Die byzantinische Militär-Literatur.

[210] Über MAURICIUS vgl. JÄHNS, Gesch. d. Kriegswissenschaften I, 152. KRUMBACHER, Gesch. d. byzantin. Literatur, 2. Aufl., § 262 S. 635. Das Στρατηγικόν ist herausgegeben von SCHEFFER. »Arriani tactica et Mauricii ars militaris«, Upsala 1664. KRUMBACHER meint aus inneren Gründen, daß das Werk nicht von Mauricius herrühre, OMAN S. 172 schreibt es Mauricius zu und datiert es auf 579, ehe er Kaiser geworden war. R. GRO SSE, D. römisch-byzantinische Marschlager S. 106, setzt es in das 8. Jahrhundert.

Über LEO VI., 886-911, JÄHNS I 160-170. KRUMBACHER, Gesch. d. byzant. Literatur 1. Aufl. S. 350. Die παράδοσις τῶν ἐν πολέμῳ τακτικῶν σύντομος oder Διάταξις πολεμικῶν παρασκευῶν ist am besten gedruckt in Meursii opera ed. Lamius vol VI. 1745. KRUMBACHER charakterisiert: »Das Werk ist aus älteren Quellen wie Onosander, Alelian, Polyän usw. zusammengestellt und gibt ohne viel Konsequenz mannigfaltige, nach Kapiteln geordnete Notizen über die Einteilung, Ausrüstung und Übung des Heeres usw.« 2. Aufl. S. 636 schließt er sich der Ansicht an, daß das Werk nicht von Leo VI., sondern von Leo III., dem Isaurier, 718-741, stamme, d.h. auf dessen Anregung verfaßt sei.

Über KONSTANTIN VII., PORPHYROGENNETOS, 912-959, vgl. JÄHNS I, 171. Er ist der Sohn Leos VI. Die ihm zugeschriebene Taktik stammt in Wirklichkeit von Konstantin VIII. (1025-1028), ist aber meist wörtliche Wiedergabe der Taktik Leos und hat sehr wenig Selbständiges. KRUMBACHER, Gesch. der byzan. Literatur S. 63. Ausgabe ebenfalls in Meursii opera Bd. VI ed. Lamius.

Über NICEPHORUS PHOKAS, 963-969, JÄHNS I 176. KRUMBACHER S. 985. GUST. SCHLUMBERGER, Un empereur Byzantin au dixième siècle, Nicéphore Phocas. Paris 1890. 779 S. 4°.

Das ihm zugeschriebene Werk heißt »περὶ παραδρομῆς πολέμου«. Ausgabe von HASE, Bonn 1828. SCHLUMBERGER S. 169 meint,[210] daß das Buch wohl auf des Kaisers Anregung verfaßt, aber erst nach seinem Tode vollendet worden sei.

JÄHNS meint, das Werk sei, obgleich es sich an Leo anlehne, doch selbständiger als dieser; der Charakter der Verfallzeit trete jedoch auch in diesem Werk entschieden hervor, da es keine Spur kriegerischer Initiative aufweise. »Mehr als Gegenübersitzen oder höchstens Begleiten mutet Niceophorus den Heeren nicht zu, welche er gegen die Einfälle der Barbaren an die Nordgrenze seines Reiches sendet«, und damit ist dann allerdings in denkbar deutlichster Weise anerkannt, daß man willens war, das Gesetz des Krieges vom Feinde zu empfangen. Dieser Charakter des Buches würde nun freilich mit dem persönlichen Charakter des Autors und seinen Kriegstaten, die auch von JÄHNS selbst hervorgehoben werden, im stärksten Widerspruch stehen. Gerade dieser Kaiser ist voller Initiative und macht eine Eroberung nach der andern, namentlich von Kreta, das der Mittelpunkt einer furchtbaren muslinischen Piraterie geworden war, und Antiochien (968).

SCHLUMBERGER ist umgekehrt ganz entzückt von dem Werk, gibt eine ausführliche Analyse und schreibt (S. 173):

»J'ai pris plaisir à lire ces vingt-cinq chapitres d'art militaire. C'est le programme conplet de la guerre de frontière au dixième siècle. Tout ce que le stratigos cyzantin le plus accompli devra faire à la tête de ses contingents pour tenir tête à l'invasion d'une force sarrisine, pour paralyser sa marche ou tirer de ses déprédations une vengeance éclatante, est minutieusement indiqué comme dans un manuel à l'usage de nos officiers de l'école de guerre. Tous les cas sont rigoureusement prévus. Pour chaque mal, le remède est indiqué. Quand j'ai eu achevé la lecture de ces pages écrites en un grec barbare, mais vibrantes d'une singulière ardeur patriotique, d'un profond amour des choses de la défense nationale, d'une véritable passion guerrière, j'ai cru voir passer devant mes yeux tous ces combats tant et depuis si longtemps oubliés, mais hardis, sauvages, incessament entremêlés d'embûches, de surpises, de prodigieuses chevauchées, et qui, durant cette lutte séculaire du Croissant et de la Croix, ont, par milliers de fois, ensanglanté les sombres halliers, les âpres défilés, les vertes pentes du vieux mont Taurus. J'ai cru entendre en rêve le galop pressé des juments sarrasines entraînant dans la nuit à travers les herbages profonds leurs silencieux cavaliers, la lance et la rondache au poing, couchés sur l'arçon de la selle, dévorant l'espace pour foudre a l'aube naissante sur le village grec endormi sans défense, retenant presque leur haleine pour échapper à l'incessante surveillance des trapézites, ces admirables éclaireurs byzantins. J'ai revu ces incomparables coureurs des armées greques,[211] véritables hulans de l'an 1000, artistes accomplis en ce genre de guerre unique au monde, guerre de ruse contre ruse, d'ardente poursuite secrète, de stratagèmes sans cesse découverts mais sans cesse renouvelés, de surprises foudroyantes, de combats corps à corps. Je les ai revus, la cuirasse ou la cotte de mailles cachée sous l'épais surcot, menant au galop avec une sûreté, und précesion merveilleuses, cette même campagne d'observations audacieuses, de reconnaissances hardies dont les cavaliers allemands de la guerre de 1870 sont les plus redoutables représentants modernes.

Oui, ce sont bien là les dignes prédécesseurs ne ces hulans qui sont demeurés chez nous comme la lugubre personnification de l'invasion, que ces infatigables trapézites byzantins dont le rédacteur de la ›Tactique‹ de Nicéphore Phocas décrit minutieusement le dangereux service. Ce sont les mêmes immenses et rapides chevauchées à deux en plein pays ennemi à la poursuite d'une indication précieuse; c'est le même mérpis du danger, la même tranquille audace, la même résolution fixe, unique de pouvoir au retour, coûte que coûte, renseigner exactement le chef qui a mis en eux sa confiance, de pouvoir lui apprendre tout ce dont il a besoin, chiffre des forces ennemies, nom de l'officier qui les commande, direction qu'elles s'apprêtent à suivre, but probable vers lequel elles tendent; ce sont, pour arriver à se procurer ces données, les mêmes efforts ingénieux, le même deploiement de ruses multiples, le même perfectionnement de tous les procédés d'information, le même génie inventif, la même discipline servie par le même code d'instructions ponctuelles, précises, sans lacunes, avec cette difficulté immense en plus de toutes les insuffisances de cette époque de barbarie relative. Ils se trompent lourdement, ceux qui croient volontiers que les guerres orientales de cette époque ne consistaient qu'en une seccession de mêlées confuses, de collisions désordonnées entre hordes sauvages.«

So sehr dieser Hymnus auf die »Ulanen« von Byzanz dem ablehnenden Urteil von Jähns widerspricht, so haben doch beide in ihrer Weise recht. Was Jähns vermißt, ist in der Tat nicht da, nämlich die Strategie eines Entscheidungskrieges; aber davon will der Traktat auch gar nicht handeln; er gibt uns die Lehre vom Grenzkrieg, vom kleinen Krieg, und auf diesem Gebiet fehlt es dieser Kriegführung durchaus nicht an Initiative und Tatkraft. Der wirkliche Krieg, wie ihn die Byzantiner des 10. und 11. Jahrhunderts führten, deckt sich nicht mit dem Krieg, der hier vorausgesetzt wird. Dieser Traktat handelt eben nur vom Grenzkrieg, und es ist deshalb unzulässig, von ihm aus einen Schluß auf den Zeitgeist zu machen.[212]

SCHLUMBERGER S. 186 berichtet noch von einer damals noch unedierten, dem Nicephorus Phokas zugeschriebenen Schrift, von der M. GRAUX einige Stücke publiziert hat. Diese Stücke handeln davon, daß man die Armee nicht durch ein Land führen darf, das kein Wasser hat; daß man keine unnützen Mäuler mit ins Feld nehmen soll und daß Führer und Spione im Kriege sehr nützlich sind.

Nicephorus Phokas verlangte einmal von einer Synode, sie sollte verkünden, daß alle im Kriege gegen die Muslim gefallenen Soldaten die Ehren der Märtyrer erhalten sollten. Die Geistlichkeit aber, der heil. Polyeuktes, Patriarch, wies die Zumutung zurück.178

Zur 2. Aufl. 1917 ist in Pesth eine neue Ausgabe von Leos Taktik, bearbeitet von R. BÁRI, erschienen auf Grund einer erneuten Untersuchung der Zusammenhänge der ganzen byzantinischen Militär- Literatur. genauer Bericht darüber von L. GERLAND in der D. Lit.-Zeit. Nr. 27 bis 29 1920.[213]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 210-214.
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