Schlacht von Ssiffin.

(26. und 27. Juli 657.)

[224] Nach der Ermordung Othmans, des dritten Kalifen, war Ali, der Gemahl von Muhammeds Tochter Fatime, zum Kalifen berufen worden. Er war der Kandidat der Frommen und der Repräsentant des Erbrechts – aber weshalb sollte der Nachfolger des Propheten gerade aus seiner Familie hervorgehen? Allah konnte sich doch auch einen andern zum Werkzeug wählen. Gegen Ali erhob sich Moawija, der Omajjade, der Befehlshaber der Truppen in Syrien und Repräsentant des kriegerisch-wilden Beduinenelements. Es schien nichts übrig zu bleiben als die Entscheidung durch die Waffen; Ali stützte sich hauptsächlich auf die im Irak, dem Euphrat- und Tigrislande angesiedelten Eroberer; seine Hauptstadt war die Militär-Kolonie Kufa. Moawija residierte in Damaskus. In der Landschaft Ssiffin am Euphrat tragen sie auf einander und stellten sich derart auf, daß immer Stammverwandte gegen Stammverwandte kämpfen: die Asd von Bassora gegen die Asd von Syrien, die Chath'am von Kufa gegen die Chath'am von Syrien. Ali selbst, umgeben von den Medinern, die ihm zugezogen waren, befehligte das Zentrum; die Schlacht wird von AUGUST MÜLLER (S. 321) der Überlieferung gemäß folgendermaßen geschildert: »Die Stärke der beiden Heere war keinesfalls sehr verschieden: den 70000 Reitern Alis standen höchstens 80000 Syrer gegenüber. Auch darin waren sie gleich, daß jedes einer besonderen Elitetruppe sich rühmen konnte: dem Moawija hatte eine ausgewählte Schar feierlich geschworen, zu siegen oder zu sterben, unter den Kufiern aber befand sich eine Anzahl eifriger Frommer, wegen ihres unablässigen Koranstudiums ›die Leser‹ genannt, die auch sonst zusammenzielten und nun hier in drei Haufen sich um Ibn Budeil, Keis Ibn Ssa'ad und den alten Ammar Ibn Jaßir scharten, entschlossene Männer, manche von den Königsmördern darunter, die ihren Abscheu vor Othman nun mit verdoppelter Stärke auf Moawija übertragen hatten. Mit einem kräftigen Stoß auf den linken Flügel der Syrer eröffnete Ihn Budeil den Kampf; es gelang ihm den Habib zurückzudrängen und sich mit seinen ›Lesern‹ einen Weg bis in die Mitte des feindlichen Heeres zu bahnen, ja beinahe das Zelt Moawijas zu erreichen. Da aber traten die Eidgenossen ihnen entgegen und zwangen sie zum Weichen; auch die Mediner welche Ali aus dem Zentrum zu Hilfe schickte, und die überhaupt diesmal sich nicht besonders ausgezeichnet haben, vermochten sich nicht zu behaupten. Inzwischen ging es auf dem linken Flügel der Irakier auch nicht ganz nach Wunsch: dort hatten die Südaraber des Ibn Dhi'l-Kala bedenkliche Fortschritte gemacht, so daß nur die Tapferkeit einiger dort postierten Leute von den Rabi'astämmen noch aushielt. Da griff Ali selbst ein, sammelte die Flüchtigen und stellte die Schlacht wieder her; nach dem rechten Flügel sandte er den Malik mit seinen Reitern, dem es ebenfalls gelang, die beginnende[225] Flucht aufzuhalten und den mit seinen ›Lesern‹ in höchster Gefahr befindlichen Ibn Budeil herauszuhauen. Nun ging es rechts wieder vorwärts, bei dem erneuten Ansturm fiel Ibn Budeil, der ›wie ein Widder‹ vor den Seinigen hergedrängt hatte, aber Mulik übernahm sofort das Kommando und vermochte selbst die Eidgenossen bis an das Zelt Moawijas von neuem zurückzudrängen. Vier Reihen der Tapfern hatte er bereits niedergeworfen: da rief Moawija nach seinem Pferde, und hatte es bereits zur Flucht bestiegen, als ihm ein alter männlicher Spruch, der ihm zufällig einfiel, das Ehrgefühl schärfte, daß er blieb. Amr hatte ihm zugesehen: ›Heute Kriegestanz, morgen Herrscherglanz‹, meinte er ruhig. Die Eidgenossen taten ihre Schuldigkeit. Einmal noch gelang es von der andern Seite her einer Schar von ›Lesern‹ unter Ammar dicht heranzukommen: ›Da bist Du ja, Amr; hast Dein Gewissen für Ägypten verkauft, mag's Dir Verderben bringen!‹ rief der trotz seines hohen Greisenalters wie ein Löwe kämpfende Gefährte des Propheten dem Feinde zu, aber selbst das Opfer seines Lebens vermochte den Sieg nicht zu entscheiden. Immer weiter rangen die beiden Heere, ohne daß ein Ende sich absehen ließ; da rief Ali, der von fern den Moawija erblickte, dem Gegner zu: ›Weshalb lassen wir sich die Leute zwischen uns töten? Her mit Dir, ich lade Dich vor Gottes Urteil! Wer von uns den andern tötet, behält die Herrschaft!‹ Amr redete dem Moawija zu, die Herausforderung anzunehmen, der aber bedankte sich: ›Du weißt doch‹, sagte er, ›daß noch keiner sich ihm gestellt hat, den er nicht getötet hätte‹; und als Amr meinte, es sei doch nicht recht anständig, sich zu drücken, fuhr er ihn ärgerlich an: ›Du hast wohl Lust, an meiner Stelle zu herrschen?‹ In der Tat war Alis Tapferkeit und Waffenführung allzu bekannt, als daß sich Moawija von solchem Gange viel Gutes hätte versprechen dürfen; so kann man es ihm kaum verargen, wenn er den ungleichen Zweikampf mied. Selbst die Nacht trennte jetzt die Streiter nicht: ununterbrochen wurde bis zum Morgen an verschiedenen Stellen des Feldes weitergekämpft – die zweite Nacht des Getöses, welche die Sieger von Kadesia zu erleben hatten. Endlich am Morgen des dritten Tages (10. Ssafar = 28. Jan. 657), schien die Entscheidung zu nahen. Malik, dem inzwischen der Oberbefehl über den rechten Flügel bestätigt war, faßte alles, was er von Reitern unter der Hand hatte, zu einem letzten großen Angriff zusammen: er warf die ihm gegenüberstehenden Syrer weit, bis auf ihr Lager zurück: Ali im Zentrum, das siegreiche Vorschreiten seines Leutnants wahrnehmend, drängte mit seinem Fußvolk gegen Moawija an, und dieser geriet in die höchste Gefahr, nach der Zersprengung seines linken Flügels von zwei Seiten umfaßt zu werden. Aber ›Krieg ist ein Betrugsspiel‹, hatte schon der Prophet gesagt. Vielleicht war bereits früher für diesen Fall eine der unwürdigsten Komödien der ganzen Weltgeschichte vorbereitet worden, die erdacht zu haben wieder Amrs Verdienst ist: so viele Korane, als sich gerade auftreiben[226] ließen, wurden an den Lanzen in die Höhe gehalten und den Irakiern entgegengerufen, hier im Buche Gottes sei der Ausgleich für den Zwist unter den Gläubigen zu suchen, nicht in gegenseitiger Ausrottung; man solle den Kampf abbrechen und ein Schiedsgericht einsetzen, welches die Ansprüche Alis und Moawijas nach dem Worte des Höchsten prüfen und alles schlichten werde. So lächerlich ein solcher Vorschlag gerade im Augenblicke des bereits entschiedenen Sieges im Grunde war, so nahe der Einwand lag, weshalb er denn nicht vor all dem Blutvergießen gemacht worden sei, verfehlte er doch seine Wirkung nicht. Das Ansehen, in welchem die heilige Schrift bei den wirklich frommen Muslimen stand, war ein so gewaltiges, daß auf solche der Gedanke, aus dieser untrüglichen Quelle die Entscheidung zu schöpfen, unter allen Umständen Eindruck machen mußte: hier kam nun dazu, daß die Leser nicht bloß fromme, sondern auch von dem alten arabischen Unabhängigkeitsgefühl durchdrungene Leute waren, deren demokratischem Sinne der Gedanke, die besten Kenner der Offenbarung als Vertreter der Gemeinde über das Chalifat selbst entscheiden zu sehen, etwas äußerst Ansprechendes haben mußte. So hielten diese Leute denn im Kampfe ein; ihrem Beispiele aber folgten eine ganze Menge von andern, deren Beweggründe ganz verschiedener Art gewesen sein müssen: Verräter, die während des Waffenstillstandes den Einflüsterungen von Moawijas Boten Gehör geschenkt, vielleicht geradezu die Rolle übernommen hatten, welche zu spielen sie jetzt sich nicht schämten. An ihrer Spitze stand niemand anders, als El-Asch'ath Ibn Keis der Kindite, der Verräter seines eigenen Volkes. Er hatte den Frommen Medinas niemals vergeben, daß er von ihnen seines südarabischen Königtums entkleidet worden war: nun ergriff er die Gelegenheit, ihnen den Sieg stehlen zu helfen und sich an später Rache zu letzen. Er machte den Sprecher und drang in Ali, schleunigst den Aschtar, der auf der andern Seite weiter kämpfte, zurückzuberufen, ihn selbst aber zu Moawija zu schicken, damit ein Vertrag über das Schiedsgericht zustande käme. Vergeblich hatte der Chalife vom ersten Augenblicke an den ›Lesern‹ vorgehalten, daß man Leute wie Moawija, Amr, Ibn Abi Ssarch und ihre Genossen doch als Feinde des Glaubens und des Korans selbst genugsam kenne, um ihren Vorschlag als reinen Trug zu durchschauen: die blinden Fanatiker und das verräterische Gesindel drängten sich immer drohender um ihn, schon wurden Rufe laut, man werde ihm das Schicksal Othmans bereiten, wenn er länger zögere – so mußte er sich entschließen, den Boten an Malik abzusenden. Der kühne Reiterführer war außer sich und wollte den Gehorsam weigern; erst als auch ihm gedroht wurde, man werden den Ali töten, wenn er die Schlacht nicht abbreche, gab er schweren Herzens nach. Als er der ›Leser‹ ansichtig wurde, fuhr er sie ob ihrer Torheit hart an: der Sieg sei zudem bereits errungen, sie sollten ihn nur auf einen Augenblick zu seinen Truppen zurückkehren lassen, so sei das Verderben[227] der Gottlosen, die nie etwas nach dem Koran gefragt, vollendet. Vergebens; von den Verrätern in ihrem frommen Eigensinn bestärkt, verharrten sie bei ihrem Verlangen, und Ali, durch die Scharen der Unbotmäßigen von seinen persönlichen Anhängern getrennt, bei aller seiner vielbewährten Unerschrockenheit in der Schlacht doch vor der Drohung des Mordes zurückschreckend, eines kräftigen Entschlusses hier wie leider immer unfähig, ließ sich dazu bringen, den Asch'ath zu den Syrern abzusenden – das heißt, sich und seine Sache verloren zu geben.«

Diese Darstellung der Schlacht und ihres Abbruchs, welche Wendung schließlich mit dem Untergang Alis endigte, ist, soweit ich sehe, von der neueren Kritik bisher nur in dem Punkt beanstandet worden, daß man nicht an die Improvisation der Demonstration mit den Korans hat glauben, sondern einen wohlvorbereiteten Verrat dahinter hat vermuten wollen. Hiergegen hat sich WELLHAUSEN in seiner Abhandlung »über die religiös-politischen Oppositionsparteien im alten Islam« gewandt und dargelegt, daß die Geschichte doch nicht so ganz unglaublich sei. Unter den frommen Anhängern Alis waren aus guten Gründen Zweifel entstanden, ob das Recht wirklich auf seiner Seite, ob er der wahre Kalif sei. In beiden Heeren hatte man eine Empfindung davon, wie wahnwitzig es sei, daß sich die Gläubigen unter einander vernichten wollten – man könnte daran erinnern, wie sehr sich später die Franken unter Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen gescheut haben, es zum wirklichen Blutvergießen untereinander kommen zu lassen. Wellhausen kommt also zu dem Schluß, daß als das syrische Heer den Koran, an die Lanze gebunden, wie eine Standarte vorantrug, dieser Appell an das beiden Parteien gemeinsam Heilige sehr wohl in dem Heere Alis der schon vorher recht lebendigen Empfindung, daß auch drüben Anhänger des Propheten seien, die Oberhand geben und Ali den Waffenstillstand aufzwingen konnte.

Die Beweisführung Wellhausens scheint mir auch im einzelnen völlig überzeugend; sie bedarf aber noch einer Ergänzung nach der militärischen Seite hin. Diejenigen, die die Überlieferung nicht so gutgläubig haben annehmen wollen, sind doch insofern im Recht, als es ganz unmöglich erscheint, mitten in einer Schlacht dadurch, daß eine Anzahl von Leuten Bücher an ihre Lanzen binden, eine solche Wirkung auszuüben, es sei denn, daß die Sache vorher verabredet und die Demonstration nur das Signal für die Ausführung ist. Am allerwenigsten ist das möglich, wenn man so kolossale Heere annimmt, wie Müller. 70-80000 Mann auf jeder Seite, zum sehr großen Teil Reiter, nehmen ja schon (einmal angenommen, daß solche Zahlen überhaupt möglich wären) einen so großen Raum ein und machen ein so ungeheures Getöse, daß irgendeine Verständigung mitten im Kampf nicht mehr möglich ist. Selbst viel kleinere Heere aber – nehmen wir an, auf jeder Seite 10-12000[228] Mann – können, einmal losgelassen, nicht mehr regiert, gezügelt und zurückgeholt werden. Das ist vollständig ausgeschlossen.

Sehen wir nun die Erzählung von der Schlacht näher an, so erkennen wir bald, daß sie einen durchaus legendarischen Charakter hat. Ich glaube kein Wort davon.

Nun sollen die Heere nicht etwa, sobald sie Fühlung miteinander gewonnen hatten, zum Kampf geschritten sein, sondern schon volle zwei Monate einander unter Manövrieren und Scharmützeln sich gegenübergelegen haben. Das zeigt zunächst, daß die Heere nicht so sehr groß waren, da man sie sonst nicht so lange an einer Stelle hätte ernähren können; man wird aber noch den Schritt weiter tun müssen und die ganze Schlacht als eine vollständig fingierte Ausgestaltung und Ausschmückung streichen. Schon bei ihrem Anmarsch werden die Heere von der Empfindung, die gegenseitige Vernichtung womöglich zu vermeiden, erfüllt gewesen sein, und man hat es deshalb zu der großen Schlacht gar nicht kommen lassen: hätte sie stattgefunden, so hätte sie unmöglich in der geschilderten Weise abgebrochen werden können. Es gibt mehr Beispiele in der Weltgeschichte, daß kleine Gefechte zu gewaltigen Schlachten von der Tradition aufgebauscht worden sind.

Mit dieser Korrektur, und erst mit dieser Korrektur, ist die WELLHAUSENsche Auffassung von den Islamitischen Parteien und dem Untergang Alis durchführbar, dann aber auch vollkommen ein leuchtend: nicht mitten in einer Schlacht, sondern bei den Demonstrationen, in denen die Heere sich einander zeigten, banden die Gefolgsleute Moawijas Koran-Exemplare an ihre Lanzen als Symbole, daß auch sie Rechtgläubige seien. Das wurde drüben verstanden, abends an den Zelten besprochen und gab den Anhängern einer friedlichen Vermittlung die Oberhand, ohne daß ein direkter Verrat im Spiel zu sein braucht.[229]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 224-230.
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