisch-politischen Zusammenhang klar gemacht haben, ist es angebracht, zu vergleichen, wie die volkstümliche Erinnerung der Menschheit sich die Dinge zurechtgelegt hat. Ganz richtig verknüpft sie den Umschwung mit dem Namen Capuas, aber mit welcher Motivierung! In dieser üppigen und liederlichen Stadt, heißt es, verweichlichten sich die rauhen Krieger Hannibals und verloren Kraft und Mut. (Livius Buch 23, Kap. 18.) Weshalb die Römer dies unkriegerisch und zuchtlos gewordene Heer doch noch zwölf Jahre in Italien duldeten, kümmert die Legende nicht. Die sachlichen Zusammenhänge sind ihr gleichgültig; sie arbeitet ausschließlich mit Persönlichkeiten und persönlichen Motiven und stellt dabei den wirklichen Zusammenhang völlig auf den Kopf. »Capua« als Bezeichnung für ein verweichlichtes Heer ist in den Metaphernschatz aller gebildeten Völker übergegangen, wie »Xerxes«[361] für das Massenheer, und wird darin verbleiben. Im zweiten punischen Krieg, wo wir Polybius als Quelle haben, unterscheiden wir die Geister ohne Schwierigkeit. Wir haben jenem nacherzählen können, was dem Namen Capuas in diesem Kriege in Wirklichkeit die große Bedeutung gegeben hat, und was in diesem unseren Kapitel gesagt ist, ist in den wesentlichsten Punkten längst Gemeingut der Geschichtsschreibung. Für die Perserkriege, wo uns in Herodot nichts als die Legende vorliegt, war die Scheidung naturgemäß schwieriger.


1. Über den Zug Hannibals gegen Rom weichen die Berichte sehr von einander ab, sind aber über haupt wenig glaubwürdig. Polybius wie Livius legen Hannibal unter, daß er wirklich an die Möglichkeit, Rom zu überumpeln, gedacht habe. Daß Hannibal nicht von vornherein ausgesprochen, er halte selber die Einnahme Roms für unmöglich, ist selbstverständlich; wenn er nicht den Anschein eines ernsthaften Versuches erweckt hätte, hätte er überhaupt keine Wirkung erzielen können, und der Zufall spielt ja manchmal wunderbar. Aber dem Gedanken, eine Stadt wie Rom durch Überraschung zu nehmen, kann sich Hannibal unmöglich hingegeben haben, und er hat, als er ankam, auch nicht einmal den Versuch gemacht. Die Nachricht von seinem Anmarsch war natürlich, da eine große Armee sich immer nur langsam bewegt, schon tagelang vor ihm in Rom, und es war auf jeden Fall Zeit genug, die Mauerverteidigung zu organisieren. Selbst wenn gar keine Feldtruppen in der Stadt gewesen wären, so hätten vorläufig die seniores dafür genügt.

Wenn uns also Polybius erzählt, daß er völlig unerwartet vor Rom erschienen sei und die Stadt nur dadurch gerettet wurde, daß zufällig gerade die Mannschaften von zwei neu ausgehobenen Legionen sich stellten, so ist das die natürliche Übertreibung, in der der ungeheure Schreck der Römer seinen Ausdruck gefunden und auch noch nachträglich behalten hat. Cantalupi180 hat wahrscheinlich gemacht, daß sich auch die beiden älteren legiones urbanae noch in der Stadt befanden, im ganzen also vier Feldlegionen, darunter zwei unausgebildete, für die Verteidigung zur Verfügung standen. Der Vorwurf, den STREIT in seiner sonst trefflichen Schrift181 gegen den römischen Senat erhebt, daß er die Hauptstadt ohne Garnison gelassen, während Hannibal nicht fern war, ist also nicht gerechtfertigt.

Livius gibt überdies an, daß man, frühzeitig von der Bewegung Hannibals unterrichtet, von der Capuanischen Belagerungsarmee ein Korps unter Fulvius herangezogen habe, das mit den Puniern gleichzeitig angelangt sei, und ich sehe keinen Grund, diese Nachricht anzuzweifeln.[362]

Nach beiden Autoren besetzen die römischen Truppen nicht bloß die Mauern, sondern rücken vor die Tore und stellen sich den Puniern zu offener Feldschlacht. Das ist eine offenbare römische Erdichtung. Eine offene Feldschlacht, in der ihm der Sieg noch nie gefehlt hatte, unmittelbar vor den Toren Roms, hätte dem karthagischen Feldherrn nicht nur den höchsten Lorbeer, sondern auch eine wirkliche Aussicht geboten, mit den geschlagenen Römern zugleich in die Tore einzudringen und Rom gegen alle rationelle Berechnung zu nehmen. Eine solche Schlacht sollte Hannibal nicht angenommen haben? Zweimal standen sich die Heere gegenüber und beide Male trennte ein Platzregen die Kampfbegierigen – nach Livius. Da erkannte Hannibal, daß die Götter gegen die Schlacht seien. Nach Polybius aber scheute Hannibal sich vor der unvermutet großen Zahl der römischen Krieger und stand von dem geplanten Angriff ab. Mit Wundern gibt Polybius sich nicht ab, aber er hätte in der Kritik der römischen Legende noch einen Schritt weitergehen und die ganze Aufstellung vor den Mauern streichen sollen. Daß es eine Aufstellung zur Schlacht gewesen sei, sagt er übrigens auch nicht ausdrücklich; man könnte etwa auch an eine vorgeschobene feste Stellung denken.

Das Korps des Fulvius, das die Römer von der Capuanischen Belagerungsarmee herangezogen hatten, hatte diese nicht so sehr geschwächt, um einen Angriff auf sie aussichtsvoll zu machen. So mußte Hannibal den Rückzug antreten und Capua seinem Schicksal überlassen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 352-363.
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