Fünftes Kapitel.

Vercingetorix.

[535] Cäsar hat Gallien unterworfen in kühnem, raschem Vorgehen, das doch mit großer Vorsicht, ja geradezu Behutsamkeit gepaart war. Strategie und Politik gingen Hand in Hand. Von Anfang an war er im Bunde mit einem Teil der Gallier selbst und wußte die Übrigen zu teilen, ehe er sich mit ihnen schlug. In den drei Schlachten, die ihn zum Herrn des ganzen gewaltigen Gebietes machten, verfügte er zweifellos jedesmal, sowohl gegen die Helvetier wie gegen Ariovist, wie gegen die Nervier, über eine bedeutende numerische Überlegenheit.

Nach den ersten Siegen reduzierte er seine Streitkräfte nicht nur nicht, sondern vergrößerte sie noch sehr erheblich. Gegen die Helvetier hatte er sechs Legionen geführt; zuletzt hatte er in dem eroberten Gallien 10 Legionen271 und überdies noch zur Deckung der Provinz zwei Legionen und zwei Kohorten272 und vermutlich in der Cisalpina noch 8 Kohorten, im ganzen also 13 Legionen.

Wir brauchen weder die weiteren Teilkämpfe noch die verwegenen Übergänge nach Britannien und über den Rhein zu verfolgen, sondern wenden uns gleich der Hauptentscheidung zu, die erst erfolgte, als im siebenten Jahr seiner Statthalterschaft sich alle gallischen Stämme zusammen erhoben und sich unter der Führung des Arverners Vercingetorix gegen ihn vereinigten.[535]

Man sollte meinen, es hätte dem Vercingetorix nicht schwer fallen können, da ja Gallien gewiß eine Million felddienstfähiger Männer hatte, eine ungeheure Übermacht zusammenbringen und damit die Römer in einer Entscheidungsschlacht zu erdrücken. Aber das geschah nicht. Vercingetorix empfahl vielmehr seinen Landsleuten, ihre Überlegenheit an Reiterei zu benutzen, um den Römern die Zufuhr abzuschneiden und ihr eigenes Land sogar ringsum wüstzulegen, um auf diese Weise die Römer zum Abzug zu nötigen. Wäre das die Summe der strategischen Weisheit des Vercingetorix gewesen, so würden wir ihn für einen sehr dürftigen Geist halten müssen – denn was hätte es den Galliern genützt, wenn die Römer für einen Augenblick der Verpflegung wegen in ihre Provinz zurückgewichen wären? Sie wären sehr bald wiedergekommen. Die Befreiung Galliens war nicht zu erreichen durch bloßes Manövrieren: man mußte, wenn man der Römer wirklich ledig werden wollte, ihr Heer so schlagen, daß es die Luft wiederzukommen verlor, es womöglich vernichten, so wie es die Cherusker später im Teutoburger Walde vorgeführt haben. In der Tat sind auch die Gedanken des Vercingetorix dahin gegangen. Cäsar sagt uns das allerdings nicht das erste-, aber das zweitemal, wo er auf den gallischen Kriegsplan zu sprechen kommt (VII, 66), und da er uns selber Vercingetorix als eine höchst bedeutende Persönlichkeit schildert, so dürfen und müssen wir annehmen, daß der gallische Nationalheld von Anfang an die richtige strategische Einsicht gehabt hat, daß es nämlich darauf ankomme, nicht die Römer zu entfernen, sondern sie zu besiegen. Das Abschneiden der Lebensmittel ist nur als eine vorbereitende Maßregel zu verstehen, um für die Schlacht günstige Bedingungen zu schaffen.

Dieser günstigen Bedingungen, die Vercingetorix anstrebte, waren zwei: erstens die Gewinnung derjenigen gallischen Stämme, die anfänglich noch zu den Römern hielten, namentlich der Häduer, für die nationale Sache, und zweitens die Gelegenheit zu einem Überfall, zu einem Angriff auf das römische Heer im Marsch.

Das erste gelang. Da die Gallier sich zur Schlacht nicht stellten, so mußte Cäsar zu Belagerungen schreiten, nahm die Hauptstadt der Bituriger, Avaricum (Bourges), durch förmlichen Angriff und teilte endlich sein Heer, um die Völkerschaften einzeln zu unterwerfen[536] und ihre Städte zu erobern. Mit vier Legionen sandte er Labienus gegen Paris, mit sechs Legionen schritt er selbst zur Belagerung des Hauptortes der Arverner Gergovia. Aber die Teilkräfte waren für ihre Aufgabe zu schwach. Cäsar erlitt selber vor Gergovia bei einem Überrumpelungsversuch eine Schlappe, und mit Mühe schlug sich Labienus durch die Gallier, die ihm den Weg verlegten, durch, um sich mit Cäsar wieder zu vereinigen (im Gebiet der Seine), der ihm entgegenzog. Hochgemut durch diesen Erfolg schlossen sich jetzt fast alle gallischen Stämme den Arvernern an.

Obgleich Cäsar sein vereinigtes Heer auch noch durch neu angeworbene germanische Reiter verstärkte, so war er dennoch nicht imstande, sich im mittleren Gallien zu halten, sondern mußte suchen, sich für seine Verpflegung auf die römische Provinz zu basieren. Er richtete seinen Marsch durch das Gebiet der Lingonen (bei Langres), die noch zu ihm hielten, auf das Gebiet der Sequaner. Göler, wie Napoleon III., sind der Meinung, daß er nach Besançon habe ziehen wollen, um diese Stadt als Waffenplatz zu benutzen.

Von dort, meint Göler, hätte er der römischen Provinz leichter Hilfe bringen können, als wenn er nördlich im Lande der Senonen geblieben wäre, und hatte auf diese Weise Gallien wenigstens nicht ganz geräumt. Napoleon fügt hinzu, er habe nicht daran denken können, den direkten Weg durch das land der Häduer, den Herd der Empörung, zu nehmen. Wenn das richtig wäre, so hätten wir das merkwürdige Schauspiel, daß die gegnerischen Heere beide gleichmäßig die Schlacht direkt zu vermeiden gesucht hätten.

War es wirklich so weit, daß Cäsar nicht bloß Gallien räumen mußte, sondern daß er, ohne eine Niederlage im freien Felde erlitten zu haben, dem Feinde aus dem Wege ging? Mußte er schon zurück bis an die Grenzen der Provinz, so wäre es doch immer etwas anderes gewesen, wenn er seine Straße gerade durch das feindliche Gebiet nahm und, indem die Gegner der Herausforderung auswichen, die moralische Überlegenheit behauptete, als wenn er sich so, wie Göler und Napoleon meinen, sozusagen wegstahl.

Die Auslegung Gölers und Napoleons ist aber zweifellos unrichtig. Das Gebiet der Sequaner war den Römern ganz ebenso feindlich wie das der Häduer, und es ist durchaus nicht gesagt, daß Cäsar gerade nach Besançon wollte. Die Stadt war von Natur[537] sehr fest, und es ist nicht anzunehmen, daß sie eine römische Besatzung hatte. Sie hätte also erst belagert und genommen werden müssen, wenn Cäsar sie zu seinem Waffenplatz machen wollte, wozu sie übrigens nicht nur keinerlei besonders vorteilhafte Bedingungen bot, sondern ganz besonders ungünstig gewesen wäre.

Der Marsch Cäsars zu den Sequanern wird also anders erklärt werden müssen. Er selber sagt, er habe diese Richtung eingeschlagen, damit er um so leichter der Provinz hätte Hilfe bringen können. Denn Vercingetorix hatte sich nicht begnügt, gegen das römische Heer direkt zu operieren, sondern hatte auch Einfälle in die Provinz machen lassen, um Cäsar durch diese Diversion aus Gallien herauszumanövrieren. Noch wichtiger als die Hilfe, die er der Provinz zu bringen hatte, war aber für Cäsar jedenfalls die Hilfe, die die Provinz ihm zu leisten hatte, nämlich die geregelte Verpflegung, die die wenigen treugebliebenen Stämme in Gallien seinem gewaltigen Heer auf die Dauer unmöglich liefern konnten. Was Cäsar jetzt brauchte, war eine Stellung, in der er sich verpflegen konnte, die Provinz deckte und aus der er zugleich einen dauernden Druck auf die Gallier ausübte. Er richtete seinen Marsch daher nicht auf Besançon, sondern auf die Saone und zwar in dem freieren Gelände östlich der Côte d'Or über das Plateau von Langres, wo ihm nicht so leicht ein Hinterhalt gelegt werden konnte. An der Saone konnte er das Manöver, durch das er Belgien unterworfen hatte, wiederholen. Wenn er an diesem Flusse etwa bei Auxonne, oder weiter abwärts, wo der Doubs in die Saone fließt, ein festes Lager schlug, so waren die Gallier nicht imstande, ihn daraus zu vertreiben. Auf dem rechten Ufer stehend, hielt er die angrenzenden Völkerschaften, namentlich die Häduer, in unausgesetzter Besorgnis vor einer plötzlichen Invasion, während einige detachierte Legionen die Völkerschaften auf dem linken Ufer, die Sequaner und Helvetier wieder unterwarfen. Vercingetorix hätte ihnen keine Hilfe bringen können, da er weder das Gebiet der Häduer völlig preisgeben, noch auch nur es hätte wagen dürfen, die Saone und den Doubs zu überschreiten auf die Gefahr hin, jenseits von dem ganzen römischen Heer angegriffen zu werden. War dann das ganze linke Ufer erst wieder pazifiziert, so hatte Cäsar eine gesicherte Etappenstraße, die ihn mit der Provinz verband,[538] ja, er hätte seine Verpflegung mit einigen Vorsichtsmaßregeln auf dem allerbequemsten Wege, zu Wasser auf der Saone, die bis Gray hinauf schiffbar ist, aus der Provinz beziehen können.

Ich glaube, es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies die strategische Absicht Cäsars gewesen ist, und Vercingetorix hatte eine Vorstellung davon, daß jetzt de Moment gekommen sei, wo er die Entscheidung herbeiführen müsse, indem er Cäsar auf dem Marsche angriff, ehe er die Saone erreichte. Er glaubte durch Reiterangriffe die feindliche Marschkolonne auflösen zu können.273 Diese Angriffe aber mißlangen, und zwar deshalb, weil Cäsar seine durch die jüngsten germanischen Anwerbungen verstärkten Reiter durch die geschlossene Infanterie unterstützte, während Vercingetorix die seine dem Kampfe fernhielt. Die Gallier wurden vollständig geschlagen. Statt seinen Marsch an die Saone fortzusetzen, begab sich das römische Heer nunmehr auf die Verfolgung. Vercingetorix vermochte der Flucht nicht anders Einhalt zu tun, als daß er sich in einen festen Ort, die Stadt Alesia (Alise Ste. Reine auf dem Mont Auxois zwischen Nuits und Dijon) warf. Sofort schloß ihn Cäsar hier ein, um ihn zu belagern; da die Gallier das Feld geräumt hatten, so hatte er auch Raum und Zeit, das Belagerungsheer, wenn auch nur mit Mühe,274 zu verpflegen.[539]

Nun kam ein großes Aufgebot aller gallischen Stämme zusammen, um das in Alesia eingeschlossene Heer zu entsetzen. Die große Schlacht, ohne die es keine großen Entscheidungen gibt, mußte jetzt geschlagen werden. Aber wenn schon vorher Vercingetorix sich nicht getraut hatte, seine Infanterie im offenen Felde gegen die Legionen zu führen, so war der Sieg jetzt für die Gallier nur noch mehr erschwert.

Cäsar hatte die Zwischenzeit von 5-6 Wochen von der Einschließung bis zur Ankunft des Entsatzheeres benutzt, nach beiden Seiten eine Befestigung anzulegen. Napoleon III. hat Nachgrabungen machen lassen, die fast den ganzen Zug dieser Befestigungen aufgedeckt haben und mit den Angaben des Bellum gallicum völlig übereinstimmen. Die Contravallationslinie war etwa 16 Kilometer lang, die Circumvallationslinie 20; wo es über das freie Feld ging, erschwerten künstliche Annäherungshindernisse aller Art, Fußangeln, Wolfsgruben mit spitzen Pfählen in acht Reihen schachtbrettartig hintereinander, endlich Verhacke den Angriff.

Für die Beurteilung der Entscheidungsschlacht fehlt uns leider noch mehr als früher das wichtige Moment der Stärke. Cäsar hatte 11 Legionen, numidische und kretische Schützen und germanische Reiter und Doppelkämpfer, im ganzen wohl 70000 Mann. Für die Gallier gibt er in Alesia 80000, das Entsatzheer auf 250000 Mann zu Fuß und 8000 Reiter an. Da wir seine Übertreibung bei feindlichen Heereszahlen bereits kennen, so werden wir uns auch auf diese Angabe nicht verlassen dürfen, und namentlich die 80000 Eingeschlossenen sind schon oft angezweifelt worden. 20000 Mann genügten zur Verteidigung des Platzes, und es wäre sehr verkehrt[540] von Vercingetorix gewesen, mehr zu behalten, da er nur wenig Lebensmittel hatte. Da uns Cäsar überdies berichtet, daß er in der Hoffnung auf die Überlegenheit seiner Reiterei ein allgemeines Aufgebot des Fußvolks gar nicht veranstaltet hatte und er vor der Vollendung der römischen Befestigung noch Raum hatte, seine Reiter aus Alesia fortzuschicken, so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß er auch an Fußvolk nur das Notwendige, also allerhöchstens 20000 Mann bei sich behalten hatte.

Die für das Entsatzheer angegebenen 250000 Mann zu Fuß und 8000 Reiter scheinen auf den ersten Anblick nicht unglaublich. Fast ganz Gallien, eine Volksmasse von wenigstens 4, vielleicht 8 Millionen Seelen mit 1 bis 2 Millionen Männern, beteiligte sich an dem Kampf; die könnten für die letzte, entscheidende Schlacht um die nationale Freiheit wohl 250000 Krieger ins Feld geschickt haben.

Aber man überlege, was ein Heer von einer Viertelmillion bedeutet. Es wäre dreimal so groß gewesen als das größte Heer, von dem bis dahin die beglaubigte Weltgeschichte zu erzählen weiß, dem römischen Heer bei Cannä. Wäre ein gallischer Feldherr imstande gewesen, mit einem Heer von 250000 Mann zu operieren, so bliebe es ein unverzeihlicher, ein ganz unbegreiflicher Fehler des Vercingetorix, nicht von vornherein das Aufgebot veranstaltet und mit solcher Überlegenheit die Feldschlacht gesucht zu haben.

Wir sind aber genötigt, noch einen Schritt weiterzugehen und zu sagen, daß nicht nur 250000 Mann ein Aufgebot gewesen wäre, mit dem kein gallischer Feldherr mehr hätte operieren können, sondern daß auch die Vorstellung, eine so große Volksmasse wie die Gallier habe leichtlich 250000 Krieger aufbringen können, unrichtig ist. Denn wie viel Krieger ein Volk aufbringen kann, hängt – das haben wir schon bei den Heeren der Perser bemerkt – nicht bloß von der Zahl der Männer, sondern auch von der Kriegsverfassung und den sozialen Zuständen ab. In den uns jetzt genügend bekannten mittelalterlichen Reichen ist irgend eine Beziehung zwischen Heereszahl und Zahl der waffenfähigen Männer nicht mehr herstellbar; die Heereszahl wird bestimmt nicht durch die Volksmasse, sondern durch einen besonderen Kriegerstand. Eben das aber ist die Kriegsverfassung, die uns Cäsar von den Gallilern berichtet. Das[541] gemeine Volk lebe fast im Zustande der Sklaverei, sagt er uns (VI, 13); Krieger seien die Ritter mit ihren Gefolgsleuten. Wir werden anzunehmen haben, daß das nicht für alle gallischen Völkerschaften gleichmäßig zutrifft. Bei den Helvetiern und den gesamten Belgiern wird auch die Masse den kriegerischen Geist noch nicht in so hohem Grade verloren gehabt haben. Auch sonst werden wir die Analogie der mittelalterlichen und der gallischen Kriegsverfassung nicht auf die Spitze zu treiben haben, sondern vorbehalten müssen, daß auch sehr wesentliche, wennschon für uns im einzelnen nicht erkennbare Unterschiede obwalteten. Die Tatsache aber eines besonderen Kriegerstandes über einer unterdrückten und deshalb der Waffen ungewohnte Volksmasse, unterliegt keinem Zweifel.

Um die von Cäsar berichteten gallischen Riesenheere aufzubringen, müßten wir uns also vorstellen, daß der Landsturm aufgeboten worden sei. Ein Landsturm aber aus kriegsungewohnten Leuten ist für den großen Krieg unverwertbar, im Gefecht ohne Nutzen, und durch den Anspruch auf Verpflegung von Schaden. Deshalb sind die mittelalterlichen Heere auch bei den größten Entscheidungen, wie wir noch sehen werden, überaus klein.

Vor Alesia stand es nun insofern etwas anders, als hier alles auf eine unmittelbare Entscheidung ankam; die Schwierigkeit der Verpflegung also für unbestimmte Zeit und unberechenbare Operationen fielen weg, ebenso wie die taktischen Manöver des Gefechts. Ein gewisses Massenaufgebot auch von Landsturm könnte hier angebracht erscheinen. Aber der Verlauf des Kampfes läßt von einer numerischen Überlegenheit der Gallier durchaus nichts sehen. Das hat schon mit seinem scharfen Blick für alles Praktische Napoleon I. erkannt: auch er nimmt an, daß in Alesia Vercingetorix nicht mehr als 20000 Mann gehabt habe, und sagt, die Entsatzarmee kampiere und manövriere nicht wie eine dem Feinde weit überlegene, sondern wie eine gleich starke. Aus dem Verlauf des Kampfes selber also müssen wir auch eine Vorstellung von der mutmaßlichen Stärke der Gallier zu gewinnen suchen.

Am Tage der Ankunft des Entsatzheeres, das südöstlich lagerte, fand ein Reitergefecht statt, in dem nach Cäsar wieder die germanischen Reiter, gestützt auf römische Kohorten, siegreich blieben.[542] Vermutlich haben die Gallier durch dieses Gefecht nur den Anmarsch ihres Fußvolkes decken wollen.

Dann versuchten sie, nachdem sie einen Tag mit Zurüstungen verbracht, einen nächtlichen Überfall auf die Verschanzungen in der Ebene von Laumes, die etwa drei Kilometer breit ist. Als der Überfall abgewiesen wurde, schickten sie in der nächsten Nacht eine Kolonne an den nördlich gelegenen Berg Réa, wo die römische Circumvallation über den Abfall hatte geführt werden müssen und deshalb von oben her besonders vorteilhaft angegriffen werden konnte. Um Mittag begann dann von beiden Seiten zugleich der Sturm, während wie an den vorhergehenden Tagen Vercingetorix zugleich von innen die Contravallation bestürmte. Am Berge Réa drangen die Gallier so mächtig an, daß die Römer im Begriff schienen, zu erliegen; da führte Labienus auf Befehl Cäsars weiter oberhalb, etwa an dem Bach Rabutin, eine Anzahl Kohorten275 und Kavallerie aus der Verschanzung heraus und fiel den Sturmkolonnen in die Flanke und den Rücken. Dieser Offensivstoß entschied. Die Gallier ergriffen zunächst an dieser Stelle, dann auch in der Ebene von Laumes die Flucht; Vercingetorix kehrte mit den Seinen in die Stadt zurück und ergab sich.

Der Umkreis der Contravallation und Circumvallation zusammen betrug, wie wir gesehen haben, etwa 36 Kilometer. Wenn also Cäsars Heer 70000 Mann stark war, so hätte die Beisetzung der ganzen Brustwehr, einen halben Meter auf den Mann, gerade die Armee absorbiert bis auf den letzten Mann.

Die Gallier griffen das erstemal nur in der Ebene von Laumes an, die drei Kilometer breit ist. Wären sie wirklich 250000 Mann stark gewesen, so hätten sie etwa bei einer Front von 2000 mit einer Tiefe von 120 Mann, rechts und links gedeckt durch die Reiterei, gestürmt. Wenn wir uns eine solche Masse überhaupt bewegungsfähig denken könnten, so mußte sie wohl jede Verschanzung[543] nehmen, denn die hinteren Glieder, kaum von den feindlichen Geschossen berührt, drücken die vorderen vor, füllen mit ihnen jeden Graben aus, überdecken jedes Hindernis und würden über einen Damm von Leichen endlich eindringen. Diese Phantasie ist aber nicht realisierbar; eine geschlossene Masse von einer Viertelmillion ist nicht mehr zu bewegen. Die natürliche, selbstverständliche Verwendung der Masse ist vielmehr der mehrfache, geteilte Angriff, und das ist besonders bei der Nacht das gegebene Manöver, da der Feind nicht zu unterscheiden vermag, wo etwa der stärkere, wo der bloße Scheinangriff erfolgt.[544]


5. Kapitel. Vercingetorix

Erst am zweiten Tage erfassen die Gallier den Gedanken der Teilung, aber auch jetzt beschränken sie sich auf zwei Punkte, statt ringsum von allen Seiten zugleich, wo nur ein Zugang war, zu stürmen oder wenigstens zu demonstrieren.

Das ist der zweifellose Beweis, daß sie keine Übermacht gehabt haben, ja wahrscheinlich die erheblich schwächeren gewesen sind. Hätten sie nur 10000 Mann übrig gehabt, um im Rabutintal aufzutreten, so hätten sie damit ihrem Angriff auf dem Mont Réa die Flanke gedeckt, und Labienus hätte den entscheidenden Ausfall nicht machen können. Es war keineswegs bloße Gedankenlosigkeit, die diese Versäumnis verschuldete; Cäsar selbst berichtet uns, die Gallier hätten den ersten nächtlichen Angriff beim Aufgang der Sonne endlich abgebrochen, da sie fürchteten, daß die Römer sie ausfallend in der Flanke angreifen würden.

Napoleons I. Bemerkung, daß die Gegner etwa gleich stark gewesen sein dürften, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, wenn sie nicht für die Gallier schon zu hoch greift. Man muß immer bedenken, daß Cäsar keinen Punkt seiner meilenlangen Linien ganz ohne Bewachung und ohne eine Reserve in erreichbarer Nähe lassen durfte. Er konnte gar nicht anders, als seine Truppen zersplittern; der Feind wählte sich die Punkte, wo er mit seinem massierten Angriff einsetzen wollte, und wo er einsetzte, war mit Sicherheit von der anderen Seite der Ausfall der Belagerten zu erwarten, und die römischen Soldaten standen unter dem moralischen Druck des drohenden Rückenangriffs. Die Verteidigung einer belagernden Armee gegen ein Entsatzheer gehört deshalb zu den schwierigsten strategischen Aufgaben, auch bei gleichen Kräften, und viele Feldherren haben die Annahme des Kampfes in solcher Stellung grundsätzlich als fehlerhaft verworfen. Wir werden in den späteren Bänden dieses Werkes noch oft davon zu sprechen haben.

Wenn es richtig ist, daß bei Alesia die Kräfte numerisch etwa gleich waren, daß also, wenn Cäsar 70000 Mann hatte, etwa 20000 in der Stadt eingeschlossen waren und 50000 Gallier zum Entsatz heranrückten, so geben wir damit dem Heer der Gallier eine Größe, die der eigentliche Kriegerstand auch aus einem so gewaltigen Gebiet sicherlich nicht zusammenbringen kann. Wir dürfen aber annehmen, daß die Ritterschaft sich, wie die Sachsen in ihrem Kampf[545] gegen Heinrich IV., in dieser letzten äußersten Not durch tapfere Gesellen aus der Volksmasse, der hörigen Bauernschaft, verstärkt hat. Viele Ritter saßen ab und stellten sich ein unter das Fußvolk, wie wir daraus schließen dürfen, daß Cäsar die Reiter des Vercingetorix auf 15000, die des Entsatzheeres nur auf 8000 angibt. Die mittelalterliche Kriegsgeschichte erzählt uns sehr häufig von solchem Absitzen der Ritter, um den Fußknechten oder dem Volke voran zu kämpfen.

Ist dies eine zutreffende Charakteristik für die Stärke und Komposition des gallischen Entsatzheeres, so ist damit auch das Verhalten des Vercingetorix in dem vorhergehenden Feldzug völlig verständlich geworden. Der Widerspruch, daß vor Alesia eine gallische Infanterie auftritt, die mit der äußersten Tapferkeit die römischen Verschanzungen bestürmt und daß Vercingetorix sich nicht getraut hat, seine Infanterie den römischen Legionen im offenen Felde entgegenzustellen, ist gelöst.

Das Heer von Alesia ist als das Höchste anzusehen, was die Gallier an Truppen auf einem Punkt zusammenzubringen vermochten. Es kam nur gerade und höchstens dem römischen Heer gleich. Die Römer aber waren den losen Scharen der Gallier in jeder Art Manövrieren, wie in Bewegungen auf dem Schlachtfelde überlegen.276 Ihr durchgebildeter Heeresorganismus, ihre strenge Disziplin ermöglichte es ihnen noch, sich zu verpflegen, wo die wenig geordneten gallischen Heerhaufen ihre Vorräte bald vergeudet hatten. Vercingetorix mußte deshalb auf die Entscheidung durch die rangierte Schlacht verzichten. Eine Überlegenheit, die ihm den Sieg verbürgt hätte, stand ihm nicht zu Gebote, und Cäsar hätte, wenn er sie für einen Augenblick zusammenbrachte, so wenig wie im zweiten Jahr des Krieges bei den Belgiern, die Entscheidung sofort angenommen, sondern das große gallische Heer durch Hinhalten erst[546] wieder zur Auflösung gezwungen. Vercingetorix ließ also das allgemeine, verstärkte gallische Aufgebot gar nicht erst zusammenkommen, sondern begnügte sich mit vielleicht 20000 bis 30000 Mann zu Fuß und erwartete alles von der zusammenberufenen, zahlreichen und tüchtigen gallischen Ritterschaft. Selbst als nun die Gelegenheit zu dem geplanten Überfall kam, wurde das Fußvolk, um es nicht einem Angriff der weit überlegenen Römer auszusetzen, nicht herangeführt. Das war alles gar nicht schlecht gedacht; die vortreffliche Ordnung des römischen Heeres aber, das es verstand, den Troß in der Marschkolonne zu schützen und zugleich seinen Reitern den Rückhalt und die aktive Unterstützung der Infanterie zu gewähren, machte den Plan des Vercingetorix zuschanden. Nun blieb nichts übrig, als der letzte verzweifelte Versuch, es auf eine Belagerung und Entsatzschlacht ankommen zu lassen, die wohl den Vorteil hatte, daß die Gallier mit größeren Massen auftreten konnten; daß Cäsar nicht mehr manövrieren konnte, den Galliern die Wahl des Angriffspunktes überlassen mußte und zwischen zwei Attacken genommen wurde, dafür aber ihnen die furchtbaren Befestigungen entgegensetzte, an denen sich der tapfere Anlauf brach.[547]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 535-548.
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