Siebentes Kapitel.

Byzanz.

[197] Wir haben das oströmische Reich verlassen, als es unter Justinian noch einmal einen großen Aufschwung genommen und mit Werbeheeren barbarischer Söldner die Staaten der Vandalen und Ostgothen wieder zerstört, Afrika, Italien und beinahe auch Spanien sich wieder angegliedert hatte. Aber das Reich war nicht imstande, sich in dieser Stellung zu behaupten. Die Bürger wollten die Steuerlasten, die für die Unterhaltung der Söldner und die Tribute zur Quieszierung gefährlicher Nachbarn nötig waren, nicht tragen, und die Katastrophe wurde schließlich gerade dadurch herbeigeführt, daß wieder ein Mann den Thron innehatte, der selber Feldherr war. Justinian war ausschließlich Staatsmann gewesen, hatte seine Generäle in den Krieg gesandt und selber als Regent die verschiedenen Potenzen, die Hauptstadt und die Provinzen, die Kirche und die Armee, alle in ihren verschiedenen Zerklüftungen und Partien, in der Hand behalten und gelenkt. Man sollte meinen, daß, indem nun sein dritter Nachfolger, Mauritius (582 bis 602), selber ein hervorragender und erfolgreicher General, die Krone empfing, das Imperium um so fester und sicherer hätte gegründet sein müssen: erst damit kehrte man ja zu dem alten ursprünglichen Begriff des Kaisertums zurück. Aber eben zu dieser vollen Rückkehr fehlte die Kraft, denn es fehlte die Grundlage: die legionarische Disziplin. Mauritius, dem ein gewisser doktrinärer Zug eigen gewesen zu sein scheint162, versuchte die wilden Söldnerbanden in einen festeren[197] militärischen Schematismus zu bringen, warb auch möglichst in seinem eigenen Reich, statt unter Auswärtigen, aber als er einmal verlangte, daß sie im Kampf mit Slaven und Tataren nördlich der Donau in Winterquartieren bleiben sollten, meuterten sie, umsomehr, als er ihnen nicht einmal den Sold zahlen konnte, den sie verlangten. Da auch die Bürgerschaft der Hauptstadt sich gegen ihn erhob, so wurde er ermordet (602), wie einstmals in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts die wackeren Soldatenkaiser von Pertinax bis Aurelian und Probus.

Man bemerke wohl, welche Rolle in diesem letzten Versuch, eine disziplinierte Armee zu gewinnen, die Soldfrage spielt. Die Zahl der Truppen war sicherlich nur sehr klein, da sie nur mit Mühe und unter Wechselfällen die Barbarenschwärme und ihre Einfälle abzuwehren vermochten; an gutem Willen, die Truppen zu befriedigen, wird es einem Kaiser von der Tüchtigkeit und Einsicht des Mauritius nicht gefehlt haben: wenn er dennoch über gewisse Abzüge für Waffen und Bekleidung mit ihnen in Streit geriet, so werden eben seine Kassen es nicht haben leisten können, weil man nach dem Tode Justinians dessen scharfes Steuersystem dem Volke zuliebe hatte fallen lassen. Das bare Geld war unerschwinglich geworden.

So ging man denn auch im oströmischen Reich zu einem Militärsystem über, das sich dem, wie wir es im romanisch-germanischen Westen kennen gelernt haben, stark annähert. Das Land wurde (um die Mitte des 7. Jahrhunderts) eingeteilt in eine Anzahl Militärbezirke, Themen genannt, und Unterbezirke (Meros, Turma) und jedem Bezirke aufgegeben, eine bestimmte Truppenzahl aufzustellen und zu verpflegen. Die Militär- und Zivilgewalt, die so lange getrennt gewesen war, wurde zu diesem Zweck wieder, wie in den fränkischen Grafen, vereinigt. Da die Themen ihre Namen nach den bestehenden Truppenteilen erhielten, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß eben diese auf die Landschaften verteilt wurden und sich in ihnen dauernd niederließen. Statt an der Grenze oder in der Hauptstadt zu stehen und dort den Sold und die Verpflegung, aus dem ganzen Reich aufgebracht, zu erhalten, erhielt jede Landschaft eine gewisse Kriegsmannschaft für sich, die auf dem Naturalwege oder durch Ansiedelung[198] verpflegt wurde, und sandte einen Teil davon im Kriegsfall dem Nachbarn zu Hilfe oder zur Feldarmee.

Angesiedelte Krieger sind, sofern es sich nicht um bloße Grenzer handelt, die Träger des Feudalismus, und wir finden auch im oströmischen Reich von dieser Zeit an starke Ansätze dazu, große Grundbesitzerfamilien mit ihren kriegerischen Mannschaften. Wir finden eine Verleihung von Gütern für Kriegsdienste »κτήματα στρατιωτικά«163, und es bilden sich Baronien, kriegsberühmte Familien mit großem Besitz, von denen das Volk in Liedern sang und erzählte; eine solche epische Erzählung, Digenis Akritas, aus dem zehnten Jahrhundert, ist vor nicht langer Zeit wiedergefunden worden.164 Die Herausgeber vergleichen den Helden nicht unpassend mit einem abendländischen Markgrafen.

Auch in der Gesetzgebung finden wir allenthalben die Analogien. Die oströmischen Kaiser kämpften ganz ähnlich wie Karl der Große gegen die Einziehung der freien Bauerngüter durch die Großen, die »δύνατοι«, und ebensowenig wie im fränkischen Reich darf man das auf die eigentliche Masse der Bauern beziehen, die hier wie dort unkriegerische Kolonen sind, sondern auf die ursprünglichen Krieger, die sich allmählich einbürgern und ins Bauerntum übergehen. Schon Justinian hat dagegen Verordnungen erlassen165, und im zehnten Jahrhundert wird ein systematischer Kampf von mehreren Kaisern dagegen geführt. Man schritt zu den radikalsten Mitteln, indem man solche Erwerbungen einfach für ungültig erklärte und nicht einmal den Einwand der Verjährung zuließ.166 Zwei Gesetzes-Novellen erinnern an die Verordnung Kaiser Lamberts (898), daß Arimannen nicht von den Grafen an ihre Leute zu Lehen vergeben werden sollen, indem vorgeschrieben wird, daß der Soldat von niemand als Gutsbauer (ἐν παροίκου λόγῳ) oder zu Privatdiensten gebraucht werden dürfe.167[199]

Eine Reihe von Novellen bestimmten den Wert, den ein Soldatengut haben müsse. Für Reiter und gewisse Divisionen der Flotte sollte er vier Pfund, für die übrige Flotte zwei Pfund Gold sein. Der Kaiser Nicephorus Phokas setzte das Minimum auf vier Pfund fest und verlangte für einen Schwergerüsteten, also einen Ritter im abendländischen Sinne, zwölf Pfund.168 Sind mehrere Erben vorhanden, so stellen sie zusammen nach dem Verhältnis ihres Besitzes einen Mann.

So stark die Analogien zum Occident sind, zur Ausbildung einer durchgeführten Lehns-Hierarchie ist es im Orient doch nicht gekommen. Die Barone sind da, aber es fehlt der eigentliche Ritterstand und es fehlt die Seele der occidentalischen Feudalität, das persönliche Treu-Verhältnis, die germanische Gefolgschaft als alles beherrschende Idee. Am meisten Ähnlichkeit hat die byzantinische Kriegsverfassung zeitweilig mit der normannisch-englischen. Gewisse Elemente des Feudalismus sind verbunden und verschmolzen mit Steuerverfassung und Beamtentum. Das Aufgebot vollzog sich in der Form der Werbung und wir finden wie in England, die Gestellung durch Geldzahlung abgelöst.169 Da aber die brauchbaren binnenländischen Elemente trotz der barbarischen Ansiedelungen und Einwanderungen nicht zahlreich genug waren, oder ihren kriegerischen Charakter zu schnell einbüßten, so griff man immer wieder zur Ergänzung durch auswärtige Söldner. Germanen aller Stämme, Slawen, Petschenegen, Magyaren, Bulgaren und sogar Türken begrüßten sich hier im Lager der byzantinischen Kaiser. Ganz besonders wichtige Dienste taten lange Zeit die Waräger, ursprünglich Schweden und Normannen, die über Rußland an das Schwarze Meer gekommen waren; das Wort bedeutet »Bundesgenossen« (foederati).[200] Allerlei Elemente gingen später unter diesem Namen; nach der Eroberung Englands durch Wilhelm sollen auch viele landflüchtige Angelsachsen darunter gewesen sein.

Ein anschauliches Bild, wie ein Landesaufgebot im zehnten Jahrhundert zuweilen aussah, gewährt uns eine Erzählung bei Johannes Skylitzes.170 Er schildert, wie die Türken immer von neuem in Cilicien einfallen und es plündernd und verwüstend durchziehen. Nicephorus Botoniates, der Dux, sammelt ein Heer, aber Geiz und Nachlässigkeit machten alle Anstrengungen vergeblich. Die Soldaten erhielten nicht die genügende Verpflegung, nahmen, was ihnen gegeben wurde, und gingen wieder nach Hause, so daß die Barbaren von neuem durchs Land ziehen konnten. Darauf kam eine Anzahl junger Leute zu Antiochien zusammen und waren mit jugendlichem Mut bereit, zu fechten, aber kriegsunkundig, ohne Streitrosse, kaum bewaffnet, mager verpflegt, wie sie waren, ging es ihnen schlecht, und ohne Ruhm kamen sie wieder nach Hause.171 Botoniates suchte mit seinen eigenen Gefolgsleuten (ὑπασπιστεῖς) und einigen Söldnern die Barbaren abzuwehren.

Ganz ebenso wird es in einer fränkischen Landschaft zugegangen sein, wenn die Normannen oder Ungarn einfielen, auch etwa als Karl der Dicke zum Entsatz von Paris heranzog und nichts ausrichtete.

Im zehnten und elften Jahrhundert nahm das byzantinische Reich noch einmal einen großen Aufschwung. Die Bulgaren wurden definitiv niedergeworfen. Basil II. († 1025) ließ den Gefangenen, die er gemacht hatte, angeblich 15000, sämtlich die Augen ausstechen und schickte sie so nach Hause, indem er je 100 einen Mann als Führer gab, dem man ein Auge gelassen hatte. Als die jammervollen Gestalten vor ihren Herrn geführt wurden, stürzte er ohnmächtig hin und war nach zwei Tagen tot. Auch Cilicien und Antiochien wurden den Kalifen wieder von den Byzantinern abgenommen und Armenien dem Reiche eingefügt.[201] Von der Adria bis über den Euphrat hinaus erstreckte sich das Reich. Ich denke, der Umschwung hängt damit zusammen, daß die Geldwirtschaft allmählich wieder anfing, aufzukommen. Wir hören wieder viel von Steuerauflagen und Steuereintreibungen172, und Steuern gaben die Möglichkeit, Söldner in Dienst zu nehmen. Während in den Westprovinzen in Europa noch Naturalien geliefert wurden, die nur an Ort und Stelle verbraucht werden konnten, konnten in Asien die Gehälter schon wieder auf die Zentralkasse angewiesen werden.173 Wichtiger als diese doch immer nur leise Wandlung im Innern dürfte die Abwandlung auf der Gegenseite sein. Die Bulgaren hatten allmählich ihre barbarisch-kriegerische Kraft verloren, und ganz ebenso auf der entgegengesetzten Grenze die Araber. Sobald hier eine Wendung eintritt und neue Feinde erscheinen, ist es deshalb mit der byzantinischen Renaissance wieder vorbei, und das Reich erliegt im Osten den neu auftretenden Seldschuken und erwehrt sich im Westen mit Mühe der Normannen.

Es scheint, daß wir über das byzantinische Kriegswesen vorzüglich unterrichtet sind, da wir eine ganze Reihe von ausführlichen systematischen Schriften aus verschiedenen Jahrhunderten über das Heerwesen des griechischen Kaiserreichs besitzen und uns auch viele Krieger und Schlachten von gleichzeitigen Schriftstellern ausführlich erzählt werden. Kaiser Mauritius († 602) und Kaiser Leo VI., der Philosoph († 911), haben uns ausführliche und systematische, Nicephorus Phokas († 960) eine wertvolle Einzelschrift hinterlassen. Aber je mehr man sie studiert, desto zweifelhafter wird, wie viel wir davon anzunehmen haben. Schon in der alten Geschichte haben wir die Beobachtung gemacht, daß die theoretischen und systematischen Schriften, die uns das Altertum hinterlassen hat, schlechterdings nicht mit den Ereignissen, wie sie uns aus den zuverlässigen historischen Quellen entgegentreten, übereinstimmen. Es scheint unglaublich und ist doch Tatsache, daß die Schriftsteller allerhand Theorien, die an die macedonische Phalanx anknüpfen, fort und fort wiederholen, als ob[202] sie von der römischen Legion und ihrer Taktik nie etwas gehört hätten. Aber nicht nur das, sondern auch die Schilderung, die uns Livius von der alten römischen Manipulartaktik gibt, Angaben Sallusts über die Rekrutierung, ein sehr großer Teil der Schilderungen von Gebez haben sich entweder als grobe Mißverständnisse oder gar als reine Phantasiebilder erwiesen. Nicht anders steht es bei den Byzantinern; man erkennt bei näherer Prüfung, daß die einzelnen Bilder bei ihnen unter sich in Widerspruch stehen und daß ein sehr großer Teil von dem, was sie uns vortragen, nicht als Niederschlag der Praxis, sondern als eine jedes Fundaments entbehrende Phantasie und Theorie anzusehen ist, einfache Wiederholung und Ausspinnung jener Theorien der Alexandriner, die die macedonische Phalanx einst systematisierten.

Wilhelm Ludwig von Nassau im 16. und Montecuccoli im 17. Jahrhundert haben die Taktik des Kaisers Leo viel benutzt, und der Fürst von Ligne im 18. hat sie mit den Vorschriften Friedrichs des Großen an seine Generäle zusammengestellt und beide über Cäsar stellen wollen, da dieser nur Beispiele gebe, jene beiden aber Vorschriften.174 Das Lob ist, was Kaiser Leo betrifft, völlig unverdient, wie wir gesehen haben, und ebenso zu erklären, wie der Ruhm des Vegez, der ja auch nur ein ganz dürftiger Geist war.

Auch die byzantinischen historischen Kriegs- und Schlacht-Erzählungen, etwa von Bryennios und Anna Komnena, sind im höchsten Grade phantastisch und unzuverlässig, soviel aber geht aus der Vergleichung und gegenseitigen Kontrollierung dieser Quellen mit Sicherheit hervor, daß eine disziplinierte Infanterie, wie die römischen Legionen, im griechischen Kaiserreich so wenig existierte, wie im Abendlande. Der Kern der Heere besteht hier wie dort aus nicht sehr zahlreichen Scharen schwer gewappneter Reiter. Das Zeugnis, an dem, ich möchte sagen, wie an einem Normalmaß alle anderen zu messen sind, ist ein Ausspruch des Nicephorus Phokas, der da lautet: »Der Feldherr, der fünf- oder sechstausend unserer schweren Reiter hat und die Hilfe Gottes, braucht nichts weiter.« Hiermit stimmen die historischen[203] Zeugnisse, sobald man das ungenügend Beglaubigte mit kritischer Strenge ausscheidet, überein. Auch Nicephorus Bryennius, als er die Bildung des Corps der Unsterblichen (τῆς τῶν ἀθανάτων καλουμένων φάλαγγος) unter Kaiser Michael III. (1071-1078) beschreibt175, rechnet als die Elemente ihrer Ausbildung, daß sie die Waffen führen und reiten könnten.

Der Hauptunterschied der orientalischen Heere von den occidentalen besteht zunächst darin, daß hier die fremden barbarischen Söldner eine viel größere Rolle spielen, als bei den Abendländern, die ihre Kriege selber führen, und ferner darin, daß die berittenen Bogenschützen neben den schweren Reitern einen großen Teil des Heeres ausmachen. Nach der Niederlage von Manzikert gegen die Seldschucken (1071) treten die eingeborenen Krieger sehr zurück und das Reich scheint sich so gut wie ausschließlich auf fremde Söldner verlassen zu haben. Als diese Söldner versagten, fiel Constantinopel (1204) in die Hände der Kreuzfahrer. Nach der Wiederherstellung des griechischen Reiches wurde auch das alte Kriegssystem wieder aufgenommen.

Im Grunde ist es also die Kriegsverfassung, zu der man im römischen Reich im dritten Jahrhundert kam und die wir unter Justinian in dem Ostgothenkriege kennen gelernt haben, mit der sich das griechische Kaisertum noch über ein Jahrtausend lang behauptet hat. Trotz innerer Zerrissenheit und kirchlicher Kämpfe, trotz unausgesetzter Militärrevolutionen, Palastrevolutionen und Usurpationen, trotz der gefährlichsten Feinde ringsum, der Bulgaren (Hunnen) auf der Balkanhalbinsel selbst und der Muhammedaner von Asien her, die schon 654 zum erstenmal Constantinopel belagerten, hat sich das Reich nicht nur behauptet, sondern mehrfach auch noch große Triumphe erfochten und seine Grenzen im Osten zeitweilig wieder so weit, wie zu Zeiten des alten römischen Kaisertums, bis an den Tigris ausgedehnt.

Die Frage liegt nahe, weshalb der Westen, der lateinische Teil des alten Imperiums, sich der Barbaren nicht zu erwehren vermochte und endlich unter ihre Herrschaft geraten ist, der Orient[204] aber, der griechische Teil, eine soviel stärkere Lebenskraft und Zähigkeit bewährte. Daß das Griechentum seiner Anlage nach politisch oder militärisch dem Römertum überlegen gewesen sei, ist ausgeschlossen. Unzweifelhaft haben die großen Adelsfamilien in Byzanz immer neue ausgezeichnete und gewaltige Krieger hervorgebracht, die an der Spitze, sei es der Lehnsaufgebote, sei es der barbarischen Söldner, Heldentaten verrichteten. Diese Familien werden zum Teil selber barbarischer Herkunft gewesen sein und sich in Byzanz erst gräzisiert haben, wie ja überhaupt das Griechentum schon von Alexanders Zeiten an mehr und mehr zu einer griechisch sprechenden und denkenden Mischrasse geworden ist. Aber das war ja im Occident, im Lateinertum, in vielleicht noch höherem Grade der Fall, und der Unterschied zwischen Orient und Occident kann also hierin nicht liegen.

Ich denke, der Hauptgrund für die Langlebigkeit des auf den griechischen Boden verpflanzten römischen Teil-Imperiums ist der geographische: es ist die unvergleichliche militärische Lage Konstantinopels. Rom, eine Landstadt an einem mittleren Strom konnte sich gegen einen energischen, einigermaßen überlegenen Angriff nicht behaupten; die Kaiser verließen es ja zeitweilig, um ihren Sitz in dem sicheren Ravenna aufzuschlagen, Konstantinopel aber, an dem gewaltigen Strom eines Meeresarmes, auf drei Seiten von Wasser umgeben, war fast uneinnehmbar, auch für eine sehr große Überlegenheit. Zufuhr und Zuzug, entweder von der einen oder von der anderen Seite, konnten die Gegner ihm kaum absperren. Wenn Rom die Welthauptstadt geworden ist, so hat es diese Stellung nicht erreicht vermöge seiner wirtschaftlichen Vorzüge, die nur mäßig sind, sondern durch Politik und Krieg; seine natürlichen Hilfsquellen versagten also, als es nicht mehr Hauptstadt war und die Tribute der Völker in sich sammelte. Konstantinopel, wo die großen Land- und Wasserstraßen des Welthandels sich kreuzen, war nicht bloß Hauptstadt, sondern hatte auch die größten natürlichen Hilfsquellen in sich selber, die seiner Verteidigungsfähigkeit zugute kamen. Im Jahre 616 unter dem Kaiser Heraklius haben es die Perser, im Jahre 626 die Avaren, in den Jahren 654, 667, 717, 739 die Araber, 764 die Bulgaren, 780, 798 wieder die Araber, 811, 820 die[205] Slawen, 866 die Russen, 914 die Bulgaren vergeblich berannt.176

Wäre Konstantinopel einmal den verschiedentlichen Barbarenvölkern oder schon ums Jahr 700 den Moslem erlegen, wie einst Rom den Gothen und Vandalen, so wäre es auch mit dem oströmischen Reich zu Ende gewesen, wie mit dem weströmischen; indem aber die Hauptstadt sich gegen alle Angriffe hielt, wurde von hier aus auch das Reich immer wieder hergestellt, und in Zeiten, wo bei den Gegnern Schwäche eintrat, sogar wieder zu Sieg und Eroberung vorgeführt. Die byzantinische Geschichte ist wohl das wunderbarste Wechselspiel von Schwäche und Erfolg, das die Weltgeschichte kennt; immer wieder fahren die Einfälle und Raubzüge der benachbarten Barbaren durch das ganze Reich, bis in die Nähe der Hauptstadt selbst; vom Norden, von jenseits der Donau, aus dem Osten von Arabien und vom Euphrat her durch ganz Klein-Asien hindurch; über See von Piraten aller Art. Ein großer Teil der Einwohnerschaft ist in diesen Kriegen vernichtet und ausgerottet worden, und Barbaren sind an ihre Stelle getreten, die Bulgaren und Slawen haben sich damals auf der Balkenhalbinsel festgesetzt und bis in den Peloponnes ihre Dörfer gegründet, das Reich aber bestand dennoch weiter und zog schließlich sogar diese Einwanderer in seinen Körper und seinen Organismus hinein, indem Konstantinopel sich behauptete und das alte Staatswesen, den alten Staatsgedanken erhielt und fortpflanzte.

Im Widerspruch mit dieser Auffassung steht, daß Konstantinopel im Jahre 1204 tatsächlich den Kreuzfahrern erlegen ist und trotzdem das Reich sich erhalten und nach einem halben Jahrhundert von der Provinz aus die Hauptstadt zurückerobert und dadurch das Reich im alten Sinne wieder hergestellt worden ist. Diese Episode ist jedoch nach beiden Seiten als Ausnahme ganz wohl erklärlich. Konstantinopel war im Jahre 1204 so gut wie unverteidigt; in sich gespalten, abwechselnd beherrscht von Usurpatoren, die sich gegenseitig stürzten und nicht imstande waren, aus den Provinzen Hilfskräfte heranzuziehen. Die Kreuzfahrer aber, an sich ein starkes Heer, waren verbündet mit der Flotte[206] der Venetianer, die die Stadt auch von der Seeseite einschloß. So fiel sie diesmal trotz aller natürlichen Stärke.

Daß die Provinzen dann noch den Widerstand fortsetzten und die Feinde schließlich wieder vertrieben, ist nicht die Tat eines stärkeren griechischen Nationalgeistes oder kriegerischer Tugend, sondern teils kirchlich, teils aus der Natur des Kreuzheeres zu erklären. Wären die erobernden Franken noch heidnische Barbaren gewesen, so wären sie vielleicht Herren von Konstantinopel geblieben: die Griechen hätten sich, wie die Occidentalen, in diese Herrschaft gefunden, indem sie gleichzeitig die Eroberer in ihre Kultur und ihre Kirche hineinzogen. Die Kreuzfahrer aber legten den Griechen nicht bloß das Joch ihres Schwertes auf, sondern auch das der römischen Kirche, die im Geiste Gregors VII. geleitet wurde. Die Griechen hätten sich völlig umdenken müssen, wenn sie sich dieser Kirche unterwarfen. Aus dieser kirchlichen Opposition schöpfen sie ihre zähe Widerstandskraft, der die Franken um so weniger gewachsen sind, als sie selber bei weitem nicht die innere Kraft haben, wie ein germanischen Heer in der Völkerwanderung. Zwar bei der ersten Ankunft, im Verein mit den Venetianern, hatten die Kreuzfahrer eine sehr bedeutende Macht repräsentiert. Aber als sie nun nach dem Siege einen Grafen von Flandern als Herrscher einsetzten, verfügte dieser nur über einen geringen Bruchteil jener Macht. Weder die Venetianer, die anderthalb Viertel des eroberten Reiches beanspruchten, gehorchten ihm, noch die großen Lehnsträger, denen Landschaften überwiesen wurden. Chlodwig und seine Nachkommen hatten die Franken mit ganz anderer Autorität regiert als die lateinischen Kaiser in Konstantinopel ihre Ritter. So geschah es, daß diese westlichen Eroberer, obgleich bereits im Besitz der Hauptstadt, doch schließlich aus dem griechischen Reiche wieder weichen mußten.


Ein besonders lehrreiches Kapitel in OMANS History of the art of war ist dasjenige über das byzantinische Kriegswesen, dem auch ich manches verdanke. Trotzdem bin ich in entscheidenden Punkten zu ganz anderen Ergebnissen gekommen.

Oman hat richtig erkannt, daß das byzantinisch- mittelalterliche Kriegswesen, ganz wie im Okzident, auf den schweren Reitern beruht[207] (unter Zufügung der berittenen Bogner). Trotzdem akzeptiert er die Angaben, namentlich in Leos Taktik, über die Infanterie, wie es auch JÄHNS, Gesch. d. Kriegsw. I, 163 getan hat. Es kann aber gar keinem Zweifel unterliegen, daß diese Infanterie nicht existiert hat und die Regeln für ihr Verhalten nichts als das theoretische Erbe aus der antiken Literatur sind. Denn hätten die Byzantiner wirklich eine Infanterie, wie einst Alexander oder die Römer, gehabt, so müßte sie bei den Schlachten auch bemerkbar werden, und nicht bloß bemerkbar, sondern entscheidend hätte sie sein müssen. Oman selber aber hat ganz richtig beobachtet, daß die Schlachten so gut wie ausschließlich von den Reitern geschlagen werden; die Infanterie wird zu Besatzungen, Überfällen, Sperren von Pässen und dergleichen benutzt. Mit Recht ist es auch Jähns, S. 163, auffällig erschienen, daß Leo die Stärke der Banden, Merien und Turmen bei der Infanterie ganz ebenso groß annimmt, wie die Banden, Merien und Turmen der Kavallerie, und Oman, S. 188, notiert, daß uns Leo über Bewaffnung und Organisation der Infanterie bei weitem nicht so genau unterrichtet, wie über die Kavallerie. Beide Erscheinungen sind Symptome davon, daß wir es nicht mit wirklicher Praxis zu tun haben.

Hiermit hängen die Zahlenangaben zusammen.

Oman gibt S. 182 an, daß der Strategos, der an der Spitze jedes Thema stand, etwa 8000, 10000 oder 12000 Mann zur Verfügung gehabt habe, wovon 4000 bis 6000 Mann erlesener Kavallerie für die Feldarmee hätten mobil gemacht werden können. Das hätte, da Kleinasien im zehnten Jahrhundert 17, Europa 11 Themen hatte, ganz gewaltige Heere gegeben; Oman, S. 221, meint, Kleinasien allein habe ein stehendes Heer von wenigstens 120000 Mann gehabt. Die Rechnung beruht auf der Kombination der beiden Noitzen Leos, daß jeder Strategos zwei oder drei Turmarchen unter sich hatte (cap. IV § 45), und daß jedes Thema 4000 Reiter zur Feldarmee habe stellen können cap. XVIII § 149; 153). Der Schluß ist rechnerisch richtig, aber methodisch unzulässig, weil Leo ein viel zu sehr theoretisierender Schriftsteller ist, um von der Aufstellung eines solchen Schemas bei ihm direkt die Wirklichkeit folgern zu dürfen. Es wird gut sein, sich diese seine Art des Theoretisierens an einigen Beispielen klar zu machen. Cap. XVII § 89 (und ähnlich bei Mauritius) finden wir einmal eine Berechnung, welchen Raum 300000 Reiter bei 600 Pferden Front und 500 Pferden Tiefe einnehmen würden, was Jähns (S. 155) mit Recht schon mit einem ironischen Ausrufungszeichen versehen hat.

Cap. XIV § 43 ff. rät Leo (Mauritius IV, cap. 3 ähnlich), am Abend vor einer Schlacht hinter der zu nehmenden Stellung des Heeres einen Graben oder Wolfsgruben anzulegen oder Fußangeln zu legen und dazwischen markierte Wege frei zu lassen. Dann soll sich das Heer in[208] versteller Flucht in den markierten Wegen zurückziehen, der Feind aber in die Gräben oder in die Fußangeln geraten.

Cap. XII § 55 rät Leo, daß die Reiter, um auf den Feind von weither Eindruck zu machen, Fähnlein an ihren Lanzen haben sollen; weil die Fähnlein aber im Gefecht allerhand Nachteile bringen, sollen sie, sobald man sich dem Feind auf eine Miglie genähert hat, abgenommen werden.

Dergleichen aller Wirklichkeit widersprechende Spekulationen erregen auch gegen seine Zahlenangabe Verdacht, und Leo selbst widerspricht denn auch jener Berechnung Omans über die Heeresstärke direkt, indem er (Cap. XVIII § 153) die Gesamtzahl, die aus den Themen zusammengebracht werden könne, nur auf über 40000 Mann veranschlagt. Er berechnet cap. IV § 62, daß man weniger Menschen habe, als die Alten, und die Banden (Tagmata), von denen 7-8 auf eine Turma gehen, nicht auf 256 Mann bringen könne, und baut seine Normalschlacht auch nur auf der Annahme von etwa 4000 Reitern auf, die im Notfall, wenn der Feind sehr stark sei, auf das Doppelte oder Dreifache erhöht werden müßten cap. XVIII § 143-150). An anderer Stelle nennt er ein Heer von 5000-12000 σύμμετρον, was man etwa mit »normal« übersetzen dürfte (cap. XII § 32, 33), und nimmt auch den Fall an, daß das Heer noch schwächer sei.

Den abschließenden Beweis, daß die byzantinnischen Heere immer nur eine sehr mäßige Stärke gehabt haben können, ergeben die Heereszahlen bei den Arabern und in den Kreuzzügen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 197-209.
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