Der Sturz des Kaisers Gratian.

[269] Ranke faßt die Empörung gegen Gratian im Jahre 383, dem doch sonst allseitig ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt wird, auf als eine Erhebung der Legionen gegen das Vorwalten und die Bevorzugung der Germanen. Nichts scheint natürlicher, als daß wir an irgend einer Stelle der römischen Kaisergeschichte einmal diesem Konflikt begegnen. Das Selbstgefühl der Legionen, die, wie Ranke sagt, immer über den Thron verfügt hatten, mußte sich dagegen sträuben, daß die fremden barbarischen Söldner über sie gestellt wurden. Aber der Unterschied zwischen den Legionen und[269] den barbarischen Hilfstruppen muß doch nicht so scharf empfunden worden sein, denn von einem aus solcher Korpseifersucht entsprungenen Konflikt wird uns in den Quellen niemals etwas berichtet. Am ehesten könnte noch die Erzählung Herodians (VIII, 8) von dem Untergang der beiden Kaiser Balbinus und Pupienus im Jahre 238 dahin ausgelegt werden. Hier ist ausdrücklich von dem Gegensatz der Prätorianer, die den Kaisern feindlich waren, und den Germanen, die sie beschützten, die Rede, aber das ist doch nur ein sekundäres Moment in der Verwicklung; der Konflikt entsprang daraus, daß das Doppelkaisertum ein Werk des Senats war, während die Prätorianer die Verfügung über das Imperium beanspruchten; die Germanen aber schützten den Senatskaiser, weil ihnen dieser Streit gleichgültig war und sie jenen einmal als ihren Kriegsherren anerkannt hatten.

Von noch größerer Bedeutung ist die Frage bei dem Sturze Gratians. Wäre es richtig, daß der Grund für die Empörung gegen Gratian in der Eifersucht der römischen auf die bevorzugten germanischen Truppen zu suchen ist, so müßten gegen Ende des 4. Jahrhunderts noch die alten Legionen, oder wenigstens Truppen von ausgeprägt römischem Nationalgefühl gegenüber den Barbaren existiert haben. Unsere Quellen über das Ereignis im Jahre 383 sagen das aber keineswegs. Man hat sich immer durch den Schematismus der notitia dignitatum, Vegez und die Phraseologie der Schriftsteller täuschen lassen, daß bis ins 5. Jahrhundert hinein das alte römische Heerwesen noch fortgelebt habe. Wenn dem so gewesen wäre, so wäre es allerdings schwer begreiflich, daß die Legionen sich die militärische Vorherrschaft der Germanen hätten gefallen lassen, ohne einmal kräftig dagegen zu reagieren.

Sehen wir nun aber die Quellenzeugnisse an, so finden wir, daß sie von einer Erhebung der Legionen gegen die Germanen durchaus nichts enthalten. Der ganze Gegensatz ist eine Hypothese, die auf das so vielfach verdienstliche Buch von HEINRICH RICHTER »Das weströmische Reich besonders unter den Kaisern Gratian, Valentinian II. und Maximus« zurückzuführen ist. Mit großer Anschaulichkeit und Beredsamkeit malt Richter auf Grund einiger Quellenzeugnisse namentlich Zosimus und Synesius aus, wie sehr die Römer es übelnahmen, daß die pelztragenden Barbaren mit langem Haar und Bart die vornehmsten Ämter inne hätten und die vordersten Sitze in der Kurie. Aber er fügt selber hinzu, daß wir diese Klagen nur kennen aus dem Munde der heidnisch-philosophischen Schriftsteller, die damals doch nur noch beschränkte Kreise repräsentieren. Ihre Klagen, überdies aus dem Orient stammend, lassen keinen Schluß zu auf die im Okzident stehenden Truppen, und mit einem bloßen Analogieschluß dürfen wir hier nicht operieren.

Das Zeugnis, auf das es ankommt, steht bei dem Fortsetzer des Aurelius Viktor, Kap. 17, wo es von Gratian heißt: »cunctis fuisset plenus bonis, si ad cognescendam reipublicae gerendae scientiam[270] animum intendisset, a qua prope alienus non modo voluntate, sed etiam exercitio fuit. Nam dum exercitum negligeret, et paucos ex Alanis, quos ingenti auro ad se transtulerat, anteferret veteri ac Romano militi, adeoque barbarorum comitatu et prope amicitia capitur, ut nonnunquam eodem habitu iter faceret, odia contra se militum excitavit. Hoc tempore cum Maximus apud Britanniam tyrannidem arripuisset et in Galliam transmisisset, ab infensis Gratiano legionibus exceptus, Gratianum fugavit, nec mora exstinxit.«

Diese Worte würden sich ganz gut in dem Sinne Richters und Rankes auslegen lassen, wenn uns anderweit noch die Existenz von Legionen im alten Sinne und ihr Gegensatz gegen die Germanen bezeugt wäre. Aber sie lassen sich auch anders auslegen.

Die Truppen, die Gratian vorzieht, sind nach unserem Schriftsteller nicht die Germanen, sondern ein spezieller Stamm, die Alanen. Der vetus romanus miles, der ihnen entgegengesetzt wird, braucht keineswegs der römische Legionar zu sein, sondern kann ebensowohl andere Barbaren, die vordem im kaiserlichen Dienst standen, umfassen. So allgemein hat es auch Gibbon verstanden. Selbst die Wendung am Schluß »ab infensis Gratiano legionibus« ist nicht beweisend. Denn daß der Name »Legion« für Truppenteile noch gebraucht wurde, unterliegt keinem Zweifel; die Frage ist, was für Leute damals diese sogenannten Legionen erfüllten; ob sie noch den spezifisch nationalen römischen Charakter trugen und ob dabei ein Gegensatz gegen die barbarischen Hilfsvölker gemeint ist. Das geht aber aus den Worten des Schriftstellers nicht hervor.

Hätte es sich wirklich um den Gegensatz »hie Römer, hie Germanen« gehandelt, so wäre es ganz unverständlich, weshalb die Germanen sich nicht schließlich für Gratian geschlagen haben. Schon Richter (S. 567) macht deshalb die Einschränkung: »selbst die anderen Germanen mögen einige Mißgunst empfunden haben«, nämlich gegen die Alanen. Was auch die Gründe der Unzufriedenheit mit Gratian gewesen sein mögen, eine prinzipielle Erhebung des Römertums gegen das am Hofe und in der Armee bevorzugte Germanentum liegt auf keinen Fall vor: so leicht hätten die Germanen das Spiel nicht verloren gegeben. Die Truppe, die, als sich die beiden Kaiser bei Paris gegenüberstanden, zuerst von Gratian zu Maximus überging, waren numidische Reiter.

Um die Empörung gegen Gratian, die so wenig motiviert erscheint, zu verstehen, wird man sich vor allem klar machen müssen, daß Soldtruppen, die nicht sehr scharf diszipliniert sind, im Frieden überhaupt nur sehr schwer im Zaume gehalten werden können. Der geringste Anstoß genügt, sie in Unruhe zu versetzen; sie meutern zuletzt aus bloßer Tatenlust.

Überdies scheint Gratian seine Finanzen nicht gut in Ordnung gehabt zu haben, so daß er entweder die Zahl seiner Soldaten sehr verringerte, oder sie nicht prompt bezahlte.[271]

Hätte Maximus 383 als Vertreter der Legionen den Gratian als Vertreter der Germanen besiegt, so hätte der Sieger in den fünf Jahren seiner Regierung sein Prinzip ohne Zweifel mit Energie weitergebildet. Davon hören wir aber nicht das Geringste. Hätte überhaupt die Möglichkeit vorgelegen, noch ein eigenes römisches Heerwesen wieder ins Leben zu rufen, so hätte es wahrlich niemand näher gelegen, diesen Versuch zu machen, als gerade Gratian, der einmal einen vielgerühmten Sieg über die Alemannen (Lentienser) erfochten und an seiner eigenen Familie die Gefahr germanischer Föderierten empfunden hatte: mit aller Anstrengung war er aus Gallien seinem Oheim Valens zu Hilfe geeilt, um mit den Gesammelten des ganzen Reiches vom Ozean bis zum Tigris die schrecklichen Westgoten wieder aus dem Römerlande zu vertreiben, was durch den Sieg der Barbaren bei Adrianopel vereitelt wurde.

Ich sehe daher in dem Bericht über den Untergang Gratians keinen Grund, meine Auffassung, daß es bereits 100 Jahre früher mit dem römischen Kriegswesen ausgewesen sei, aufzugeben. Constantin der Große ist derjenige Kaiser gewesen, der nicht bloß durch den Bund mit der Kirche, sondern auch durch die definitive Annahme der Barbarisierung des Heerwesens das Reich auf neue Fundamente gestellt hat. Christentum und Germanentum hängen noch näher zusammen, als man bisher angenommen. Der Vorwurf, den ihm sein Neffe Julian machte (Ammian XXI, 10), daß es Barbaren in die hohen Ämter gebracht habe (quod barbaros omnium primus ad usque fasces auxerat et trabeas consulares), ist nichts Beiläufiges, sondern trifft den Kern seiner Politik.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 269-272.
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