Viertes Kapitel.

Rom gewinnt das Übergewicht.

[386] Der zweite punische Krieg war in eine Art Gleichgewicht gekommen, dadurch, daß Hannibal das offene Feld beherrschte, die Römer aber die weitere Ausdehnung seiner Machtsphäre durch die befestigten, ihnen treu bleibenden oder wiedergewonnenen Städte verhinderten. Dann senkte die Wage sich allmählich mehr und mehr zugunsten der Römer, indem sie auf den Nebenkriegsschauplätzen völlig die Oberhand gewannen und auch in Italien den Karthagern mehr und mehr Städte wieder entrissen. Hannibal machte noch einen letzten großartigen Versuch, das Schicksal zu zwingen, indem er Spanien aufgab und die dortigen Truppen von seinem Bruder Hasdrubal auf der alten Straße über die Pyrenäen und Alpen nach Italien führen ließ. Aber dieses Heer wurde, ehe es sich mit ihm vereinigen konnte, von den Römern am Metaurus (207) angefallen, geschlagen und vernichtet,187 und man muß sagen, selbst wenn Hasdrubal am Metaurus gesiegt hätte, hätte dieser Sieg die Niederlage der Römer noch nicht entschieden. Auch[386] mit seinem Bruder vereinigt, hätte Hannibal, angesichts der Möglichkeit, daß die römische Flotte die siegreichen Legionen aus Spanien, Sardinien, Sizilien heimführte, die Belagerung Roms nicht unternehmen können. Ob sich die Römer dann zu einem Verständigungsfrieden hätten bereit finden lassen – wer will es wissen?

So vorteilhaft sich nun aber auch die Lage der Römer gestaltet hatte, eine endgültige Entscheidung konnten sie auf dem bisherigen Wege nicht gewinnen. Dazu war nötig, daß auch die karthagische Hauptarmee in offener Feldschlacht besiegt und ihre Kraft gebrochen wurde. Solange man sich nicht an Hannibal selber herantraute und dieser sich in Italien hielt, war an eine Unterwerfung Karthagos nicht zu denken. Immer war noch ein Umschwung möglich, etwa durch eine allgemeine Erhebung der spanischen Völker gegen die römische Herrschaft, durch das Eingreifen König Philipps von Macedonien, durch den völligen finanziellen Zusammenbruch des römischen Staates. Kam Rom über diesen Zustand nicht hinaus, so konnte es zwar schließlich vielleicht Karthago einen ungünstigen Frieden auferlegen, aber doch nicht seine Selbständigkeit als Großmacht völlig brechen, und hätte Karthago sich in solcher Selbständigkeit behauptet, so hätte es überhaupt zu der Unifizierung der alten Welt unter römischer Herrschaft nicht kommen können. In der nächsten Generation hat Rom Macedonien und Syrien niedergeworfen, und damit ist, wie das schon Polybius richtig aufgefaßt hat, seine Weltherrschaft im wesentlichen hergestellt. Hätte Karthago noch zugunsten jener beiden Reiche eingreifen können, so hätte sich eine Art Gleichgewicht der Mächte gebildet, das an moderne Verhältnisse – vor 1914 – erinnert und das ja auch nur dadurch erhalten worden ist, daß in kritischen Augenblicken alle Schwachen gegen den Stärksten zusammengehalten haben. Das entscheidende Moment der alten Geschichte liegt also darin, daß die Römer im Verlaufe des zweiten punischen Krieges endlich ein Kriegswesen ausbildeten, das imstande war, Hannibal in offener Feldschlacht zu überwinden und dadurch die Kraft Karthagos völlig zu brechen. Es gibt keine wichtigere Untersuchung in der Weltgeschichte, als die Frage: welche Wandlung im römischen Kriegswesen innerhalb der vierzehn Jahre zwischen Cannä und Zama vor sich gegangen ist.[387]

Wir verfahren wieder am besten so, daß wir nicht die einzelnen noch unsicheren Spuren, wie sie uns hier und da aus den Quellen ansprechen, chronologisch zusammenstellen, sondern daß wir gleich dasjenige Ereignis ins Auge fassen und untersuchen, wo die Wandlung fertig und deutlich vor uns steht, den letzten Feldzug, in dem Hannibal dem Scipio erliegt, die Schlacht von Zama. Die einzelnen Zwischenstufen können wir dann entweder auf sich beruhen lassen, wo die Quellen nicht deutlich genug sind, oder sie er klären sich von selbst.

Der erste Unterschied, der in die Augen springt, wenn man die Römer bei Zama mit den Römern bei Cannä vergleicht, ist ein, man darf den Ausdruck gebrauchen, staatsrechtlicher. Das römische Heer bei Cannä wird kommandiert von den zwei derzeitigen Oberbeamten der Republik, bei Zama von einem Feldherrn. Die harte Erfahrung hatte die Römer gelehrt, daß einem Hannibal gegenüber die alte Methode, das Heereskommando wie alle Ämter jährlich unter den angesehensten Senatoren umgehen zu lassen, nicht aufrecht zu erhalten sei. Der Ausweg, einen Diktator zu ernennen, zu dem man nach der Niederlage vom Trasimenus gegriffen hatte, ließ sich nicht wiederholen. Dieses Amt war nach dem Gesetz und der Natur der Sache ein kurz befristetes, höchstens auf sechs Monate. Hätte man denselben Mann mit einer immer erneuten oder permanenten Diktatur betraut, so hätte das geradeswegs in die Monarchie geführt. Man hatte sich damit geholfen, die bewährtesten Führer wie Qu. Fabius Maximus, M. Claudius Marcellus, Qu. Fulvius Flaccus möglichst häufig, gegen die Vorschriften des Gesetzes und der Sitte, zu Konsuln zu wählen und ihnen nach Ablauf der Amtszeit als Prokonsuln Kommandos zu übertragen und zu verlängern.

Aber der Kompromiß genügte nicht. Männer, die geeignet sind, Armeen zu führen, sind rar, und wenn man einen hat, tut man gut, ihn nicht bloß in irgendwelchem Turnus oder auf jährliche Prolongation hin, sondern dauernd zum Kommando zu bestellen. Als im Jahre 211 die Nachricht kam, daß die römischen Heere in Spanien eine vernichtende Niederlage erlitten hätten, wählte das Volk zum Feldherrn mit konsularischer Gewalt auf diesem Kriegsschauplatz den Publius Cornelius Scipio[388] und beließ ihn in dieser Stellung bis zu seinem definitiven Siege und völliger Austreibung der Karthager aus Spanien. Der Einbruch in die Verfassung war um so tiefer, als Scipio erst Aedil gewesen war und nicht einmal für dieses Amt das gesetzliche Alter hatte. Als Vorspiel zu dieser Neuerung kann angesehen werden, daß das Volk nach Cannä den Prätor Marcellus mit konsularischer Gewalt ausgestattet hatte.188 Diese Irregularität war unvermeidlich, wenn man Karthago besiegen wollte, aber sie bedeutete die Auflösung der republikanischen Verfassung. Der Einzelne, dessen Geisteskraft man nicht mehr entbehren kann, erhebt sich über die Menge. Der Feldherr Scipio ist der Vorläufer des Feldherrn und Alleinherrschers Cäsar. Wie eine Weissagung klingt die Anklage, die der alte Cunctator gegen ihn im Senate erhob, er handhabe die Disziplin nach der Art der Könige.189 Noch gehörte dazu eine Entwicklung von anderthalb Jahrhunderten. Der Rahmen der römischen Verfassung ist stark genug, die Spannung lange zu ertragen und den großen Persönlichkeiten in den Formen des Gesetzes Wirksamkeit zu geben. Als Scipio aus Spanien zurückkam, wurde er zum Konsul gewählt und führte das Kommando in Afrika als Prokonsul, aber in der alten Form lebt ein neuer Geist: diesen Konsul oder Prokonsul kann man nicht mehr Bürgermeister nennen, und ausdrücklich beschloß der römische Senat (203), daß sein Imperium in Afrika nicht zeitlich begrenzt, sondern dauern solle, donec debellatum foret.190

Wie einen Feldherrn, so hat der lange Krieg auch ein Offizierkorps gebildet, und die Armee selbst ist eine andere geworden.

Die Soldaten, die bei Cannä unterlagen, hatten noch den Charakter unter die Waffen gerufener Bürger. Selten hatte die Republik bis dahin mehr als vier Legionen, 18000 Mann (abgesehen von den Bundesgenossen) im Felde gehabt, oft nur zwei Legionen.

Die 217 und 216 einberufenen Mannschaften werden noch ins Feld gezogen sein in der Meinung, sehr bald wieder an den heimischen Herd zurückkehren zu dürfen. Aber noch 14 Jahre später[389] bildeten den Grundstock des Scipionischen Heeres die beiden Legionen, die aus den Resten des Cannensischen Heeres formiert und zweimal durch große Nachschübe im Jahre 214191 und 209192, durch Rekruten oder Reste anderer Legionen ergänzt waren. Neben ihnen standen Truppenteile aus Freiwilligen.

Zwar besteht der Verdacht, daß die Gemeinden, die diese Freiwilligen stellten, weniger aus gutem Willen sich dazu erboten haben, als um die Gnade der Römer, die sie durch Zurückhaltung und Lässigkeit während des Krieges verwirkt hatten, wiederzugewinnen; aber das schließt nicht aus, daß die Mannschaft doch wesentlich aus Angeworbenen bestand, die den Dienst um des Dienstes und der Beute willen aufsuchten, nachdem der Krieg sie zu Kriegern gemacht und dem bürgerlichen Leben entwöhnt hatte.

Das Scipionische Heer hat also den Charakter eines Berufssoldaten-Heeres nicht nur in seinen Tugenden, sondern auch schon in seinen Lastern, in der übermütigen Mißhandlung der eigenen bürgerlichen Bevölkerung.193

Wäre der römische Kriegsstaat im Jahre 204 noch gewesen, was er im Jahre 216 war, Bürger-Soldaten, Bürger-Offiziere, Bürger-Feldherrn, niemals hätte Rom wagen dürfen, ein Heer nach Afrika hinüberzuschicken und dort gegen Hannibal zu kämpfen. Man hätte endlich den Frieden geschlossen, indem Rom den Karthagern irgendein Zugeständnis machte und Hannibal dafür den Boden Italiens räumte. Die weltgeschichtliche Nachwirkung des zweiten punischen Krieges aber ist, daß Rom eine innere Wandlung durchgemacht hat, die seine kriegerische Potenz unermeßlich steigerte. Die Erzählung der Schlacht von Zama wird uns mit der neuen Erscheinung bekannt machen.[390]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 386-391.
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